beides Unter Benutzung elektrischer Taschenlämpchen, die sich, von der Erde besehen, wie brennende Zigarren ausnahmen. Als wir dann mit nordsüdlicher Richtung Gießen überflogen, mußten auch noch an die Freunde Ballonkarten geschrieben und zur Beförderung durch den ehrlichen Finder über Bord geworfen werden. Leicht hat es ein Luftschiffer also nicht.
Auch der Jubel in Gießen war groß, da der niedrig, fliegende Ballon trotz des dunkeln Abendhimmels noch deutlich gesehen wurde und die Bewohner, die glaubten, es stehe eine Landung bevor, in Scharen dem südlichen Ausgange der glänzend be- und erleuchteten Stadt zustrebten.
„ Kurz hinter Gießen änderte sich die Windrichtung. Ein schärferer Nordost setzte ein und trieb uns dem Taunus zu. Schwer war es, die Orientierung aufrecht zu erhalten. Auch die wenigen Nachtschwärmer in den überflogenen Dörfern, die wir mit dem üblichen langgezogeneu „Haaloo" anriefen und um Auskunft fragten, gaben nur unfreundliche und unverständliche Antworten. Da blitzte nach Süden zu ein Licht über einem bewaldeten Berge auf und ehe wir uns noch recht klar wurden, was es sei, stand schon die volle Scheibe des glänzenden Mondes vor uns, die nur deshalb mit so überraschender Schnelligkeit herausgekommen war, weil wir selbst in diesem Augenblick von einer Luftströmung in die Höhe gehoben wurden. Wie verschlafen lagen die Wälder tief Unten zu unseren Füßen noch ganz in Dunkel gehüllt, während um uns die Fülle des weißlich glänzenden Mond-lichtes flutete Und Ballon und Korb mit einem feinen silbernen Schleier umzog. Dort oben strahlten am dunkelklaren Firmament die Sterne und leuchteten und glitzerten so stark, wie es in einer warmen Sommernacht nur möglich ist. Unten aber, tief unten auf der Erde, herrschte eine majestätische Ruhe, so daß nichts die volle Hingabe au den Zauber des Unendlichen störte.
Doch halt, was ist das? Ein immer deutlicher werdendes Aechzen und Dröhnen läßt sich vernehmen. Ein Blick über den Korbrand und wir begreifen die Veränderung. Ein nach unten gehender Luftwirbel hat uns erfaßt und ohne daß wirs merkten, mit solcher Geschwindigkeit nach unten gezogen, daß wir schon über die Wipfel der Bäume dahinfahren und das Rauschen des vom Wind gepeitschten Waldes wie das mächtige Dröhnen des Meeres uns umfängt.
Nicht lange, da flaut der böige Wind wieder ab und es bleibt nur noch ein sanftes Säuseln und leise murmelndes Rauschen. Jetzt ist der Mond hoher g'eftiegen und beleuchtet die Kronen! des aus mächtigen Eichen und Buchen aufgebauten Waldes, die sich sanft im Winde wiegen und uns die vielgestaltigen Licht- Mnh Wellenlinien eines im Frühlingsfounenschein wogenden Kornfeldes vor Augen führen.
Auch die Tiere schlafen nicht mehr. Sei es, daß sie der kurze Sturmstoß, sei es, daß sie der Anblick oder der Schatten des Ballons aufgeschreckt hat, oder daß sie durch andere Organe den vermeintlich gefährlichen Vogel Über sich wittern. Ueberall hört man am Rascheln des Laubes, ihr ängstliches Fliehen, und das kurze rauhe Bellen erschreckter Rehböcke mischt sich mit langgezogenen Klagetönen zwei- und vierbeinigen Wildes. Das ist bid Erde in ihrer Kleinheit mit all ihren Sorgen gegenüber der strahlenden Unendlichkeit über uns, die weder Angst noch Sorge »emit.
„Bitte, meine Herren, wo sind wir jetzt?" Dies mahneudd Wort des Führers unterbricht jäh den einzigartigen Naturgenuß, dem wir uns mit vollen Zügen hingegeben hatten, und rasch tritt Karte und Taschenlaterne wieder in Wirksamkeit. An dem Verlauf der Straßen und Eisenbahn erkennen wir, daß wir uns dem Städtchen U f i n g e n nähern, von wo aus uns der Wind westlich iam Feldberg vorüber nach Wiesbaden trieb.
Auf dieser Reise gab es noch manches Bemerkenswerte. Um feinen Ballast zu opfern, ließ sich der Führer ganz vom Wiitde treiben und den Ballon mit einer Durchschnitts-Gleichgewichtslage von ca. 500 Meter Meereshöhe weit höhere Berge überfliegen, prachtvoll ist es, Wenn man mit großer Geschwindigkeit einem Ken Berge zugetrieben wird und während man einen unlieb- m Zusammenstoß mit den Bäumen oder gar mit deut Erdboden fürchtet und für unvermeidlich hält, von dem Winde, der ja auch über die Berge hinaus will, auf den Rücken genommen und sanft hiuübergehoben wird, wobei sich Gelegenheit gibt, prächtige Sträuße von Laub- und Nadelholzzweigen zu pflücken. Kaum aber ist die Krone des höchsten Gipfelbaumes in sanfter Anlehnung Überstrichen, so beginnt auch schon der Fall des Ballons, viel schneller und tiefer als der Aufstieg hoch war, und wehe dem Führer, der nicht rechtzeitig diesen Fall durch Ballast,abgabe „ab- fäugt", oder so rechtzeitig unterbricht, daß der Ballon nicht bis zur Erde „durchfallen" kann. Ein recht unsanfter AUfstoß und viel Verlust des kostbaren Ballastes würde die Folge fein, der wir durch geschickte Führung stets entgingen. Nur einer alleinstehenden alten Eiche machten wir_ einmal eine so kräftige Stoßvisite, daß wir eine Zeitlang das mit einem eigenartigen Zittern des Korbes, verbundene, in langsamen Schwingungen verlaufende „Schwanken" des Ballons kennen lernten und geniefjeit durften.
Dort leuchtet der Bahnhof von Niedernhausen und wenige Minuten noch und es bietet sich uns ein Anblick wie aus Tausend und eine Nacht. Da tauchen in der Ferne die ersten Lichter von Wiesbaden auf und schon ist es ein ganzes Meer von Licht und Glanz, das. 600 Meter hoch zu uns Herausstrahlti
Laugsam überfliegen wir die prächtige Stadt und erkennen Ws den Llchterreihen den Zug ihrer Straßen, die schönen Plätze und' hervorragenden Gebäude. In vollen Zügen geben wir uns dem poetischen Zauber hin, den das harmonisch gegliederte Lichtermeer auf den Beschauer ausübt, und obwohl nur Millivnärstadt, übertrifft ihre Wirkung an Großartigkeit noch die einer Millionenstadt. Kaum kann sich der trunkene Blick davon trennen, da schimmert schon ganz nahe das silberne Band des Rheines unh des' M a i n e §. Von fern her strahlen, an ihren grell weißen und bunten Lichtern leicht erkennbar, die Städte Frankfurt und Höchst Und in der Nähe fesseln Biebrich, Mainz,, Kastel und viele andere unsere Blicke und wie schimmernde Goldstickerei, breiten die Städtchen und Dörfer bis nach Bingen und Rüdes- h e i m hin ihren Lichterglanz an den Ufern des Rheines ans.
Wer wirklich Erhabenes sehen, von der Schönheit der ErdL tntnfen werden und an ihrer Größe und Mannigfaltigkeit sich aufrichten will, der muß in einer so herrlichen Sommernacht eine Ballonfahrt in das eben geschilderte Zauberland unternehmen^
Die über dem Flusse herrschende Luftströmung drehte unsere Fahrtrichtung nach Westen ab und hielt uns eine Zeitlang auf dem rechten Rheinufer fest. Bei Eltville setzte der Wind seine ganze Kraft ein und langsam trieben wir über den mächtigen Strom, der uns jedoch noch nicht frei gab, sondern bis Bingen: seine Anziehungskraft bewährte. Gespenstig schaukelte der Schatten, des Ballons auf den glitzernden Wogen bald zum einen, bald zum anderen Ufer hinüber gleitend, je nachdem die Wellen der Temperaturumkehr, auf deren Rücken wir sanft dahin gondelten, uns in die Höhe hoben oder in einem Tal untertauchen ließen.
Südlich von Bingen gings über die Nahe, die tvir bei der Mündung des von Südivesten kommenden Glanflüßchens zum! zweitenmal kreuzten, um dann mit großer bis zu 60 Kilometer in der Stunde gehender Geschwindigkeit dieses Flußtälchen auswärts zu fliegen. Freilich konnten wir dies erst nachträglich feststellen, beim bei dem völligen Mangel an markanten, auch in der Nacht sichtbaren Geländepunkten, wie größeren Städten, Eisenbahnen, großen Chausseen und Flüssen verloren wir bald die genauere Orientierung und gaben uns wieder eine Zeitlang der Poesie der in tiefster Stille ruhenden Nachtlandschaft hin. Nur das heisere Bellen zahlreicher Rehböcke war der einzige Laut, der unser Ähr berührte.
Dies fast zwei Stunden dauernde Idyll erlitt nur eine einmalige Unterbrechung dadurch, daß uns ein freundlicher Vertikalwirbel plötzlich auf einen Kartoffelacker aufsetzte. Doch dieser gar nicht unangenehme Ausstoß und die Abgabe einiger Hände voll Bal ast genügten, um uns wieder auf etwa 400 Meter in die Höhe schnellen zu lassen.
Endlich tauchten Lichter in der Ferne auf und zeigten uns, daß wir wieder in belebtere Gegend kamen unb vermutlich auch aus eine größere Stadt zutrieben, die wir für ©aarb rüden ansprachen. Mit einem Zauberschlag änderte sich das Bild. Während eben noch das tiefste Dunkel der Nacht uns umfangen hatte, war jetzt die ganze Landschaft mit tausenden von hellstrahlenden iw kleinen Gruppen vereinigten Lichtern übersät. Das betriebsreich« Saargebiet tag unter uns mit seinen unzähligen, Gruben, Hütten, und Werken, die ununterbrochen arbeiten und schon längst den Unterschied zwischen Tag und Nacht zu einem vergessenen Märchen! gemacht haben. Obwohl die Uhr noch nicht 2i/2 nach Mitternacht zeigte, war es dort unten so lebhaft wie am.Tage, und bald gelang es uns, von Arbeitern zu erfahren, daß wir zwar noch nicht auf Saarbrücken, aber auf Neunkirchen zuflogen, das mit b-emj nicht weit gelegenen Ottweiler prächtig zu uns heraufleuchtete. Bald tauchten auch am Horizont die Lichter von Saarbrücken auf und gleichzeitig damit sehen wir aus zahlreichen Hochöfen mächtige Feuergarben gen Himmel steigen. So schön es auch gewesen wäre, sie von der Nähe zu besehen und das eigenartige Schauspiel noch etwas intensiver genießen zu können, so hielt es der Führer doch für geraten, durch Ballastabgabe die Flughöhe derart zu vergrößern, daß wir eine Berührung des Ballons mit den leuchtenden Funken nicht zu befürchten brauchten. Der frische Wind in der Höhe trieb uns mächtig voran und bald querten! Wir die Saar und ihre an den großen Bahnhöfen kenntlichen Städte nnd das in allen Farben strahlende Lichtermeer, das sich in den Wellen spiegelte, bot uns das letzte imposante Nachtbild
unserer Fahrt.
Hier stellten wir fest, daß Wir genau in der Richtung auf Metz zu flogen und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit, die uns in weniger als 2 Stunden, also kurz nach Somtenaufgang^ dorthin bringen mußte.
(Schluß folgt.)
Aus den Erinnerungen eines alten Yostheater- Intendanten.
Die „Erinnerungen und Erfahrungen eines alten Hoitdeater- Jniendanten", die aus dem Nachlaß I. v. W e r t h e r s von seinem Sohne veröffentlicht werden, sind ein ebenso interessantes wie vergnügliches Buch, aus dem man viel lernen und bei dem man viel lachen kann. Der Versasser, der unter Laube's Augen seine scha»° svielerische Laufbahn begann, der sich bann in Weimar die künstlerischen Sporen verdiente, in Mannheim, Darmstadt und zuletzt in Stuttgart als Intendant ein reiches Wirken entfaltete hat viel er-


