Ausgabe 
12.10.1911
 
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deuten. Aber < mich verlangt so danach, glücklich zu sein, jetzt, da ich dich wieder habe, und auch dich glücklich zu sehen sie unterbrach sich plötzlich und schaute sich rings in meinem Wohnzimmer um. ° Ach! rief sie, indem sie mit einem fröhlichen Lächeln des Erkennens die Hände zusammenschlug, da finde ich schon wieder eine alte Be- kauntschaft! Dein Bücherschrank, Marianne, dein lieber, alter, schäbiger kleiner Bücherschrank von Atlasholz ich freue mich so, daß du ihn aus Limmeridge mit fortgebracht hast! Und dein Arbeitskästchen, gerade so unordentlich wie sonst! Und der abscheuliche, schwere Herrenregcnschirm, auf den du so versessen warst, wenn es regnete! Und vor allem, dein eigenes liebes, braunes, kluges Zigennergesicht, das mich wieder wie sonst anblickt! Es ist so heimatlich hier! Wie können wir es nur noch mehr so machen? Ich will meines Vaters Bild in deiner Stube aufhängen, anstatt in der meinigen, und alle meine kleinen Schätze aus Limme­ridge hier aufstellen, und dann wollen wir viele Stunden des Tages zwischen diesen freundschaftlichen vier Wänden zusammen zubringen. O, Marianne! sagte sie, sich plötz­lich auf eine kleine Fußbank zu meinen Füßen setzend und mir ernst ins Gesicht sehend, versprich mir, daß du dich nie verheiraten und mich verlassen willst. Es ist sehr egoistisch von mir, dies zu sagen, aber du bist unverheiratet soviel besser daran, wenn wenn btt deinen Mann nicht gerade sehr, sehr lieb hast aber du wirst niemanden als mich sehr, sehr lieb haben, wie, Marianne? Sie hielt wieder inne, legte meine Hände auf meinem Schoße übereinander und ihr Gesicht auf sie. Hast du kürzlich viele Briefe ge­schrieben und erhalten? sagte sie mit leiser, plötzlich ver­änderter Stimme. Ich verstand, was sie meinte, aber ich hielt es für meine Pflicht, sie nicht darin zu bestärken, indem ich ihr auf halbem Wege entgegenkäme. Hast du von ihm gehört? fuhr sie fort. Ist er wohl und glücklich, und geht es ihm gut in feinem Berufe? Hat er stch ganz beruhigt und hat er mich vergessen?

Sie hätte diese Fragen nicht tun sollen, aber ach! wo ist das Weib, dem es gelang, das Bild einer wahren Liebe je ganz aus ihrem Herzen zu tilgen ?

Ich sagte ihr nur, daß ich in der letzten Zeit nichts mehr von ihm gehört, und lenkte das Gespräch auf andere Dinge.

Was Sir Percival anlangt, so scheint er von kleinen Aergerlichkeiten belagert zu werden, seit er wieder daheim ist, und unter solchen Umständen nimmt sich kein Mann sehr vorteilhaft aus. Mir scheint, er sieht magerer gus, als zur Zeit, wo er England verließ. Sein ermüdender Husten und seine ungemütliche Unruhe haben jedenfalls zugenommen. Sein Wesen, wenigstens gegen mich, ist viel kürzer angebunden, als es früher war. In seiner Begrüßung am Abend seiner Ankunft war wenig oder gar nichts von der Zeremonie und Höflichkeit früherer Zeit zu verspüren. Er schien mich wie einen der wand-, band-, niet- und nagelfesten Gegenstände des Hauses hinzunehmen, sich zu überzeugen, daß ich mich an der rechten Stelle befinde, um dann sofort zu etwas anderem überzugehen.

Die meisten Leute zeigen in ihrein eigenen Hause das von ihrem Charakter, was sie anderswo zu verbergen wuß­ten; und Sir Percival hat bereits eine Sucht nach Ord­nung und Regelmäßigkeit entfaltet, wie sie mir nach meiner früheren Kenntnis seines Charakters eine wahre Offen- barung ist. Wenn ich ein Buch aus der Bibliothek nehme und es auf dem Tische liegen lasse, so folgt er mir und tut es wieder an seinen Platz; ebenso, wenn ich bloß vou meinem Platz aufstehe und es dort liegen lasse.

Ich habe schon die kleinen Verdrießlichkeiten erwähnt, die ihn seit seiner Rückkehr zu quälen scheinen.

Am Wend seiner Ankunft folgte mir die Haushälterin in den Flur, um ihren Herrn, ihre Herrin und deren Gäste zu empfangen. Sowie er sie erblickte, srug Sir Percival sie, ob kürzlich jemand dagewesen, der nach ihm gefragt habe. Die Haushälterin sagte ihm darauf, was sie schon mir erzählt hatte, daß nämlich ein Herr dagewesen, der sich erkundigt, wann sie ihren Herrn zurückerwarte. Er frug sie sofort nach dem Namen des Herrn. Er hatte seinen Namen nicht genannt. Des Herrn Anliegen oder Ge­schäft? Er hatte nichts davon erwähnt. Wie sah er aus? Die Haushälterin versuchte, ihn zu beschreiben, doch gelang es ihr nicht, den namenlosen Besucher mit irgend etwas Besonderem zu bezeichnen, tootmt ihr Herr ihn hätte er­kennen können. Sfr Percival runzelte die Stirn, stampfte

ungeduldig mit denk Fuße und ging ins Haus, ohüö irgend jemanden weiter zu berücksichtigen. Wie ihn eine solche Kleinigkeit außer Fassung bringen konnte, ist mir allerdings unbegreiflich, gewiß aber ist, daß sie ihn ernst­lich verdroß.

Die berden Gäste, der Gras und die Gräfin Fosco, sind in meinem Kataloge die Nächsten. Ich will die Gräfin zuerst vornehmen, um so schnell als möglich mit der weib­lichen Ehehälfte fertig zu werden.

Ich habe noch nie in meinem Leben "durch Verheiratung eine solche Veränderung in einer Frau vorgehen sehen, wie sie bei der Gräfin Fosco stattgesunden hat. Ws Eleonor Fairlie (tut Wter von siebenunddreißig Jahren) schwatzte sie fortwährend den arrogantesten Unsinn und peinigte die unglücklichen Männer mit jeder kleinlichen Anmaßung, die nur ein eitles, albernes Weib für die duldende Männer­welt zu erfinden imstande ist. Ms Gräfin Fosco (im! Alter von dreiundvierzig Jahren) sitzt sie stundenlang, ohne ein Wort zu sagen, wie ein seltsames erfrorenes Wesen. Den entsetzlich lächerlichenSchmachtlocken", die ihr zu beiden Seiten des Gesichts herabzuhängen pflegten, sind jetzt zwei Reihen steifer, kleiner Locken gewichen, wie man sie auf altmodischen Perücken sieht. In ehrbaren schwarzen oder grauen Kleidern, die hoch am Halse schließen- Kleider, über die sie früher gelacht oder taut aufgeschrien hätte, je nachdem nun ihre Mädchenlaune sein mochte sitzt sie wortlos im Winkel; ihre trockenen weißen Hände! (und zwar so trocken, daß die Poren ihrer Haut kreidig aussehen) sind sortwährend entweder mit irgendeiner langweiligen Stickerei oder sonst mit der endlosen Ver­fertigung kleiner Zigaretten für des Grafen besonderen Gebrauch beschäftigt. In b-eit wenigen kürzen Augenblicken, wenn sie die kalten blauen Augen von ihrer Arbeit erhebt, sind sie meistens mit jener stummen, fragenden Unter­würfigkeit auf ihren Mann gerichtet, die uns allen in den Augen treuer Hunde bekannt ist. Sie ist im Hause oder, draußen, bei schönem oder schlechtem Wetter, so kalt wie eine Statue und so unempfindlich wie der Stein, aus dem sie gehauen. Für die allgemeinen Zwecke des gesell­schaftlichen Lebens ist diese Veränderung jedenfalls, eine überaus günstige, denn sie ist dadurch in ein höfliches, schweigsames, anspruchsloses Frauenzimmer verwandelt, das niemandem und niemals im Wege ist. Ob und inwieweit sie aber wirklich in ihrem geheimsten Innern sich gebessert oder verschlimmert hat, ist eine andere Frage. Ich habe den Ausdruck ihrer zusammengekniffenen Lippen ein paarmal sich plötzlich verändern sehen, und dies hat mich aus die Vermutung geführt, daß ihr gegeuwärtiger Zustand, in dem sie fortwährend etwas zu unterdrücken scheint, etwas Gefährliches in ihrer Natur verbirgt, das in der Freiheit ihres früheren Lebens harmlos zu verdunsten pflegte. Es ist sehr möglich, daß diese Idee von mir eine völlig irr­tümliche ist; aber es ist nun einmal der Eindruck, den sie aus mich macht. Die Zeit wird es lehren.

Und der Zauberer, der diese wunderbare Verwandlung hervorgebracht, der fremdländische Gemahl, der diese ver­drehte Engländerin so gezähmt hat, daß ihre eigenen Ver­wandten sie kaum wiedererkennen der Graf selbst? Was soll ich von ihm sagen?

Mit einem Worte dies: er sieht aus wie ein Menschs der zähmen könnte, was er nur immer wollte. Hätte er statt eines Weibes eine Tigerin geheiratet, so hätte er die Tigerin gezähmt. Hätte er mich geheiratet, so hätte ich ihm seine Zigaretten gemacht, gerade wie jetzt seine Frau sie macht, und hätte wje sie den Mund gehalten, sowie er mich nur an geblickt.

(Fortsetzung folgt.)

Die Schule der Lächerlichkeit.

EinStückchenWissenschafts-Pshchologie,,

Von Univ.-Prof. Dr. A. Wagner, (Innsbruck).

(Schluß.)

Wir stehen in der Lebcnswissenschaft wiederum an der Grenzt eines Neulandes. Geradeso wie damals, als alle Tatsachen den Naturkundigen zur Entwicklungsgeschichte drängten, deren wirk­samer Apostel dann Darwin wurde. So drängt auch heute alles, was an Tatsachen des organischen Lebens zu imfeient Denken spricht, zu einer Neuwertung. Der alte, grobe Materialismus ist längst versunken, nur die Halbbildung dienert noch zuweilen vor ihm. Aber auch der verfeinerte Materialismus, die mechanistrsche Auffassung des Lebendigen, verliert schrittweise an Bedeutung-,