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Das getupfte Band.
Eine Tetektivgeschichte von Conan Doykei
gehört, daß er irgend ein lobendes Wort über ihre Frau gesagt hätte, er blieb aber still.
' „Ne, Frau von Hilbach, das muß ich sagen, so gefallen Sie mir, von der Seite kenn ich Sie ja noch gar nicht!" meinte die Kosy, als sie wieder ins Zimmer kam und Frau von Hilbach half, rhre Muse zu offnen „Ich glaube, das ist nur das viele Alleinsern, das Sie so traurrg macht: so im Fond sind Sie gar nicht so ernst!
Frau von Hilbach antwortete nichts. „Schnell, eifert Sie sich, Kosy!" drängte sie. Sie mußte allein fern, sie mußte weinen, schnell und heftig weinen, sonst erstickte si.
O lieber, lieber Gott, warum hast du mir nicht meinen' schönen Traum gelassen?" dachte sie jammervoll „Nun hab ich ihn belogen, nun ist all das Wunderbare
fönen!"
Frau von Hilbach ivar bleich geworden. Der Doktor sollte in ihrem Wohnzimmerch-en sitzen? Dieser .Nanu, der für sie etwas so Unirdifches geworden war, weil sie ibn nie sah, ihn nie sprechen hörte, weil sie ihn nur suhlte, er sollte hier bei ihr sitzen, so wirklich und leibhaftig wie ein anderer Mensch bei ihr sitzen? Nein, das war nicht
sucht'"
Ihn 10 Uhr ging der Doktor, und wie er schon in! der Tür war, fragte er, ob er morgen wiederkommen solle.
„Mer gewiß, gewiß, Herr Doktor!" sagte die Kosy,, die sich am Tisch zu schaffen machte. „Sie sehen za, wie lustig und aufgeräumt meine Frau heute abend war: so hab ich sie noch nie gesehen. Der tut ein bißchen gebildete Gesellschaft not, das können Sie glauben. Kommen Sie nur so oft, wie's Ihnen beliebt, auch wenn der Ofen wieder
als der Junge kam und die Kosy das Abendbrot auftrug, da kam über Frau von Hilbach jene Stimmung, die sie immer ergriff, wenn ihr das Herz zum Ausfchreien weh tat, sie wurde übermütig, sie lachte und scherzte und ritz kann er auch nicht I die andern mit sich fort.
I Nur einmal war es ihr, als hatten des Doktors Wicke - -- x erstaunt und fragend auf ihr geruht, als habe er sie fast | traurig angesehen. In diesem Augenblick mußte ie iW | Gewalt an tun, ruhig zu bleiben, nicht vor ihm aus die Knre ' zu fallen und ihm zu sagen: „Du, ich bin ja dein! sm ganz, ganz dein! hab doch Erbarmen mit Mir. Nimm mich doch, denn ich! bin so verlassen, so voll von Sehn-
Wenn ich meine Aufzeichnungen von den siebzig absonöer- lichcn Fallen überblicke, an denen ich während der letzten acht Jahre das Verjähren meines Freundes Sherlock Holmes studiert habe, so finde ich darunter viele von tragischer, einige auch von komischer Art, sodann weiter eine große Anzahl solcher, die |w>
baten zertrat.
„Lassen Sie mal, Frau von Hilbach," sagte sie ungeduldig, als sie sah, daß ihre Frau bleich war und nur langsam mit angriff. „Waschen Sie lieber dem Jungen das Gesichtchen und die Hände und ziehen Sie sich doch eine nette, helle Muse an. Das sieht freundlicher auv, und er'soll sich doch wohl fühlen bei uns. Aber flott müssen: Sie machen, kleine Gnädige. Sie müssen ihn doch empfangen, wenn er kommt."
Frau von Hilbach tat, was die Kosy ihr Vorschlag; sie tat es mechanisch, ohne zu wissen, warum sie gehorchte. Es war ihr so wunderlich zumute, so ganz seltsam wunderlich, so, als müßte sich jetzt der Himmel öffnen, als mußte die Erde unter ihren Füßen versinken, als musst alles Körperliche, alles, was sich greifen ließ, von ihr abfallen weil das Wunderbare kam, das große Ziel ihrer Sehn- suckst, das ihr bisher geholfen hatte, all die schweren, grauen Wege mutig hinzugehen.
Nun, fertig?" fragte die Kosy und steckte den Kopf ins 'Schlafzimmer. Er kann jeden Augenblick kommen! Das ist nett, daß Sie die weiße Muse angezogen haben, die steht Ihnen gut; aber nun müssen Sie sich auch Mühe geben und recht freundlich sein. Sie müssen ihn ein bißchen ausräppeln, denn er ist ein stiller Mann und sprich tu ich l viel: Pst! ich glilübe, er kommt. Setzen Sie sich schnell hin, damit es nicht ausfieht, als hätten Sie sich erst an-
an » • tkrwi, hmi <äilbacki wenn ich ihm I Nun faßen sie sich als zwei vernünftige Menschen
Vvrscksiüge, bst We? Wmwe in Jh«m ^ohnzimmerchen | gegw'überund sprachen ,°^Llelchgültige^ Sachen,^urid zu verbringen? Wenn ich so über ihn nachdenke, dann ist's mir oft, als flihlte er sich einsam und hatte gern ein bißchen Unterhaltung, er mag sich nur »^ ^ufdrangen.
Sehen Sie mal, wir riskieren ja nichts dabei, wenn wir ihn einladen, und mehr wie „nein .
‘ Sie hörte auch in dieser Nacht seine leisen Schritte aus dem Teppich, aber sie hörte sie anders wie sonst.
Sonst hatte sie ihn nur gefühlt, nun aber sah sie ihn mit leiblichen Augen, sah, daß er eme hohe, schlanke Gestalt und ein ernstes, ruhiges Gesicht uud tiefe Augen hatte, sie sah auch seine Hände, seine schmalen weißen Hande, und dann kam etwas über sie, was entsetzlich war, etwas, wovor sie sich fürchtete, was ihr das Blut in heißen Wellen durch den Körper rasen machte.
„Wenn ich nun die Tür öffnete und zu ihm ginge und ihn bäte: „Nimm mich! Ich ertrage es nicht langer, so Wand an Wand mit dir zu schlafen! , Du mußt es doch fühlen, daß ich dein bin, daß du mit mir tun kannst, was du willst' Sei nicht grausam, nimm mich, laß mich Wem sein, halt mich fest nut deinen Händen!""
Sie zog die Decke über ihr Gesicht, und weil sie . , . schluchzen mußte, biß sie in das Tuch und krampfte bie
gezogen!" _____ Hände zusammen und lauschte auf seine Schritte.
Sie hielt das Jungchen im Schlafzimmer zurück und I «fljex a[§ sie dann endlich ruhig geworden war und ihre chob Frau von Hilbpch in die Stube; dem Zungen legte I ßieb(n,fet! stumpfer und müder wurden, da wollte aus den« ie die Hand auf den Mund, damit er still war, und dann | - n G{)a0§ ihrer Gefühle sich doch etwas Reines, Schönes
wetzte sie ihr Ohr an? Schlusielloch, und mit der Hand I 9 ba'§ Körperliche schwand, sie sah nur zwei ernste, hielt sie ihr Herz, das ihr so aufgeregt schlug t > 9ll deren Mick ihr bis auf den Grund ihrer
,lJungchen, bete ma!>heut abend zum lieben Gott, I drang; sie fühlte den festen Druck seiner Hand und
daß er dir bald einen nechen Papa beschert, sagte sie ! seine Stimme. „Morgen kommt er wieder!" sagte
nach einer Weile, und sie lachte übers ganze Gesicht. „Das . . «ch auf einen lieben Besuch freut, „mor-
wäre ein Paar!" flüsterte )i& „beide so em bißchen be- ' vielleicht alle Tage, alle, alle Tage!" Dann schlief sonders, nicht gerade unnoriMl, aber doch anders wie w" pl!u ■ -1
andere, und im Grunde doch «eide so gut wie kleine | I , Fortsetzung folgt.)
Kinder. Lieber Gott, wenn du die zMsammengrben wolltest, 5 das wäre ein gutes Werk!" V „ ,,, „
Der Doktor und Frau von Hilbacp' Jjatten sich kaum ein Wort gesagt, als sie sich mitten in dem t lemeu, niederen Zimmerchen die Hände reichten. Ihre Blicke der geruht, eine Sekunde lang, dann waren Fr.W ^on Hil- hcrchs Augen von ihm fortgeflogen und hattest Unendlichkeit gesehen, auch nur eine Sekunde Eß/ F1“ dann kam das, was kommen mußte, das Reden über Eßere Dinge.
tltl)9©ii wollte der Kosy verbieten, ihn einzuladen, weil es ihr so unglaublich schien, ihm so etwas zu sagen, aber ehe sie antwortete, war die Kosy fort, und da gleich darauf des Doktors Tür ging, wußte Frau von Hi.bach, daß er Mrückgekommen war und daß die Kosy jetzt vor ihm stand und ihn bat, zu ihr zu kommen. Das Herz schlug ihr zum Zerspringen, sie hätte jauchzen und weinen mögen und plötzlich sagte sie fast laut: „Wenn er „nein" sagt, dann . ift!„ möchte ich sterben." , I Der Doktor lächelte und gab Frau von Hilbach zum
„Flott, flott, Fungcheii, alle Sachen aufgeräumt!" rief I zweiten Mal die Hand.
die Kosy, als sie wieder ins Zimmer trat. „Er kommt, „Schlafen Sie wohl!" sagte er herzlich.
Frau von Hilbach, in einer Viertelstunde ist er da. Er [ Die Kosy leuchtete ihm über den Gang und hätte ^gern -ißt mit uns zu Abend. Flott, greifen Cte ent bißchen mit zu, damit der Tisch fertig ist, bis er kommt."
Sie wirtschaftete'laut und flink int Zimmer umher, packte des kleinen Erwin Spielzeug in einen Schrank und pchtete nicht darauf, daß er weinte, weil sie feine Sol-


