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Neuere Dramatiker.
Von H. T. A. Korsf.
Seitdem der Naturalismus verblühte, hat das ernsthafte deutsche Drama nach verschiedenen Seiten sich auseinander entwickelt. Zuerst erschienen Hosmannsthals neugegossene Antiken- dramen, eine Reaktion gegen Hauptmann, die sich mit kraftvoller Hoheit sogleich auf den äußersten Gegenpol des naturalistischen Ideals einstellte. Dann (eine abermalig« Reaktion gegen Haupt
seien wie die glücklichen Stunden, hie « vor der großen Katastrophe in Liebenthal verlebt hatte.
Aus dem Konzertsaal drang erneutes Beifallklatschen gedampft W ihm herüber, und dann hörte er, wie das Publikum sich langsam entfernte. Zu kleineren und größeren Gruppen vereinigt, trat ein Teil der Zuhörer in den Restanrationssaal ein. Vans Volckmar rückte seinen Stuhl so, daß er allen Ankömmlingen den Rücken zukehrte, und vertiefte sich zum Schein in die Lektüre eines umfangreichen Zeitungsblattes. Daß sich auch an dem ihm zunächst befindlichen Tische eme größere Gesellschaft niedergelassen haben müsse, folgerte er nur aus bem Äes'chwl,rr Inuter Ttlmmen, das von dort her an sein Ohr schlug.
Plötzlich aber fuhr er zusanimen, denn er hatte ganz deutlich den affektierten Tonfall und die slawisch gefärbte Aussprache Stanislaw Kamarinski vernommen, und nun mußte er obendrern hören, wie ihm jemand antwortete: .
„Es war uondervall, höchst uondervolt, ntetn Herr! Ich liebe serr viel das Piano."
Es war kein Zweifel, das konnte nur Mr. Gilbert Burnes geweseii sein, und wo er weilte, da war sicherlich auch sein Töchterchen nicht fern. Hans Volckmar dachte an eine schleunige Flucht, aber er hätte sie nicht bewerkstelligen können, ohne hart an jenem Tische vorüberzugehen, und eine Scheu, die er nicht zu überwinden vermochte, wie hart er sich deswegen auch tadelte, hielt ihn davon ab Er wollte nichts hören von dem, was da gesprochen wurde, aber Stanislaw Kamarinski vereitelte durch seine aufdringlich laute Redeweise alle Bemühungen, ihn zu ignorieren. Er erging sich m den farbenreichsten Schilderungen der Triumphe, die er während seiner Virtuosenlaufbahn in aller Herren Länder davongetragem und es fehlte dabei nicht an ziemlich unverblümten Hinweisen auf seine fabelhaften Ersolge beim schönen Geschlecht.
Hans Volckmar ballte insgeheim die Fäuste ber der Vorstellung, daß Mary gezwungen war, diese widerwärtigen Renom- rnistereien anzuhören, und manchmal war er wirtlich nahe daran, aufzuspringen nnd den Schwätzer in die Schranken der guten Sitte zurückzuweisen. Aber er besann sich glücklicherweise immer noch ziir rechten Zeit, wie lächerlich er sich durch eine solche Einmischimg macken würde, und zwang seinen Ingrimm nieder.
Nun wurde das Gesprächsthema am Nebentische gewechselt, smkd Stanislaw Kamarinskis Stimme blieb eine Weile unhörbar, bis er plötzlich mit einem lauten, spöttischen Auflachen sagte: „Ich habe die Sache allerdings bis jetzt von der spaßhaften Seite ge- nmnmen. Aber glauben Sie nicht, meine Herrschaften, daß ich diesen Burschen ohne die verdiente Züchtigung davonkommeu lassen werde. Ich werde mich mit ihm schlagen, und es wäre wahrhaftig das erstemal, daß Stanislaw Kamarinski den Kampfplatz anders Henn als Sieger verließe."
Hans Volckmar horchte hoch auf. Wenn da, wie er nicht zweifelte, von ihm die Rede war, so brauchte er mm ja nicht länger Bedenken zu tragen, den unverschämten Burschen zur Rede zui stellen. Aber er Mußte freilick) vorher darüber Gewißheit haben, daß jene Aeußerung sich wirklich auf ihn beziehen sollte, und er lauschte gespannt, nur aus den weiteren Reden solche Gewißheit zu erlangen. Zu seinem Bedauern blieb dies Bemühen jedoch vergeblich. Kamarinski benutzte den Anlaß, um einige höchst abenteuerliche Geschichten von fürchterlick>en Zweikämpfen zum besten zu geben, die er ausgefochten. Und er wiederholte auch hier und da, daß er mit dem Menschen, der ihn so unerhört beleidigt habe, ohne Erbarmen umspringen würde. Ein Name aber wurde nicht genannt, und der junge Rechtsanwalt schreckte mit gutem Grunde davor zurück, sich nochmals dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben.
Eben ging er ernstlich mit sich zu Rate, ob es nickjt doch das beste sein würde, sich zu entfernen, als ein zufälliger Blick durch Idas offene Fenster, neben dem er saß, ihn eine Entdeckung machen ließ, die seinen Gedanken plötzlich eine ganz andere Richtung gab. Das Fenster ging auf die vor dem Knrhause belegene Terrasse hinaus, die jetzt der Abendkühle wegen ganz menschenleer war. Nur eine einzige Gestalt lehnte an der steinernen Brüstung, eine schlanke, zierliche Mädchengestalt in schlichtem weißen Gewände. Sie stand, augenscheinlich ganz in Gedanken verloren, mit gesenktem Haupte da, und nun sah er deutlich, wie sie die Hand Mit dem Taschentuch an die Augen führte. Da — er hatte ja längst erkannt, daß es keine andere als Fräulein Mary war — . duldete es ihn nicht eine Minute länger auf seinem Platz. Er sprang auf und eilte, ohne die Gesellschaft am Nebentische auch uur eines Blickes zu würdigen, hinaus.
(Schluß folgt.)
mann und Hofmannsthal zusammen) schwang der Narr seins Pritsche, der shakespearische Narr Frank Wedekind. Die dramatischen Möglichkeiten waren an ihrer äußersten Peripherie durchlaufen. Uebrig blieb nur noch ein einziges: der Weg in bin Mitte des Kreises hinein, auf jenes rätselhafte Zentrum zu, dem bislang nur eine wahrhaft nahegekommen ist: Shakespeare selber«
(Den Weg dahin zu finden, zogen zwei sehr verschiedew- artige Gruppe:: von Dramatikern aus. Die einen waren Generalstäbler: sie studierten die Karten, ehe sie zum Angriff übergingen« und arbeiteten einen vollständigen Plan des, Weges aus, dem siel nachstreben wollten. Sie legten sich zunächst einmal die Frage vor; Was ist eigentlich eine Tragödie? Wie entsteht sie? Und was ist ihr natürlicher Sinn? Und sie gaben sich die Antwort: Dram«- ist im wesentlichen Dialog; Dialog ist Konflikt, mit geistiges Waffen ausgesochten; sollen Konflikte Sinn haben, so müssen! es notwendige Konflikte sein, Konflikte, die unvermeidlich sind, die immer wiederkehren — und warum? Weil sie in der Natur der Dinge liegen. Sie fragten weiter: Wo gibt es Konflikte solches Art? Vorzüglich an zwei Stellen: einmal dort, wo eine an sich berechtigte Leidenschaft durch ihren Charakter als Leidensajaft über die sozial geforderten Grenzen hinübergeht (der sich selbst setzende Konflikt), wo also etwas essentiell Gutes — und jedes starke Wollen ist etwas Gutes — durch das eigne Wesen ins Böse verkehrt und zur Schuld wird. Zum andern aber dort, wo zwei Naturwesen auseinanderstoßen, die gleiche innere Berechtigung haben. Daß dies möglich ist, ist das eigentlich tragische Verhängnis der Welt Dies Verhängnis zu zeigen, ist eigentliche Aufgabe der Tragödie; die Irrationalität der Welt ihr eigentliches Thema. Di« Grupp« der Männer, die von solcher Ueberlegung aus dem Zentrum der Tragödie sich zu liähern strebten, umfaßt etwa diejenigen, die man neuerdings unter dem Schlagwort „Neuklassizisteii" zusammenzufassen pflegt: Paul Ernst, Wilhelm von Scholz, JullusB-ch, Lublinski; Männer, die ebenso stark theoretisch wie künstlerisch! interessiert sind.
Die Zweite Griippe, die das nämliche Ziel zu erreichen suchte, ging einen anderen Weg. Sie begann nicht mit der Nefleximi, sondern mit dein Dampf der Leidenschaft. Was ist Shatespeova — fragten sie — dieses ungeheuerliche Phänomen, das bisher dem Zentrum des Tragischen am liächsten gekommen ist? ShakespeareÄ Tragödie ist: „Der Mensch als Opfer seines Dämons — des Dämons Leidenschaft". Dialog ist gut, Leidenschaft ist besser. So gingen sie daran, Dramen aufzubauen, in denen irgendein« furchtbare Lebensgier zum Lebensschicksal sich verdichtet: Ge- schlschtsliebe zwischen Vater und Tochter, Brunst einer ans dem Ehebette verstoßenen Gattin, Mordgelüste aus Lebensdrang, Zrr- sinn aus Untreue und ähnliches. Was natürlich (ganz natürlich!) zu einer Katastrophe führen muß. Furchtbare Brande wurden, eiitfesselt, und man genoß die rauschende Schönheit des Daseins, wenn krachend am Ende das glutübersprühte Gebäude zusammenstürzte. Zu dieser Griippe rechnen etwa Ernst Hardt, Schmidtbvnit und vor allem Eulenberg.
Das neue, fünfte „A r e n a"-Heft, dem wir mit Genehmigung, der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart, diesen Aussatz un Auszüge entnehmen, enthält auch die Porträte der neueren deutschen Dramatiker, und außerdem, wie man das bet dieser vornehmen, Monatschrist gewohnt ist, viel andres interessantes und wiffens- wertes Material, sowohl auf schöngeistigem wie auch auf populärwissenschaftlichem Gebiete. Die Ausstattung des Heftes ist wiederum sehr geschmackvoll und gediegen.
Altagqptische Hieroglyphen.
(Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B. Sonne — s, Glas — g re. Tie Vokale finb zu ergänzen.)
Auflösung in nächster Nummer,
Auflösung ves magischeti Zahlenguadrats in voriger »Nummer)
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Rebatlion: K. Neurattu — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruck-reh R- Lange, Gieße»-


