Ausgabe 
11.3.1911
 
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(Fortsetzung.)

Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

(Nachdruck verboten.)

Viertes Kapitel.

Nein, es schadete ihr nicht, daß sie arbeiten, mußte! Daß die Kosy ihr früh am Morgen teilte Ruhe im Bett ließ und daß sie sich abends todmüde zum Schlafen legte.

Sie sah rosiger und frischer aus als je zuvor, und sie schlief so gut und fest, wie einer schläft, der em tüchtiges Tagewerk hinter sich hat.

Im alten Witwenhaus waren in diesem Frühling viel Veränderungen vor sich gegangen. Acht Tage vor .ihrem Umzug hatte die Specht Auktion von ihren alten Sachen veranstaltet. Gern hatte sie es nicht getan, denn sie hing an jedem Stück. Jeder Stuhl, jeder alte Schrank, jedes Stückchen Teppich war ihr ans Herz gewachsen, aber die Häuflein wollte ein vornehmes, modernes Pensionat ein­richten, und wie sie Umschau in der Specht Sachen gehalten, fand sie das meiste für ihre neue Häuslichkeit unpassend.

Fast wäre dieses Umstandes wegen der ganze Plan einer gemeinschaftlichen Zukunft in die Brüche gegangen, aber nach ein vaar schlaflosen Nächten und nachdem auch die Pastorin sich auf der Häuflein Seite gestellt hatte, war die Specht klein geworden, hatte mit dem Auktionator Rücksprache genommen, und der hatte gleich ein paar andere kleine Auktionen mit zu der ins Saalehaus verlegt. Da Frau von Hilbach in ihrer Gutmütigkeit gestattete, daß in ihren Räumen nicht nur der Specht Sachen, sondern auch die einer Anzahl Nachbarn versteigert werden durften, war ein bundes Leben int Haus entstanden.

Die Kosy war ganz außer sich über ihre Frau.

Wie hatte sie das der Specht, die sie doch immer nur fchikaniert hatte, so einfach erlauben können? Was lag oen fremden Leuten, die da mit ihren Möbeln die Treppe hinaufpolterten, daran, ob sie ihre Türen und Fußböden verkratzten und das gute Linoleum zertraten?

Und das Schlimmste war, daß so eine wie die Specht im geheimen noch über diss Dummheit der Fran von Hilbach lachte, denn was andere gut und edel fanden, das nannte die doch einfachdumm".

Es war der Kosy auch noch längst nicht einerlei, haß am Auktionstage jeder, der wollte, Eintritt ins Saalehaus hatte und sich in allen Ecken und Winkeln umsehen konnte, um nachher zu klatschen und zu keifen; aber sie war ja machtlos. Ein paar Tage lang sprach sie nur das Nötigste mit ihrer Frau und ärgerte sich über die Fliege an der Wand, aber an der Auktion nahm sie doch teil.

Es ging alles unter Preis fort, denn man kaufte hier am Ort nicht gern alt, es wurde dann gleich darüber ge­redet: die Kosy stand ja auch nur dabei, um eben dahei gewesen zu fein.

Als aber ein großmächtiger Kleiderschrank mit Muschel­aufsatz und schöner Schnitzerei für zwölf Mark fünfzig Pfennig ausgeboten wurde und keine Käufer fand, lief sie schnell zu Fran von Hilbach, holte sich deren Einwilligung und erstand das schöne Stück.

Sie kaufte auch noch eine Fußbank, ein paar Garten-, stichle und ein Küchenspind, alles halb geschenkt; das Schönst« dn der ganzen Auktion war für sie, daß die Specht die Tränen nicht zurückhalten konnte, wie ihre schönen Sachen fortgingen. Nur ihren Plüschsalon und ein Schlafzimmer- Mobiliar durfte sie mitnehmen: das wurde gleich zu der Hänflein Umzug zugepackt.

Die Häuflein zog schon drei Tage vor dem ersten April, denn seit ihrem Streit mit der Küsterswitwe ließ die all ihre Wut und ihre Bosheit an dem armen Harmonium aus« und der Hänflein war es leid, sich in dem alten Witwen­haus ärgern zu lassen.

Sie ging ohne Abschied, warf der Kosy, die an her Haustür stand, als sie zum letzten Mal über die Schwelle des alten Hauses schritt, einen herablassenden Blick zu und sah nur flüchtig zu einem Fenster der zweiten' Etage hinauf« von wo die Pastorin ihr weinend mit einem großen Taschen­tuch zuwinkte.

Die Specht schlief noch eine Nacht länger im Witwen­haus ; die Pastorin hatte ihr Unterkunft gewährt, und ob­gleich sie wußte, daß die neuen Mieter schon am Dritten einzogen, empfahl sie der Pastorin beim Abschied dringend, den Schlüssel der Wohnung aufzubewahren und ihn erst am Morgen des ersten April abzuliefern.

Die Pastorin versprach ihr unter Tränen, ihrem Wunsche nachzukommen; sie ließ es sich nicht nehmen, der Frau Oberlehrer, die zu Fuß nach Naumburg ging, das Geleit bis Schulpforta zu geben.

Auch die Specht schied ohne Gruß aus dem Witwen* haus, und die Kosy lief empört zu ihrer Herrin, die mit einer Handarbeit im Garten unter der Linde saß.

Da sehen Sie, Frau von Hilbach, wie die Ihre Güt« lohnen! OhneAdieu" rauscht sie davon. Die Wohnung hat sie verschlossen, und ich hab gehört, wie sie zur Pastorin sagte, vor dem Ersten sollten wir den Schlüssel nicht kriegen. Nehmen und immer wieder nehmen will solche Gesellschaft und dann alle Güte mit Mederträchtigkeit zurückzahlen. Das nehmen Sie sich einmal ad notam, Frau von Hilbach und sagen Sie nicht mehr so leichthinja", wenn eine was von Ihnen will." ,

Fran Üon Hilbach sah traurig vor sich hin. Sie begriff es gar nicht, warum die Menschen Freude daran hatten, sich das Leben zu verbittern, sich einander feindlich gegen* überjup ) .n von Schulpforta zurückkam und Frau

von Hilbach im Garten sitzen sah, öffnete sie die kleine eiserne Gittertür, ging durch den Laubengang und trat etwas zaghaft zu der Bank unter der Linde.

Es wird jetzt leer im Haus!" sagte sie in gleich gulti*