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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlair.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Fran von Hilbachs Mutter aber hatte sich's gestatten können, solch ein Traumdasein zu führens lebte sie selbst nicht in einer realen Welt, so ward sie doch getragen und Igehalten von einem zielbewußten Gatten- sie hatte auf festem, solidem Boden gestanden, und daß sre durch ihre Poesie und Zartheit etwas Sonne in. ein altes, düsteres Kausmannshaus gebracht hatte, war güt und schön und erquickend gewesen.
Für die arme, jungverwitwete Frau von Hilbach aber war es ein schlechtes Erbteil, daß sie ihrer Mutter Iso ähnlich war von ihr wurden andere Dinge verlangt als Märchenerzäylen uckd Träumereien.
Ihren lustigen Gatten hatte sein guter Stern gerade zu der Zeit aus diesem irdischen Jammertal befreit, da ihm glücklich die letzten Reste eines ansehnlichen Besitzes aus den Händen geschwunden waren. Vater und Mutter waren vor ihm gestorben; sie hatte niemand zum Anlehnen, kein Herz, bei dem sie sich ausweinen konnte — tinr fremde, vernünftige Leute, die sie über ihre Verhältnisse aufklärten, und als einzigen Besitz das alte, graue Saalehaus, mit ein paar netten Hypotheken geziert, und eine Witwenpension von siebzehn Mark im Monat.
Me hatte sie vorher das alte, langgestreckte Haus am Saaleuser gesehen, nur gehört hatte, sie, daß es existierte !und daß es ein schauerlicher, alter Kasten sei, reif zum Abreißen, und wenn ihr fideler Gatte einmal an die Zukunft gedacht, so hatte er sich mit Plänen getragen, an Stelle der alten Kaserne eine lustige, moderne Villa auszu- bauen, mit Balkons und Loggien, Pferdestall und Kutscher- Wohnung, so etwas recht Frohes, Schönes, wo man mit guten Freunden freudige Sommerwochen verbrachte.
Aber die kleine Villa blieb ungebant, und der lebensfrohe Herr von Hilbach legte sich zum Sterben, und in feiner letzten Stunde fiel ihm Wohl schwer aufs Gewissen, daß er Frau und Kind so unversorgt zurücklassen mußte. Da war ihm das alte, mißachtete Saalehaus in den Sinn gekommen und hatte ihm einen großen Trost gegeben, lund mit brechender Stimme hatte er zu seiner armen Frau, die wie ein erschrockenes Kind an seinem Krankenlager kniete, gesagt: „Geh mit dem Jungen ins Saalebaus — es wird dich ernähren!" Und sie hatte „ja" gesagt, nur weil er es wollte; aber ein Grauen war über sie gekommen, wie wenn man ein Kind in eine dunkle Kammer einsperrt. —
Wie sie dann an einem stillen Abend mit ihrem Jungj- chen ihre neue, traurige Heimat betrat, da war ihr eine dicke, gutmütig aussehende Frau mit schielenden, blauen Aeuglein Md einer freundlichen Stimme entgegengekommen, hatte
sich ihr als Frau von Kosczyskowsky, Inhaberin der hin>- teren Bergwohnung und bisherige Verwalterin des Hause- voraestellt. Zu.dieser Frau hatte Frau von Hilbach gleich in der ersten Stunde ein großes Zutrauen gefaßt; uno weil sie krank und verzagt in das Haus gekommen toatL tat ihr es wolst., daß die dicke Frau sie so freundlich, pflegte, und sie ließ ihr gern und willig all ihre bisherigen Rechte im Haus, bezog die Parterrewohnung im linken Flügel und blickte staunend um sich, wie sie eines Tages ihre schönen Möbel und Bilder in den niederen, kleinen Zimmern stehen sah.
Manchmal im Anfang war dann sogar ein Gefühl der Behaglichkeit und des Friedens über sie gekommen; sie fand es nicht so schlimm, in dem merkwürdigen, aVtr modischen Haus mit dem schönen Blick auf Flur und Berg» zu wohnen, auszuruhen von allerlei Stürmen und w regungen.
Wie eine verwunschene Prinzessin kam sie sich vor, die eine Zeitlang im Dunkel leben mußte, um dann von einem Königssohne erlöst zu werden und in die frühere Pracht zurückzukehren.
Nur wenn die Kosy ihr von Zahlen sprach, von lauter! häßlichen, prosaischen Dingen, wenn sie ihr vorrechnete^ wie teuer ldie Rolle Tapete sich stellte, wie viel es koste, das Dach an den schlimmsten Stellen reparieren zu lassen, und daß man sparen müsse und aus einen Nebenverdienst sehen, dann kroch etwas kaltes an sie heran und erschreckte sie, und wenn sie abends im Bett lag, weinte sie sich in den Schlaf und hoffte auf ein Wunder. —
Das aber war der Kosy größter Kummer, daß die junge Frau gar keinen rechten Sinn für das Schlimme ihrer äußeren Lage hatte, daß sie wie ein Kind ahnungslos an Abgründen vorüberging und nicht zugriff, wenn es etwas zuzugreifen gab.
„Wenn ich die junge Frau wäre," sagte sie ost, „ich täte auch was Vernünftigeres, als in der Ofenecke sitzen und Taschentücher für einen Lumpenlohn sticken, oder mit der alten, verschrobenen Pastorin über vergangene Zeiten reden. Mit fünfundzwanzig Jahren hat man das Leben noch vor sich," predigte sie oft, „und eine Witwe ist fast begehrenswerter wie ein junges Mädchen!"
Aber all ihre Ermunterungen, wieder ein bißchen vergnügt zu werden, waren vergebens. Die Trauerzeit lief ab, aber Frau von Hilbach trug ihre schwarzen Kleider weiter, rührte keinen Finger, um aus ihrer bedrängten Lage herauszukommen, war freundlich und gut gegen jedermann und sah doch so unsäglich traurig und verhärmt aus.
„Weiß der Himmel, wie so einer zu helfen ist!" brummte die Kosy, und da sie nichts anderes tun konnte, sorgte sie, so gut es ging, für das leibliche Wohl der jungen Frau und ihres Kindes und setzte das kärgliche Wirtschaftsgeld, das Frau von Hilbach ihr monatlich geben konnte, mit so viel .Geschick in Ware um, daß immer etwas Gutes


