359
W Wenig sind die geheimen Triebfedern seines Wollens und Handelns der Welt bekannt, als daß sich Mehr als in großen Um- rissen das Bild des genialen Wittelsbachers zeichnen ließe.
Tas Verhängnis Ludwigs II. wurzelte in dem frühen Tode seines Vaters, des Königs Maximilian II. Bisher in strenger, fast zu strenger Abhängigkeit gehalten, denk gebieterischen Willen des Vaters unterworfen, sah er sich als 18 jähriger Jüngling, Unfertig und zur Uebernahme der schweren Pflichten, die ihn erwarteten, völlig unvorbereitet, in einer Zeit wildgährender! Kämpfe auf den Thron berufen. Wohl trat er die Regierung mit den besten Vorsätzen an; er gelobte, daß seines geliebten Bayern- volles Wohlfahrt und Deutschlands Größe die Zielpunkte seines Strebens seien, aber er empfand deutlich und klar, daß ihm die erforderlichen Fähigleiten fehlten, um' die schwierigen Aufgaben zu lösen, die über Nacht an ihn herangetreten waren. Wie er sich nach feinen eigenen Worten „genierte" mit gelehrten Männern zu reden, um die Lücken seiner Bildung nicht zu entblößen, f» erkannte er auch mit klarem Blick die Nachteile, die in dem jähen .Uebergang von der Unfreiheit, in der er bisher gehalten war, zu der Machtfülle eines regierenden Herrn lagen, „Kurze Zeit vor meiner Thronbesteigung," äußerte er gelegentlich zu Hans von Bülow, „bin ich noch um' 10 Uhr zu Bett geschickt worben, Und dann kam meiste Mutter, um zu sehen, ob ich gut zugedeckt war. Bald darauf war ich König. Ao etwas überwindet sich so schwer."
Hohe geistige Interessen, das seit.Jahrhunderten überlieferte 'und treu gewahrte Erbe des wittelsbachischen Hauses, besaß König Ludwig in hervorragendem Maße, wenn sich diese Interessen auch fast ausschließlich auf Theater, Musik und Baukunst beschränkten. Aber in der Welt des Scheins versanken ihm die Dinge der Wirklichkeit. So mußte ihm die Politik mit ihren auf das Reale itub Erreichbare gerichteten Bestrebungen, und ihren hierin wurzelnden Bedingungen stets fremd bleiben.. Er verlor das Äugend maß für Mögliches und Unmögliches auch auf diesem Gebiete,, und ins Grenzenlose verflieg sich der Traum seiner königlichen; Machtfülle. Unbeschränkt und ungehindert sollte sein Wort und sein Wille gebieten, und so konnte die Entwickelung der Dinge, wie sie die deutschen Einheitsbestrebungen nach sich zogen, seinen Ideen und seinem idealen Gedankenfluge nicht entsprechen. Ohne das Bild des Königs zu trüben, darf es heute ausgesprochen werden, daß er nicht nur int Sintern dem neuen Reiche ablehnend gegenüberstand; gleich nach dem Kriege bemerkte er zu einem Lehrer der Münchener Universität, daß es nur seinem Wunsche entspräche, wenn alle Welt erfahren würde, wie unzufrieden er mit seinen Ministern sei, daß sie ihn zur Annahme der Verträge von Versailles veranlaßt hatten.
Ehrlich aber und seinem gegebenen Worte getreu, hat König Ludwig diese Verträge alle Tage seines Lebens gehalten, wie er sich auch dInte Zaudern bei der Kriegserklärung int Jahre 1870 aus den Boden des Bündnisses gestellt hatte, das int Jahre 1867 zwischen dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten, dem Fürsten Hohenlohe, und dem Kanzler des Norddeutschen Bundes, Bismarck, abgeschlossen worden war und das bei eineur^ feindlichen Angriffe ein gemeinsames Vorgehen der süddeutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bunde bestimmte.
Dem Geiste einer neuen Zeit hatte Hohenlohe Rechnung getragen, als er dieses Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen abschloß und kürz darauf, wenn auch unter den schwierigsten Kämpfen, vor allem in der Reichsratskammer, den Anschluß Bayerns an den norddeutschen Zollverein vollzog. Niemals hatte das Vertrauen, welches der König dem Fürsten entgegenbrachte, gewankt, Unbekümmert um die Angriffe, die gegen den liberalen Minister geschleudert wurden, hatte er ihm stets feine Gunst ungeschwächt bewahrt, und als er int März 1870 das wiederholt eingereichte Entlafsuitgsgesuch Hohenlohes widerstrebend genehmigte, da geschah es nur, weil Hohenlohe; sich selbst davon überzeugt hatte, daß ein weiteres Verbleiben im Amte die Interessen Bayerns geschädigt haben würde. Ob auch der liberale Minister gefallen war: König Ludwig bewahrte sich die Freiheit des Denkens und Entscheidens, und niemals traten seine wahren Gesinnungen so plastisch hervor, wie in den Zeiten des vatikanischen Konzils und des beginnenden Altkatholizismus, als er über einen Mann wie Döllinger seine schützende Hand hielt, und jede Beeinflussung zu seinen Ungunsten unwillig und entschieden zurückwies.
Seit dem' Rücktritt Hohenlohes und dem Tage von Versailles verlor sich das ohnehin geringe Interesse Ludwigs II. an politischen Dingen immer mehr; er empfand zu sehr den Verzicht! auf zahlreiche überkommene Rechte, den das neuerstandene Reich von ihm forderte, und es mochte ihm nicht leicht falle», sich einem Kaiser aus dem Hause der Hohenzollern zu beugen, nachdem das Haus Wittelsbach dem alten Reiche drei Kaiser gegeben hatte Und noch in den Tagen des Dreißigjährigen Krieges sein großer Ahnherr, Kurfürst Maximilian I., nach.der Krone der- Habsburger gegriffen hatte. , ,
Er zog sich in die großartige Einsamkeit der Alpennatur zurück. Seit er feiner Hauptstadt entfremdet- wär, weil sie auf seine hochfliegenden Pläne und Entwürfe zur Erbauung eines Festspielhauses jenseits der Isar nicht entging, und Richard Wagner zum Verlassen Münchens veranlaßt hatte, mied er seine Residenz; die Beziehungen zu dem Künstler erkalteten nicht, aber in München wurde der König ein Fremder, der sich dort nur so lange anf-
hielt, Ivie es ihm die Bestimmungen der Verfassung vorschrieben.
Einsam mochte der König inmitten feiner Berge feilt; aber er fühlte sich glücklicher als in dem Treiben der Menschen: „Sie scheinen zu glauben", schrieb er damals an eine Dame, „ich wäre überhaupt unglücklich; dem ist nicht so, int Großen und Ganzen bin ich froh und zufrieden, nämlich auf dem Lande, im herrlichen Gebirge: elend und betrübt, oft im höchsten Grade melancholisch bin ich einzig.und allein in der unseligen Stadt! Ich kämt nicht leben in dem Hanch der Grüfte; mein Atem ist die Freiheit! Wie die Alpenrose bleicht und verkümmert in der Sumpfluft, so ist für mich kein Leben als int Licht der Sonne,: in dem Balsamstrom der Lüste! Lange hier (in München) zu fein,^toäre mein Tod."
In den geliebten Bergen verbrachte der König fürderhin seine Tage, in ihnen entstanden seine Schlösser, wie sie ihm der Geist vor die Seele stellte, vor allem Linderhof und auf dem Gipfel des Berges, Hvheitschwaugau gegenüber, das unvergleichlich schöne Neuschwanstein:
Wie int Traum ich ihn trug Wie mein Wille ihn wies, Stark und schön Steht er zur Schau Hehrer herrlicher Bau. . . , In Neuschwanstein begann die Tragödie, hier ereilte ihn die Proklamation der Regentschaft, und von hier aus führte ihn der königliche Wage» am Gestade des Starnberger Sees entlang nach Schloß Berg, wo wenige Tage später seine Leiche ausgebährt wurde.
Vor feinen Augen versank die.Welt mit ihrem Niedrigen und Unrechten, Und doch störten ihm qnälende Gedanken seine einsame Ruhe. „Daß ich oft von einem wahren Fieber des Zornes und des Hasses erfaßt und befallen werde, mich voll des Ingrimms abwende von der heillosen Aüßemvelt, die mir so wenig bietet, ist begreiflich. Vielleicht mache ich einst meinen Frieden mit der Erdenwelt, wenn alle Ideale, bereit heiliges! Feuer ich sorgsam nähre, zerstört sein werden. Doch wünschen Sie das nicht! — Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und andern."
Lauernde Augen, die sonder Schonung fein eigenstes Leben in die Oeffentlichkeit zerrten, verfolgten ihn auch in seine stillen Berge. Wohl flammte er anfänglich in wildem Zorn empor, menit er sich und sein Innenleben vor aller Blicken ausgebreiteh sah, dann aber berührte es ihn nicht mehr. Er hatte sich mit sich und so mancher, von der Welt nicht verstandenen Eigenart seines Wesens und seiner Natur abgefunden, er hatte, um an ein Dichterwort anzuknüpfen, aufgehört, sich vor sich selbst zu entschuldigen. Nichts sollte mehr, zu ihm bringen, immer mehr verschloß er sich vor den Menschen, bie Nacht machte er zum Tage, während er das Licht des Tages mied.
Niemaub kam Mehr zu ihm, aber der Wahnsinn fanb den Weg in bie einsamen Königsgemächer. Sein Gefühlsleben verzerrte sich allmählich ins Maßlose, Liebe und Haß wechselten nach Laune unb Stimmung, unb bie bringende Finanznot, bie ihn verhinderte, feine ins Phantastische schweifenden Baupläne zur Ausführung zu bringen, peitschte mit immer neuen Sorgen unb mit immer neuen Plänen und Gedanken das rastlos hastenbe Gehirn. Dunkle Gestalten beäugten sich in seine Nähe, nicht zum wenigsten durch ein ständiges Gelbbedürfnis herbeigeführt — und er, der ein Herr fein wollte über alle, wurde der Spieb- ball niedrig geborener und niedrig bcnicnber Personen. Der Staat, dem der Jugendliche einst seine Kräfte zu weihen versprochen hatte, forderte seine Rechte, die Abneigung gegen jede ernste Tätigkeit int öffentlichen Interesse rief Stockungen und Schädigungen hervor, bereit Verantwortung bie Ratgeber des Königs nicht mehr übernehmen zu können erklärten. So kam der iO. Juni 1886, an dem Prinz Luitpold von Bayern, des Hauses ältester Agnat, schweren Herzens und mit zitternden Zügen seine Unterschrift unter das Dokument setzte, wodurch bie Regierung König Ludwigs II. von Bayern gewaltsam beendet wurde. Tas Weitere ist bekannt.
Mait mag den König'zu ergründen streben, aber ein eigentliches Charakterbild mit allen Feinheiten seines Denkens und Fühlens wird einer kommenden Generation Vorbehalten bleiben. Wenn erst die Siegel gebrochen sind, bie heute noch auf feiner! Hinterlassenschaft ruhen, wenn vielleicht auch bie Archive Wahn- sriebs reden, dann erst wirb bas Bild bes Königs aufs Neu« erstehen, aber nicht mehr legendarisch und sagenhaft umwoben, sondern historisch unb echt. In der Grabkapelle der Mtchacls- hofkirche in München steht auf erhöhtem Postament der mächtige Sarg, der die Gebeine des toten Königs umschließt, ihm zur Seite wartet bereits der steinerne Unterbau auf den Sarg seines Bruders, des Königs Otto, für den der jetzt 90jährige Prinzregent Luitpold die Regentschaft führt. „Tie Kinder sind unsere ganze Freude", schrieb int Jahre 1853 bie Königin Marie von Bayern an eine vertraute Freundin des bayerischen Hofes, ohne bas furchtbare Schicksal zu ahnen, welches über beiden schwebte unb den ältesten der Brüder einem jähen unb tragischen Tode eilt» gegenführte, . ! , _ .
Wer in bie Gruft bet bayrischen Herrscher hiiiabstetgt, habet über bem schweren Eingangsportale bie schönen Worte Quod


