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zum Beispiel das Oeldruckbild einer schlummernden Venus, der Paul in einer Aufwallung ästhetischen Zorns Hühner- augenringe auf die Zehen geklebt hatte — oder eine Sokratesbüste aus Biskuit, der bei einem Besuch Mursiunas eine rotbraune Burgundernase angetuscht worden war. An den Wänden hingen Waffen und ein ausgestopfter Stör; hingen lockere Photographien und ein seidener Dauieustrumpf und eine große alte Pfeife; ein Fidschiinsulanerköcher und ein Diplom, das Herrn Paul L. Everstedt zum Ehrenmitglied der freiwilligen Schützenkompagnie ernannte. Vor dem Bette stand ein ungeheurer Stiefelknecht, auf dem mit schwarzer Tusche ein Gesicht gemalt war, uud auf dem Mittel- tisch lagen Broschüren und Zeitschriften, eine Schnurrbartbinde und eine halb durchgebrochene Zigarre. Auch ein Bücherschrank war da; aber man sah in ihm außer einem Dienstreglement für die leichte Kavallerie und dem „Heiligen Antonius" von Busch nur Romane: aller Sünden Blüte der Weltliteratur. Kurzum: es war ein liederliches Zimmer.
Mer es wird nun anders werden. Dies Gemach, das bisher keine Zofe säubern durfte, sondern nur der vertraute Diener des Hauses, soll auf Befehl der Hausfrau sich in ein wohlgesittetes Fremdenzimmer verwandeln. Das junge Paar zieht vorläufig in die kleine Villa nebenan, die seit dem Tode der Großmutter leer steht, und die durch einen Wintergarten mit dem Everstedtfchen Hause verbunden ist. Da werden die beiden sich ein behagliches Nest schaffen, und es ist zu wetten, daß Traute kein liederliches Zimmer duldet. Gestern schon sind sie Hand in .Hand durch die Räume gegangen und haben ihre Verteilung vorgeuommeu: das Eßzimmer bleibt, aber die kälte Pracht des Salons muß weichen; das blaue Boudoir, Trautchen, wird dein Stübchen, und in dem Eckgemach entfaltet sich die Herrlichkeit des Gatten. Das bisherige Schlafzimmer dünkt Paul viel zu klein; er will eine Wand durchbrechen lassen und erläutert seine Ideen. Das Schlafzimmer sei sozusagen das Heiligtum des Hauses; da verbringe mau die Ruhezeit des Lebens. Er versteht sich auch aus Ausstattungsfragen. Er will die Möbel bei Maple in London bestellen, die Wände mit dragonerblauem Rupfen bekleiden, und die Gardinen sollen Utrechter Samt sein. Die Betten sollen hier stehen — er zeigt die Stelle. Aber er erklärt: kein Himmel darüber; der drücke. Er wird sogar poetisch; er sagt: „Den Himmel tragen wir ja im Herzen" — und dabei küßt er seine Braut, die ein bißchen rot geworden ist bei der Erörterung über die Einzelheiten dieser Einrichtung.
Aber sie ist sehr glücklich. Das also ist ihr künftiges Heim. Da schlägt ihr Mädchenherz höher; es kommt auch die Freude am Besitz. Aus tiefem Grau tritt sie in eine rosenrote Welt. Die Geldfrage spielt keine entscheidende Rolle mehr. Es ist nicht kleinlich, daß sie auch daran denkt. Die Sorge hat schwer auf ihrer Jugend gelastet: nickt der Mangel am Notwendigsten, sondern die Kargheit, Die allen Glanz von ihrer Seele stäubte, und die Enge, die ihre guicke Lebendigkeit zu Boden drückte, und die Mechanisierung des Alltagsdaseins, die jede freie Bewegung hemmte. Kein Wunder, daß sie sich auf größere Weiten freut. Aber die hätten ihr wohl auch Roeßler und Kruse und Dow« und Brigham bieten können — und sie wäre vielleicht doch immer noch in der Enge geblieben. Ihr ist ein höheres Glück geworden: das Aeußerliche wird verinnerlicht, und über allem Sichtbaren schwebt das Unsichtbare, über allem Geist das Gefühl, über allem' Zauber Die Liebe.
Das weiß sie, und das dehnt ihre Seele, und das macht sie so glücklich. Im ganzen Köhlerschen Hause herrscht eitel Sonnenschein." Was man nie für möglich gehalten haben würde, ist geschehen: Franz A. Köhler hat sich einen neuen Frack machen lassen. Warum denn nicht? Das Geschäft mit Mppold Söhne ist erledigt; damit ist eine schätzbare Verbindung angeküüpst worden, die weitere Früchte tragen wird. Das Lager ist entlastet; aber es wird sich wieder füllen. Jonathan W. Brigham ist kein Mann, der nicht Persönliches vom Geschäftlichen zu trennen weiß. Er bleibt trotz Trantes Korbe dem Hause Köhler treu. Kautschuk, Kakao, Tabak, Farbhölzer und Bananen kreisen immer noch als leuchtende Sterne am Firmament. Da ist Herr Köhler leichtsinnig geworden und hat sich einen neuen Frack gekauft. Er hat ihn zugeknöpft, und unten schaut die weiße Weste heraus. Vor dreißig Jahren machte man das so, und er hält an der Ueberlieserung fest. Bei Frau Auguste tut es
noch das Schwarzseidene von S'er Konfirmation Trautes. Aber es ist erweitert und modernisiert worden. Es sitzt ängstlich prall; eine rasche Bewegung ermöglicht es nicht. Das schadet auch nicht. Frau Auguste ist majestätisch geworden in ihrem Sichgeben; sie hat etwas Königliches bekommen: sie ist die Schwiegermutter von Paul L. Everstedt und triumphiert: sie hat es ja immer gewußt, daß es einmal so kommen würde.
Auch Traute ich für den Verlobungsrout eine neue Toilette vergönnt worden: sie trägt ein Kleid aus viel- gefältetem, weißen Seidenbatist. Die Hübner hat es gemacht. Sie sieht reizend ans und ist plötzlich wieder ganz gesund geworden. Kein Herzweh mehr, keine Schläfenstiche, keine Appetitlosigkeit. Alle Kinder umringen sie bewundernd; Theachen kräht, Pauline betastet sie vorsichtig, Rolf macht ihr eine tiefe Verbeugung. Aber der Wagen wartet: keine gemeine Droschke, sondern ein Mietswagen, der fast einer Equipage ähnelt. Auf der Straße ist ein kleiner Auflauf entstanden; die Bäckerin nebenan, der Viktualienhändler und der Fleischer stehen vor ihren Türen. Auch die Leute aus dem Kontor haben sich eingefunden, um die Braut zu sehen: Siepmann, der Buchhalter, und Fräulein Weller, die Schreiberin. Traute beeilte sich, in den Wagen zu kommen; sie ist ein wenig verwirrt. Mer die Mutter genießt ihren Triumph; sie macht kleine Schritte und sieht pompös aus. Köhler geht hinterher. Der Ueberzieher ist alt, und hinten schaut der Aushänger heraus; aber der Frack ist neu, und das Herz jubelt fast ängstlich. Aus allen Falten seines schmalen alten Gesichts lacht das Glück.
(Schluß folgt.)
weshalb Urause die „Unöppe" erhielt.
Manöverhumoreske von Fritz Arens (Bremen).
Das Regiment hatte einen neuen Obersten bekommen. Wie jeder neue Vorgesetzte, so hatte auch Oberst von Kartog einen Spezialtick. Gewiß, Parademarsch, Gewehrgriffe, Schießübungen, alles das mußte ja sein, aber die Hauptsache war nach seiner Ansicht doch die richtige Orientierung im Gelände. Jeder Soldat, auch der dümmste, sollte nach der Ansicht des Herrn Obersten imstande sein, in pechdimkler Nacht mit Hilfe einer Karte und eines Streichholzes sich in wildfremder Gegend zu orientieren.
„Meine Herren," so hatte der Herr Oberst zu seinen Offizieren gesagtz als er ihnen bei der Uebernahme des Regiments das erste Privatissimum über die Technik des Krieges Hielt, „da« einzige Geheimnis unserer militärischen Uebertegemjcit ist die Kenntnis der Karte. Richten Sie sich darauf ein, daß nach acht Tagen jeder Musketier imstande ist, Patrouillen selbständig zu führen oder Doppelposten in der Vorposienkette richtig auf- zubanen!"
Tie Batailloiiskommaiideure nahmen pflichtschuldigst non denk Spezialtick ihres Vorgesetzten Kemitnis und erließen iveise Instruktionen an die ihnen unterstellten Häuptlinge. Tie Herren Hauptleute ergingen sich in langen Reden an ihre Herren Leut- nants, und dann begann der Drill. In den Jnstruktlonsstunden gab cs nur noch Kartenkunde, und das mit einer Gründlichkeit, daß den Leutnants die Schädel brummten und jeder von der Mannschaft beinahe die Reife für eine Geographieprofefsur erhielt.
Ter Tag der ersten großen Gefechtsübungen rückte heran.
„Meine Herren," sagte der neue Oberst kurz vorher zu den Offizieren, „ich erwarte von Ihnen, daß Sie bei allen Posten die dümmsten Kerle Ihrer Kompagnie nehmen, damit ich mich von der Durchbildung der Mannschaft überzeugen kann."
Die dritte Kompagnie sollte gegen den markierten Feind auf Vorposten ziehen. Vorn lag die Feldwache, befehligt von Leutnant Müller. Diese Feldwache hatte neben den einzelnen Patrouillen auch die nach der Flanke hinausgeschobeneii Doppelposten zu besetzen. Der Häuptling der Dritten hatte bereits die Feldwache inspiziert.
„Herr Leutnant Müller!"
„Herr Hauptmann?"
„Aus den rechts hinausgeschobeuen Doppelposten am .Kreuzweg stellen Sie den bünimfteu Kerl, den . . . ."
„Krause, Herr Hauptmann?"
„Richtig, 'ja, den Krause. Aber gehen Sie selbst mit und bauen Sie den Doppelposten, den 'Krause befehligen soll, richtig auf!"
„Zu Befehl, Herr Hauptmänu!"
„Sie wissen doch, wie der Doppelposten an dem Kreuzweg stehen soll?"
„Zu Befehl, Herr Hauptmann!"
Leise setzte er für sich hinzu: Keine blasse Ahnung!
„Schön! Ich werde mich übrigens von der Richtigkeit selbst überzeugen!"
Damit Mengte er d'apon, leise in feinen Schnauzbart


