Ausgabe 
13.7.1911
 
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tauschte seine Ansichten aus. Aber eine gewisse Abspannung trat ein. Es lag am Chianti, Wohl auch an der Frühlings- lüft. Die Herren an der Spitze begannen langsamer zu radeln, die laute Unterhaltung schlief allmählich ein. Der bunte Zug verlängerte sich.

An Trautes Rad war irgendetwas nicht in Ordnung. Es war eine alte Maschine, billig gekauft, und stöhnte und ächzte bei jeder Drehung, als füge sie sich nur wider­willig. Traute sprang ärgerlich ab. Sofort war Eberstedt an ihrer Seite.

Was ist los?" fragte er.

Die Pneumatik versagt wieder einmal oder die Kurbel ist kaputt . . . das alte Ding will nicht mehr weiter."

Everstedt untersuchte das Rad.Eine Kuriosität, aber kein Belo," sagte er.Eine reaktionäre Maschine, bei der die Bremse das beste ist. So etwas sah ich noch nie. Cs gehört in ein Museum. Ich bin an einer Fahr- rüdfabrik beteiligt; darf ich Ihnen nicht einen besseren Ersatz schicken?"

Traute dankte.Sehr liebenswürdig aber ich habe eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Klapperkasten. Wenn man ihm gut zuredet, geht er noch immer. Ich habe mir die Abzahlung von meinem schmalen Taschengelde erspart. Daher meine Anhänglichkeit."

Everstedt antwortete nicht. Er pumpte die Pneumatik auf und ölte die Kurbel ein. Dann wischte er sich die Finger an seinem Taschentuch ab.

Wir hätten meinen Boy mitnehmen sollen," sagte er, -der versteht sich besser auf derlei als ich."

Brauchen Sie denn immer Bedienung?

Wenn ich sie haben kann."

Sie sind ein schrecklich verwöhnter Mensch!"

Pardon, daß ich da widerspreche. Ich habe in Chicago Stiesel geputzt und war in Neuyork Ausrufer ftir ein Strohhutgeschäst. Und zwar freiwillig, weil ich meinen Baker ärgern wollte. Sie können sich denken, daß inan in derlei Stellungen nicht über Domestiken verfügt. Aber ich wiederhole: toeiut man die Bequemlichkeit haben kann, soll man sie nicht von sich weisen. Schon deshalb nicht, weil sie eine Ersparnis an der eigenen Kraft bedeutet. So nun ist das Rad wieder zur Fortbewegung möglich. Nur werden wir ein Schneckentempo einschlagen müssen."

Aber, wo sind die anderen?!" rief Ttaute

Die waren schon weit voran. Man hatte auf das Zurückbleiben Trautes und Eberstedts sichtlich nicht, ge­achtet oder nicht achten wollen. Die Radelnden bogen jetzt 'n den Weg nach dem Stadtwald ein, den die Dampfbahn- inie nach Sonderkroog dnrchschnitt. In der Entfernung ah die Gesellschaft wie ein farbiges Band ans, das sich über der Landschaft aufrollte.

Auch Traute und Everstedt hatten wieder ihre Ma­schinen bestiegen. Sie blieben nebeneinander. Traute mußte schwer treten; das alte Rad stöhnte und klagte von neuem.

Ich glaube wirklich, es geht seiner Auflösung! ent­gegen," sagte Traute. gibt Töne von sich, als liege es schon in der Agonie."

Ich bot Ihnen ein neues an. Warum »vollen Sie es nicht nehmen?"

Weil ich mir von Ihnen nichts schenken lassen möchte."

Das klingt sehr unfreundlich."

So ist es aber nicht gemeint. Sie verstehen mich auch schon richtig."

Nein, ich verstehe Sie nicht. Natürlich man pflegt keiner Dame kostbare Präsente zu machen. Aber das Rad stammt aus einer Fabrik, an der ich Anteil besitze. Ich habe es also umsonst"

Na na!"

Oder sagen wir, halb umsonst. Und ich möchte Ihnen so gern eine Freude machen. Auch mir selber. Sie sind «ine famose Fahrerin. Es ist ein ästhetischer Genuß, Sie aus dem Rade sitzen zu sehen. Es sieht wundervoll aus, wie. unter der Kraft Ihrer Bewegungen die Stahldrähte zittern."

Und so weiter. Sie verwechseln sich mit Niels Kruse. Sie sprechen wie ein Maler."

Apropos Mels Kruse. Wie finden Sie ihn?"

Sehr interessant."

r,Das sagt nicht viel. Aber M D .richtig, Kn in­

teressanter Mensch ist er schon. Zuweilen posiert er gern das halt ich dem Künstler zugute. Wollen Sie ihm wirklich zu. dem Irrlicht sitzen?"

Traute nickte.Wenn es die Eltern erlauben, warum nicht?"

Ich wünschte, die Eltern versagten die Erlaubnis. An sich ist gewiß nichts dabei. Ich bin auch der letzte, der prüde denkt. Aber. . ." er starrte einen. Augenblick in das Nachmittagsblau des Himmels. . .ich es ist gar zu dumm, aber ich kam: mir nicht helfen; ich werde in diesem Falle ein gewisses Unbehagen nicht los!"

Traute schaute ihn von der Seite an. Durch seine Stimme klang ein Unterton, der sie fremdartig berührte: etwas mehr und etwas Tieferes als in seinem gewöhn­lichen Geschwätz zu finden war. Es machte sie stutzig und verwirrte sie auch.

Herr Everstedt," sagte sie,seien Sie ehrlich: was ist der Grund zu diesem Unbehagen? Trauen Sie Niels Kruse nicht?"

Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben. Sie hörten: wir sind Duzfreunde. Aber unsere Freundschaft ging gelegentlich in die Brüche. Daran war ich mehr schuld als er. Er ist ein Ehrenmann. Auch ein Ehren­mann kann einmal stolpern, zumal wenn er Künstler ist und Temperament hat."

Everstedt sagte dies letzte sehr hart. Es Mang in seiner rohen Sinnfälligkeit fast verletzend.

Auch Traute berührte es unangenehm. Am liebsten hätte sie geantwortet:Sie schließen von sich auf andere, bester Herr." Aber sie fühlte doch auch, daß er es gut meinte.

Ich fürchte mich nicht," entgegnete sie.Sie nennen Kruse einen Ehrenmann. Das ist eine Selbstverständlich­keit. Aber nicht jeder Ehrenmann braucht anständiges Emp­finden zu besitzen. Ich kenne einen, der zu den Größen unsrer Stadt zählt und an dessen Ehrenhaftigkeit wohl niemand zweifeln dürste und doch möchte ich mit ihin nicht eine Stunde lang allein fein. Anders Kruse. Dem traue ich rückhaltlos gerade so wie Ihnen. Sehen Sie sich um: außer uns weit und breit fein Mensch. Um uns die Heide und die Stille. Niemand sieht uns. Warum überfallen Sie mich nicht? Weil schon der Gedanke absurd ist. Nicht wahr?"

Er neigte zustimmend den Kopf, und dabei streifte aus den Augenwinkeln ein rascher Blick seine Nachbarin; ein Blick wie neulich in dem schönen Empiresalon der Del­brücks: eilt Blick, der wie ein Blitz war.

Weil schon der Gedanke absurd ist," wiederholte er. Ja natürlich. Die Dressur der Erziehung ist der beste Regulator für gewisse wilde Seitensprünge unseres Ge­fühlslebens . . ." Und dann reckte er den Oberkörper und hob den Köpf und, während er fröhlich auflachte, leuch­teten seine hellen Augen . . .Wissen Sie überhaupt, was Sie mich fragten, Miß Traute? Sie fragten:Warum überfallen Sie mich nicht?" Aber ich weite mit Ihnen: Ml, wo ich das wiederhole, fragen Sie mich nicht zum zweiten Male."

Sie begriff, und eine jähe Röte stieg in ihr Gesicht.

Sie sind grausam, Herr Everstedt. Sie spotten noch meiner naiven Dummheit. Nicht jede Eva ist für den Apfel der Erkenntnis empfänglich."

Aber in jeder Eva lebt die Neugierde nach der ver­botenen Frucht."

Sie schreckte ein wenig zusammen.

Wollen wir nicht vom Wetter sprechen? Ich habe das dunkle Gefühl, als verlöre sich unsere Unterhaltung in Schlängelwege, die für junge Mädchen verboten sind."

Das Verbot erstreckt sich nur auf die mit der falschen Moral, auf die Züchtung niederer Arten, die durch die traditionelle Stallfütterung längst ihre Natur eingebüßt haben. Und sehen Die: gerade das entzückt mich so an Ihnen, daß Sie nicht zu beit kleinen HerdeMierchen gehören, die für die Allerweltstafel genudelt wekden, oder um mich! toentger allegorisch, aber verständlicher auszudrücken: daß Sie trotz Schule und höherer Töchtererziehung sich doch! tün eigenes Reich der Begriffe schaffen konnten. Das merkte ich schon neulich, und das sonderte Sie sogleich! von dem 'Schnatterschwarm der Kapitolinischen, die immer nur nach­stiegen, aber nicht imstande sind, sich auch einmal über die andern emporzuschwingen."

Danke, Herr Everstedt. Ich stecke das Lob ein und freue mich, darüber. Aber ich meine doch, so ganz gebührt