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schlang die Hände über den fi'nteen.
„Wir müssen mit der Dampfbahn zurück," sagte Trante.
Eberstedt nickte. „Das können wir. In zwanzig Minuten sind wir am Jägerhäuschen. Da hält unser Luxuszug."
„Radeln Sie. Ihr Rad geht schneller als die Dampfbahn. Ich finde allein meinen Weg."
Sie setzte sich zu ihm. „Pfui," sagte er. „Das ist Nicht hübsch von Ihnen, daß Sie mich verstoßen wollen. Darf ich nicht bei Ihnen bleiben?"
„Wenn es Ihnen Spaß niacht," erwiderte sie. lachend.
„Spaß ist ein falscher Ausdruck. Es liegt ein Zauber
e3 mir nicht. Ich bin eine, viel einfachere Natur, als' Sie schätzen, und wenn Sie mir etwas'Schönes nachsagen wollen, könnte es höchstens das Lob eines gewissen gesunden Mensch eiw erstand es sein — oder meinetwegen auch das eures gewissen Mutterwitzes. Und den habe ich allerdrngs erst erlernt: in langer: und nicht immer angenehmen Konflrtten zwischen träumerischer Hoffnung und recht schaler Wrrt- lichkeit." r ., .
„Konflikte sind immer gut," warf Eberstedt lebhaft ein, „sie läutern an unserm Wesenhaften und lösen uns von den Eindrücken der Umgebung. Leben ist Kämpfen, sagt Seneca. Es kann übrigens auch ein anderer gewesen sein.
„Wer's auch gewesen ist: er hat recht. .Aber er meinte den großen Kampf, nicht den kleinen."
„Welchen kleinen?" .
„Den alltäglichen, den um Nichtigkeiten Und Flüchtigkeiten, deii zermürbenden." ,
Eberstedt schaute auf. „Das klingt fast, tote das Geständnis eines Pessimisten, Fräulein Trante. Unb pessimistisch veranlagt dünken Sie mich gar nicht. Wan braucht nur in ihre Augen zu schauen."
„Bin ich auch nicht. Gott sei Dan kiiicht. Aber--
Das „aber" kam nur halb heraus. Es gab einen Knall uüd einen Puff, und dann merkte Traute, daß ihr altes
Rad gänzlich versagte.
„O du mein!" rief sie. „Nun ist die letzte Herrlichkeit dahin. Jetzt ist ~ber Gummi geplatzt, und mit der Luft entweicht auch der Mut."
Sie sprang ab. Auch Eberstedt stoppte und wär rasch vom Stahlroß. Er untersuchte die Pneumatik.
„Nichts mehr zu wollen. Gnädigste. Jeder Pumpver- such würde fehlschlagen. Was machen wir nun?"
Er setzte sich in das Gras an den Wegrand und verschlang die Hände über den Knieen.
in Ihrer Gegenwart —"
„Ach," warf sie ein, „nur keine Süßigkeiten!"
Sie streckte sich läugsnach im Grase aus. Die Rispen standen noch nicht hoch, aber die ersten wilden Blumen begannen zu blühen: gelber Sumpsdotter und bläßliche Anemonen. Auch ein weißer Falter taumelte schon durch die Lust, und die Mücken schwirrten.
Der Himmel hatte die Farbe von dunkelbrüniertem! Stahl angenommen. Er war wie mit einer Dunstschicht übergössen, die durchsichtig schien. In diesem Dunst hing die rote Sonnenscheibe strahlenlos.
Die Stille in der Natur war groß; war ähnlich ivie vor einem Gewitter im Hochsommer. Schweigend streckte die Heide sich aus. Ein flaches Gelände, nur nach dem Moore zu von einer welligen Hügelkette durchzogen. Diese Hügel waren fast gleichmäßig hoch und breit, als seien ie von Menschenhand aufgeworfen worden; vielleicht lammten sie auch noch aus der Pfahlbautenzeit. Es waren teBen au der Zahl, und auf dem mittelsten zeichnete sich deutlich die Silhouette eines Mannes ab, der dorr unbeweglich stand.
(Fortsetzung folgt.)
Das Landhaus in Hampshire.
Eine Detektivgcschichte von Conan Doyle.
(Fortsetzung.)
„Jephro," sagte sie, „da steht ein unverschämter Kerl auf der
Straße, der nach Fräulein Hunter heraufschaut."
„Doch nicht etwa ein Bekannter von Ihnen, Fräulein Hunter?" fragte er.
„Nein, ich kenne niemand hier in der Gegend."
„Nein, welche Frechheit! Bitte, wenden Sie sich doch um junb winken Sie ihm zu, er solle fortgeh-eu."
„Es wäre besser, die Sache unbeachtet zu lassen."
„Nein, nein; wir würden ihn sonst immerfort hier herum- Lwaem sehen. .Bitte, drehen Sie sich Mi jinb winken, Sie ihm ah."
„Ich tat es. Und im selben Augenblick ließ, Herr Rucastle das Rouleau herab. Dies war vor einer Woche, und seither! habe ich nicht mehr am Fenster sitzen und das blaue Kleid nicht! mehr auzieheu müssen, habe auch den Mann auf der Straße nicht mehr gesehen." „ _
„Bitte, fahren Sie fort," bemerkte Holmes, „Ihre Erzählung verspricht höchst interessant z'u werden."
„Ich fürchte, sie ist recht unzusammenhängend: cs kann wohl sein, daß die verschiedenen Vorfälle, auf welche ich jetzt zu sprechen komme, sehr ivcnig miteiuaudcr zu tun haben. Gleich am allerersten! Tage führte mich Herr Rucastle an ein kleines Häuschen, das neben dem Eingang zur Küche steht. Beim Hinzutrcten vernahm ich das scharfe Rasseln einer Kette und ein Geräusch, wie wenn teilt großes Tier sich, darin herum bewegte.
„Da schauen Sie hinein," sagte Herr Rucastle und zeigte mir eine Ritze zwischen zwei Planken. „Ist es nicht ein Prachtexemplar?"
„Ich blickte hindurch und begegnete zwei glühenden Äugest NNd einer Gestalt, die sich in unbestimmten Umrissen aus der
Finsternis abhob."
„Haben Sie keine Angst," beruhigte mich mein Begleiter lachend, als er meine Gebärde des Schreckens sah, ,ws ist nur Carlo, der Kettenhund. Er gehört wohl mir, aber in Wirklichkeit ist der alte Toller, mein Bedienter, der einzige, der etwas mit ihm machen darf. Er bekommt nur einmal am Tage zu fresse»/ tot> auch da nicht zuviel, so daß er jederzeit scharf ist wie Gisst Jede Nacht läßt Toller ihn los, und Gott sei dem Eindringling gnädig, der ihm zwischen die Zähne gerät. Setzen Sie um des! Himmels willen nachts niemals unter irgend einem Borwand den Fuß über Ihre Schwelle, wenn Ihnen Ihr Leben lieb isst'
„Diese Warnung war auch sehr am Platze. In der übernächsten Nacht schaute ich zufällig etwa um zwei Uhr morgens! aus meinem Schlafzimmersenster. Es war eine schöne Mondnacht/ und der Rasenplatz vor dem- Hause strahlte fast taghell in Silberglanz. Gebannt von der friedlichen Schönheit dieses Bildes stand ich da, als ich gewahr wurde, daß sich im Schatten der «lutbuchest etwas regte. Als es in den Mondschein heraustrat, sah ich, was es war: ein riesiger Hund, so groß wie ein Kalb, von braungelber Farbe, mit hängenden Backen, schwarzer Schnauze und gewaltigen, weit vorstehenden Knochen. Er schlich langsam übe« den Rasen und verschwand dann wieder auf der anderen Seite in der Dunkelheit. Ich glaube, kein Einbrecher wäre imstande! gewesen, mir einen solchen Todesschrecken einznjagen, wie dieser furchtbare stumme Wächter."
„Und nun habe ich Ihnen noch eine ganz merkwürdige Entdeckung mitzuteilen. Ich hatte mir, wie Sie wissen, in London! mein Haar abschneiden lassen, und verwahrte es, zu einem großen Knäuel zusammengerollt, unten in meinem Koffer. Eines Abends, nachdem das Kind zu Bette war, begann ich zum Zeitvertreib die Einrichtung meines Zimmers zu inustern und meine wenigest Habseligkciteil aufzuräumen. In meinem Zimmer stand eine alte Kommode, deren zwei oberste Schubfächer offen waren, während! ich das unterste verschlossen fand. Nachdem ich die beiden oberen mit meinem Weißzeug angefüllt hatte, war sonst noch gar vieles unterzubringen, und so verdroß es mich natürlich sehr, daß ich die dritte nicht auch zur Verfügung hatte. Ich nahm an, diese sei vielleicht lediglich aus Versehen verschlossen worden, deshalb zog ich meinen Schlüsselbund heraus und probierte sie zu öffnen. Gleich der erste Schlüssel paßte, und so zog ich die Schublade auf. Es war nur ein einziger Gegenstand darinnen, aber was für einer würden Sie gaiiz gewiß niemals erraten. Es war meist
Haarzopf.
„Ich nahm denselbeii heraus, um ihn zu besichtigen. Die Haare hatten ganz genau die eigentümliche Farbe und die Stärke meiner eigenen. Aber dann drängte sich mir wieder die Nnmög- lichkeit der Sache auf. Wie konnten denn meine Haare in diese verschlossene Schublade kommen? Mit zitternden Händen öffnete ich meinen Koffer, räumte ihn aus und zog zu uuterst meinest Zopf hervor. Ich legte die beiden Zöpfe nebeneinander, und ich gebe Ihnen die Versicherung, sie waren vollkommen gleich. War! das nicht merkwürdig? Ich mochte mir den Kopf zerbrechen, wie ich wollte, die Sache blieb mir ein völliges Rätsel. Ich legte! den fremden Zopf wieder in die Schublade, ohne Herrn Rucastle und seiner Frau gegenüber etwas von der Sache zu erwähnen, denn ich fühlte wohl, daß es nicht recht von mir gewesen war, eine Schublade zu öffnen, die sie verschlossen hatten. Ich bin von Natur eine scharfe Beobachterin, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, Herr Holmes, und hatte bald einen ziemlich genauen Plast des ganzen Gebäudes im Kopfe. Ein Flügel desselben schien völlig unbewohnt zu fein. Eine Tür, dem Eingang zur Bchausimg des Tollerschen Ehepaares gegenüber, führte zu diesem Flügel, allein sie war stets verschlossen. Eines Tages jedoch fließ ich auf der, Treppe auf Herrn Rucastle, wie er, seine Schlüssel in der.Hand, aus dieser Tür herauskam, und zwar mit einem so verändertest Ausdruck, daß ich den sonst so behäbigen, gemütlichen Mann kaum wieder erkannte. Seine Wangen waren gerötet, seine Brauen zornig gerunzelt, und in der Erregung traten ihm die Adern ast den Schläfen weit hervor. Er verschloß die Tür und eilte fyintö mir die Treppe herauf, ohne ein Work oder einen Blick an mich zu richten."


