Ausgabe 
12.6.1911
 
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Ich war in feinen letzten Tagen um ihn. Meine Pflicht als Sohn, der ich blieb wie vorerst, habe ich erfüllt. Es war ein Trost für ihn, der nun allein stand, mir am Ende die Hand zu drücken. Dann kehrte ich heim, ernst, nach­denklich. Es ivar, als sollte alles weggelöscht werden aus t)n Tagen meines Glückes.

Ta fand ich einmal, als ich altes Zivil verkaufen wollte Und die Taschen nachsah, daß nichts stecken bliebe, einen nicht geöffneten Brief. Ich sah ihn erstaunt an. Jahrelang hatte er dort geruht. Es war die Antwort des Hotels in Pernese, als ich damals auf Marias Wunsch angefragt hatte, ob unsere Bank noch stände. Ich riß sie auf und! las die Worte, eine Auskunft, als hätte ich ein Zimmer bestellt.

Jawohl, die Bank stand noch, und sie hofften, wir wür- deil bald eintreffen, und fragten an, ihrer Verfügungen halber, um welche Zeit etwa und wie viel Räume sie zurück- halten sollten.

Mit einem Lächeln tat ich den Brief fort. Er rührte mich nicht mehr nach diesen langen Jahren! Und da war es mir, als ich mit dem Brief in der Tasche allein einen Ritt machte, als läge mein und Marias Glück so Weit in nebel­hoher Ferne, so weit etwa wie meine Jugend.

Ich hatte diese Frau geliebt, wie ein Mann sein Weib nur lieben kann. Ich hatte alles mit ihr geteilt. Ich hatte ihren bitteren Tod erlebt. Es schien, als sollte ich den Verstand verlieren. Ich hatte nicht essen und denken können, als wäre es mir versagt, weiter zu leben.

Und die Fahre waren gekommen, und hatten an der Erinnerung gezehrt und gefressen, das Bild der Toten ge- ucodelt und geändert, und heute dachte ich au das alles wie an einen fernen Traum. Was ist Menschenwerk und Menschenherz? Eine Liebe über das Grab hinaus, leine Liebe aus ewig? Nach wenigen armseligen Jahren ist sie verblaßt wie ein Stoff, der jahraus, jahrein in der Sonne liegt, von dessen leuchtender Pracht und Schönheit man in seinem stumpfen Gran nichts mehr ahnt.

. War es mein Herz, das einst so wandelbar gewesen in jungen Jahren, das den Eindruck nicht wahren konnte? Mir ward das Ereignis klar wie ein gräßliches Rätsel, und den ganzen Tag ging mir der Gedanke int Kopfe herum: War ich untreu, daß ich so schnell vergaß?

Aber bann saß ich abends am Schreibtisch nnb nahm noch einmal Briefe vor von Maria, und wie ich diese Zeilen las, trat mir ihr Bild wieder vor Augen.

Ich sah das Datum an. Sieben Jahre. Wird man anders in dieser Zeit? Häuten wir uns denn wie Am­phibien? Ich dachte so ruhig zurück. Dankbar wohl, aber doch fast, als ginge das mich nichts mehr an. Es war un­abänderlich, ich hatte mich längst in den Gang meines Lebens gefügt.

Was lag noch vor mir? Meine Schläfen waren ergraut, auch auf dem Scheitet begann es, weiß zu werden. All der Drang und Jugendmut hatte sich gekühlt. Lächelnd sah ich in der jungen Generation das wieder aufblühen, ivas ich einst gewesen war.

Längst hatte ich ein Regiment. Meine lieben jungen Kerls im Elsaß traf ich hier und da wieder, einen hatte ich bei mir selbst, sonst sah ich nichts mehr davon. Auch diese Zeit der Genesung lag abgeschlossen hinter mir.

Ich hatte hier und da einen dienstlichen Aerger, und mein altes Temperament, das sofort beim Abschicdnehuten gewesen, zuckte wohl in mir auf, und ich sagte: Beim nächsten Mal gehe ich. Aber ivas dann?

Tas Nichts schaute mir entgegen. Bon Marias Seite, wie ich erzählt, ivar alles dahin. Ich selbst stand allein. Was mit mir einst in jungen Leutnautsjahreir getobt, ge­tanzt, geritten und geliebt hatte, war nun still/verändert, ruhig, ganz still zum Teil geworden, denn Dutzende weilten nicht mehr unter uns.

Ich nahm einmal die Rangliste vor aus meinem ersten Leutnantsjahr und las die Namen. Mein Gott, was war aus ihnen allen geworden! Der über die Höhe, jener tot, der verunglückt, der sozial herabgekommen.

Ta ward mir sehr ernst zu Sinn, und wie ich am Spiegel vorüberging, sah ich mich noch einmal an. Wirklich beinahe weih; Furchen um die Augen und in den Wangen. Ich wurde alt.

Aber da kam der Dienst und frische Tätigkeit, und die Stimmung ging wieder vorüber. Und wieder eines Abends, als ich still in meinem Zimmer saß der Kommandeur

konnte nicht mehr so mit feinen Leutnants verkehren tote der Major da bedrückten mich abermals die Gedanken an die Vergangenheit, an das Sterben der Freunde, an die Zukunft, an mein Alleinsein. Ja, ich fühlte mich allein, sehr allein.

Ich blätterte in dem dicken Buche der Erinnerung, und da tauchte eine Gestalt vor mir auf. Ein Mädchen, nicht schön, tticht einmal hübsch. Blond, schlank, mit stillen blauen Augen.

Ich dachte an sie zurück, die meine ersten Jugendsah're begleitet, die ich einmal geglaubt hatte, mir zu gewinnen, die mir wieder entwichen, war unter den Händen, ich begriff selbst nicht toie! Ich dachte daran, wie wir uns Fahre ent= fernt, und wie sie nach Jahren, immer nach Fahren wieder ausgetaucht und in meinen Gesichtskreis gekom- men war.

Mir stand vor Augen, wie lieb Maria sie gehabt hatte. Ich sah dies zarte, bescheidene Wesen in dem schwarzen Kleide, wie sie, da alles zu Ende gegangen, ztt mir sprach: Heimgegangen".

Ihre Hand wollte ich fassen. Sie wäre mir ein Trost gewesen in der Einsamkeit. Wo weilte sie? Wie kam es, daß ich jahrelang nichts von ihr gehört? Sie war mir aus den Augen, aus dem Gesichtskreis entschwunden. Und nun in der Stille meines Zimmers stand sie wieder vor mir wie einst in guten Tagen, und ich hörte ihre Stimme, die so anders klang als die Marias, und doch ebettso weich, weiblich, zart war und lieb.

Ich hörte sie zu mir sprechen damals in der jungen Leutnantszeit, als mein Herz so stürmisch schlug. Sah sie vor mir, als ich ihr gebeichtet hatte, daß ich jene gefunden, die mein Leben teilen sollte. Und eine große Sehnsucht überkam mich in meiner Einsamkeit nach diesem lieben^ einfachen Geschöpf. Es war mir, als wäre nichts übrig, nur sie. Der einzige Rest meiner Vergangenheit, ein Ver­mächtnis meiner Maria.

Ich träumte davon, wir säßen hier zusammen und sprächen von einst. Sie, der einzige Mensch, zu dem die Brücke ging in das Land der Jugend. Ich überlegte. Konnte ich ihr schreiben? Aber wohin?

Wie war es möglich, sich mit ihr zu treffen? Ich fand, daß nur der Zufall es geben konnte. Ich wollte bei Be­kannten anfragen, die sie vielleicht auch kannten: Habens Sie nichts von Fräulein von Leristow gehört?

Ich begriff nicht, daß ich die Jahre nicht an sie gedacht hatte. Ich verstand nicht, daß ich ihr nicht begegnet war. Einmal mußte man sich doch treffen. Und doch, wie? Sie kam nicht in die Garnison, und wenn sie vielleicht in Berlin geweilt hatte, mochte ich wohl nicht dort gewesen feilt. Zu­fall Zufall alles im Leben!

Immer mehr stieg in mir die Sehnsucht sie ztt sehen. Was wollte ich von ihr?

Reden von früher, ach, nur sie Wiedersehen. Wie sah sie wohl aus? Sie war älter, als ich. War sie auch grau geworden? Plötzlich kam mir ein Gedanke: Lebte sie noch? Aber ich hätte ihren Tod erfahren. Nein. Wenn ich von der Lebenden nichts hörte, wer sollte wissen, daß ich sie gekannt hatte?

Und ein anderer Gedanke schlich sich in meine Seele: Vielleicht hatte sie einen Mann gefunden. Hätte sie es mir nicht angezeigt? Vielleicht nicht. Gerade nicht. Und! doch?.....

Immer, wenn ich in dieser Zeit allein in meinem Zimmer saß, krampfte sich an meine einsame Seele leise der Gedanke an Herzeloide.

(Fortsetzung folgt.)

Ludwig II.

Zn feinem 25. Todestage, 13. Juni 1911.

Von Dr. Karl H n u ck (München).

Es war am Abend eines trüben, naßkalten 'Junitages, als in den Fluten des Starnberger Sees bei München ein Leben endete, das längst in einer Traumwelt untergegaugen war. Das Ge­heimnis, das sich sagenhaft um die letzten Sinndeil Ludwigs II. spann undewig" über der düster» Tragödie 'zu liegen schien, ist längst entischleiert man weiß heute, daß er sich nicht wie zum- Schlafe in die Tiefe des heimischen Bergfees uiedergleiten ließ, sondern daß ein Herzschlag dem durch den vorausgegangenest Kampfe mit seinem Arzte, aufs höchste erregte» Maime ein plötz­liches Ende bereitete. Noch immer aber ist König Ludwig II. von Bayern weit mehr ein König der Legende .als der Geschichte;