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tzerzkloide.
Komiin von Georg Freiherrn von O mp ted ct.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
'Ich habe in jenen Jahren nicht Zeit gehabt, trüben Gedanken nachzuhängen. Ich habe gearbeitet und in junge Menschen Seelen eingepflanzt nach meinem Vermögen. Kein großes militärisches Licht bin ich gewesen, kein Mann mit den roten Streifen; aber ich habe versucht, ans dem Platz, wohin mich mein König gestellt, meine Pflicht zu tun und zu arbeiten. In jenen Jahren empfand ich, wie niemals noch, den Segen der Tätigkeit.
«tat frühen Morgen ging es fort zu Pferde hinaus zum Dienst, und immer wenn ich ausstand, dachte ich ruhig an jedem Tage, den Gott werden ließ, an meine Maria. Jeden Abend, wenn ich nach des Tages Mühe und Frohsinn mein Laaer aufgesucht, habe ich auf dem Bettrand gesessen, und wieder waren all meine Gedanken bei der, die mich unsäglich glücklich geinackt hatte. Ihr Segen leuchtete über mir so stark wie am ersten Tage.
Das Bild der Toten ist in meinem Herzen aufrecht geblieben. Wie ich in den Tiroler Bergen empfand, daß es anfing, sich zu verklären, die kleinen Wesenszüge schwan- den, so arbeiteten die Jahre weiter. Es blieb von meinem Weibe nicht mehr der Erdenrest, die Schlacken, so lieb und gut auch Kleines, Kleinliches an ihr gewesen. Verklärt ward mir ihre Gestalt, gleich einem Engel umschwebte sie mich. Sie bedeutete für mich Segen. Nur Segen.
Ich habe mich gefragt, wenn ich vor einer Entscheidung stand: Was würde Maria dazu sagen? Es war mir, sobald ich eine Freude gehabt, als müßte ich sie ihr mitdeilen. Formten die Lippen auch keine Worte, so glitt doch der Gedanke zurück zu der, die einst mein Weib gewesen war, und ich sagte mir: Das hätte sie glücklich gemacht. Ja, ein Segen ging von ihr aus. Ein Segen, der mein Lehen wie ein stilles Licht umstrahlte, der mir Ruhe gab und Heiterkeit.
Ich habe es bald über mich geiuonncn, mit den Menschen von ihr zu reden. Mit guten Freunden, mit unserem Adjutanten, einem jungen, lieben, prächtigen Kerl, der mir am nächsten stand in diesem Freundeskreise unseres Regiments. Er hatte nie gefragt, es kam von felbst. Ich öffnete ihm mein Herz, ich sagte, auch ich sei einmal glücklich gewesen. Ich habe ihm von meiner Frau erzählt und, an meinen Worten mich entzündend, eines Abends, als er mir noch einen Befehl brachte, stundenlang mit ihm gesessen.
Ich habe ihm berichtet, wie wir uns gefunden damals hort unten am Meer. Wie wir sofort gewußt: eins sei bestimmt für den anderen. Bon der Zeit in dem kleinen Ort
habe ich ihm erzählt, von der Krankheit und von jenem langen, langen Sterben.
Kein Wort hat er gesagt. Er drückte mir. nur die Hand. An etwas Seltsamem merkte ich, wie bewegt er war und wie er es ausgenommen, was ich ihm anvertraute. Als wir schieden, nannte er mich nicht ein einziges Mal mehr „Herr Major". Sein „Sie", das undienstlich immer wiederkehrte, schien mir zu sagen: Heute spricht allein der Mensch zum Menschen.
In jenen Jahren habe ich jedes Frühjahr, jeden Herbst das Grab besucht. Der kleine .Hügel war nnn dicht bewachsen, hoch nmstauden. Eine schmale, niedrige Brüstung lief Darum, kein Gitter. Maria fottte nicht abgeschlossen sein. Es war mir, als müsse man frei nach allen Seiten blicken können. Die beiden Zypressen, die ihr zu Häupten i standen, waren groß geworden im Laufe der Zeit. Rosen blühten über dem Kreuz, ein dicker Teppich hatte den ganzen ' Hügel überwuchert, und nur die Worte der Schrift waren herausgeschnitten aus dem dichten Grün: „Die Liebe höret nimmer auf."
Ich habe oft zum Urlaub ein paar Tage zngebracht dort unten in Meran, und immer war ich draußen, wie einst in den dumpfen Zeiten, auf den Höhen rund am gesegneten Tal: in Mailing, im Naiftal, an der Fragsburg, in Schloß Tirol. Dort saß ich ganz allein und blickte wie früher nieder auf den kleinen Fleck des Friedhofes. Dann reiste ich still wieder ab, wie ich gekommen. In mir war es ruhig. Mein Geist war gefaßt. Ich hatte das Gleichgewicht meiner Seele wiedergesunden. Nur mein Herz, mein Herz war tot.
*
Sind wir nicht seltsam, wir Menschen alle, daß toiti meinen, wir könnten nie gesunden, tu eit n uns ein Leid traf — und nach ein paar Jahren sind wir gesund?
Die Jahre gingen und gingen, und mir, der ich übrig geblieben war von uns beiden, ward die Pflicht, zu leben und tätig zu sein, die Pflicht des Tages. „
Es schien, als sollten die Bande, die ernst geknüpft, allmählich gelöst werden. Marias Mutter war gestorben. Nicht am Kummer allein, wie die Menschen meinten, die da behaupteten, sie habe sich vom Verlust der Tochter nicht erholen können, nein, sie starb nach einer Operation in der Klinik. Und der Geheimrat folgte ihr bald darauf. „ < . ~ ,
Wir hatten uns wenig gesehen. Jedes Jahr nur trafen wir uns. Zweimal war ich mit ihnen in Meran znjammeu. Aber dann kam der Urlaub zu verschiedener Zeit. Er ging in die Berge und, nachdem seine Frau gestorben, mehr noch denn früher. Da hat der alte Steiger sich übernommen. Bei einer Erpedition am Montblanc mutzte er wegen Schneesturmes dreimal auf den Gletschern biwakieren. Davon hat er sich nie wieder recht erholt. Er ging langsam dahin. Er löschte aus. Eine Krankheit wußte der Arzt Mir nicht anzugeben.


