Ausgabe 
11.11.1911
 
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lebt rind viel erfahren, und so wird sein Buch zu einer nicht un­wichtigen theatergeschichtlichen Quelle sur die zweite Hallte des 19 ^abtbiinbert^

' Schon seit seiner Schulzeit war Werther ein Anhänger Wagners und setzte dann in Mannheim gegen Vincenz Lachner, semen Kavell- meister, der der grimmigste Feind der Zukunftsmusik war, die Auf- führung derMeistersinger" durch. Ber seinem, ersten Besuch bei Wagner wostte er sich das Aufführimgswerk für dieses Werk sichern. .Des großen Richards kleine Gestalt, m grüuatlaßnem Schlafrock und grünatlaßneii iveiten Pantalons gehüllt, im unverialschtesten Leipziger Dialekt redend, zerstörte die Idealfigur, die sich Wer her von dem Meister gemacht hatte. DieMeistersinger" stießen m Mannbeiin aus große Schwierigkeiten: so 'varen Eduard Devrient und Lübke entrüstet über dieUnmoralriat" des Werkes.Em Atädchen aus einem hochanständigen Burgerhause wird sich doch nicht nachts mit einem Ritter unter eine Linde setzen, sprach Devrient indigniert in seinem nasalen Ton, und Lubke, der bedeu­tende Kunsthistoriker, sekundierte:Das Opus wimmelt von Un­anständigkeiten." . , , . ö

Später erschien der Meister selbst in Mannhemr, um eul S'On- ert zu dirigieren.Bis dahin war man gewohnt, den Kapell­meister in einem Konzert zum Publikum gewendet dirigieren zu sehen. Wagner brach zuerst mit dieser Anstandspose und drehte sein Gesicht dem Orchester zu, heute für jedermann begreif ich, da­mals imbegreiflich. Um dem Ernste der Situation auch etwas Komisches beizumischen, will ich erwähnen, daß aus der bmteren Fracktasche des großen Richard ein langes rotes Tuch heraushing, mit dein er sich häufig abzutrocknen pflegte. Wenn er nun mit leidenschaftlichen Bewegungen sich aus- und niederschivang, so machte das rote Tuch wie ein Kichschwanz diese Bewegungen mit, indem es sich bald in die Lust schlvang, bald über den Boden hinweg- ^8tC9((§ Wagner einer Mannheimer Aufführung derAntigone" mit der Mendelssohnschen Musik beigewohnt hatte, kam er ganz wild aus Werther zu und ries:Nu, jetzt haben Sie aber Ihre ganze schöne Arbeit zunichte gemacht! Diese scheiißliche Lleder- taielmiisik dazu machen zu lassen l Wie geschmacklos I Als der Direktor sich damit entschuldigte, daß diese Musik m Mannheim herkömmlich und sehr beliebt sei, erfolgte em neuer stürmischer ZorneSnusbruch:Das ist es ja eben", rief Wagner,daß die Theaterdirektoren nicht bloß rein künstlerlsch-asthetischelr Dlotiven folge«, sondern praktischen I Das ist ja gerade der Fluch de- deutschen Theaters!" , ..

Aus seiner Stuttgarter Zeit ist die spannendste Episode, die die Werther erzählt, der Besuch des alten Kaiser Wilhelm zu den großen Kaisermanövern von 1885. Die Festvorstellungen, bei denen alte Possen und Singsviele den greisen, der fugend ge­denkenden Herrscher köstlich vergnügten, stehen unter der spannen­den Aufregung drohender Attentate, die nur durch größte Wach­samkeit abgewendet iverden. Damals hatte der Generalintendant auch eine sehr interessante U n t e r r e d ii n g mit dem damaligen Prinzen, dem jetzigen Kaiser Wilhelm. Per Prinz kam aus ihn zu, gab ihm die Hand und sagte:Ich habe Ihnen noch zu danken."Wofür, Königliche Hoheit? Doch nicht surZehn Mädchen und kein Mann?" (Die Posse, die aufaesührt wurde.»O nein", erwiderte der Prinz lachend,sondern für etwas ganz Ernst­haftes. Sie haben in Mannheim meines Lehrers in Aesthetik, des allen Geheimrats Werder DrainaKolumbus", das ineiimnb für bühnenfähig hielt, mit großem Erfolg aufgeführt. Dafür danke ich Ihnen herzlich!" Prinz Wilhelm begann nun einzelnes aus dem Werk zu zitieren; er kannte ganze Perioden auswendig. Bedeut- sam war es dabei, ivie er den Konflikt zwischen König Ferdinand und Kolunibus erörterte. Als Prinz Wilhelm fünf Jahre spater als Kaiser den K o n f l i k t m i t B i s in a r ck hatte, mußte ich an seine damalige Aeußerung denken. Er fritg mich plötzlich rasch und scharf:Geben Sie dem König oder Kolunibus recht?Ein Jeder hat von seinem Standpunkt und aris seiner Individualität heraus recht; der eilte als Herrscher, der andere als Genie " -Nein", sagte er entschieden,der König hat recht, Kolmnbus hat unrecht. Das Genie, auch das größte, Hal sich immer dem Herrscher unterzuordnen." Der Prinz erging sich da>in in einer Rekapitulation der großen Schlußszene des Werderschen Dramas. Ter König tritt in das einsame Zimmer des Kolumbus, in der Absicht, sich mit ihm zu versöhnen, und dabei erfolgt eine rück­haltlose, scharfe Auseinandersetzung zivischen Genie und Krone. Weder Prinz Wilhelm selbst, der damals noch ganz unter Bis- marcks Einfluß stand, noch ich hatten wohl eine Ahnung davon gehabt, daß sich die Werdersche>r Jamben so geringe Zeit baraiif in Taten, in so ernsthafte Taten, umsetzen würden!"

Vermischtes.

kf. Eine Tabakspfeife Sir Walt er R a le ig hs. In London wird soeben eine höchst merkwürdige geschichtliche Religine zum Verkauf gestellt. Es ist dies eine Tabakspfeife, die mit einem sehr hohen Grade von Wahrscheinlichkeit im Besitze und Gebrauche von Sir Walter Raleigh, dem Einführer des Tabaks in Europa, gewesen ist. Ten heutigen Tabakspfeifen sieht sie nicht sehr ähnlich. Sie hat etwa die Gestalt eines Y und liegt seit Jahr­

hunderten in einem alten Kasten, der die Jahreszahl 1527 tragen oll (?). Die Pfeife ist aus vier Stücken Holz gearbeitet, die ttt derbem Schnitzwerk mit Hundeköpfen und Jndianerhäuptern ge- chmttckt sind. Der Kopf wird durch einen Deckel verschlossen, der etwa ebenso groß wie der Kopf selbst ist, und an dem Rohre be­endet sich eine Perlenkette; die Perlen sind aus demselben Holz hergestellt ,vie die Pfeife. Jin Rohr ist eine starke Pfeife angebracht, deren sich Sir Waller, wie angenommen wird, bediente, um seine Leute herbeizurufen. An der Pfeife hangt nun noch eine besondere Ueberliefennifl. Es ist nämlich berichtet, daß Sir Waller Raleigh, als er zu seinem letzten Gange das Schaffott bestieg, noch un­mittelbar vor der Exekution selbst eine Pfeife Tabak geraucht habe und die Pfeife, die er in diesem kritischen Augenblicke gebrauchte, soll eben die unsere sein. Es spricht dafür allerdings der Umstand, daß alle nachweisbaren Besitzer der Raleigh-Pfeife ihren Stamm­baum auf den Bischof Andrewes zurückiühren, der Sw Walter das letzte Sakrament gereicht hat. Ein Amerikaner hat festgestellt, daß das Holz der Pfeife virginischer Ahorn ist. Schon Buliver hat Lust nach der Erwerbung dieser sonderbaren Religuie getragen, allem zu seiner Zeit war sie noch unter keinen Umständen verkäuflich.

"Die Regelung der Niagarafälle. Ter von dem amerikanischen Ingenieur Senex Smith ausgearbeitete Plan einer großzügigen Regelung der Niagarafälle erregt m Amerika lebhaftes Aufsehen und beschäftigt dje öffentliche Meinung. Wenn maii sich nicht dazu entschließt, den Lauf der Fälle künstlich abzu­ändern, wird nian in ferner Zukunft damit rechnen muffen, die m großem Maßstabe für die Industrie ausgenutzten Wasserkräfte nahe den Ufern abnehmen zu sehen, denn der Niagara neigt immer mehr dazu, seine ganzen Waffermaffeii in die Mitte des Stromes zu leiten, in die schmale Felsschlucht, die den Namen dasgroße grüne Herz" führt. Durch diese schmale Oeffnung peitscht der sttia- gara schon heute ein Drittel seiner gesamten Wassermaffen, und man hat berechnet, daß durch die schmale Schlucht ui einer Minute 5 Millionen Kubikfuß Wasser getrieben werden. Der Fels vermag diesem wilden Wasserdruck auf die Dauer nicht Stand zii halten, wird immer mehr ausgehöhlt und entzieht dadiirch den anderen Teilen der Faste Wassermengen und damit auch Kraft. Die Plane des Ingenieurs zielen darauf ab, dem Zecstörungswerk der Fluten durch die Errichtung einer soliden Stahlschranke Einhalt zu ge­bieten. Das Wasser würde dann nur über diese Stahlmauer einen Weg finben, der Zerklüftung und Abfrefstmg des Felsens ivare Ein­halt geboten, ja, man könnte auf diesem Wege die Wasserkraft an den anderen Teilen der Fälle künstlich verstärken. Zur Ausslihrung der Arbeiten wäre es freilich nötig, den Fästen an den Seiten Auswege zu öffnen imb die Fluten des Niagara von deingriinen Herzen" abzuleiten, dis die Arbeiten vostendet sind. ~te Durch­führung dieses Planes würde auf amerikanische Seite dem Staate Neuyork unb auf kanadischer Seite der Provinz Ontario zufallen.

* Schwierige Kalkulation.Was? der Glühwein kostet eine Mark? Das find' ich aber happig!" .-Aber be­denken Sie doch unsere Abgaben! Erstens die hohe Weinsteuer, zweitens die hohe Schnapssteuer und drittens auch noch die hohe Steuer aus Glühkörper."

vücherttsch.

Heinrich von Kleists Werke. Rechtzeitig zuist 100. Todestag pes Dichters tritt die Goldene Klassiker-, Bibliothek mit einer schönen Ausgabe seiner Werke an die Oessentlichkeit. Aus Grund ber Hempel scheu Ausgabe gibt das Deutsche Verlagshaus Bong & Co., dem wir die seine, gut aus- gestattete Goldene Klassiker-Bibliothek verdanken, diese neue Au^ gäbe heraus, die von H. Gilgow, W. Manthey und W. Wätzow mit Einleitungen und Anmerkungen versehen ist. Adolf Wtl- brandt hat die Biographische Einleitung geschrieben und sie ist in den dem letzten Teil beigegebenen Anmerkungen nach denk neuesten Stand ber Forschung ergänzt. Die ganz« Ausgabe,- die in sieben Teile gegliedert ist, ist sehr übersichtlich geordnet^ mit knappen Erklärungen versehen und ebenso wie die anderen Ausgaben der Goldenen Klassiker-Bibliothek sowohl für den Forscher als auch für den bloßen Literatursreunb geeignet. Besonders zu erwähnen ist noch der schmucke Einband in seiner feinen Bordeau- farbe mit ein paar zarten Goldlinien auf dem Rücken, die beit seitherigen, reich mit Gold verzierten Deckeln wesentlich über­legen ist.

Akithmogriph.

1 2 2 5 niederländischer Bildhauer.

2 112 landwirtschastliches Gerät.

3 1 4 5 ein Tier.

4 2 3 5 Werkzeug.

2 5 4 2 deutscher Strom.

5 3 4 2 5 5 2 ein Insekt.

1 2 3 4 2 5 lyrischer Dichter.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ruben, Rubin.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.