Ausgabe 
11.2.1911
 
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I spritzt. Kein anderes Fuhrwerk wirft aber so viel Schmutz auf wie ein Jagdwagen, und am allerschlimmsten ist es vollends, wenn man vorne links neben dem Kutscher sitzt."

Das mag sein wie es will, jedenfalls treffen Sie mit Ihren Schlüssen das richtige," versetzte sie.Ich fuhr vor 6 Uhr von Hause ab, brauchte 20 Minuten bis nach Leatherhead und traf mit dem ersten Zuge hier an der Waterloo-Station ein. Es kann nicht länger so fortgehen, ich halte es nicht mehr aus, ich werde wahnsinnig. Ich habe niemand, an den ich mich wenden könnte niemand; nur ein Einziger nimmt Anteil an mir, und der kann nicht viel für mich tun, der Arme. Man hat mir von Ihnen! erzählt, Herr Holmes. Eine meiner Bekannten, Frau Farintosh, der Sie einmal in ihrer schrecklichen Bedrängnis Beistand leisteten, hat .mir Ihre Adresse gegeben. Ach meinen Sie nicht, Sie könnten mir vielleicht ebenfalls helfen und die dichte Finsternis, die mich umgibt, wenigstens durch einen schwachen Schimmer erhellen? Sie für Ihre Dienste zu belohnen, bin ich freilich zurzeit nicht imstande, aber in sechs Wochen oder einem Monat, wenn ich verheiratet und im' Besitze meines Vermögens bin, sollen Sie mich nicht undankbar finden.

Holmes entnahm seinem Schreibtisch ein kleines Buch mit Aufzeichnungen über frühere Fälle und. schlug darin nach.

Farintosh," murmelte er,ach ja, jetzt erinnere ich mich des Falles. Es handelte sich um einen Opalkopfschmuck. Das war noch vor deiner Zeit, Watson. Ich kann Ihnen di« Versicherung geben, daß ich mich Ihres Falles mit Vergnügen ebenso eifrig annehmen werde, wie damals der Angelegenheit der Ihnen befreundeten Dame. Was meine Belohnung betrifft, so finde ich solche einzig in meiner Tätigkeit selbst; dagegen steht es Ihnen frei, mir meine etwaigen Auslagen bei gelegener Zeit zu ersetzen. Und nun bitte ich Sie, uns alles mitzuteilen, was für die Beurteilung des Falles irgend von Wert sein kann."

Ach," begann die Fremde,das schrecklichste an meiner Lage ist gerade, daß meine Befürchtungen so unbestimmter Natur sind und mein Verdacht sich auf höchst geringfügige Umstände stützt, die jedem andern bedeutungsvoll erscheinen. Selbst der Mann, von dem ich in erster Linie Rat und Hilfe zu erwarten berech­tigt wäre, betrachtet alle Vermutungen, die ich ihm gegenüber äußere, lediglich als Eingebungen meiner überreizten Nerven. Er sagt es nicht gerade heraus, allein ich merke es an seinen beschwichtigenden Antworten und ausweichenden Blicken. Aber Sie, Herr Holmes, sollen ja imstande sein, wie nur wenige die man­nigfaltige Schlechtigkeit des Herzens zu. durchschauen. Ihr Rat wird mir den Weg zeigen, der mich glücklich durch die Gefahren hin- durchführt, von denen ich rings umgeben bin."

Ich bin ganz Ohr."

Ich heiße Helene Stoner und wohne zusammen mit meinem Stiefvater, dem letzten Sprossen einer der ältesten sächsischen! Familien Englands, der Roylotts von Stofe Moran, an der Westgrenze von Surrei)."

Holmes nickte.Der Name ist mir wohl bekannt," sagte er.

Die Familie gehörte einst zu den reichsten in ganz Eng« land, und ihre Besitzungen erstreckten sich bis über die Grenzen der benachbarten Grafschaften hinaus. Im vorigen Jahrhundert jedoch kam der Besitz viermal hintereinander in leichtsinnige, verschwenderische Hände, und als sich dann vollends unter der Regentschaft der Erbe der Güter dem Spiel ergab, war der Ruin der Familie besiegelt. Ein paar Hufen Landes und der zwei­hundert Jahre alte Familiensitz, auf dem aber schwere Pfand- schulden lasteten, war alles, was übrig blieb. Der vorige Guts­herr harrte noch bis zu seinem Tode dort aus und lernte dabet das schreckliche Los eines verarmten Edelmamies gründlich kennen; sein einziger Sohn dagegen, mein jetziger Stiefvater, sah ein, daß er sich den neuen Verhältnissen anbeguemcn müsse; er wußte sich einen Vorschuß von einem Verwandten zu verschaffen, der ihm ermöglichte, eine medizinische Prüfung abzulegen und sich in Calcutta niederzulassen, wo er sich mit großer Willens­kraft vermöge seiner tüchtigen Kenntnisse eine ausgebreitete Praxis erwarb. Im Zorn über verschiedene in seinem Hanse vorgefallene Diebereien erschlug er jedoch einen eingeborenen Diener und ent­ging nur mit Mühe einem Todesurteil. Er erhielt eine lauge! Freiheitsstrafe, nach deren Verbüßung er verbittert und ent­täuscht nach England zurückkehrte. Während seines Aufenthalts in Indien hatte Dr. Rohlott meine Mutter, di« junge Witwe des Generalmajors von der bengalischen Artillerie geheiratet. Meine Zwillingsschwester Julia und ich waren damals erst zwei Jahre alt. Die Mutter besaß ein beträchtlick)es Vermögen, das etwa tausend Pfund jährlich einbrachte uno das sie unserem Stiefvater vollständig überließ mit der Bedingung, im Falle unserer Ver­heiratung jeder von uns beiden eine gewisse Summe jährlich aus­zuzahlen. Bald nach unterer Rückkehr nach England kam meine Mutter bei einem Eisenbahnunfall ums Leben es sind jetzt acht Jahre her. Nun gab Dr. Roylott seine Versuche auf, sich in Loudon eine ärztliche Praxis zu gründen, und zog mit uns in das alte Stammschloß in Stofe Moran. Da die Hinterlassenschaft meiner Mutter unsere Bedürfnisse reichlich deckte, so schien uit» ferem Glück nichts im Wege zu stehen.

Allein es ging zu jener Zeit mit unserem Stiefvater eine schreckliche Veränderung vor. Anstatt freundschaftlichen Verkehr anzuknüpfen und Besuche mit unseren Nachbarn auszutauschen,

iffien einfach als merkwürdig Setzeichnen lassen, dagegen keinen einzigen alltäglichen; denn da Holmes sich bei seiner Tätigkeit weit mehr von der Liebe zu feinem Beruf als von dem Streben Nach Erwerb bestimmen ließ, so lehnte er seine Mitwirkung stets ab, wenn die Nachforschungen sich nicht aut einen unge­wöhnlichen ober geradezu rätselhaften Vorgang richteten. Unter all diesen verschiedenartigen Fällen wüßte ich mich jedoch keines einzigen zu entsinnen, der eine gleiche Fülle merkwürdiger Züge dargeboten hätte, wie der, welcher in der bekannten Familie der Roylotts von Stoke Moran in Surry spielte. Die betreffenden Vorkommnisse sielen in die erste Zeit meiner Verbindung mit Holmes, in die Tage unseres gemeinsamen Junggesellenlebens in der Bakerstraße. Ich würde dieselben vielleicht früher schon ver­öffentlicht haben, wäre mir nicht Stillschweigen darüber auferlegt gewesen, eine Pflicht, von der mich erst im vergangenen Monat der vorzeitige Tod der Dame, in deren Interesse jenes Versprechen gegeben worden war, entbunden hat. Vielleicht ist es ganz zweck­mäßig, daß der wahre Sachverhalt jetzt ans Licht kommt, denn wie ich aus guter Quelle erfahre, haben sich über den Tod des Dr. Erimesby Roylott in weiten Kreisen Gerüchte verbreitet, welche jene Ereignisse noch gräßlicher ausmalen, als sie in Wirk­lichkeit sind.

Es war im Jahre 1883 anfangs April, als ich eines Morgens veim Erwachen Holmes vollständig angekleidet an meinem Bett erblickte. Er stand gewöhnlich spät auf, und da die Uhr auf dem Kaminsims erst ein Viertel nach sieben zeigte, so blinzelte ich ihn einigermaßen überrascht, vielleicht sogar etwas ärgerlich an, denn ich ließ mich selbst nicht gerne in meinen Gewohnheiten stören.

Tut mir sehr leid, daß ich dich im Schlafe stören muß, Watson," sagte er,aber es geht heute morgen keinem im Hause besser. Die Haushälterin ist zuerst herausgeklopft worden, sie hat Mich aufgeweckt, und jetzt kommt die Reihe au dich."

Was gibt es denn? Brennt es?"

Nein, eine Klientin ist da. Es scheint, daß eine junge Dame in höchst erregtem Zustand von auswärts eingetroffen ist, die mich durchaus sprechen will. Sie wartet unten int Empfangs- iimmer. Wenn sich aber eine junge Dame in solcher Morgenfrühe nach der Hauptstadt aufmacht und die Leute aus den Federn treibt, so wird sie wohl eine recht dringliche Mitteilung zn machen haben. Einen wirklich interessanten Fall würdest du doch gewiß gern von Anfang an verfolgen. Ich wollte dich deshalb unter allen Um­ständen wecken, um dich der günstigen Gelegenheit nicht zu be­rauben."

Mein lieber Junge, natürlich nröchte ich sie um keinen Preis verpassen."

Ich kannte keinen größeren Genuß, als Holmes bei den Unter­suchungen, die sein Berus mit sich brachte, Schritt für Schritt »u begleiten und seine kühnen Schlußfolgerungen zu bewundern, die blitzschnell, als entstammten sie höherer Eingebung, und doch stets auf streng logischer; Grundlage ausgebaut Licht in das Dunkel. der ihm vorgelegten rätselhaften Fälle brachten. Ich warf mich also rasch in die Kleider und war nach wenigen Minuten so weit, um meinem Freund nach dem Empfangszimmer folgen zu können.

Eine schwarzgekleidete, dichtverschleierte Dante saß am Fenster und erhob sich bei unserem Eintritt.

Holmes begrüßte sie freundlich und fuhr, nachdem er sich ihr vorgestellt, auf mich deutend fort:Dies hier ist mein vertrauter Freund und Kollege Dr. Watson, vor dem Sie Ihre Sache ohne Scheu Vorbringen können. Fran Hudson hat ja Feuer angemacht, wie ich sehe, das war vernünftig von ihr. Bitte, setzen Sie sich nur an den Kamin; ich lasse Ihnen gleich eine Tasse heißen Kaffee bringen. Sie zittern ja ordentlich."

Aber nicht vor Kälte," antwortete die Dame mit leiser Stimme, indem sie der Aufforderung Folge leistete.

Weshalb beim sonst?"

Vor Augst, Herr Holmes, vor Schrecken." Bei diesen Worten schlug sie den Schleier zurück, und wir sahen nun, daß fie sich in der Tat in einem Zustand bedauerlicher Aufregung befand; ihr Gesicht war ganz verzerrt und aschfahl, und die blickte angstvoll um sich wie ein gehetztes Wild. Ihren Zügen und ihrer Figur nach mußte man sie für dreißigjährig halten, allein ihr Haar zeigte bereits Spuren von Grau, und es lag etwas Müdes und Abgezehrtes in ihrer ganzen Erscheinung.

Holmes musterte fie mit einem seiner alles durchdringenden Blicke.Sie müssen keine Angst haben," sagte er in beruhigendem Tone, indem er sich über sie beugte.Wir werden gewiß bald alles in Ordnung bringen. Sie sind heute früh mit der Bahn an- getommen, wie ich sehe."

Kennen Sie mich denn?"

a?ein, ich bemerke nur die eine Hälfte der Rückfahrkarte, "te Sie in Ihrem linken Handschuh stecken haben. Sie müssen früh ausgebrochen sein und hatten dann bis zur Bahn eine tüchtige Fahrt in einem Jagdwagen auf schlechten Wegen zu machen."

Mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens starrte die Fremde Meinen Freund an.

Sie brauchen sich nicht zu verwundern, werte Dame," fuhr dieser lächelnd fort.Der linke Aermel Ihrer Jacke ist an nicht Jeeniger als sieben Stellen mit noch ganz nassem Schmutz be-