Ausgabe 
12.4.1911
 
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Osterfeuer.

Sktzze ton Else Krafft (Karlshorst).

Aberglauben", sagte sie und lachte ihn aus',Dumm­heit, weiter ist das nichts. Ich hätte nicht geglaubt, daß die Leute hier zu Lande noch so weit in der Kultur zurück­wären."

Er schüttelte den Kopf. Ihr Lachen regte ihn auf. Wenn sie wenigstens nicht so wunderbar schön gewesen wäre, diese Ilse Brandenfels. Und was hatte sie denn hier bei dem alten, unverheirateten Onkel auf dem Lande zu suchen? Warum kam sie überhaupt so oft? lieber alles machte sie sich lustig, den Wald fand sie zu klein, die Wiesen zu stach, die Zimmer' im Gutshaufe zu niedrig, und den Park zu altfränkisch. Wer weiß, wie sie sich im Stillen auch über ihn lustig machte, den einfachen Gutsverwalter, der außer seinem ehrlichen Namen und seinem warmen Herzen

Geldeswert nichts weiter besaß, als die im Jahr ver- hiMten tausend Taler des alten, knurrigen Junggesellen.

Als sie fein finsteres Gesicht sah, lachte sie noch mehr. Wie stand neben ihm auf der Landstraße, die links und rechts von jungen Birken eingefaßt war, und blickte neugierig über dre Felder hinüber, wo aus ernem großen, steten Platz Burschen des Dorfes Holzscheite von einem Wagen luden, und übereinander auffchichteten.

Sie tun da wohl auch mit, Herr Verwalter?" spottete sie.Holen sich auch so ein Liebeszweiglein heute abend, und halten es fromm und ängstlich in's Osterfeuer. Ich wette, es brennt sofort lichterloh . . . ."

Sie mögen recht haben," sagte er müde.Darum ver­suche ich das Schicksal erst garnicht. Ich wüßte auch nicht, wessen Liebe und Treue ich dadurch erproben sollte."

Sie Glücklicher!" antwortete Ilse Brandenfels spöttisch und schlug dabei wütend mit der Hand nach einem harm­los vorbechastenden Frühlingskäfer.Ich wüßte hundert, die mich anbeten. Aber so verliebt und töricht wie die Banernmädels hier ist man doch Gott fei Dank noch lange nicht, um heute abend zum Osterfeuer zu laufen ulrd dre Birkeureiser da mrzubrennen. Der Unfug müßte verboten Werden! Ich werde es mal Onkel sagen. Lächerlich ist solch ein Aberglaube: Wenn die Spitzen des Zweiges verkohlen, wird man nicht geliebt, wenn sie aber im Feuer grün bleiben ... /I

Dann sollten Sie mal die Jauchzer hören heute abend," vollendete er.Man darf sein Zwerglein zwar nur solange im Feuer lassen, bis man das Jahresalter des betreffenden Burschen oder des Mädels gezahlt hat."

Ilse verzog den Mund.Ojeh, . . . auch das noch! Da müssen wohl die Kinder hier in der Dorfschule das Geburtsregister aller Anwohner auswendig lernen? Ich gratuliere. . . Henningsdorf ist wirklich, um gut hundert Jahre zurück. Sind Sie nicht stolz, diese Herrlichkeit hier schon fünf Jahre zu verwalten?"

Ja," sagte er ruhig.Ich habe dieses schöne Fleckchen Erde int Laufe der Zeit lieb gewonnen. Es ist ein guter Menschenschlag hier, ebenso gut wie der Boden, aus dem wir die reichen Ernten haben. Und ich denke oft, der Früh­ling kommt zu uns früher als 511 andern Fluren, . . . sehen Sie, zu Ostern schon ist alles grün, die Apfelbäume und Kirschen blühen am Wege, und die Schwalben und Störche sind auch längst da. Und aus deut Osterfeuer, das heute abend brennen wird, fliegt die Poesie durch das Lartd, macht die Herzett feftfreubig, und uns Große ztt Kindern, die an «in AttferstehungSwunder glauben. . . ."

Er hatte sich warm gesprochen. Schade, dachte Ilse, daß er nur Bertvalter, und nicht Herr des Gutes ist. Er spricht wie esu Dichter, itjtb sieht aus wie ein Gott.... Ste vergaß ihr Lachen. Aber sie ärgerte sich über jedes Getier am Weg, und als sie am Hostor angekommen waren, jagte sie aus einem ihr unerklärlichen Vernichtungsdrang eine ganze Schar junger Hühner in die Flucht. Und sie lief von dem Mann fort, ohne Wort und Gruß, beinahe tote vor sich selber fliehend.

Hellmut war allein weiter geschritten. Er war an Rücksichtslosigkeiten des schöneti Mädchens gewöhnt. Aber er biß doch immer wieder wie im körperlichen Schmerz die Zähne aufeinander, wenn er an die große Kluft dachte, die zwischen Ilse und ihm lag. Wenn der alte leidende Gutsherr hie Augen zutat, war das einzige Kind des verstorbenen Bruders Herrin hier in Hentiingsdorf. Er aber würde AM selben Tage seine Kündigung einreiMn. denn dann noch

weiter hier den Hof zu verwalten« würde über feine Kraft gehen.

Während der Mittagstafel sah er Ilse wieder. Sie plauderte fast nur mit dem Onkel. Er war meist mit allem einverstanden, was das Mädel von ihm verlangte. 92ur, als sie von dem Osterfeuer sprach, schüttelte er den Kopf, und erklärte sich machtlos diesen Volksgebräuchen gegen­über. Man müsse den Leuten ihre harmlosen Frettden lassen, wenn man willige Arbeiter haben wolle, meinte er. Drüben, Herr von Barnewitz, hielte es auch so, und wenn er morgen, am Ostersonntag zu Tisch herüberkäme, könne ihn Ilse ja gleich nach diesem Liebesorakel int Osterfeuer fragen. Und dabei zwinkerte der alte Herr lächelnd zu der Nichte herüber, die plötzlich, dunkelrot geworden war.

Hellmut erschrak. Er sah, wie Jlse's Blicke denen des Onkels auswichen, als er Barnewitz' Namen erwähnte. Der Gutsnachbar war fünfundvierzig Jahre, also doppelt so alt tote Ilse, aber es war ein sehr eleganter Herr, dessen Be­sitzung au Henningsdorf grenzte.

Gesegnete Mahlzeit," sagte Hellmut, noch ehe der Nach­tisch aufgetragen war.Ich muß auf's Vorwerk, die Leute warten . . . ."'

Gesegnete Mahlzeit," brummte Herr Brandenfels, in­dem er sich gleich wieder an die Nichte wandte.Na. . . sind die Festkuchen schon alle .gebacken? Künn die Oster- feier bald losgehn?"

Ilse nickte gewichtig, aber ihre Gedanken waren weit. Was fiel denn dem eingebildeten Verwalter plötzlich eilt? Lief der mitten im Gespräch fort, ehe die Tafel von ihr auf­gehoben >var! Was hatte er denn?

Beim Abendessen fehlte Ilse. Es war schon dunkel draußen, als sich die beiden Herren zu Tisch im Speise­zimmer einsanden.

Wo steckt denn das Fräulein?" fragte der Gutsherr das servierende Mädchen.

Ich glaube, auf ihrem Zimmer; die Herren sollten nur allein essen, hat sie gesagt . . ."

Was ist denn das wieder für eine neue Mode?"' knurrte Herr Brandenfels ungitädig.Heute am Ostersonn­abend geht man doch nicht um achte schlafen. Na, essen wir also .... das sind so Weiberlauneit. Seien wir froh, daß man denen nur ein paarmal im Jahre ausgesetzt ist. Wir schicken das Mädel bald wieder nach Hause, was, Franke?"

Hellmut nickte. Nur nicht merken lassen, wie es in seinem Innern aussah! Ruhig bleiben, solange Ilse da war.

Da plötzlich hoben beide Herren gleichzeitig die Köpfe. Durch die Fettster des großen Raunts kam rotes Licht ge­flossen, flackerte auf und erlosch, uttd flackerte immer wieder....

Das Osterfeuer," sagte Hellmut aufgeregt.

Der alte Herr lachte.

Und das lassen Sie sich entgehn? Jugend will doch Freud' haben! Warum laufen Sie denn nicht hinaus zu den Jungen?"

Hellmuts Züge versittsterten sich.

Ich bin heute nicht in Stimmung dazu."

,O>ho, die kommt! Ich war früher auch so ein Träumer wie Sie, utib bin doch mitgelaufen unb mitgesprungen um's Osterfeuer. Nebrigens .... tote jung Sie noch finit, weiß ich seltsamerweise erst seit heute. Damals, als Sie zu mir kanten, genügte mir Ihr Gesicht unb Ihr Handschlag. Ihre Papiere habe ich so gut wie garnicht angesehn. Naja. . . bis mich heute bte Ilse darauf brachte. Das Teufelsmäbel muß ihre Nase boch überall hineinstecken. Hat heute meinen ganzen Schreibtisch um unb um gekramt, ich habe beinah geglaubt, sie wolle da nach meinem Testament Umschau halten."

Hellmut saß bewegungslos da, und starrte in das lachende, rote Gesicht des alten Junggesellen.

Ja.... was wollte sie denn?"

Der alte Herr amüsierte sich sichtlich.

Sich als zukünftige Guts flau fühlen wahrscheinlich, das ivar alles. Ihre Papiere hat sie durchgestöbert, Namen und Alter ihres zukünftigen Verwalters studiert. Naja . . . und bei der Gelegenheit habe ich auch gleich erfahren, daß Sie erst sechsuudzwanzig Jahre alt sind; Menschenskind! Ta. müßten mir ja eigentlich um hundert Taler runter gehn, was?"

Aber er bekäme keine Antwort, Mer junge Verwalte«