Ausgabe 
11.10.1911
 
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!Der Boden, der sich vor mir hin abwärts zvU, war lauter Sand, einige heidige kleine Hügel ausgenommen, welche hie und da die Einförmigkeit unterbrachen. Der See Mar einst offenbar bis an die Stelle gekommen, an der ich stand, und war allmählich bis auf den dritten Teil seines ehemaligen Umfanges eingetrocknet. Ich sah, tote seine stillen, faulen Wasser etwa eine Viertelmeile von mir in einer Vertiefung von verschlungenem Schilfe, Rohre und von kleinen Erdhügeln in Sümpfe und Pfützen ge­teilt wurde. Auf dem mir gegenüberliegenden Ufer erhob sich wieder dieses Gebüsch, das die Aussicht verbarg und seine Lüstern Schatten auf das träge, flache Wasser warf. Das Wasser, welches auf der offenen sandigen Seite, wo die Sonne schien, ziemlich klar war, sah mir gegenüber, wo es tiefer in dem Schatten des schwammigen Ufers und dich­ten, überhängenden Gebüsches lag, schwarz und giftig aus. Ich sah hier, halb aus dem Wasser herausragend, das ver­faulte Wrack eines umgeworfenen alten Bootes liegen, und auf seine trockne Oberfläche fiel durch eine Lücke in den Bäumen hindurch ein schwacher Fleck von Sonnenlicht, in dessen Mitte eine Natter, phantastisch zusammengerollt, ver­räterisch still dalag. Nah und fern machte die Aussicht nur denselben traurigen Eindruck von Einsamkeit und Ver­fall, und die Helle Pracht des Sonnenhimmels über mir schien die Düsterheit und Kahlheit der Wildnis, auf die sie herableuchtete, nur noch fühlbarer zu machen. Ich wandte mich um und ging dem höher gelegenen, heideartigen Boden, und von meinem früheren Pfade ein wenig ab­weichend, einem ärmlichen kleinen hölzernen Schuppen zu, der am äußersten Rande der Pflanzung stand und zu unbe­deutend war, um bisher meine Aufmerksamkeit mit der großen wilden Aussicht über den See hin zu teilen.

Als ich mich dem Schuppen nahte, fand ich, daß es früher ein Bootshaus gewesen war, und daß dem Anscheine nach später ein Versuch gemacht Wörden, es zu einer Art rohen Lusthäuschens zu machen, in das ntcut eine Bank von Tannenästen, ein paar Sessel und einen Tisch hinein­stellte. Ich trat hinein, um mich eiu wenig auszuruhen Und wieder zu Atem zu kommen.

Ich war kaum eine Minute in dem Boothause gewesen, als ich gewahr wurde, daß meine schnellen Atemzüge selt­samerweise irgendwo unter mir ein Echo fanden. Ich Horchte einen Augenblick mit gespannter Aufmerksamkeit, Und hörte ein leises Röcheln, das unter der Bank hervor- zukommen schien, auf der ich saß. Meine Nerven werden nicht leicht durch Kleinigkeiten erschüttert, aber bei dieser Gelegenheit sprang ich erschrocken auf, ries, erhielt keine Antwort, samnrelte meinen abhanden gekommenen Mut und blickte unter die Bank.

Da, im fernsten Winkel kauernd, lag die hilflose llr- sache meines Schreckens in der Gestalt eines armen kleinen Hundes, eines kleinen schwarz und weißen Wachtelhundes. Das Tierchen winselte matt, als ich es ansah und zu mir lockte, rührte sich aber nicht. Ich rückte die Bank fort Und blickte näher hin. Des armen Hündchens Augen um­zogen sich schnell, und auf seinen weißen Weichen waren Blutflecke. Der Jammer eines armen schwachen, hilf­losen, stummen Geschöpfes ist doch von alten Anblicken der Welt der traurigste. Ich uahm das arme Tier so zart wie mir nur möglich war, vorn Boden auf und legte es in eine Art improvisierter Hängematte, indem ich rund um es her die Falten meines Kleiderrockes aufnahm. Auf diese Weise trug ich es dann so schmerzlos und so schnell sals möglich nach dem Hause zurück.

Da ich niemanden im Vorsaale fand, ging ich sofort auf mein Wohnzimmer, machte aus einem meiner alten Schals ein Bett für das Tierchen und klingelte dann der Haushälterin. Sie erschien sofort. Sowie sie den Hund am Boden erblickte, machte sie eine Bewegung und wech­selte die Farbe.

Du ntein Gott! rief sie aus, das muß Mrs. Cathericks Hund sein!

Wessen Hund? fragte ich im'höchsten Erstaunen.

Mrs. Cathericks Hund. Sie scheinen Mrs. Catherick KU kennen, Miß Halcombe?

Nicht persönlich. Aber ich have von ihr gehört. Wohnt sie hier? Hat sie Nachrichten von ihrer Tochter.

Nein, Miß Halcombe. Sie ton, um sich bei uns nach ihr zu erkundigen.

Wann?

Erst gestern. S-te sagte, sie habe gehört, daß jemand eine Fremde, deren Beschreibung der ihrer Tochter ent­spräche, in dieser Umgegend gesehen habe. Wir haben aber davon nichts gehört, Tioch wußte man im Dorfe etwas davon, als ich hinschickte und für Mrs. Catherick Er­kundigungen einziehen ließ. Sie brachte jedenfalls diesen kleinen Hund mit sich, als sie ton, und ich sah ihn hinter ihr drein traben, als sie wieder fort ging. Vermutlich verirrte sich das kleine Tier in der Pflanzung und wurde geschossen. Wo fanden Sie es. Miß Halcombe?

In dem alten Schuppen am See.

Ach ja, das ist auf der Seite der Pflanzung, und das arme Tier schleppte sich an den nächsten geschützten jDrtz wie die Hunde tun, um zu sterben.

Mrs. Catherick! Der Name klang mir noch immer in den Ohren, als ob die Haushälterin mich soeben erst da­durch in Erstaunen gesetzt hätte. Während wir uns mit dem Hunde beschäftigten, erinnerte ich mich, daß, Walter Hartright mir einmal gesagt:Sollte Ihnen je auf Ihrem Pfade Anna Catherick begegnen, Miß Halcombe, da machen Sie bessern Gebrauch vou Ihrer Gelegenheit als ich von der meinigen gemacht habe." Mein Fund hatte mich be­reits Mrs. Cathericks Besuch in Blackwater Park entdecken lassen: und diese Entdeckung konnte mich weiter führen, (Fortsetzung folgt.)

Die schule der Lächerlichkeit.

E i n S ck ch en W i s s e u s ch a ft s - P s Y ch o l o g i e.. Von Univ.-Prof. Dr. A. Wagner (Innsbruck).

Für denjenigen, deniWissenschaft" nicht lediglich irgendein zu bebauendes Arbeitsfeld, sondern den Spiegel und die Grund­lage der Menschhcitsentwicklung bedeutet, gibt es etwas, das an Interesse alles andere überwiegt: Das.Auftauchen neuer Ge­danken und Forschungsrichtungen oder das Bekanntwerden neuer Tatsachen, welche solche Neurichtungen mit logischer Sicherheit nach sich ziehen müssen. Nur wird man von der Macht der Logik in solchen Fällen nicht allzuviel erwarten dürfen. _ Denn obwohl der junge Gelehrte Logikstudiert" hat (oder vielleicht eben deswegen?), läßt sie ihn gar nicht selten gerade dann int Stiche, wenn er ihrer am notwendigsten bedarf: wenn es gilt. Neues in das Alte richtig einzuwerten. In diesem Kampfe des Alten mit dem Neuen liegt aber speziell das umwschöpflich Inter­essante für den von freier Warte aus aufmerksam Beobachtenden., Der Kampf verläuft immer nach demselben Schema: Da, Neue unterliegt zuerst scheinbar schmählich und über kurz oder lang steht es an Stelle des Alten, schon wieder von einem neueres Neuen bedroht. Man könnte denken, dieses ewige Einerlei müßte nun gerade langweilig und uninteressant sein. Ganz im Gegen­teile. Man denke doch: Was kann es für den, der überall int Universum nach Gesetzen sucht, Befriedigenderes geben, als wenn er in mannigfachsten Varianten nach stets gleicher Grundmelodie ein Gesetz im Werden des Geistigen erkennen darf?

Das intellektuelle Gesetz, von dem ich hier sprechen möchte/ ist anscheinend ein solches von großer Unveränderlichkeit, soweit es in der Natur überhaupt unveränderliche Gesetze gibt. Wir sind eigentlich etwas allzu kühn, wenn wir so schlankweg von unab- änderlichen Naturgesetzen sprechen. Was wir so nennen, ist großen­teils nur die Summe bisheriger Erfahrungen von Eiuch fällen., Diese Einzelfälle niögcn eine Million betragen, der miuionen- erste Fall kann das Gesetz in seiner universellen Gültigkeit. um­stoßen! Es gibt aber Ansichten über die Natur der Tinge, die, aus solchenGesetzen" abgeleitet, gänzlich zusammenstürzen, wenn nur ein einziger Fall ernstlich dagegen spricht. Allerdings muß dieser Fall sicher sein. Tas ist aber nun der schwache Punkt, welcher sich diesfalls nicht int Objekt, sondern im Subjekt befindet, will sagen: Ter Fall ist sicher, aber er wird solange als möglich nicht für sicher angesehen, weil er jener fatale erste Fall nach der Million ist. Nun kann die Wissenschaft, ihrer, innersten Natur nach, um Tatsachen nicht herum. Kommen nun so unbequeme Tatsachen daher, dann hat der widerstrebende Geist zwei Mittel zur Hand: Zunächst werde,:, solange es irgendwie mit scheinbarem Anstand geht, die Tatsachen selbst in Zweifel gezogen. Geht das aber nicht mehr an, sind die Tatsachen an sich evident, dann kommt das leichtere, aber wirksamere Mittel daran: man leugnet die daraus sich ergebenden Folgerungen., Aber nicht etwa, weil sie unlogisch, denüvidrig sind, bewahre! Sondern weil sie demGesetz", d. h. richtiger der bisherigen! Meinung, widersprechen. Dogmatismus und Autoritätsglaube schwingen dann das Szepter. Der Gedanke selbst aber, der jenen Tatsachen entspringt, kommt von diesem Augenblicke an in die Schule der Lächerlichkeit. Für schwächere Geister gibt cs nichts Schrecklicheres als das ironisch-überlegene oder spöttisch-mitleidige Lächeln der Berufsgenossen oder auch der Oeffentlichkeit. Ter Unterdrückung dieses Lächelns können besseres Wissen und logische Notwendigkeit zum Opfer fallen.. Auf dem Altäre der Person-