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euf bent Tische stand und daß der kleine Bub rote Wangen und stramme Beinchen betont.
Je mehr aber Fran von Hilbach sich unter der Kosh Pflege körperlich und seelisch erholte, desto heißer und drängender flog ihre Sehnsucht heraus aus dem alten Haus. Wunderliche, beunruhigende, heiße Wünsche wachten in ihr auf; ihr war, als müsse es in ihrer Macht liegen, die kalte, betrückende .Gegenwart wie ein altes, lästiges Kleidungsstück abwerfen zu .können, und wenn sie dann einsah, daß es nicht ging, daß ihre Armut ihr grausame Fesseln auferlegte, dann gab sie sich wohl für Tage einer Langen Verzweiflung hin, und wenn die Stürme ansgetobt und sie müde gemacht hatten, dann kehrte sie still und ergeben in ihre Traumwelt zurück, und was die Wirklichkeit ihr versagte, das erfüllte sich ihr in ihrer Phantasiewelt.
Mit der Pastorin konnte sie ab und zu gut über solch merkwürdige Dinge, die der Kosh Begriffsvermögen zu fern lagen, reden, und es tat ihr wohl, wenn die alte Frau mit ihr schwärmte, trauerte und hoffte.
„Was ist wohl mehr, Frau Pastor," fragte sie an diesem dunklen Herbstabend, der so recht zum Grübeln und Sinnen geschaffen schien, „was ist wohl mehr: Liebe oder Ruhm?"
Die Pastorin sann eine Weile nach.
„Ja, Herzchen, das ist schwer zu sagen, dem einen gilt das eine, dem andern das andere mehr. Ich sollte meinen, Liebe wäre das Bessere t— ein Herz zu wissen, an das man sich anlehnen kann. Was ist dagegen der Ruhm, der äußere Erfolg?"
Aber Frau von Hilbach widersprach.
Die Liebe sei etwas so Vergängliches! meinte sie; und Vor allem etwas so Unsicheres; heute glaube man, ein Herz zu besitzen, und morgen sei cs einem schon fremd. -„Nein, ich sehne mich nicht nach Liebe, Fran Pastor, ich möchte einmal größer werden, als andere Frauen. Wissen Sie, so, daß es einem ist, als stände inan auf einem hohen, hohen Berg, und die Welt liegt tief unter einem, demütig Und grau und klein, als sei sie vor einem auf die Knie gefallen, und man fühlt sich so wunderbar weit und groß--t—‘"
„Ach Gott," sagte die Pastorin, „sagen Sie doch so was «icht, Frau von Hilbach. — So viel Hochmut wird oft von Gott gestraft. Seien Sie froh, wenn ©ie mit Ihrem Kind so weiter durchs Leben kommen und wenn Gott Sie Vicht mit Krankheit oder anderem Unglück heimsucht!" . Frau von Hilbach wurde still.
„Es ist häßlich," dachte sie, „daß einen kein Mensch versteht!" und sie fühlte sich bitter unglücklich bei all diesen vom Leid verfolgten, kleingewordenen Frauen, die ihr vorkamen wie ein armseliges Häufchen Unglücklicher, Aus- gestoßener, die nicht emporkommen konnten und nicht den Mut hatten, ein Ende zu machen.
Sie nahm ihr schlafendes Kind auf die Arme Und küßte es leidenschaftlich.
„Paß ans, Jungchen, wir fliegen doch noch einmal!" sagte sie trotzig, gab der Pastorin die Hand, wünschte ihr mite Nacht und ging die knarrende Treppe hinunter jn ihre kleinen, stillen Zimmerchen.
Viertes Kapitel.
Die Frau Kaufmann Häuflein aus dem liitken Flügel Kes ersten Stockes rief die Frau Oberlehrer Specht, ihre gute Freundin, noch spät am Abend zu sich herüber.
„Nun hören Sie doch einmal, Frau Oberlehrer, was Kas für ein unerhörter Skandal ist! Was sagen Sie nur Lazu?"
Die kleine Frau Specht mit dem Bogelgesicht stand Leben der langen, schlanken Fräu Häuflein und sah andächtig zur Decke empor.
„Hören Sie?" fragte die Hänflein.
„Ja, aber um Gottes willen, was ist denn das?" sagte fcie Specht erschrocken.
„Ja, was ist das?" wiederholte die Hänflein sar- skastisch.
„Aber das ist ja, als ob einer jammerte und tobte Klb Um Hilfe riefe!"
Frau Hänflein lachte ein boshaftes Lächeln.
„Und so einen Spuk treibt eine alte Frau mit grauen Haaren — und Pacht für Nacht — wie eine Verrückte!"
„Nun, Frau Häuflein, und dagegen tun Sie keine energischen Schriste?" fragte Frau Specht.
Seit sie den Kontrakt in den Händen hätte, der ihr die Wohnung für ein Jahr hinaus sicher stellte, war ihr Mut wieder gewachsen.
„Energische Schritte?" lachte die Hänflein. „Hier litt diesem Hause energische Schritte? An wen soll man sich denn wenden? Mit dem dicken Polenweib zu verhandeln ist unter meiner Würde, und Fran von Hilbach — nun. Sie wissen ja — — — Ich hab's ihr schon ein paar Mal gesagt, aber es kommt ja keine Abhilfe!"
Die Specht lachte. „Die hat ja überhaupt nichts zu sagen!"
„Nein," fuhr die Hänflein fort, „ich werde mich gar nicht erst hier mit unnützen Erörterungen aufhalten. Ich schreibe einen Brief an die Lengerich selbst, und nutzt das nichts, so erstatte ich an der Bürgermeisterei Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung."
Die Augen der Specht leuchteten auf. „Ja, das würde ich auch tun an Ihrer Stelle, Frau Häuflein, und zwar bald. Das ist ja eine Zumutung sondersgleicheu, so etwas ertragen zu müssen!"
Oben hörte man schleifende Schritte und leises Geklirr, wie löenn einer Ketten nach sich zöge, und dazwischen stöhnte jemand auf, so aus tiefster, bedrängter Seele, so schmerzlich und verzweifelt, daß es wie ein Stich durchs Herz ging, wenn man es hörte. Und daun sprach eine tiefe Frauenstimme, sprach unzusammenhängend und sch ie auf. Die Häuflein hörte deutlich den Aufschrei: „Mein Gott — o mein Gott!" und die Specht vernahm, daß das Vaterunser gebetet wurde.
Die beiden Frauen sahen sich kopfschüttelnd an. „Das ist eine Zucht hier in dem Hause!" sagte endlich die Häuflein und machte ein hochmütiges Gesicht. „Bitte, liebe Frau Oberlehrer, tun Sie mir den Gefallen und setzten Sie sich. Es kommt mir darauf an, einen Zeugen zu haben vor der Bürgermeisterei!"
Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch, holte eine Schüssel mit Backwerk und goß der vor innerer Freude erregten Specht süßen Ungarwein ein.
„O, ich danke sehr, aber es wäre wirklich nicht nötig; daß Sie mich so bewirten!" sagte sie zweimal und nippte von dem süßen Wein.
Ihr war so wohl und sroh znmnt, sie wußte selbst nicht, warum. Seit jenem Nachmittag, der ihr die erregte Szene mit der Kosh gebracht hatte, bohrte und gärte etwas in ihr, eine geheime Wut, die oft so leidenschaftlich war, daß sie ihr den Schlaf verscheuchte. Dieses Weib, dieses ordinäre Gemüseweib hatte ihr damals in der Angelegenheit mit der Natnsius einfach den Mund zugestopft, und sie hatte das über sich ergehen lassen müssen mit einer zur Schau getragenen 'Freundlichkeit. Nun kann ,|ie gus Rache, auf eine Reiche, die jo versteckt war. oatz niemand in ihr die.Urheberin pitb, und die doch treffen sollte.
Nichts konnte sie darum mehr erfreuen als die Beschwerde ihrer Flurnachbarin, mit der sie seit einigen Wochen in einem freundschaftlichen Verhältnis stand
(Fortsetzung folgt.)
Zu Wohltätigem Zweck.
Humoreske von Reinhold Ortmanm
(Schluß.)
Mary hatte seine Schritte nicht gehört, und erst, als er ffä mit bebender Stimme bei ihrem Namen anredete, ftchr sie in heftigem Erschrecken zusammen.
„Mein Gott, Sie! Sie sind noch immer hier? Und Sie wagen es — —“
„Ja, Fräulein Burnes, ich wage es, mich Ihnen noch einmal zu nähern, und ich beschwöre Sie, weisen Sie mich nicht fort,, ohne mich gehört zu haben! — Ich sehe ja, daß Sie betrübt sind, und täusche mich sick)erlich nicht, wenn ich, mir die eigentliche Schuld au Ihrem Kummer beimesse. Mit einem solchen Eindruck aber kann ich unmöglich von hier fortgehen. Ich will mein Vergehen gewiß nicht verkleinern, aber ich möchte doch alles daransetzen, um zu verhindern, daß Sie meiner in Zukunft nur alH eines Unwürdigen gedenken." <
Sie wandte das Gesicht ab, und ihrer Haltung nach konnte es wohl den Anschein gewinnen, als.gewähre sie ihm nur widerwillig die erbetene Gunst. Mer sie unterbrach ihn nicht, und! Hans Volckmar war just in der rechten Stimmung, sich alles- was ihn während dieses entsetzlichen SagcS bedrückt und gepeinigt! hatte, vom Herzen weg zu reden. Niemals hatte er vor den Schranken des Gerichts, eindringlicher und wirksamer plädiert als


