— 96
felbfl.
(Fortsetzung folgt.)
die anfangs hoch erfreut darüber gewesen waren, wieder etiW Stoke Wtoran auf dem alten Familiensrtz ernziehen zu .seh-n, schloß er sich in fein Haus ein, und wenn er dasselbe lemals verließ, so war es nur, um mit jedem, der ihm m den Weg kam, den heftigsten Streit anzufangen. Ern förmlich krankhafter Jähzorn war überhaupt ein Erbstück der Manner tn der Fa^ S, und bei meinem Stiefvater mochte durch feinen lang eit Aufenthalt in den Tropen diese Eigenschaft wohl nodj verparkt worden sein Er wurde in eine Reihe häßlicher Streitigkeiten verwickelt, die ihn zweimal vor Gericht brachten, bis er zuletzt der Schrecken des ganzen Dorfes war und alles bei seinem bloßen Anblick die Flucht ergriff, denn er besitzt eine riqiae Stärke und kennt in seiner Wut keine Grenzen.
Vorige Woche erst warf er den Dorfschmied über das Brückengeländer ins Wasser, und ich mußte alles opfern, was ich au Geld ausbringen konnte, um die abermalige öffentliche Schande abzu- wenden. Mit keinem Menschen hielt er Freundschaft, außer mit den herumziehenden Zigeunern; sie durften aus den paar von Dorngestrüpp überwucherten Hufen Landes, die letzt das ganze Besitztum ausmachten, ihr Lager aufschlagen, wogegen er dann oft unter ihren Zelten einkehrte und sie schließlich wochenlang aus ihren Wanderzügen begleitete. Ferner hegt er eine leidenschaftliche Vorliebe für indische Tiere, die er sich durch einen Korrespondenten schicken läßt; gegenwärtig besitzt er einen Leoparden und einen Pavian, die frei auf seinem Besitztum unterlaufen und den Dorfbewohnern kaum geringeren Schrecken einflößen als ihr Herr
Narrentiere.
Die lustige Narrenzeit, in die wir nun wieder hineingeraten sind, hieß bei unseren Altvordern auch die .Asseuzif. Denn der Affe galt als das Symbol des Narren; und dieses Schicksal teilten mit ihm der Esel und der Kuckuck oder .Gauch". Ein altes BerS- jein sagt darum: .Ich bin ir narr, ir gauch, ir aff, in esels wis ich st angaff . . Wie mit dem Worte „Narr', so bildete man namentlich auch mit dem .Affen' allerlei Zusammensetzungen, wie i. B. affentanz, affenwort, affenhochzit, affenkleit, affenbut, affen- bank, uiw. Sehr gebräuchlich war auch der Ausdruck affenzagel oder Affenschwanz; „Affenschwänz und Eselsohren — tragen in der Welt viel Toren', hieß es. Gerade diese Ziiiammensetzung lebt Noch im Volke weiter. Einen „Afienschwanz' nennt man mancherorts ein albernes oder auch possierliches Kind.
Der Kuckuck oder Gauch galt hauptsächlich als Sinnbild des verliebien Narren — und wohl deshalb, weil der Kuckuck in einer gewissen Beziehung zu den Liedespärchen stand. Sein Rusen bedeutete nämlich für sie eine Wahrsagung. Aus den Frühlingsfesten, bei denen sich nach altem Brauche unter den jungen Leuten die ffiiatpaare bildeten, die für die Tauer des nächsteii Sommers oder des ganzen Jayres zueinander hielten, wurde der Kuckuck als Lenzverkünder gefeiert. War nun aber kein Vogel zur Stelle, um den Liebenden wahrzusagen, so machte sich mancher närrische Bursch kurzerhand selbst zum .Gauch', indem er auf die Bäume kletterte und den anderen luftig „kuckuckend' wahrsagte. Die „Gäuchmatt" hieß übrigens auch eines der Hauptwerke von Thomas Murner (1475—1537). In dieser Satire läßt der Dichter alle verliebten Gäuche auf einer Matie bei Basel zusammentreffen. Die .Gauch- matt' ward im 16. Jahrhundert sehr populär.
Auch mit dem Namen des dritten „unreifen* Tieres, des Esels, benannte man die Narren. Und wenn darum in der tollen, ausgelassenen Narrenzeit jemand astzu arg verspottet und geärgert ward, so durfte er sich trösten mit dem Sprüchlein: „Was em Esel von mir spricht — das acht' ich nicht". Wollte man aber jemandem zu verstehen geben, daß er ein Narr fei, mit dem zu reden es sich nicht verlohne, so „streckte man ihm den Esel', d. h. man hielt ihm den Zeigesinger und den kleinen Finger ausgestreckt entgeae» und schlug die anderen ein. Diese Eselsohrgeste roar nicht mißzuversteheii. Auch Eielscheltreorte waren im Mittelalter ganz besonders beliebt, so „Eieiskopf, Eselsjurist, Eselreiter" usw. Das Eselreiten galt bekanntlich als schimpfliche Strafe, die namentlich auch im Schul- leben eine große Rolle spielte. Ten lebensgroßen, hölzernen -Schulesel" vertrat später ein Täfelchen mit einer Darstellung Freund Langohrs, das man den kleinen Missetätern um den Paks hing. Aber daß dieses .unreife' Tier in pädagogischer Hinsicht oftmals versagte, beweist uns Fritz Reuter in seinem „Schurr- Wlurr". In launiger Weife schildert er hier, roie sehr ein Mitschüler den anderen um die Strafe des Eseltragens beneidete. Demi wenn sich ein solcher Verurteilter mit seinem Eselein vor die Schultür auf die Straße stellen mußte (ober vielmehr durfte), so sammelte sich um ihn bald eine Schar von Kindern, die nichts sehnlicher begehrten, als auch einmal für einen Augenblick sich den Esel um den Hals hängen zu dürfen, und die dem Glücklichen als Lohn für diese Vergünstigung gern ihren roten Apfel gaben ober ihm wenigstens allerhand schöne Dinge für die Zukunft versprachen. ______________
vermischtes.
"Wenn man Schwager einer Doll ar prinz elf in wirb. Die Amerikaner wollen aus wirtschaftspolitischen Gründen ihre Töchter, sofern sie mehrfacher Millionäre Kinder sind, nicht aus dem Lande lassen und der englische Lord Decies, der kürzlich in New-Pork eingetroffen ist, um Miß Vivian Gould zum Altar zu führen, ist von der amerikanifchen Presse ganz anders als gaft- freunblid) aufgenommen worden. Man hat den „Ausländer" mit den gröbsten Verdächtigungen und mit hämischen Bemerkungen empfangen und anknüpfend an die Trauung mit aufreizenden Interviews nicht gegeizt, deren Schlußsatz dem Sinne nach gewöhnlich lautete: die Dollarprinzessinnen für die Amerikaner! Lord Decies hat diese Angriffe mit der vornehmen Gelassenheit eines altengliidten Lords ignoriert, aber wenn er in den nächsten Tagen mit seiner jungen Frau die Hochzeitsreise antritt, wird sein Bruder in New-Bork bleiben, um eine Anzahl von Boxerzwei- tämpfen durchzufechten, die ihm die Heirat seines älteren Bruders eingetragen hat. Der Hon. Seton Beresford, der angehende Schwager der Dollarprmzessin, ist ein englischer Ehampionboxer, aber die verstimmten Amerikaner haben sich im Eifer ihrer patriotischen Sorge um die amerikanischen Millionen doch hinreißen lassen und den britischen Boxer herausgefordert. Bei einem Tiner begann man, als alle diskreten und liebenswürdigen Verdächtigungen an der aristokratischen Ruhe des Lord Decies abprallten, den etwas heißblütigeren Bruder des (Bräutigams aufzureizen und ehe bas Tiner vorüber roar, hatte ber Hon. Seton Beresford zwei Herausforberungen zum Boxbuell angenommen. Die eine stammte von Mr. Anthony Drexel, bem Schwager bet Miß Gonlb unb die anbere von 'Mr. „Phil" Hills, bem einst berühmten Fußballspieler und Champion der Sportsriege von der Harvard Universität. Der Austrag der Zweikämpfe wird in den, Privatgymnasium Anthony Drexels slatlfinben, bas Datum steht noch nicht genau fest. Aber nun, ba bie Amerikaner einen Gegner gefimben haben, ber ihnen mit Faust und Muskeln gegenüber tritt, wird ihnen etwas bange Ums Herz. Tie Zeitungen gestehen mit wesentlich herabgestimmter Tonart, daß sie voraussehen, roie Mir. Beresford sowohl Anthony Trexel als „Phil" Miills nach wenigen Gängen kampfunfählg machen wirb unb alle nationalamerikanlschen Herzen blicken trübe in bie Zukunft. Man möchte bem englischen Gentleman-Boxer nun, ba bie Herausforberung nicht mehr zurückgenommen werden kann, iveuigstens auch einen berühmten erstklassigen amerikanischen Professiousboxer gegenüber ftelleu, damit bem 'Jlationalgefübl eine allzu bittere Demütigung erspart bleibe. Der Hon. Seton Beresforb wirb aber immerhin seine Verschwägerung mit einer Dollar- prinzessin mit einigen blauen Flecken bezahlen müssen, roenn er auch nut vergnügtem Lächeln biejem britisch-amerikanischen iueü entgegen sieht unb barauf brennt, beit gastfreien Neiv-Vorkem zu zeigen, rote em echter altengltfcher Boxer sich mit ber neuen Welt abfinbet.
* Benutzte Gelegenheit. Max: „Wenn du jetzt so spät nach Hause fommfl, setzt 's ba nicht eine ordent.Üche Gap- binenprebigt?" — Fritz (vergnügt): „I bewahre, meins iWäU spricht ja schon seit acht Tagen nicht mehr mit mir!
viichertisch.
■— Dr. Ad. Koelsch, Durch Herbe und Moor. (1911- Stuttgart, Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde.) Bei ber fLänbig zunehmenden Bevölkerung Deutschlands ist es nur eine Frage ber Zeit, wie lange bei uns noch Heibclaitdfchaften unb Moore zu finden sind. Die Moore werben trodengelegt unb in Weideland tierroanbelt; die Heide kommt immer mehr unter den Pflug. Damit bie Flora und Fauna dieser Gebiete nickst ganz vertilgt wird, hat bekanntlich ber Verein Naturschutzpark, E. V. in Stuttgart, ein großes Gebiet ber Lüneburger Heide aufge$auft. Durch ein solches urwüchsiges Heide- und Moorland läßt uns Koelschs Werd' chen wandern, und dabei führt es uns die Poesie dieser Landstriche so recht vor Augen. Aber es macht uns auch mit der Flora aufs innigste bekannt. Der ganze Stoff ist des leichteren lieber« blicks halber in fünf Kapitel eingeteilt: Bilder ber Landschaft; Bilder ber Pflanzenwelt; Bilder aus ber Vergangenheit der heutigen Niederungsheiben; bie Orbnungsprinzipien ber heide- staatlichen Pflanzenwelt; Bilder vom Hechemoor. Was das Werk aber auch jedem Fachbotaniker wertvoll erscheinen lassen wird, ist ber barin gemachte Versuch zu zeigen, daß das Problem des Heiderätsels noch nicht gelöst ist, daß die Lösung vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach in ganz anderer Richtung gesucht werden muß, als wir sie mit unseren Gedanken einzuschlagen gewohnt such,
Anagramm.
Munter durchstreif ich die Wälder unb werd' oft dem Jäger gefährlich Rückwärts gelesen jedoch, bin ich ein rankend Gewächs.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:
A --- Hexen, B — Meister, C — Schuß; Hexenmeister, Meisterschuß Hexenschuß.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck unb Verlag ber Brühl'schen Untversitäts-Buch- und Slembruckerei, R. Lange, Ließe»


