— 498
daß ihr nach sechs Jahren rund' dreißigtausenid Mark erspart haben könnt. Dabei setze ich den Rubel nur zu zwei Mark an. Mit der Verzinsung würde das also —"
Doch da rief Klothilde mit ihrer messerscharfen Stimine dazwischen:
„Ja, aber wo ist er denn?!"
„Er wollte doch mit dir wieder zurückkommen," sagte die Mutter, und Köhler fügte mit unsicherem Blick auf Traute hinzu: „lieber die Ausstattung ist noch gar nichts gesprochen worden. Wir dachten, wegen der weiten Entfernung nach Rußland —“
Nun brach auch er ab. Traute packte einen Stuhl fest au der Lehne und riß ihn herum. Sie fiel fast auf den Stuhl.
„Erst hört, eh ihr weiter sprecht!" rief sie. Ihre Stimme klang schrill. Fieberflecke brannten auf ihren Wangen. „Max war draußen in Wörreshoop. Aber ich habe ihm sagen müssen, daß ich — daß ich —" sie atmete keuchend — „daß ich ihn nicht lieben könnte! Es ist also nichts mit uns!"
Klothilde schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. War es denn glaublich?! Unter den entzündeten Augenlidern irrte ihr Blick von einem zum andern und fragte immer wieder: Ist es denn denkbar? — Und dann zeterte sie los:
„Nicht lieben? Und seit sechs Monaten erzählt sich alle Welt von eurem Verhältnis?!"
Traute fuhr auf. „Ich verbitte mir das!" schrie sie, bebend vor Zorn.
„Du hast dir gar nichts zu verbitten," sagte Friedrich streng, „sondern hast uns Rede zu stehen."
Die Blutter rang die Hände. „Aber da sag doch bloß, da sag doch bloß: ich denke, ihr liebt euch schon seit ’ner Ewigkeit?!"
„Ihr wart doch schon heimlich versprochen!" rief Köhler.
„Waren wir es, so sind wir eben jetzt auseinander."
Klothildes hagere Gestalt riß sich vom Stuhle los. Sie fuhr Traute entgegen. „Hast du denn gar kein Gefühl für unfern guten Namen!?" schrie sie. „Willst du noch mehr ins Gerede kommen? Wir Wittstockens danken dafür, wir haben genug von dem Getratsch!"
Friedrich zog sie zurück. „Schweig jetzt! Traute ich wiederhole: du hast uns Rede zu stehen. Herr Roeßler hat uns versichert, daß zwischen euch alles abgemacht sei."
„Und der Mann lügt nicht," sagte Köhler.
Die Mutter rang noch immer die Hände. Ihre dicken Finger wulsteten sich ineinander. „Und nu war doch auch alles im besten Gange! Eine Stelle wie ein Geheimrat! Mit höherem Einkommen als wie Vater! Und nu auf einmal tvieder nicht?! Was ist denn dazwischen gekommen?"
„Sie wird wohl eine andere Liebschaft gefunden haben!" schrillte Klothilde.
Traute schüttelte langsam den Kopf. Langsam und schwerfällig stand sie auf. Etwas Fremdes lag auf ihrem Gesicht. Auch ein grauer Schatten ging darüber hin, der grünlich wurde. Sie ö ffnete den Mund und schloß ihn wieder, so daß man die Zähne küirschen hörte. Und dann verdrehten sich ihre Augen, und plötzlich brach sie zusammen. —
Der Arzt konstatierte geringes Fieber bei mittem Pulse. Das Herz arbeitete unter starker nervöser Schwäche. Zu sorgen brauche mau sich nicht: notwendig sei vor allew absolute Ruhe und kräftigende Diät; später ein paar Wochen an der See. Er verschrieb auch noch ein Medikament und versprach, am folgenden Tage wieder zu kommen.
Nun war es stiller als sonst im Köhlerscheu. Hause. Die Kinder schlichen auf den Fußspitzen umher, und als Traute ohne äußere Veranlassung in einen heftigen Weinkrampf fiel, so daß man sie auf dem Korridor schluchzen hören konnte, ging Helene mit den beiden Kleinsten in das Zimmer des Vaters.
Die beiden hübschen Arbeiterinnen aber in der Mumen- fabri? gegenüber der Stube Trautes wunderten sich über die verhängten Fenster der Nachbarin, und als sie hörten, daß Traute krank geworden sei, flochten sie einen kleine» Kranz aus weißen und roten Rosen, den sie her-
nberwerfeu lvollten, wenn sich die Fenster wieder öffnen würden.
* '
Am Abend dieses Tages, dieses stürmischsten int jungen Leben Trautes, besuchte Pastor Moebius seinen Freund' Stufe.
Moebius liebte lange Spaziergänge, wenn er Muße dazu.fand; er hatte auch heute die Dampfbahn verschmäht. Er war durch den Stadtpark gewandert und dann quep über die Heide: im Dämmern des Abends, durch das noch ein letzter matter Purpurton des Sonnenuntergangs' pulste.
Die Biertalern ließ ihn in das Atelier, denn Moebius! war der einzige, der jederzeit freien Zutritt hatte. Aber als sie die Tür zu der Werkstatt öffnete, war sie erstaunt, den Raum noch im tiefsten Dunkel zu sehen.
„Herr Professor, sind Sie denn da?" rief sie in die Schwärze hinein.
Ein Grunzen antwortete; dann eine verärgerte Stimmet „Wo soll ich denn sonst sein, alte Dame?! Klappt die Tür wieder von außen zu, und auch dero Mund, wenn ich bitten darf. Ich möchte in bester Gesellschaft verbleiben, mit mir allein."
„Aber der Herr Pastor sind doch da, Herr Professor!"
„Moebius? Das ist ivas anderes. Sagt salve zu ihm und steckt die große Lampe an, die mit den violetten! Schleiern. Außerdem Abendbrot."
„Unnötig," sagte Moebius und trat ein. „Ich habe daheim Tee getrunken. Nur um Licht bitte ich. Es steht mancherlei Gebrechliches umher."
jFortsetzung folgt.)
Eaffenlled und Volkslied.
Ueber diese unser künstlerisches Volksleben tief berührende! Frage bietet Dr. Karl Swrck im Augustheft des Türmers eine vielseitige Abhandlung, der wir den folgenden Abschnitt entnehmenr
Der Begriff des Gassenliedes ist nicht so eng, wie das Wort, wenn auch alle diese Lieder, selbst wenn sie ursprünglich mit Klavier komponiert sind, die Bedingung erfüllen müssen, daß man sie auf der Gasse singen karm, also ohne die Begleitung eines Instrumentes., Lieder, die in Melodie und Rhythmus nicht so gehalten sind, daß man sie vor sich hinpfeifen kann, werden nie zu Gassenliedern, auch nicht im guten Sinne. Das muß man sich vor allem sür die Bekämpfung der üblen Gattung merken. Gewiß gibt es auch em gutes Gassenlied, d. h. dieses nennen wir dann eben Volkslied., Das Gassenlied ist also ein Volkslied; ja wir müssen sogar gestehen, mag es uns auch noch so schwer fallen, daß seit einigen! Jahrzehnten eigentlich überhaupt nur Gassenhauer jene Grundbedingung des Volksliedes erfüllen, daß sie vom ganzen Volk« ausgenommen wurden. Das ist ein schlimmes Zeichen für den! musikalischen Geschmack des Volkes, aber ein noch viel schlimmeres für die innere Volkstümlichkeit unserer Komponisten. Denn die Mite ist keineswegs ein Hemmnis für die Verbreitung der Musik. Als Oper und Singspiel Lieder von starkem volkstümlichem Gehalt und edler Singbarkeit enthielten, verbreiteten sich diese mit derselben Schnelligkeit und Allseitigkeit wie die übelsten Gassenhauer., Die Lieder aus Mozarts „Zauberflöte", erst recht die aus Webers! „Freischütz", danach die aus Marschners und Lortzings Opern! waren rasch Allgemeingut des Volkes. Die Lieder, die Himmel, Methfessel, Kreutzer, Andrä u. v. a. für Singspiele und als Einlagen beliebter Schauspiele lieferten, lernt man erst so recht schätzen, wenn man sie mit der heutigen Schlagerware vergleicht.^ Heute ist an die Stelle dieser gewiß nur selten schwungvollen und nicht übermäßig tiefen Kunst die elende Operettenware getreten) gewöhnlich in der Mache, gemein in der Gesinnung, seicht oben gar schmutzig im Text.
Tas Gassenlied ist ein Volkslied; die ältere Zeit macht keine sichtbaren Qualitätsunterschiede. Auf den Titeln der Sammlungen stehen die „Gassenhäuerlin" gleichberechtigt neben den! anderen Gattungen: dagegen liegt im Namen die örtliche Bezeich- nnng, aus der man wohl noch weitere Schlüsse ziehen kann, als daß diese Lieder sich besonders zum Singen auf den Gassen eigneten. Dieses Gassensingen ist eine Form geselligen Singens ö beim Ziehen durch die Gassen. Nach Feierabend oder am Sonntag wandern die Burschen im Tritt singend durch die Gassen^ Im Elsaß, das sonst nicht sehr sangeslustig ist, ziehen die nächstjährigen „Conscrits" — also die im nächsten Jahre ihrer Aushebung zum Militär entgegensahen — alle Samstage und Sonntage oft stundenlang singend durchs Dorf, meist mit verschränkten Armen, so daß sie die ganze Straßenbreite entnahmen. Jedenfalls hängt damit, daß sie vorzugsweise in Männerkreisen gelungen wurden, auch der derbere Text dieser Liedgattung zusammen, genau wie bei den Trinkliedern. Aber noch ein anderes kommt hinzu. Diese ganze Art des Singens setzt größere Gemeinwesen! voraus; nur solche haben ja auch richttge Gassen. So hättq M Gassenhauer von vornherein etwas mehr Städtisches Da»


