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drei, Stoch einer halben Stunde, als auch die letzte Hoffnung, daß er noch kommen könne, vorüber war, ließ eine ihren Kopf uns die Kissen sinken und hatte nur noch das eine Gebet: „Laß mich sterben, lieber Gott! Laß mich bald sterben, mich und das Kind, bald, bald, gleich!"
„Wenn sie nur schlafen könnte!" dachte die Kosh trostlos und sah in die starr zur Decke gerichteten Augen ihrer Frau, lief im Zimmer hin und her, sah in den wirbeln- den Schnee draußen und kam wieder ans Bett zurück, und wie sie sich gar nicht anders zu helfen wußte, faltete sie ihre Hände und betete laut, betete so inbrünstig, wie sie im Sommer zum lieben Gott um die dritte Hypothek gebetet hatte, und Erwin faltete auch seine Händchen und betete; Frau von Hilbach sah starr zur Decke und betete auch: „Sterben, lieber Gott, bitte, bitte laß mich sterben!" — r—
Selbst wenn wir ganz im Eilschritt des Doktors Erlebnisse in diesem, für die arme Frau von Hilbach so ereignisvollen Jahr wiedergeben wollten, ivenn wir auch, nur in großen Strichen zu schildern versuchten, wieviel einer zu 'kämpfen hat, der nie im praktischen Leben gestanden, und nun den Willen hat, im Zeitraum von dreihundertfünfundsechzig Tagen eine Existenz für sich und zwei andere Menschen zu erringen, es würde zu weit fuhren, und die Geschichte des Witwenhauses und all seiner Bewohnerinnen soll jetzt zu Ende kommen.
Gekämpft hat unser Doktor in seiner Art ebenso tapfer wie das arme Weibelchen, und wie sie, so war auch er oft verzagt gewesen und bereit, die Waffen aus der Hand zu werfen; denn es mögen wohl nur wenige wissen, tote merkwürdig das für eilten ist, der nie ums tägliche Brot 511 kämpfen hatte, wenn er plötzlich in den großen Ameisenhaufen derer geworfen wird, die ja so unermüdlich schassen und hasten und streben, um etwas so Aeußerliches, um Gut und Geld zu erlangen. Und immer wieder, wenn den Doktor ein Widerwille erfaßte, wenn es ihm unwürdig erschien, nach Geld und äußeren Besitz zu hasten, drückte ihm der Gedanke an das Weibelchen von neuem die Waffen in die Hand und ließ ihn nicht müde werden, so oft sich ihm auch nette Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten in den Weg stellten.
Bis zur Mitte des Jahres hatte er aussichtslos gekämpft, hatte auch schon die Feder in der Hand gehabt, um ihr zu schreiben, daß sie ihn aufgeben solle, aber wie der Brief fertig geschrieben vor ihm lag, zerriß er ihn und fing von neuem au; aber je weiter das Jahr vorschritt, desto mehr ebneten sich ihm die Wege, — — und seit zwei Tagen wußte er endlich, daß er gesiegt hatte, daß er rn wenigen Monaten das Weibelchen und dessen Kind und die alte Kosh zu sich holen konnte.--—
„Wenn sie nur schlafen könnte!" sagte die Kosh immer wieder, lief im Zimmer hin und her, sah auf die Uhr, trat ans Bett, schüttelte den KVpf und lief wieder ans Fenster.
„In zehn Minuten zwölf! Wenn sie die Glocken läuten hört, verliert sie vielleicht den Verstand!" jammerte sie. — Dann plötzlich ging es tote ein Ruck durch ihren Körper, und Erwin ivar aus dem Bett gesprungen uttd klammerte sich an sie.
Es war jemand vorbeigegangen, und jetzt drückte einer die Klinke an der Haustür nieder, und Frau von Hilbach stand tot langen, wetßen Nachtkleid mitten im Wohnzimmer- chen: ihr Gesicht war so weiß wie ihr weißes Kleid, und die Kosh war mit Erwin zur Haustür gerannt.
„Mein Gott! Mein Gott!" sagte sie nur und ihr ganzer Körper bebte vor Schluchzen. Der Doktor kam gerade noch recht, um das zitterttde Weibelchen in seinen Armen aufzufangen. Wie er sie auf das Sofa an seine Brust gebettet hatte und ihre weiße Stirn küßte, schlug sie die Augen auf, schlang die Arme um ihn uttd konnte «ur weinen und sagte kein Wort, und der Doktor wußte in diesem Augenblick, wie nötig es gewesen, daß er noch in, dieser Nacht den weiten Weg durch den Schnee ins Mtwenhaus zu seinem Weibelchen gelaufen war.
Draußen begannen die Glocken zu läuten. Es schlug Mitternacht, und auf der Wilhelmsburg spielten sie denselben; Choral wie im vorigen Jahr. —
„Prost Neujahr, Herr Doktor! Prost Neujahr, Frau von Hilbach!" sagte die Kosh schluchzend. „Das war ein schweres Jahr, Herr Doktor! Aber nu wird ja alles gut! Das erzählt Ihnen die Frau später alles, Herr Doktor, auch daß wir unser Haus verpachtet haben, well sie ja alle verrückt geworden sind!"
Sie mußte so heftig toeilten, daß sie nicht weiter reden konnte, und der Doktor drückte chr die Hand wie einem alten, guten Freund.
Da oben auf der Wilhelmsburg! spielten sie immer noch das schöne Kirchenlied und die Klänge drangen ins stille Zimmer. Weil aber die Kösy so ganz durchdrungen war von dem Glück und der Seligkeit dieser Stunde, zog sie Erwin, der sich an sie geklammert hatte auf die Knie und kniete selbst nieder, vergaß den Doktor und Frau von Hilbach und ihre ganze Umgebung, und sang laut und feierlich, als ob sie in der Kirche säße:
„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr Und Waffen."
Noch heute steht das alte Mtwenhaus, in dem nun keine Witwen mehr wohnen, am Saaleufer, grau, lang und eintönig, so wie es zu der Zeit dagestanden, da es die acht Witwen beherbergte.
Die niedere Haustür singt noch immer, wenn man sie öffnet, aber sie ist nicht mehr braun; ein maigrünes Kleid! hat sie bekommen; alle Fensterrahmen sind maigrün gestrichen, und rings um die vielen Fenster der Front ist ein rosa Streifen gemalt worden.
Aber das alte Saalehaus ist darum nicht jung geworden, sieht nur aus, wie eine alte Kokette, die sich ein buntes Kleid angelegt hat und Jugend vvrspiegeln will.
Manch einer, der es von der Brücke aus sieht, mag denken: „Schade, daß an diesem schönen Fleckchen Erde solch alter Kasten steht!" — Aber einige von denen, die int Sommer ein Paar stille Wochen vom Lärm der Großstadt in den niederen Zimmern ausruhen, denken doch gern an das alte graue Haus, an das rauschende Wehr und au den schönen Blick auf Wasser, Wald und Burgen zurück. —
Das Gärtchen ist schmuck und besser gepflegt, als zu den Zeiten, da die Kösy es allein versorgte, und drinnen in den vielen Zimmern schwebt noch immer der leise Moder- dnft von früher. —
Und doch ist etwas verändert! Das fühlt Frau von Hilbach ein jedes Mal, wenn sie im Spätsommer mit ihrem Mann und ihrem Kind ein paar Wochen in ihrem Hause weilt.
Wielleicht ist's wahr, daß das Mtwenhaus eine Seele hat und verstanden sein will, vielleicht hat es ihm mehr Freude gemacht, die acht einsamen, weltfremden Frauen zu beherbergen, als die ruhigen, normalen Menschen, die es jetzt bewirtschaften und die es so ganz und gar zum Geschäftshaus herabgewürdigt haben.
Auch die Kosy hat es beim ersten Besuch, den sie mit Doktors dem alten Witwenhaus abstattete, gleich heraus gehabt, daß da etwas verändert ist, aber sie findet ebenso- toenig eine Erklärung dafür als ihre Herrin. Nur der Doktor lächelt und sagt: „Ich hab euer altes Witweiihaus liebgewonnen und verstehe es. Da kann schließlich das vernünftigste Haus nicht vernünftig bleiben, wenn es so närrische Bewohnerinnen hat!"
Aber die Kösy, die gern das 'letzte Wort behält, antwortet: „Abwarten, Herr Doktor! Das schläft sich nur aus von all feinem Unfug, Wer einmal so veranlagt ist wie unser Witwenhaus, der bleibt auf die Dauer nicht vernünftig; das ist genau wie ein Mensch, der von Natur ein närrischer Kauz ist; für ein paar Monate oder Jahre kann der auch mal ruhig und vernünftig sein, aber trauen darf man so jemand nicht und was die Annahme vom Hernt Doktor betrifft, daß die Verrücktheit von uns aus- ging, so möcht ich doch--"
„Gut, gut!" beschwichtigte der Doktor und schneidet der Alten Redestrom ab: „Warten wir ab, was es uns noch bringen wird!"
Die Kösy ist gleich zufrieden mit Slefer Antwort und sagt nur noch: „Die Hauptsache ist ja, daß unsere Frau daraus erlöst ist und einen so guten, lieben Mann ben kommen hat!"


