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Smuf. Da hat die Häuflein drum gewußt, und da hat auch die Frau Pastorin Melzing brivrtt gewußt, das versuchen Sie mal nicht zu leugnen. Die Specht und die Hänflern sind nun einmal so, daß sie ihre Freude am Bosen hauen, aber sie haben trotz allem noch Charakter, tot'U sie nicht heuchlerisch, gegen Frau von Hilbach waren, aber wenn ich so denke, daß Sie abends seelenruhig! ber uns fitzen und über die Specht und die Häuflein schimpfen und haben doch geholfen, unsere Frau unglücklich zu machen, dann '
Ihre Stimme stockte vor Erregung, ihre Augen blitz- ten, sie hatte ihre kolossale Figur aufgerichtet und stand! wie ein Strafrichter vor der kleinen, zitternden Pastorin.
„Meine Baldriantropfen! Meine Baldriantropfen!" Wimmerte die plötzlich, „ich bekomm meinen Anfall!"
©ie ließ den Brief auf die Erde fallen und rannte aus dem Zimmer; die Kosh lachte gellend hinter ihr her.
„Mütterchen!" schmeichelte Erwin und versuchte seiner Mutter die Hände vom Gesicht zu ziehen. Frau von Hil- Lach sah noch auf der untersten Leitersprosse und weinte; sie iveinte nicht wegen der Sache selbst, denn sie wußte fa nicht, was das zu bedeuten hatte; aber daß man ihr mit Willen ein Leid zufügte, über die Schlechtigkeit der Menschen, die sie umgaben, und ganz besonders über der Pastorin Handlungsweise, darüber mußte sie weinen.
Sie fühlte sich auch wieder so grenzenlos verlassen wie ein Mensch, der ertrinken muß und beni auf seine Hilferufe niemand antwortet. —
In dieser letzten Zeit war sie so ruhig und froh ge- i wesen; der stete Verkehr mit der Kosh, die ihre Gedanken immer wieder aufs Greifbare, Praktische richtete, hatte ihr I hinweggeholfen über viel unnütze Grübeleien, nun aber fühlte sie, daß sie doch allein war; sie fürchtete sich vor sich vor dem, was die Kosh jetzt sagen würde.
Warum auch war das Schicksal so hart und unver- ständig, warum mußte gerade sie berufen sein, einen so harten Kampf mit fauter kleinen, häßlichen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, sie, die so wenig mit den dazu gehörigen Waffen ausgerüstet war!
Und wenn sie es auch wollte, wenn sie sich alle Mühe gab, sie brachte es nicht fertig, das zu werden, was die Kosh „vernünftig" nannte. Kam ihr einer mit Tränen und Bitten, dann ivar es ihr unmöglich ein „Nein" zu sagen, und wenn sie tausendmal wußte, daß der Betreffende im gleichen Falle mit Wonne eine Bitte von ihr abgeschlagen hätte.
„Daß du mich so ganz allein lassen konntest!" dachte sie trostlos und wehrte den kleinen Jungen ab, der ihr tarnt er noch die Hände vom Gesicht ziehen wollte und schließlich selbst weinen mußte, weil seine Mutter sich nicht trösten ließ.
„Da hilft nu alles Reden nicht, Frau von Hilbach!" sagte die Kosh, „lassen Sie mal die Dapeziererei für heute sein un!d gehen Sie gleich zur Bürgermeisterei, damit wir Klarheit kriegen; bis viere ist da offen. Ich würde die paar Streifen mit dem Jungchen fertig aufkleben, aber tn letzter Zeit hab ich wieder mit Rheumatismus zu tun und kann die Arme nicht ausrecken. Es hat auch Zeit, wenn Sie's morgen früh fertig machen. Ziehen Sie sich nett an und waschen Sie sich die Augen aus. Nie jemand merken lassen, daß einem was nah geht, das kann ich Ihnen nicht oft genug sagen, Frau von Hilbach."
Sie begann die umherliegenden Tapetenreste aufzu- heben.
„Nichts wegwerfen von der Tapete, Jungchen!" ermahnte sie den Kleinen, der betrübt an dem Eimer mit dem Mehlkleister stand. „Das kann man all noch mal zum Flicken brauchen. Meine selige Mutter hat auch das Prinzip gehabt, nie was wegzuwerfen, und to ernt’§ ein Lumpen war. Ja, Frau von Hilbach, das geht Sie auch an. „Alles, was du unnötig wegwirsst, wirst du ttoch einmal suchen müssen!" hat sie tarntet gesagt, und das hatte sie von dem Paster, der sie eingesegnet hat. Wer wir wollen nicht erst ins Reden kommen. Hören Sie auf tu weinen, Frau von Hilbach, und machen Sie sich fertig, kommen Sie!" Sie zog ihre Herrin von der Leiter empor und ging mit ihr die Treppen hinunter. „Du kattnst mal inzwischen in den Garten laufen, Erwin, aber nicht zu «ah an die Saale, nur daß Mama Ruhe hat."
Sie half ihrer Frau beim Anziehen und geleitete sie bis an die Brücke.
„Courage!" rief sie ihr nach, aber wie sie allein zurück?
Geschichte des psstwesenr im Grotzherzogtum Hessen.
Von M. Koehler und R. G o l d m a n n.
II. Die Post im 17. Jahrhundert.
Während des Dreißigjährigen Krieges hatte sich das Daxissch's Postwesen des besonderen Kaiserlichen Schutzes zu erfreuen, konnte sich aber trotzdem infolge des verwahrlosten Zustandes der Straßen und der häufigen Raubanfälle nicht weiter entwickeln. Erst nach Beendigung des Krieges (1648) wurde mit dem weiteren Aus- bau des Postwesens begönnern Eine kaiserliche Urkunde vom 2. Septeinber 1649 ordnete an: „das Postwescn int Retche wiederum neu einzurichten und weiter zu extendiren". Diese Ausdehnung stieß jedoch bei einzelnen Reichsständen und Gebietsherren Mr
ging, war ihr selbst Kopf und Herz schwer, und sie mußte sich tat Garten auf eine Bank setzen. .
Das ging über ihren Horizont, daß man Schleching-! feit und Haß so weit treiben konnte, und fie_ sah sich das! graue, lange Haus an, wie man einen Menschen ansieht, der einem großen Kummer macht und von dem man eine Verantwortung erwartet. —
Nach etwa einer Stunde, als sie Frau von Hilbach über die Brücke kommen sah, forderte sie den Kleinen auf: „Jungchen, lauf mal deiner Mutter entgegen!"
Das Kind warf Spateit uttd Schaufel, mit der es gearbeitet hatte, hin und rannte den schmalen Weg entlang. „ . „
„Mütterchen!" rief der Junge, nahm rhre yand und sah fie angstvoll an. Frau von Hilbach ging langsam, fie stützte sich auf ihr Kind. Der Kops tat ihr weh, und jedes einzelne Glied schmerzte sie.
„Nanu?" fragte die Kosh; aber Frau von Hilbach antwortete nichts. Die Alte wollte sie in den Garten ziehen, aber sie deutete auf das Haus, ging durch die Vorder- stübchen, die schon für Fremde her gerichtet waren und fiel in der großen Mittelstube auf einen Sessel.
„Manu?" fragte die Kosh noch einmal itnb nahm ihr Hut und Handschuhe ab. — . .
„Kosh," sagte Frau von Hilbach lerse, „nun geb rch alles auf, wir brauchen gar nicht weiter zu arbeiten, wir können alles liegen lassen, es ist ja doch verloren!"
„I, das wär noch schöner!" sagte dre Kosy. „Gey mal raus, Jungchen, bu .brauchst nicht altes anzuhoren. Nu erzählet: Die mal!" t ,
'Frau von Hilbach sah jns Leere. „Und dazu noch meine eigene Schuld, Kosy!"
„Ihre eigene Schuld? Haben Sie etwa Ihre Schorn- steine gebaut?" _•
Das ist's nicht allein, Kosy!" berichtete Frau von Hilbach. „Das mit d-n Schornsteinen soll erst von Sachverständigen untersucht werden. Ms September müssen wir die Rohre, die nicht gebraucht werden, zustopfen, aber---"
„Nu, was denn, „aber"?" —
„An: ersten Januar, Kosy, als sie uns alle miidrg- ten und ich so .krank war, hab ich einen Brief bekommen, von dem ich Ihnen nichts gesagt habe. Aus Naumburg war der; die zweite Hypothek wurde zum Juli ge- kündrgt!"
Was?"
"Ja, Kosh, ich erinnere piich noch genau, daß ich damals'dachte: bis zum ersten Julr ist noch ein halbes Jahr, und weil wir schon so viel Trauriges an den: Tag hatten, wollte ich Ihnen das erst später sagen, und bann hab rch den Brief vergessen, ganz vergessen, Kosy! Heute nun wmo ich an ber Bürgermeisterei gefragt, was für Hypotheken auf dem Hause stehen, sind da — — —" Sie schluchzte auf. „Da fiel mir auf einmal der »rief wieder ein, und ich sagte es an ber Bürgermeisterei--"
Ja der eine, ich weiß den Namen nicht mehr, meinte, die zweite Hypothek sei zu groß für den Wert unseres Hauses, und ich würde Mühe haben, eine neue zu bekommen weil doch jetzt schon der erste April vorüber ist, Kosy, und wenn wir keine bekommen, wenn wir wegen der Schornsteine bauen müssen, bann behält die Specht doch recht, und sie nehmen uns das Haus."
Sie sagte Pas letzte ganz lers, ganz langsam, so, als ob es unmöglich sei, das auszusprechen; ihr Kops war bis auf die Knie herabgesunken, und ihr ganzer Körpers bebte, weil sie so heftig schluchzen mußte.
(Fortsetzung folgt.)


