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liegt bie Gefahr. Und doch ist! sie selbst offenbar tzersönlich nicht bedroht."
- wenn sie uns nach! Winchester entgegenkommen kann,
so darf sie ja ihren Aufenthaltsort ungehindert verlassen,"
"Gewiß. Ihre Freiheit ist ihr nicht genommen."
. . dann aber nur dahinter stecken? Weißt du denn gar ferne Erklärung dafür?"
„Ich habe mir sieben verschiedene Erklärungen ausgedacht, von denen jebe sich Mit den Tatsachen, soweit ivir solche kennen, decken wurde Aber welche die richtige ist, läßt sich nur auf .Grund der neuen Mitteilungen bestimmen, die unser zweifellos harren, r bereits der Turm der Kathedrale, wir werden also
bald alles wissen, was Fräulein Hunter uns mitzuteilen hat."
Das Gasthaus zum „schwarzen Schwan", an der Hauptstraße Nicht fern vom Bahnhof gelegen, steht in gutem Ruf; dort saiideil wir Fräulein Hunter bereits unser wartende Sie hatte bereitEior fÜT l,n§ bestellt und auf dem Tische stand ein Imbiß , r, bin so froh, daß, Sie gekommen sind," sagte sie leb» bchr. - „Es ist sehr gütig von Ihnen beiden, aber ich weiß auch wirklich Nicht, was ich tun soll. Ihr Rat wird mir von stn- zchatzbareni Werte sein."
,Bitte, crzähleii Sie uns Ihre Erlebnisse."
, , will ich, und ich muß mich damit beeilen, denn ich habe Herrn Rucastle versprochen, um drei Uhr zurück zu sein.'
erlaubte mrr heute vormittag nach der Stadt zu fahren; Natürlich hatte er keine Ahnung zu welchem Zwecke,"
„Erzählen Sie uns nur alles hübsch nach der Reihe," ivieder- holte Holmes, indem er seine Beine am Feuer -ausstreckte und sich zum Zuhoren zurechtsetzte.
„Ich möchte gleich vorausschicken," begann Fräulein Hunter, „daj; mir iin großen Ganzen keinerlei schlechte Behandlung von Herrm und Frau Rucastle ividcrfahren ist. Gerechterweise- muß ich das hervorheben. Allein ich werde nicht klug aus den Leuten und fühle mich daher bennruhigt."
„Was kommt Ihnen unverständlich vor?"
„Die Gründe für ihr Verhalten. Doch ich will Ihnen alles ganz genau berichten. Bei meiner Ankunft hier holte mich Herr Rucastle in seinem Jagdivagen nach Copper Bceches ab. Die Umgegend ist allerdings schön, >vie er gesagt hatte, das Hans selbst aber durchaus nicht freundlich, nur ein plumpes viereckiges Gebäude, dessen iveiße Tünche überall mit Flecken und- Streifen von innerer und äußerer Feuchtigkeit durchzogen ist Es steht ganz nn Freien und ist, auf drei Seiten von Wald, auf her vierten von einem Felde umgeben, das sich bis zur Straße nach Southampton hinabzieht, die auf etwa hundert Schnitt Entfcr- Nung un Bogen nm Einfahrtstor vorbeiführt. Die Anlagen aus der Vorderseite gehören zum Hause, während die Wälder rrngsimr Lord Suthertoii's Privateigentum sind. Gerade vor denk Hauptemgang des Hauses steht eine Gruppe Blnlbucheu von denen das Anwescir seinen Namen hat. — Während der Fahrt Ivar Herr Rucastle, der selbst kutschierte, äußerst liebenswürdig,, inid noch am selben Abend stellte er mich seiner Frai- und fernem, Kinde vor. Die Vermutung, die uns anläßlich mcmcv .-oe>ut»ies bei Ihnen so naheliegend erschien, hat sich nmst bestätigt. Fran Rucastle ist nicht geisteskrank. Ich fand m ihr erne stille, blasse Frau, die offenbar noch nicht dreißig ^ahre alt, also bedeutend jünger ist als ihr Manu, der wohl ianur weniger als süufiindvierzig zählen wird. Aus dem Gespräch der beiden entnahm ich, daß sie seit ungefähr sieben Jährest verheiratet sind, daß er Witwer Ivar und aus erster Ehe die .eine Tochter hatte, die sich nun in Philadelphia befindet. Unter vier Augen teilte mir Herr Rucastle mit, der Grund, der sie fortgetneben habe, sei eine ganz unvernünftige Abneigung gegen ihre Stiefmutter. Ta. die Tochter nicht unter zwanzig Jahren alt gewesen sein kann, so läßt sich denken, daß ihre Stellung gegenüber der jungen Frau ihres Vaters nicht die angenclstnste war. Fran Ritcastles geistiges Wesen ist genau so farblos wie ihr Gesicht, sie machte gar keinen Eindruck auf mich, weder; m günstigem noch in entgegengesetztem Sinn. Sie ist eine völlige
, An ihrem Gatten und ihrem kleinen Jungen hängt sie sichtlich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Unablässig wandern ihre hellgrauen Augen von dem einen zum andern, um ihnen leben geringsten Wunsch an den Augen abzulesen und demselben wenn möglich zuvorzukommem Er seinerseits ist gegen sie eben-
gut in seiner plumpen, ungestümen Weise, und so mußte ich sie im ganzen für ein glückliches Paar halten. Und doch hatte sie eine geheime Sorge, diese Frau. Oft saß sie ganz in Gedanken verloren mit dem allertraurigsten Ausdruck da, mehr Ms einmal habe ich sie in Tränen getroffen. Manchmal dachte ich schon, sie betrübe sich über die Sinnesart ihres Knaben, denn cm so gänzlich verdorbenes, bösartiges, kleines Wesen ist mir Noch nie vorgelommcn. Er ist klein für sein Alter, hat aber «neu ganz unverhältnismäßig großen Kopf. Ausbrüche wilder Leidenschaft und finsterer Trotz wechseln unaufhörlich bei ihm. Geschöpfe, die schwächer sind als er, zu guäken, ist das einzige Vergnügen, nach dem er strebt, und für den Fang von Mäusen, “eilten Vögeln und Insekten verrät er eine ganz bemerkenswerte Begabung, Doch sch will über diesen Jungen lieber keine Worte
mehr verlieren, er hat ja auch mit meiner Geschichte nur wenig zu schaffen."
„Ich bin dankbar für alle Einzelheiten," bemerkte mein Freund, „ob dieselben Ihnen wichtig erscheinen oder nicht."
„Ich werde mich bestreben, nichts voii Bedeutung zu ü&cr» Sehen- Das einzige Unangenehme im Hause, was mir sogleich auffiel, war das Aussehen und Benehmen der Dienerschaft. Diese besteht nur aus einem Manne und dessen Frau. Toller, so heißt er nämlich, ist ein rauher, wunderlicher Mensch mit grauem Haar und Bart, und riecht beständig nach geistigen Getränken, Zweimal schon, seit ich da bin, war er gänzlich betrunken, uiid doch schien Sperr, Rucastle sich nichts daraus zu machen.
Frau ist eine sehr große, starke Person mit mürrischem Glicht, w schweigsam wie ihre Herrin, nur weit weniger Hebens»
Die beiden sind ein höchst unangenehmes Paar, allein mtickttcherweise komme ich wenig mit ihnen in Berührung, denn w) bringe meine Zeit meist in der Kinderstube und in meinem
'Er Zimmer zu, welche ganz nahe beisammen in einem Flügel des Gebäudes liegen,.
m k'Dfe ersten zwei Tage nach Meiner Ankunft in Copper Bceckws ist mein Leben sehr ruhig verlaufen. Am dritten jedoch kam Frau Rucastle gleich, nach dem Frühstück herunter und flüsterte ihrem Gatten etwas zu.
.. , w," sagte dieser darauf, sich zu mir wendend, „wir
suw ^hnen whr verbunden, Fräulein Hunter, daß Sie auf unfern Wunsch eingegangen sind und sich Ihr Haar abgeschnittcu haben, ^ch verncherc Sie, cs hat Ihrer Erscheinnng nicht im mindesten Eintrag getan. Jetzt wollen wir sehen, wie Ihnen das blaue Kleid steht. Es liegt auf Ihrem Bette, und wenn Sic es anziehcu wolltest, so würden wir Ihnen beide sehr dankbar sein."
"Das Kleid, das für mich bereit lag, hatte einen ganz eigen» otto'611 binnen Farbenton, der Stoff war ausgezeichnet, einet Art Beige, doch verrieten unverkemibare Spureu, daß es früher schon getragen worden war. Es Paßte, wie wenn mein Maß dazu genommen worden wäre. Als sich Herr und Frau Rucastle hiervon überzeugten, legten beide ein Entzücken au den Tag, das -mir ganz unnatürlich übertrieben vorkam. Sic warteten im Wohnzimmer auf mich, einem sehr großen Raum, der die ganze Front des Hauses einnimmt und dessen drei hohe Fenster bis auf den Boden herab» reichen. Am Mittelfenster, und zwar mit der Lehne dagegen^ stand ein Stuhl. Auf diesen Stuhl mußte ich mich setzen, während Herr Rucastle vor mir im Zimmer auf- und abging und dabei eine ganze Reihe der tollsten Geschichten zum Besten gab, die ich je gehört habe. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie komisch das war; ich wurde schließlich ganz müde vor lauter Lachen. Frau Rucastle, die offenbar feinen Sinn für Humor besitzt, verzog den Mund nicht zum leisesten Lächeln, sondern saß, die Hände int Schatze, mit trauriger, ängstlicher Miene da. Nach einer Stunde ungefähr bemerkte Herr Rucastle plötzlich, es sei jetzt Zeit, an die täglichen Beschäftigungen zu gehen, ich könne mich wieder nnuleibcn und zu dem kleinen Eduard ins Kindcrzimmcr begeben,
„Zwei Tage darauf wiederholte sich dieser ganze Vorgang nutet! völlig ähnlichen Umständen. Wieder mußte ich das andere Kleid anzicheu, wieder mich ans Fenster setzen, und abermals lachte ich aus vollem Halse über Herrn Rncastles tolle Geschichten, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat besitzt, und die er unnachahmlich vorträgt. Darauf gab er mir ein Buch in die Hand, rückte meinen Stuhl ein wenig zur Seite, damit mein Schatten nicht auf das Buch falle, und bat mich, ihm aus demselben kant vorzulesen. Ich mußte irgendwo int Kapitel anfangen und las etwa zehn Minuten lang, bis er mich plötzlich mitten in einem Satze anfhören ließ und mir sagte, ich solle mich wieder umkleiden. Sie konneit sich denken, Herr Holmes, wie groß meine Neugier war, die Bedeutnna dieser merkwürdigen Kontödie zu erfahren. Soviel ich benterfe hatte, waren beide Ehegatten stets eifrig bestrebt, meine Blicke vom Fenster abzuhalten; ich verging deshalb förmlich vor Begierde, zil sehen, was hinter meinem Rücken vvrgehc. Zuerst kant mir dies unmöglich vor, allein bald verfiel ich aus ein Mittel, Mein Handspiegel war zerbrochen, und so kam mir der glückliche Einfall, ein Stück von dem Glase in meinem Taschentuch zu verstecken. Das uächstemal hielt ich mir diesem beim Lachen vor die Augen und war nun mit einiger Geschicklichkeit imstande,, alles hinter mir Befindliche zu sehen. Ich muß gestehen, ich war enttäuscht, denn ich bemerkte gar nichts. Wenigstens war dies mein erster Eindruck. Beim zweiten Blicke jedoch sah ich einen Manu auf der Landstraße stehen, einen kleinen, bärtigen, grau gekleideten Mann, der nach mir herüberzuschauen schien. Ta es eine Hauptverkehrsstraße ist, so sieht man meist Leute auf derselben. Dieser Mann jedoch stand an den Zaun gelehnt, der das Grundstück umgibt, und schaute angelegentlich nach dem Fenster. Ich nahm mein Taschentuch vom Gesicht und blickte Frau Rucastle an; ihre Augen waren mit forschendem Blick aus mich gerichtet. Sie sagte nichts, aber ich bin fest überzeugt, sie hatte erraten, daß ich einen Spiegel in der Hand hielt und gesehen hatte, was hinter mir vorging. Mit einem Male stand sie auf,
(Fortsetzung folgt.)


