Ausgabe 
12.1.1911
 
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Hier in seiner eigenen SaHe. Und was seinen Worten trotz ihrev von allem Theatralischen weit entfernten Schlichtheit überzeugende Kraft gab, war die Wahrhaftigkeit, die aus ihnen sprach. Gerade heraus sagte er ihr, was ihn. bei jener ersten Begegnung firm Kursaal veranlaßt hatte, sie in ihrem Irrtum zu erhalten, und tote dann die verhängnisvolle erste Lüge fast ohne sein Zutun alles weitere nach sich gezogen. Daß, er ihr mit alledem eigent­lich ein Geständnis seiner Liebe ablegte, merkte er gar nicht, aber er fühlte sich unsäglich beglückt, als sie auf seine bange Frage, ob er denn wirklich nie und nimmer werde auf Vergebung hoffen dürfen, sich ihm mit einer raschen Bewegung zuwandte und ihm ihre Hand entgegenstreckte.

Ich habe Ihnen bereits vergeben, Herr Volckmar. Ami Ende trug ich mit meiner kindischen Schwärmerei für diesen Virtuosen sogar den größeren Teil der Schuld, und wir sind für unsere Verfehlung ja nun beide hart genug bestraft worden fc härter vielleicht, als wir es verdient haben."

Er drückte in feiner Herzensfreude die kleine weiche Hand immer wieder an die Lippen, und Fräulein Mary war offenbar zu aufgeregt, es zu bemerken, da sie sie ihm doch sonst sicherlich entzogen haben würde.

,,O, wie ich Ihnen danke!" sagte er innig.Sie ahnen! W nicht, welche Wohltat Sie mir erweisen!"

Ich, bin heute vormittag zu unfreundlich gewesen. Und es es hat mir auch gleich nachher leid getan. Nun aber,, nachdem war uns ausgesprochen haben, nun müssen Sie fort, so schnell wie möglich, wenn es irgend sein kann, noch an diesem Wend!"

Es war ein so unverkennbarer Ausdruck von Angst in ihren Worten, daß er sich nicht enthalten konnte, zu fragen:Und warum muß es durchaus so,bald sein, Fräulein Mary?"

Weil nun weil dieser gräßliche Mensch Ihnen nach dem Leben trachtet, und weil er"

So feierlich cs Haus Volckmar auch ums Herz fein mochte, jetzt konnte er nicht anders, er mußte hell auflachen.Wer? Stanislaw Kamariuski etwa? Und Sie Sie nennen ihn einen gräßlichen Menschen?"

Da brach cs beinahe ungestüm aus ihr hervor:Er ist ein Scheusal ein Dummkopf, ein widerwärtiger Prahlhans i Es ist ewig schade, daß dies herrliche Talent einem so Unwürdigen zu teil werden mußte!"

Sie schwärmen also nicht mehr für ihn? Und der Lorbeer­kranz mit den roten Schleifen und her Widmung an den edlen' Menschenfreund?"

Eine dunkle Glut flammte in ihrem Gesichtchen auf.Ach, erinnern Sie mich nicht daran, Herr Volckmar! Damals kannte ich ihn ja noch nicht, und ich glaubte ihm einen Beweis der Dankbarkeit dafür schuldig zu fein, daßner sich in der Kouzert- angelegenheit so großmütig und selbstlos gezeigt hatte."

Ja, allerdings, höchst großmütig und selbstlos! Und die blutdürstigen Reden, die er vorhin da drinnen geführt, galten also wirklich keinem anderen als mir?"

Sie haben es gehört? Nun, dann brauche ich Ihnen! Wohl nicht länger ein Geheimnis daraus zu machen. Ja, er will sich mit Ihnen schlagen. Und er hat schon so viele Duelle bestanden."

. , ,-Sie aber konnten es für möglich halten, daß ich unter solchen Umständen abreisen, daß ich vor diesem Hansnarren die Flucht ergreifen würde? Nein, Fräulein Mary, so schlecht haben öte trotz alledem nicht von mir gedacht."

Sie zögerte mit der Antwort, aber als sie nun die Augen! zu rhm ausschlug, da war es ihm, als schaue er mitten hinein in den Himmel mit all seiner Herrlichkeit.

Ich weiß nicht, ob es etwas Schlechtes ist, das ich damit Von Ihnen verlange, ich weiß nur, daß Sie ihr Leben nicht uirt einer solchen Lächerlichkeit willen aufs Spiel setzen dürfen, und daß ich in meinem ganzen Leben keinen ruhigen Augenblick mehr haben würde, wenn Ihnen ein Unglück zustieße."

Er hätte aufjubeln, hätte sie stürmisch in seine Arme reißen Wögen, aber er hatte nicht den Mut dazu. Nur ihre Hand drückte er leise, indem er sagte:Fürchten Sie nichts, Fräulein Mary. Solange mein Dasein von keiner anderen Gefahr bedroht ist als von der, durch die Hand dieses Helden zu enden, darf ich mir immer noch Hoffnung auf ein recht langes Leben machen. Es bedarf für mich in diesem Fall wirklich keiner besonderen Tapferkeit, um den Geboten der Ehre Genüge zu tun, und daran, dessen bin ich gewiß, wollen Sie mich sicherlich nicht hindern."!

Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn an, obwohl sie offenbar! rächt verstand, was er eigentlich vorhatte. So männ- lrch bestimmt und voll so ruhiger, selbstbewußter Sicherheit waren ferne letzten Worte gewesen, daß sie es nicht einmal wagte, eine irrage an ihn zu richten, als er sie in den Saal zurückführte und wck rhr zu dem Tische hintrat, an welchem neben Mr. Gilbert Burnes der große Stanislaw Kamarinski inmitten seiner ehr­furchtsvoll lauschenden Bewunderer saß.

Der Virtuose war Volckmars kaum ansichtig geworden, als mitten in der Rede verstummte und von seinenr Stuhle ans- sprang, osfenbar xn der Absicht, sich zu entfernen.

.a^e.r. Wberte ihn daran, indem er voll- kommen höflich, doch nttl eisiger Kälte sagte:Nur einen Augen- noch, mein Herr! Sie sprachen vorhin im Beisein dieser Herrschaften davon, daß es Ihre Absicht sei, mW zur Re.chienf-

schaft z!u ziehen und bei der Gelegenheit ohne Erbarmen mit mir zu verfahren. Nun Wohl, ich bin zu Ihrer Verfügung, und da ich höchstens noch bis morgen mittag hier in Liebenthrch bleiben kann, erwarte ich, die Angelegenheit bis dahin znM Austrag gebracht zu sehen."

Das Leinentuch auf dem Tische war nicht weißer als Stanis­law Kamarinskis Gesicht.Hier muß ein Mißverständnis vor­liegen," stotterte er,ich habe keineswegs den Wunsch, mich mit Ihn eil-zu schlagen."

So nehmen Sie denn an, daß nunmehr ich diesen Wunsch hege. . Ich fühle mich durch Ihre vorigen Aeußerungen schwer! beleidigt und bin entschlossen, mir unter den strengsten Bedingungen Genugtuung zu verschaffen."

Aber ich bin kein Raufbold!" schrie der Virtuose.Ich habe Besseres zu tun, als mich totschießen zu lassen. Es ist gegen meine Grundsiche ich werde mich niemals duellieren!"

Das ändert die Sachlage allerdings vollständig," sagte Hans Volckmar lächelnd.Ich darf es nach dieser Erklärung wohk den Herrschaften überlafsen, sich ein Urteil über Sie zu bilden.. Aber vielleicht darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit empfehlen, in Ihren Aeußerungen künftig etwas behutsamer zu sein."

Schritt für Schritt hatte sich der große Künstler zurüch-, gezogen. Nun aber er hatte fast schon den halben Saal zwischen sich und Hans Volckmar gebracht rief er mit erhobenen Stimme:Ich brauche Ihre Ratschlage nicht, mein..Herr hören Sie, ich brauche Sie nicht. Und ich nehme mein großsi mütigeS Zugeständnis von heute morgen zurück. Für Sie spiel« ich u,m fein geringeres Honorar als um tausend Mark. Ich habe also noch fünfhundert Mark von Ihnen zu fordern, und wenn Sie die nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden gezahlt habens so verklage ich Sie, merken Sie sich das, ich verklage Sie!"

Damit verschwand er aus dem Saale. Die fassungsloser Tafelrunde saß mit bestürzten Mienen da.

Fräulein Mary aber wandte sich strahlenden Antlitzes an Volckmar: .Sie haben ihn für sein Auftreten bezahlt? O, sprechen Sie Sie haben ihn dafür bezahlt?"

Freilich. Es gab eben keine andere Möglichkeit, das Zu- ständekommen des einmal angekündigten Konzerts zu sichern."

Sie haben ihn bezahlt!" jubelte sie.O, das ist prächtig, das ist himmlisch! Und nun werde ich es natürlich unter keinen Umständen mehr zugcben, daß Sie abreisen. Nun wollen wir erst recht aitfaugen, uns in Liebenthal zu amüsieren."

Das ist für mich leider unmöglich," lächelte Volckmar,und zwar aus einem ebenso einfachen als triftigen Grunde, weil die fünfhundert Mark, die Herr Stanislaw Kamarinski als Lohn für seine Menschenfreundlichkeit davongetragen hat, meine gesamt«! Reisebarschaft bildeten, und bis zum Zechpreller bin. ich trotz all meiner sonstigen Unmoralität doch noch nicht herabgesunken."

Sie lachte, und dabei funkelten ihre süßen Schelmenaugent ihm m|it einem Blick entgegen, vor dem ihm ganz eigen zu! Mute wurde. Im nächsten Moment hatte sie sich über ihres Vaters Schulter geneigt und ihm sehr eifrig etwas ins Ohr! geflüstert, das selbst den sonst unerschütterlichen Mr. Gilbert! Burncs für einen Augenblick ein wenig aus der Fassung zr- Bringen schien.

, Aber er war nicht der Mann, lange außer Fassung zu! bleiben und nachdem fein Töchterchen noch ein paar weiter« Sekunden lang auf ihn eingeredet hatte, stand er langsam und gravitätisch auf, um sich mit der ausgesuchtesten amerikanisches Höflichkeit an den Rechtsanwalt zu wenden:Uhr uerben fein) ferr erfreut, Sie zu besuchen in das schöne M. Ich liebe fern viel die interessante deutsche Städte."

Und Sie werden gern unseren Führer machen, nicht wahr?" fügte Fräulein Mary hinzu.Auch wenn wir Ihre kostbar« Zeit sehr stark in Anspruch nehmen sollten?"

,iO," rief er, von Freude überwältigt, ihre Hand ergreifend,, wie gern, Fräulein Mary, werde ich Ihren Führer machen; wenn es sein dürfte, für das ganze Leben! Ach, daß jede Minute meines Daseins nur noch Ihnen gehören dürfte!"

Er hatte es natürlich so leise gesagt, daß niemand es hören! konnte außer ihr.

Und mit ebenso behutsam gedämpfter Stimme gab sie zurück: Ist das nun diesmal aber auch wirklich Ihr wahres Gesicht? Wohl, ich will es glauben, und wenn Sie auch nach drei Tagen in M. noch der nämlichen Meinung sind nun, dann könnt« es vielleicht geschehen, baß ich Sie wirklich beim Wort nehme.! Welche Fehler ich auch vermutlich noch an Ihnen entdecken werde, das Verdienst, daß Sie nicht Stanislaw Kaniarinski sind, wiegt sie doch sicherlich auf,"

* D i e neuesten Wintermäntel. In der Hochsaison des Wintermantels, in die wir nun eingetreten sind, wird bet Abendmantel, den bisherige Herrscher auf diesem Gebiet der Mode!, von dem Nachmittagsinantel stark in den Hintergrund gedrängt. Promenadenkostüme, die sich in schönem Samt und mit reicher Spitzenverzierung recht vorteilhaft präsentieren, tauchen nur noch in den Morgenstunden auf. Beim Spaziergang am Nachmittag, beim Besuch der five o'clock teas und der sehr beliebten Nach- inittags-Bridgepartien schmiegt M die elegante. Dame wohlig