Ausgabe 
11.10.1911
 
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llHkn. Eitelkeit wird selbst das geopfert, was die Natur sich selbst in flammenden Buchstaben ans die Stirne schreibt. Mair sagt: Du lächelst, weil ich dies sehe, wie es ist? Gut, gut! Kachle nrcht weiter, ich sehe es nicht mehr! Das wissen die­jenigen, denen der neue Gedanke unbequem ist. Darum lächeln sie. und lächeln, bis der kühne Neuerer erblaßt und sich zer­knirscht vor der Wucht dieser Lächerlichkeit beugt, wenn er schwach, ist. Aber es hat immer auch kräftige Geister gegeben, welche .im. Vollbewußtsein ihres schärferen Blickes und ihrer von ruhmsüchtigem Eigennutz freien Erkenntnis auf dieses Lächeln erwiderten: Nun gerade! Ich arbeite nicht für Euch, sondern yiir Weitere Generationen; auch diese werden lächeln, aber nicht mehr über mich, sondern über Euch. Damit beginnt der große JJeoment: Der neue Gedanke und seine Träger werden offiziell vor die Schranke der Lächerlichkeit gefordert. Es ist die Schule, in der sie beide feuerbeständig werden. Ist die Tatsache richtig und der Gedanke logisch, dann überdauern sie das Feuer, so fehr es auch geschürt werden mag; sie werden in diesem Prozesse . zugleich gereinigt, und das Ergebnis ist ein Erkenntnisfortschritt, wie ihn jene Meister des Lächelns der Menschheit niemals zu verschaffen vermocht hätten. Denn das ist die allgemeine Lehre Und Erfahrung der Wissenschaftsgeschichte: die Tatsachen sind eherne Säulen, an denen kein Mißvergnügen und keine Ergrimmt- hert zu rütteln vermögen; und die Logik der Tatsachen hat sich noch immer durchgerungen, mit wieviel hemmenden Netzen auch Unverstand und blinde Autoritätswut sie zu umstricken versuchte. Nur scheint es ein Teilgesetz des genannten großen psychologischen Gesetzes zu sein: daß sich immer erst eine gewisse Zahl von Autoritäten und eine ganze Schar blindgläubiger Nachbeter bla­mieren müssen, bevor jener Durchbruch möglich ist. Der Ausfall

^tigerten Festung geht eben immer über Leichen!

Wir wollen ein wenig exemplifizieren. Es ist gleichgültig, was für Fälle wir aus der Geschichte der Wissenschaft heraus­greifen. Wir wollen zwei kleine Fälle nehmen und einen großen. ©ie werden uns zeigen, was sie zeigen sollen. Wozu ich diese Zeugen menschlicher Ueberhebung und Kurzsichtigkeit aus ihrem stillen Grabe herauszerre, soll am Schlüße gesagt werden.

Heute wissen wir, daß die Meteorsteine vom Himmel fallen. Nicht wie ein Stück Kalk von einer schadhaften Decke, sondern als jausende Weltenbummler im Universum. Aber nicht gar so lange weiß man das, d. h. hat sich die hvchweise Gelahrtheit bequemt, dies anzuerkennen. Die Tatsache war schon im Alter- tiim bekannt nnd der Himmel sorgte stets von Zeit zu Zeit, daß die Kenntnis der Tatsache nicht cinschlummerte. Was half das! Das Ding paßte nun einmal ganz und gar nicht in den Kram überkommener Vorstellungen undfeststehender Gesetze". Da durst« es einfach nicht wahr sein. Und zwar nicht vor dem Denken des gemeinen, ungebildeten Mänues, sondern vor dem Forum der privilegierten Weisheit. Die französische Akademie, der der Zopf besonders lange hinten hing, feierte Orgien an Entrüstung und Heiterkeit über diesenunmöglichen" Gedanken. Daß das Neue und Ungewohnte Berblüfsting, Mißtrauen und vorsichtige Zurück­haltung erzeugt, ist ja schließlich sogar ganz in der Ordnung; aber das ist das Charakteristische an diesen Sachen: es wird nicht erwogen und geprüft, sondern kategorisch erklärt: das gibt's nicht, kann es nicht geben! Allerwege hat der Mensch mehr Neigung gezeigt, der Natur Gesetze zu diktieren, statt sie von ihr zu. lernen. In gleicher Weise die französische Akademie, wenn sie anno domini 1790 angesichts eines von dreihundert Augenzeugen bestätigten Steinfalles diesen Bericht über einoffen­bar falsches, weil physisch nmnögliches Phänomen" als traurige Verirrungoffiziell" belächelte! Und natürlich der in solchen Fällen niemals fehlende Zusatz:All dies ergibt sich für den philosophischen Leser von selbst. . . ." Wie schnell wird immer die eigene dogmatische Kurzsichtigkeit und Ueberhebung bei allen ^vernünftigen" Mitmenschen alsselbstverständlich" vorausgesetzt! Zu gleicher Zeit erging sich ein Wiener Gelehrter in dem ent­rüsteten Ausrufe, es wäre angesichts der vorgeschrittenen Natur­geschichte und Physikeinfach unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden". Also nicht bloß für widersinnig, sondern schlankweg fürunmöglich" erklärten damalige Autori- täten das Phänomen, das in seiner Tatsächlichkeit durchaus be­glaubigt war! Und man warf die Meteorsteine entrüstet ans den Museen. Die Meteore ließen sich aber durch menschliche Ueberweisheit nicht Beirren und sausten weiter. Heute aber weiß jeder Schulbub mehr, als die erlauchte Akademie für möglich zu halten vermochte. Ein typisches Beispiel der Wissenschaftshemmung gerade durch die berufenen Kreise der Wissenschaftsförderung in­folge eines blinden Autoritätssanatismus.

Ein zweites kleines Beispiel. Heute ist es eine unbestreitbare Und unbestrittene Tatsache, daß es fleischfressende, richtiger fleisch- Verdauende Pflanzen gibt, d. h. solche, welche tierische Körper (Insekten) fangen und festhalten, dann Stoffe ausscheiden, welche völlig von der Art der tierischen Verdauungssäfte find, und sich auf diese Weise die gefangene tierische Beute zuirutze machen. Das alles sind heute erwiesene Tatsachen, und gerade,die absonderlichen^ Einrichtungen der fleischfressenden Pflanzen und die dabei zur Ausbildung kommenden Fähigkeiten haben uns einen tiefen Ein­blick in das Reizleben und damit in die Natur der Pflanze.über­haupt verschafft. Aber es ging nicht gar so schnell, bis man sich mit dieser Tatsache ab fand. Anfänglich schon gar nicht, weil

es allem widersprach,was man Von der Pflanze wußte" H. «öer b efes Wissen das so häufig nur einTmmfÄ füi' Welterlernen ist! Auch hier ging es genau so wie bei den Mcteo- rcten, nicht bloß die unabweislichen Folgerungen wurden in «weifet gezogen und lächerlich gemacht, die Tatsache selbst, eben weil ste jene Folgerungen nach sich zog, wurde abgewieseu und verlacht. Die ersten Nachrichten nut den schüchternen Versuchen einer int Kernpunkt der heutigen entsprechenden Erklärung wurden wiederum ' eurzweg fürunglaublich" erklärt. Später verhielt sich selbst ein Wust fo jcharfftnmger und in anderen Dingen so vorurteilsfreier! zenter tote, Lamarck ablehnend, weil die Erscheinung ganz und f.ente. Definition der Pflanze hineinpaßte. Und selbjt ab Darwtn ein ganzes Buch zu diesem Gegenstände beitrug Mit einer Fülle von Tatsachen, die alle seiner bekannten gewissen­haften und gründlichen Beobachtung und Experimentierkunst ent­stammten, selbst da verstummte dasBesserwissen" nicht und ich kann, nicht umhin, die lehrreiche Strafpredigt hierherzusetzen, welche, em damals als Botaniker (wir würden heute etwas ein- geschraukter sagen: Florist) berühmter Gelehrter noch im Iahte 1815 über Darwin, ganz England und die leichtgläubigen deutschen Naturjoricher herabdoniierte. Er kommt dabei zu dem Schlüsse, daß die von Darwin auf'bie Bewegungserscheinungen bei einigen msekteiifangeuden Pflanzen hin aufgestellte Theorie 'zu jenen Theonen gehört, über die jeder verständige Botaniker und Natur- forscher einfach gelacht haben würde, wenn diese Theorie nicht von dem gefeierten Darwin ausginge. Daß die Engländer in dieser! Frage von vornherein mit Darwin durch dick und dünn gehen, ja denselben in ihren Beschlüssen und Behauptungen noch überbieten, das tst bei ihrer begründeten Verehrung Darwins ziemlich natür­lich. Wir hoffen, daß der kühle Verstand und die gründliche Beobachtung unserer deutschen Forscher diese Theorie gleich der Theorie der Urzeugung, Parthenogenesis, Generationswechsel usw. bald wieder in den Kasten des wissenschaftlichen Plunders werfen wird, den die ehemaligen Vertreter solcher Theorien selbst ant wenigsten offnen mögen." Da haben wir wieder das ganze übliche Inventar, vom Lächeln und Lachen bis zu der Voraussetzung des kühlen Verstandes und der ungetrübten Vernunft Bei den wirk­lich Berufenen! Klingt das Ganze nicht auch sonst noch ver­zweifelt an diephysisch unmöglichen" Meteorfälle an? Und die Bösartige Ironie des Schicksals hat nicht nur die Fleisch­fresserei, sondern auch noch andere Bestandteile desWissenschaft­lichen Plunders" zu unbezweifelbaren wissenschaftlichen Tatsachen von teilweise ungeheuer weittragender Bedeutung erhoben!

Nuri noch einen großen Fall. Er ist so bekannt, daß ich nicht so genau darauf emzugehen brauche, als er es an sich verdient., Jedermann weiß, wie sich der Entwicklungsgedanke, um den sich heute unsere ganze biologische Wissenschaft dreht, anfänglich gegen Hohngelächter und Wutanfälle mühsam kämpfend durchzusetzen hatte. Ich spreche natürlich nicht von der Gegnerschaft in theo­logischen Kreisen oder im unwissenden Publikum, in welcher Hin­sicht es ja heute auch noch vielfach nicht besser steht. Ich denke! nur an den Widerstand im eigenen Lager, im Kreise der wissen­schaftlichen Autoritäten. Welche Fülle von Entrüstung einerseits' und spöttischer Heiterkeit andererseits mußten die Vertreter dieses Gedankens über sich ergehen lassen! Zunächst die erste Hälfte! des 19. Jahrhunderts, die es fertig brachte, daß die eben voll­brachte Geistestat Lamarcks nicht nur gröblich verlacht, sondern sogar gänzlich in Vergessenheit geraten konnte! Alles zugunsten des die Geister benebelnden Dogmas Cuviers. Tann, als die empirischen Kenntnisse entsprechend zugenommen und einem Dar­win die Wiederaufnahme des Entwicklungsgedankens ungleich leich­ter gemacht hatten, so daß Darwin, trotz seiner heute als irrtümlich erkannten Aufstellung der natürlichen Zuchtwahl als vornehm- lichsten verursachenden Faktors, ben Gedanken zum Bollsiege bringen konnte, selbst da noch zuerst derselbe unvernünftigste Widerstand, dasselbe höhnische Lächeln selbst berühmter und an­gesehener Fachautoritäten! Wenn man hört, wie damals mit tötendem Hohne ben Verfechtern der neuen Lehre bas Prädikat unwissenschaftlich" an ben Kopf geworfen wurde, bloß weil sie nicht willig unter Dogma, Autorität und kurzsichtige Bequemlich­keit sich fügten, bann fühlt man sich ebenso in die dunklen Zeiten der Wisseuschaftsanfäuge als in die Tage der lebendigen Gegenwart versetzt, alltoo dieselbe Ueberhebung und Selbstherrlichkeit, das­selbe Schwelgen imbereits Erreichten", dasselbe Brüsten mit alleiniger Wissenschaftlichkeit" sich breit macht und dasselbe be­liebte Universalheilmittel in Verwendung steht: die Lächerlichkeit und das Lächerlichmachen! Oder auch wütende Entrüstung. Wozu der Lärm, meine Herren? Die Erkenntnis geht doch ihren Fort­schrittsweg und kümmert sich schließlich aber schon gar nicht im geringsten um Gelehrtenschulen, Autoritäten und Dogmen. Das ist nun eben der Schwerpunkt, um den sich die ganze Sache dreht.. Ich habe diese Zeugnisse geistiger Verblendung und logischer Un­fähigkeit (die sich Beliebig vermehren ließen) nicht ausgegraben/ um das, wenn auch oft von Grund aus irrige, so doch häufig wenigstens ehrlich gemeinte Streben der Menschen zu verun- glimpfen; auch nicht etwa aus jenem Hochmute, der Uns so gerne verleitet, unseren eigenen Scharfsinn an den Irrtümern der Vor­fahren leuchten zu lassen. Sondern zu einem ganz anbereit Zwecke: Um das Mene Tekel zu zeigen, das der Gegenwart und aller weiteren Zukunft aus diesen und anderen historischen Zeug­nissen erwächst. Und ebenso, um die oft schon mit Verwunderung