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HrA, begann sie so herzlich zu lachen, Hatz ich bald mit ernstnnmen mußte. Dann setzte sie mir den Fall auseiu- ander, führte mit ihrem ruhigen, klaren Verstand alles au' das richtige Maß zurück 1— denn der Zorn vergrößert — Wirb bewies nur, daß das alles so unbedeutend und gleich- tzultlg sei, wie nur je etwas gewesen.
Sie hatte eine Redensart dabei, die immer Wunder wirkte. Wenn gar nichts helfen wollte, wenn ich mich in meinen Merger verbiß, pflegte sie zu sagen:
— Fritz, ob du das wohl übers Jahr noch weißt?
Da ging mir immer etwas auf wie eine Ewiqkeitsh Perspektive. All unser Dun, unser Aerger, unsere Sorge sür dm Augenblick erschien mir so nichtig, so gleichgültig! >,Nebers ^ahr!" Mein Gott, was konnte da alles geschehen sein! Und ich erinnerte mich mancher Menschen, mit denen ich iiil Gegensatz gestanden. Was war von ihnen übrig geblieben? Sobald iinsere Beziehungen, die uns anein- andergebracht, gelöst lvorden — lvas hatten sie noch für Bedeutung? Ein Feind kam mir in den Sinn. Ja, ein Feind. Ein Vorgesetzter, dessen Eitelkeit ich einmal als sunger Offizier tödlich verletzt hatte, ohne es zu Dollen. Er hatte die redlichste Absicht gehabt, mir dienstlich das Genick zu brechen. Es lvar ihm nicht gelungen. Vielleicht mangelte ihm nur die Zeit, denn der Gewaltige regierte Nicht lange. Eines Morgens hatte er den Abschied. Er in fei» Nichts zurück. Gestern noch bedeutete der Mensch möglicherweise für mich Verlassen des Dienstes und ein neues Leben beginnen - heute besaß er nicht mehr die Macht, mich auch nur die .Hand zum Gruß heben zu las,en.
, Als ich das einmal Maria erzählte, begriff sie nicht, wie der Mann gegen inich so rachsüchtig hatte sein können. Mr Herz,^ das intmer nur weich war, für andere schlug, konnte Hag nicht fassen. Ja, ihr Herz war nur dem Wohle, dem Gluck anderer zugewendet. An sich selbst dachte Maria ersts zuletzt, und auch das vergaß sie noch bisweilen. Sie fragte immer nur darnach, was ich wünsche, wie sie mir dienlich und behilflich sein 'könne. Sie räumte in stiller Arbeit alle steine des Anstoßes aus meinem Wege. Sie suchte all meine kleinen Liebhabereien uiid Bequemlich- ketten zu ergründen. Sie erforschte meinen Geschmack, sie .beobachtete nnch, zu wissen, wo mir etwas fehle, lvas mir Mi genehm fei. Sie behorchte mein Herz, ob cs nach irgend Ewas verlange, was ich gewohnt gewesen und nun in der Ehe vielleicht entbehren müsse. Mein Herz, das so ruhig aelvorden, nur noch den einen gleichmäßigen Dakt schlug der da immer klang Ma—ri—a, Ma—ri—a, Ma—ri—a.
Ich sah nur sie, ich dachte nur an sie. Wo ich ging Md stand, fiel sie mir ein. Alles tat ich nur noch mit dein Gedanken: Das wird meine Frau dazu sagen? Wenn ich einen «Entschluß zu fassen hatte, so geschah es mit der Neber- tthung: ldao wird ihr Freude machen, das würde sie so wünschen! Oder ivenn es ging, schob ich die Entscheidung tcVnit lf)r gesprochen hatte. Denn in dem Instinkt «ihrer Liebe traf sie immer das Rechte, das sür Mich, für uns Gute. 1 1
Indem auch ich ihr so eutgegenkam, nichts mehr tun konnte ohne sw auch ich mich sorgte, nur ihr zu leben, zu gefallen, hilfreich zu sein, hoffte ich ein wenig von dein zuruckzuerflacken, was ste mit ihrem ganzen vollen Herzen swVe ^ttlck die ganze Zeit in jenem kleinen Orte. Wir freuten uns, nicht in größeren Verhältnissen zu leben, denn dort hätten wir uns weniger angehören tonnen, wo es mehr Verpflichtungen gab. Auch hier zogen wir un» zuruck, soviel es- wegen der Kameradschaft ging. Drr lebten in unserem stillen Häuschen fast, als ginge uns Knr?an^e äbfettr "N. Wir arbeiteten zusainmen im
Mauer eingefaßt, so daß uns kein fremdes Auge entdecken konnte. Dort gruben und pflanzten und iateten wir, banden Wein und Obstbäume aii die Ge- ^uder, saßen rn der Laube Hand in Hand und sahen dem Wachsen und üppigen Ranken all der bescheidenen und doch heimlichen deutschen Blumen zu, die nicht anders, nicht rcxw'f. gefüllter- fremdartiger bei uns gediehen als im Kärtchen irgend eines Bauern.
... Es nun der Zeitpunkt kam, wo ich Major werden sollte fürchteten war uns fast davor, denn damit mußte, wir
s6r Fvühjahr würde es sein. Im
Winter, als der Fasching zu Ende ging, gab das Offizier-, Mrps noch einen Ball, mir einen kleinen, beim Nachbar
schaft fehlte. Die Verheirateten pflegten dazu ihre Verwandten und Bekannten einzuladen und ließen sie meist bei sich wohnen. Wo das nicht ging, mußten die beiden Gasthofe aushelfen, die sich stolz „Hotel" nannten.
Men sollten wir bitten? Ich dachte an meine Schwiegereltern, doch der Geheimrat hätte nicht äbkommen können, und meine Schwiegermutter machte sich nicht viel aus derartigen Scherzen. Sie schrieb denn auch, sie käme lieber zu einer anderen Zeit. Junge Verwandte, denen wir durch! eine Einladung eine Freude gemacht hätten, besaßen wir beide nicht, und schon sagten wir uns: „Dann laden wir niemand ein," als Maria mit strählendem Gesicht rief:
t— Ich weiß, wen wir bitten können. Nein r— müssen!
— Nun?
'— Herzeloide!
Herzeloide! So lange hatte ich an sie nicht mehr gedacht, daß es mir ganz unerwartet kam. Ich empfand ein Unrecht gegen sie. So ist es aber doch mit den Beziehungen bon uns Menschen! Man geht aneinander vorbei, eilt iveltenferne Bahnen, kommt plötzlich in Erdennähe, wird "ngezogen und zieht an, läuft ein Stück mitsammen, und dann kommen die Zufälle des Lebens, die Wege führen wieder auseinander, man sieht sich) räumlich getrennt, kaum einmal, schreibt wenig, gibt auch das beinahe auf, und man ist fast tot einer für den andern.
Herzeloide schrieb wohl ab und zu, und Maria auE wortete, aber man hätte sich sehen muffen, um einander nahe zu bleiben. So gingen wir doch getrennte Wege.
Maria schrieb ihr also, und tagelang fragten wir uns: ob sie wohl kommt? Ob sie an der Riviera sei wie gewöhnlich, wußten wir nicht, denn ihr letztes Lebenszeichen Warans Freiburg im Beisgau gekommenr, wo sie entfernte Verwandte besaß. War sie im Süden, so war Vie Einladung wohl zwecklos. Wie sollte sie die weite Reise machen zu einem kleinen Danzfeste von wenigen Personen in einem winzigen Provinzneste?
(Fortsetzung folgt.)
Vie internationale Hygiene-Ausstellung Dresden M.
Bon Dr. v a n Tro y.
I.
Wenn die Natur sich um einige Wochen in ihrer Toilette verzögert, beginnen wir sie als unzuverlässig zu schmähen, wir, die wir so wenig an pünktliche Leistung gewöhnt sind. Wer von Uns hat schon seinen Anzug zum bestimmten Termin geliefert erhalten, wer seine Wohnung zur rechten Zeit eingerichtet, wer endlich lemals eine Ausstellung an ihrem Eröffnungstage fertig gesehen? Auch Treuer hat hier die Natur sich vorenthalten, gleich, als ob sie warten wollte, uni mit jungem und frischem Grüst dre große Schau, die- in jahrelanger Arbeit vorbereitet, sich zeigen soll, zu begrüßen. Aber sie ist dennoch etwas zu früh gekommen. Denn noch ist es an den meisten Plätzen wüst. Schwerbcladeue Fuhrwerke ächzen auf ungepflastertcn Wegen, Gräben werden ailsgeschüttet, Rohre in die Erde gewühlt, Pfähle ein» gerammt. So gerät der Mensch, der feine Phantasie vorwärts chweuen lassen muß, um die zukünftigen Wunder schon heute zu lchauen, mehr als einmal in Gefahr, Schaden an Leib und Leben zu nehmen. In di« klare, blaue Luft hinein ragen hie hohen, getönten Dächer der sich lang hinstreckenden AuSstellungs- halleir. Ruhiges Grau deckt die Wände, lebhafter gestaltet durch andeuteud stilisierend« Ornamentik, welche auf die innere Glie-
Keine Jahrmarktspracht, keine ausschweifende Architektenphantafie ist hier zugelasseii, wie man sie aus älteren Ausstellungen bewundern musste, Selbst die exotischen Staaten haben sich glnalich mit dieser sachlichen Einfachheit abzufinden verstanden. Alles ist eingelagert in eine Natur, die sich in vielgestaltigen Formen gibt. Der königliche Große Garten, ein Werk lranzosischcr Gartenkunst, und sein angrenzendes Gelände, mit großen, freien Flächen, weiten Wiesen, sich windenden Alleen, reizvollen Durchblicken und Abschlüssen, eröffnete den Architekten Aufgaben M deren Lösung sie zeigen konnten, wie es heute nM den Städtebau — denn Nichts anderes als eine kleine Stadt T EtM± Ausstellung - bestellt ist. AUs einer Grundfläche von 320 000 Quadratmetern, von denen etwa 60 000 Quadratnieter überbaut sind, erheben sich die Baulichkeiten. Die größeren1 von ihnen liegen frei, kleinere suchen sich ihr Milieu im Schatten v. er BauUie oder inmitten saftiger Wiesen. Hier und dort haben em -•‘uftergut, eut Waldrestaurant, ein Luftbad, eine Liegehalle unb eine Waldschule ihren Platz. Auch das letzte Bedürfnis des -ceuschen nach Komfort, der Waldfriedhof, fehlt hier nicht.
Komfort und Hygiene! Zwei ursprünglich weit auseinaiider- negende begriffe fließen jetzt ineinander über. Komfort, einst . ^^orvecht der Begüterten, soll jetzt als allgemeines Menschest-- recht gesorhert wyMi^ Jejxex Kmisort ist ein Mehr, M Muk-


