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12.7.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Zobelti & (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Jetzt fand man ihn reizend. Mit dem Chianti, den die Wierthalern heranschleppte, trat auch Moebius in Erschei­nung: nicht mehr Apostel, sondern moderner Mensch. Er kannte alle, und aller Hände druckte er. Dann spielte er mit Niels gemeinsam den Wirt. Er packte die Datteln auS und die Feigen und die verzuckerten Veilchenblätter und schnitt das- Marzipanbrot und legte Rosinen und Man­deln auf die Schale, die eine bronzene Bacchantin trug.

Nun murrte Mursinna nicht mehr. 'Es blieb stillos, aber es ivar malerisch. Was besaß der Kruse für Bric-ä- brac und auch für reizende Kunstschätze! Oh ja, der Mann hatte Kultur!

Hübsch," sagte sich der Poet Mursinna. Sein Auge verschwomm.

Es war Zeit, daß Eberstedt sein Anliegen vorbrachte. Er tat dies mit Geschick. Er band eine indische Schärpe um, warf einen Kelim um die Schultern, beugte das Knie vor Niels Kruse und bat nm die Erlaubnis, dem Meister das Ansuchen der neu geeinten Goldenen Horde vortraaen zu dürfen.

Sprich," antwortete Niels,aber wirf die Lappen ab. Mich stört, daß dein Sein anders ist als dein Denken."

Nun schilderte Eberstedt mit beredten Worten den Zu- staud ^der unglücklichen Stadt. Seit die Künstler sich mit dem Senat wegen des Frieses am neuen Seeamt gezankt und ganz in die Welt ihrer Einsamkeit zurückgezogen hätten, sei auch das letzte Stückchen Helle in graue Dämmerung verwandelt worden." Eberstedt übertrieb natürlich, aber mit vielem Humor; er zeichnete witzige Karikaturen, doch immerhin schaute aus seinen Zerrlinien ein Rest von trister Wirklichkeit hervor. Und dann kam er aus den springenden Punkt. Die Künstler mußten wieder zurück. Niels Kruse sollte sie führen. Ein neues Leben sollte beginnen.

Er focht mit den Armen durch die Lust. Aber es saßen Staubatome in dem Schal, den er schwang, vielleicht auch das' Letzte konservierenden Mottenpulvers. Es kribbelte ihm in der Nase; da mußte er seine schöne Rede unterbrechen und begann heftig zu niesen.

s . "Zu deiner Gesundheit," sagte Mels.Der Nieser be- rraftrgt die Wahrheit deines Klagelieds und setzt einen festen Punkt hinter die Jeremiade. Wer ich fürchte, ich kann euch nicht helfen. Wir paar Leute hier draußen/ Ipas sind wir denn?! Um der Langeweile in eurer ge­segneten Republik den Garaus gtu machen, dazu gehört ein Armeekorps fröhlicher Geister."

.Richtig," erwiderte Eberstedt.Es soll auch nur ein

erster Ansturm sein. Das grobe Geschütz folgt. Wir wollen die gesellschaftlich Verfemten um uns scharen; wir drängen uns in die Vereine hinein, die jenseits von Gut und Böse stehen; wir ziehen sogar die Entarteten der Hundertund­eins zu uns herüber. Wir wollen ein Heer von lustigen Gesellen, ganz gleich, woher sie kommen, ailf unsre Gesell­schaft loslassen, wir wollen alle Bande frommer Scheu lösen, wollen ein Tohuwabohu entfesseln, damit aus der Revolution ein neuer gesegneter Zustand erblühe."

Niels lächelte. Um seine schwarzen Augen bildeten sich Fältchen, in denen es spöttisch wirbelte. Sein Blick flog über den Kranz der Mädchen, deren Wangen vor Eifer brannten und deren Siirngelock zitterte, als rebillierten schon die dummen Gedanken dahinter.

Und dann sagte Niels:Und die jungen Damen? Wollen sie teilnehmen an dem Aufstand der Gemüter?"

Jawohl!" rief Fräulein Henny und ballte die kleine Hand und machte ihr verwogenstes Gesicht.Meister, wenn Sie an unsre Spitze treten, hoho, da rennen wir alle Prüderie über den Haufen!"

Jawohl!" rief auch Eva Delbrück, die schon viel zu viel von dem Chianti genippt hatte,wir sind fest ent­schlossen: es soll eine Gesindelsaison werden eine ganz tolle und ganz verdrehte" nun schlug sie dreimal mit der Hand auf den Tisch, daß alle schönen Gläser leise klirrtenGesindel-, Gesindel-, Gesindelsaison!"

Dies fürchterliche Wort zog gewaltig. 'Die Mädchen schwatzten durcheinander, auch die Herren gaben ihr Vo­tum ab.

Moebius schüttelte den Kopf.Kinder," sagte er mit milder Stimme,nehmt mir ein derbes Wort nicht übel:. Ihr seid allesamt verrückt."

Jetzt räusperte sich Traute Köhler und begann:Sie haben ganz recht, Herr Pastor ein bißchen verrückt sind wir allesamt. Aber es gehört dazu. Wären wir das nicht, so könnten wir unfern Plan gar nicht ausführen. Es schadet also nicht nur, es ist sogar nötig. Und im übrigen: das, was wir wollen, ist in seinem Endziel doch etwas sehr Gutes."

Aber in seinen Mitteln bedenklich," meinte Moebius.' Doch ich sorge mich nicht: es gibt ja noch Väter, es gibt auch wachsame Mütter."

Nun also!" rief Everstedt.Das Regulativ ist da, es ist nichts zu befürchten."

Nein," sagte auch Niels,es ist nichts zu befürchten. Everstedt, wenn die Idee von dir ausgegangen ist, so gra­tuliere ich. Ein Kampf gegen das Philistertum kann immer nur ein guter sein. Aber natürlich: er muß geschickt ge- führt werden."

Deshalb sind wir bei dir," erwiderte Everstedt.Wir bitten dich um deine Unterstützung. Das Maifest steht bevor. Im letzten Jahre konnte man bei dieser Gelegen­heit im Stehen einschlafeu. Wir dachten diesmal an einen Kostümzauber r-" , , ; ; ;