Ausgabe 
12.10.1911
 
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M - Nr. (60

Donnerstag den 12. Oktober

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Die weiße Frau.

Roman von W. Collins.

Macbdruck uerboten.)

(Fortsetzung.)

Ich beschloß, die mir gebotene Gelegenheit auszubeuten und mir jede mögliche Auskunft zu verschaffen.

Sagten Sie nicht, Mrs. Catherick wohne in der Nach­barschaft? fragte ich.

O nein, sagte die Haushälterin, immer noch um den Hund bemüht. Sie wohnt in Welmingham; ganz am andern Ende der Grafschaft, volle fünfundzwanzig Meilen von hier.

Sie kennen Mrs. Catherick vermutlich schon lange?

Im Gegenteile, Miß Halcombe; ich sah sie gestern zum ersten Male. Ich hatte natürlich von ihr gehört, da mau mir von Sir Percivals Güte erzählt halle, indem er ihrer Tochter ärztliche Aufsicht und Behandlung ver­schaffte. Mrs. Catherick ist in ihren Manieren etwas son­derbar, aber übrigens sieht sie recht anständ g aus. Sie schien sehr betrübt darüber, als sie fand, daß an dem Gerüchte, ihre Tochter sei in dieser Gegend gesehen wor­den, nichts Wahres sei wenigstens soviel wir erfahren konnten.

Ich fühle einiges Interesse für Mrs. Catherick, sagte ich in dem Wunsche, die Unterhaltung so lange wie möglich sortzusetzen. Ich wollte, ich wäre gestern früh genug hier angelangt, um sie zu sehen. Blieb sie ziemlich lange da?

Ja, sagte die Haushälterin, sie blieb eine ziemliche Weile. Und ich denke mir, sie wäre noch länger geblieb.n, wäre ich nicht abgerufen worden, um mit einem fremden Herrn zu sprechen, einem Herrn, der zu fragen kam, wann Sir Percival zurückerwartet werde. Mrs. Catherick stand sogleich auf und ging, als sie das Mädchen die Bestellung von dem Herrn bringen hörte. Beim Abschiede sagte sie, es sei unnötig, Sir Percival etwas davon zu sagen, daß sie hier gewesen sei. Ich fand die Bemerkung etwas son­derbar, namentlich mir gegenüber in meiner.verantwort­lichen Stellung.

Ich fand dies ebenfalls; denn Sir Percival hatte mich in Limmeridge glauben lassen, daß vollkommenes Zutrauen zwischen ihm und Mrs. Catherick bestehe. Wenn dies aber der Fall war, warum wünschte sie ihm da ihren Besuch in Blackwater Park zu verheimlichen?

Was sagte sie dann sonst noch? fragte ich.

Sehr wenig, entgegnete die Haushälterin. Sie sprach meistens von Sir Percival und tat eine Menge Fragen über seine Reisen und seine junge Gemahlin. Es schien sie überhaupt mehr zu verdrießen als zu betrüben, daß sie keine Spur von ihrer Tochter entdecken konnte. Dann ging Jie gleich zu ihren Fragen in Bezug auf Ladv Glhde über; te wollte wissen, ob sie eine schöne und liebenswürdige

Dame, ob sie lieblich, gesund und jung ach Gott! ich dachte mir wohl, daß es so enden toerbe., Sehen Sie, Miß Halcombe, das arme Tier hats endlich überstanden!

Der Hund war tot.

Den 1. Juli Die Verwirrung, die ihre Ankunft verursachte, hat Zeit gehabt, sich zu legen.

Nachdem die erste Freude des Wiedersehens zwischen mir und Laura vorüber war, nachdem wir uns Hand in Hand nebeneinander gesetzt, um Atem und Fassung zum Sprechen zu finden, fühlte ich augenblicklich. eine gewisse Entfremdung und konnte sehen, daß auch sie dieselbe fühlte. Jetzt, da wir die meisten unserer alten Gewohnheiten wieder ausgenommen, ist sie zum Teil bereits wieder ver­schwunden und wird es wahrscheinlich binnen kurzem gcuiz sein.

Sie hat mich unverändert gefunden; aber ich finde fte verändert. Verändert im Aeußern und in einer Beziehung auch verändert im Charakter.

Es ist mehr Farbe auf ihren Wangen, und die Um­risse ihres .Gesichtes sind bestimmter und runder, als sie zu sein pflegten; ihre Gestalt scheint mehr ausgebildet und ihre Bewegungen sicherer und unbefangener, als sie zu ihrer Mädchenz.'it waren. Aber es fehlt mir etwas, wenn ich sie ansehe etwas, das dem glücklichen, unschuldigen Leben Laura Fairlies angehörte, und das ich in Lady Glyde vergebens suche. Es lebte in alten Zeiten etwas so Frisches, Sanftes, immer Wechselndes und doch Bleibendes in der zarten Schönheit ihres Gesichts, dessen Zauber mit Worten zu beschreiben oder selbst zu malen unmögäch war, wie der arme Hartright oft zu sagen pflegte.

Die zweite Veränderung, die ich in ihrem Charakter wahrgenommen habe, hatte mich nicht überrascht, da ich durch den Ton ihrer Briefe darauf vorbereitet war. Jetzt, da sie zu Hause ist, finde ich, daß sie ebenso ungern von ihrem Verhältnisse zu ihrem Manne spricht, als sie vorher darüber schrieb. Bei meiner ersten Anspielung auf diesen verbotenen Gegenstand legte sie ihre Hand auf meine Lippen, und zwar mit einem Blicke und einer Bewegung, die muh auf rührende, ja fast schmerzhafte Weise an die glücklich« Vergangenheit erinnerten, da wir keine Geheimmsse vor­einander hatten. 1

Wenn wir beide zusammen sind, Marianne, sagte sie, werden wir glücklicher und unbefangener miteinander fetrt, wenn wir meine Heirat als das annehmen, was sre ist, und so wenig als möglich darüber sprechen und daran denken. Ich würde dir alles erzählen, herzige Schwester, was mich selbst betrifft, fuhr sie eifrig, mit der Schnalle an meinem Gürtel beschäftigt, fort, wenn meine Mitteilun­gen da enden könnten. Aber das wäre nicht der Fall -i sie würden zu Mitteilungen über meinen Mann führen, die ich jetzt, da ich einmal verheiratet bin, um seinetwillen, um deinetwillen und meinetwillen lieber vermeiden will. Ich will damit nicht sagen, daß sie dich oder mich betrüben würden das wollte ich nm di« Welt nicht damrx