639
So vieles, MV gerade das WiiWge lind EntscheiNndL, itt den Lebenstätigkeiten öffnet uns tagtäglich die Augen darüber, daß wir von dem alten 'Dogma frei werden müssen, an das Organische tiur Physik und Chemie als Maßstäbe anlegen &u dürfen. Es ist das genau dasselbe, als wenn unsere biederen Altvorderen im Gelehrtenberufe für die Mannigfaltigkeit der organischen Formen nur das 'Dogma von der Konstanz des Geschaffenen gelten ließen Und sich unter dem Zwange dieses Dogmas weigerten, der Lehre von der Wandlungsfähigkeit des Gewordenen Anerkennung zuteil werden zu lassen. Nicht um ein Tüpfelchen anders weigern sich Unsere gegenwärtigen „Alten", mit jenem Dogma zu brechen und anzuerkennen, daß die Wucht der Tatsachen unweigerlich zu der Neuen Auffassung drängt, zunächst in der organischen, 'dann aber wohl wahrscheinlich in der Welt überhaupt neben dem rein Physi- Mischen und Chemischen (also nach der Terminologie der Gegenwart summa summarum: dem Mechanischen) noch das Psychische (Innerliche,. Empfindung und Trieb) als Sonderqualität und wirksamen Naturfaktor anzuerkennen. Die Tatsachen legen uns dies bis zu den einfachsten Lebewesen hinab mit einer so zwingenden Gewalt nahe, wie es vielleicht noch bei keiner Neuerkenntnis aus wissenschaftlichem Gebiete der Fall war. Aber das Dogma gestattet die Anerkennung nicht. Und eben weil die mächtig sprechenden Tatsachen nicht mehr aus der Welt ;zu schaffen sind, weil selbst die Gegner nolens volens deren immer mehr zutage förderns müssen, greift man auf der dogmatischen Seite zu dem bewährten Mittel der Lächerlichmachung. Man macht die „Psychobiologie"/ die die stufenweise ansteigende Beseelung alles Lebendigen aus den Naturtatsachen herausliest, lächerlich, — so, wie man die tatsächliche Konstatierung der Mcteoritenfalle als bedauerliche Verirrung, die Verfechtung des Entwicklungsgedankens als Zeichen intellektueller Minderwertigkeit gebrandmarkt hatte! Was Hilsts, hier wie'.dort? Nichts. Die Natur verfolgt ihre Wege, außerhalb des Menschen o gut wie in ihm selbst, in seinem Fühlen und Denken. Wir sahen o viele wissenschaftliche und andere Dogmen schon fallen und reuen uns dessen, — warum sollen gerade die heutigen Dogmen o unerschütterlich sein? Wir müssen doch direkt hoffen, daß sie es nicht sein werden, denn das wäre das Ende alles Fortschrittes. Ich glaube aber nicht, daß es als ein Zeichen ungewöhnlicher Zweifelsucht zu gelten hat, wenn man der Ansicht ist, daß wir heute bei weitem noch nicht so weit sind, weitere Erkenntnisfort- fdritte für entbehrlich zu halten! Es scheint aber gar nicht wenig Leute zu geben, die glücklich zu so beneidenswerter Selbstzufrieden- heit gelangt sind. ,
An dieser Stelle hier ist es mir .nur um bte lehrveuys Parallele zu tun. Auch nur die Umrisse der neuen Wissenschaft, ihrer Grundlagen und Methoden zu skizzieren, ist an dieser Stelle unmöglich. Ich möchte nur die Lacher, oder besser gesagt: die „Lächler" aus der Gegenseite warnen. Und ebenso alle diejenigen, welche sich durch dieses Lächeln bestricken lassen: Es ist Unecht, dieses Lächeln, es ist die Maske, unter der sich das Gefühl für eine sicher und unabwendbar heranschreitende Zeit verbirgt. Es war auch beim Lächeln über den Entwicklungsgedanken nicht anders. Die Situation aber, in der sich cheute die Psychobiologie befindet, ist aufs Haar dieselbe, wie seinerzeit .die der Entwicklungslehre, deren unausbleibliche Folgerung sie übrigens ist. Unb so wird wohl auch der weitere Gangcherselbe werden. Die Psycho- biologic ist in die „Schule der Lächerlichkeit" gekommen. Das ist ein Zeichen, daß sie beachtenswert ist.
Es mackst sich M tatsächlich viel Unsinn in der Welt breit. Und gerade 'heute, im Zeichen eines tiefen Unbefriedigtseins durch unzureichende Grundlagen, taucht im Rahmen unechter Wissenschaftlichkeit allerlei auf, das sich jedem geschulten Denker sofort als Totgeburt offenbart. Viel derartiges mag dadurch entstehen, daß der oder jener, dem die nötige wissenschaftliche Selbstkritik fehlt, durch sensationell klingende Bücher raschen und billigen Ruhm, sem Verleger aber entsprechenden Mammon erwerben zu können hofft. Tas Publikum teuft solche Dinge nicht ungern, und darauf richtet sich in unserem heutigen, ganz vom Erwerbszwang geknechteten Zeitalter die Bücherspekulation. Wer auf dem Titel seines Buches die „Lösung" des Lebensproblems ankündigt, oder das „Wesen des Lebens ergründet haben will, der charakterisiert sich selbst als Scharlatan; denn was jahrhundertelange Häufung von Scharfsinn und Beobachtung nicht erzielte, das wird niemals einem Einzelnen und von heute aus morgen gelingen ! Was da m solchen Büchern von Eintagsfliegencharakter an „Tatsachen und „Logik geleistet wird, verdient und erhält auch wirklich nur em Lachen. Aber ein kräftiges, gesundes, echtes Lachen Nicht leneS fatale „Lächeln". Mit diesem gesunden Lachen ist die Mißgeburt auch meistens gründlichst und für immer abgetan, Sie erstirbt tn diesem Lachen des verdienten Todes. Anders ist es aber bei wissenschaftlichen Gedankengängen, die auf Neuland leiten, die «ms Tausenden unbezweifelbaren Tatsachen nicht etwa eine plötzliche, verblüffende Lösung, sondern ganz im Gegenteile erst die Andeutungen zu einem neuen Wege finden, der nicht tm geringsten eine Lösung garantieren soll (wie wäre das überhaupt möglich!), sondern nur ein tieferes, der Wirklichkeit entsprechenderes Verständnis, eine bessere umfassendere Einsicht zu gewahren scheint. Diese „Modernisten" auf wissenschaftlichem Gebiete kollidieren dann ganz genau ebenso mit der dogmatischen Wissenschaft, wie die „anderen" Modernisten mit der dogmatischen Kirche Da aber .erstere keine Macht hat, durch einen „Modermstenech" den Neu
bestrebungen Halt zu geliefert, das stumme Ignorieren aber Stft gesichts der Wucht der Tatsachen undurchführbar ist, so greift sie zu dem anderen Mittel der Lächerlichmachung. Begreift aber dabei nicht, daß auch sie sich damit ihr eigenes Fundament untere gräbt, nämlich die Freiheit der Forschung und Lehre! Denn jenes, von vielen so gefürchtete Lächeln soll ja abschrecken von der Verfolgung einer der dogmatischen Wissenschaft ungelegen kommenden neuen Gedanken- und Forschnngsrichtnng, die der Menschheit vielleicht sungeahnte Quellen für eine fortgeschrittene innerliche Kultur zu eröffnen vermag!
Ich hoffe, man .versteht, was ich mit diesen Zeilen zu Gemüts führen will: Auch die Aeußerungen der menschlichen Psychs haben ihre Gesetze. So wenig es gelingt, den am überlebten und überwundenen Alten aus Gewohnheit, Eitelkeit oder auch Kurzsichtigkeit Hängenden für das ihm unsympathische, ja oft verhaßte! Neue zu gewinnen, so wenig wird der Vorwärtsstreb ende sich durch Entrüstung, Schikanen oder auch nur ein spöttisches Lächeln von seiner Begeisterung eben für das Suchen von Neuem, Lebensfähigem abbringen lassen, soferne er nur diesen Weg aus tiefer Erkenntnis und innerer Freude am Wahrheitsstreben betrat. Deshalb keinen Groll gegen die Lächelnden (denn sie können nicht anders), aber auch keine Furcht vor ihnen!
Es gibt ja mitunter Neuerungen ans geistigem' Gebiet, die wirklich ihrer Zeit vorauseilen. Für sie ist nichts zu holen. Sie werden nicht verlacht, auch nicht belächelt, man geht bestenfalls achselzuckend an ihnen vorbei, man versteht sie nicht. Erst spätere Generationen vermögen oft den vorausblickenden Geist zu würdigen, der sich darin geoffenbart hatte. Sobald aber einmal das „Lächeln" der Dogmatiker beginnt, ist das Spiel gewonnen; denn es bedeutet die Unmöglichkeit, sich des Neuwerdenden zu erwehren. Für die Psychobiologie sind die Chancen bedeutend besser, als fiel seinerzeit für die Entwicklungslehre waren. Sie verfügt über ungleich zahlreichere und beweiskräftigere Tatsachen als damals jene. Und außerdem findet die Bewegung stets neue Mitkämpfer aus den verschiedensten Wissensgebieten, die im Kernpunft der Sache alle aus demselben Bedürfnisse und derselben Einsicht heraus ihre Stimme erheben. Daß der Grundgedanke der PshchobiologiÄ nun auch gleich in unlauterer, unwissenschaftlicher Weise für spezielle Zwecke von einer Seite her ausgenützt wird, welche irt der mechanistischen Naturwissenschaft nicht ein einseitiges wissenschaftliches System, sondern zugleich die freie Wissenschaft überhaupt zu treffen glaubt, kann der Psychobiologie in den Augen ruhig Denkender nicht schaden. In ihr selbst liegt diese Folgeerscheinung nicht, int Gegenteile! Jeder wissenschaftlich vorgehende Psychobiologe wird aber diese zweifelhafte Bundesgenossenschaft gründlichst ablehnen. Gegen Mißbrauch sind auch, die lautersten Gedanken nicht Leschützt.
Ter Psychobiologe selbst weiß ganz genau, worauf seine Bestrebungen gestützt Und wie vielseitig gerechtfertigt sie sind. Demjenigen aber, der vielleicht mit seinen Sympathien auf Seite dieser Bestrebungen ist, .aber doch nicht über jenen Grad sachlicher Einsicht verfügt, daß ihm die spöttischen gegnerischen Stimmen nicht Bedenken erregen können, — dem muß es gerade zur Festigung des Vertrauens an der sachlichen Bedeutung der neuen Bewegung dienen, daß diese aus dem Stadium stumpfer Unverstandenheit und wortlosen Ignorierens in jenes zukunftsfreudige Stadium getreten ist, in welches jeder neue, große und nachhaltig wirksame Gedanke vom konservativen Geiste gedrängt wird: in das Stadium des „offiziellen" Belächeltwerdens. Sie ist eingetreten in die „Schule der Lächerlichkeit", — jeder Kenner wissenschaftlicher Entwicklung muß sie dazu beglückwünschen!
Sein Garderobier, bitte!
In einer neuen Halbmonatsschrift, „Wiener Konzertschau", findet sich u. a. eine hübsche Plauderei, .Mein Garderobier', von Leo Slezak, dein bekannten Wiener Tenoristen. »Tiefer Garderobier", schreibt Slezak, „heißt Franz Schweiner, ist aus Kwassitz in Mähren und (eit 45 Jahren in Wien. Tas Tschechische hat er verlernt, das Deutsche nicht erlernt und so spricht er infotgebeffen ein Idiom, daß inan glaubt, er mnclje Witze. Er kleidet seit 32 Jahren in der Hoioper alle Tenoristen an und ist seit neun Jahren mein Hakio- tmii, ist immer mit sreundlichem, gutmütigem Gesicht e^ans seinem Posten und hat ein unglaubliches Gestühl kür die ettmnningen feines jeweiligen Herrn: jeder Laime, jeder traurigen, freubtgen, ängstlichen Stimmung trägt er Rechnung und richtet sein Benehmen danach ein. Stehe ich vor einer Ausgabe, die mich mif- regt, besorgt um das Gelingen macht, so ist er ruhig, redet lern Wort, lamlos verrichtet er seinen Dienst. Bin ich guterTmgelmd kröhlich, so wird er gesprächig, erzählt alles, ivas ihn beichastigt, in einer ernsten, wichtigen, drolligen Art, verdreht aste Namen, nimmt von einem Namen etwas weg oder fügt >b>n etwas hinzu, so daß man nicht erlist bleiben kann. Ich bringe z. B. eine große, neue Flasche Bau de Cologne in die Garderobe unb übergebe ne ihm, indem ich scherzhaft sage: »Franz, daß du nur nicht die Halste stiehlst und Wa ser nachfüllst/ — Prompt antwortet er: „^as geht nit bitte, - ich hab das schon nämlich probiert beim Herrn n0U Pan Dyck - aber da ist es weiß geworden — so rote an Millich bitte — nämlich I" . ... Ich singe das erstemal tn der Wiener Hoioper den Florestan in „Fidelio". Ich bin sehr autgeregt, schminke mich zwei Stunden, um ja nur recht erbarmungSroui tg


