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Schweiz ermühle totb’ M Sen schrecklichen Ereignissen des heutigen Morgens.
„Ich hatte, wie Sie aus allem ersehen werden, niemals den Ehrgeiz, mich im Glanze eines erborgten Künstlerruhmes fclt sonnen," schloß er seinen Bericht. „So unüberlegt und töricht Werne Handlungsweise auch gewesen sein mag, jedenfalls war es nur ein Scherz, dessen verhängnisvolle. Folgen ich unmöglich Voraussehen konnte. Und da der Himmel Sie gerade noch zur «rechten Zeit hierhergesührt hat, Herr Kamarinski, ist es ja nun in Ihre Hand gegeben, diese unglücklichen Folgen abzuweuden."
„Ick)? O, mein Herr, tote sollte ich dazu kommen?" ver- schte der Virtuose. „Ich bin tm höchsten Grade indigniert. Ich lauge ahnungslos hier an, um mich einige Zeit von den Anstrengung en meiner letzten Konzertreise zu erholen, und das erste, toas mir ins Auge fällt, ist .ein Anschlagzettel, der ein: Wohltätigkeitskonzert unter meiner Mitwirkung ankündigt. In, der Tat — eine hübsche Ueberraschung! Und Sie sind so — Naiv und glauben, ich Werbe spielen? Im Gegenteil, ich werde Sie wegen Mißbrauchs meines Namens verklagen."
Volckmar war in großer Versuchung, wütend zu werden, über er besann sich noch zur rechten Zeit, daß er es mit diesem Virtuosen nicht verderben dürfe.
„Nehmen Sie Vernunft an und seien Sie nicht hart mit Mir ohnehin genug Bestraften," bat er. „Ich bin bereit, Ihnen jede Genugtuung ztl geben, nach der Sie Verlangen tragen. Jetzt aber handelt es sich um das Zustandekommen des Konzerts, dessen Erträgnis dazu bestimmt ist, das Elend der armen Neber- schwemmten zu mildern. Ich appelliere an Ihre Großmut und Ihre Menschlichkeit int Namen jener Unglücklichen, denen Frän-- leiu Burnes so hochherzig beizugesteheu gedachte. Wenn Sie heute abend spielen, ist alles wieder int rechten Geleise. Besonders Fräulein Bitrnes, die Sie hoch verehrt, wird es Ihnen danken."
„Aber ich spiele niemals ohne Honorar — es ,i|t gegen Meine Grundsätze."
„Wäre dies das einzige Hindernis, so würde tdjl es selbstverständlich als uieitte Pflicht ansehen. Ihnen aus meinen eigenen Mitteln eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Darf ich Mir die Frage erlauben, welches Ihre Ansprüche sind?"
„Mein Impresario zählt mir für jedes Auftreten tausend Mark." _ rv
Hans Volckmar starrte den glücklichen Künstler an tote xin nie gesehenes Wunder.
„Tausend Mark!" wiederholte er. „Ja, mein verehrter Herr, das geht allerdings über meine Kräfte. Wenn Sie es nicht billiger tun können, bleibt mir nichts anderes übrig, als das Verhängnis seinen Lauf nehmen zu lassen."
„O, Sie haben mich mißverstanden, Sie haben mich lut ter» brockten, ehe ich zu Ende war. Mein Impresario zahlt mir für jedes Auftreten tausend Mark, aber weil es doch zu eütent wohltätigen Zweck ist, und weil ich der jungen Amerikanerin, von: der Sie sprachen, gern gefallen möchte, will ich mich mit deck Hälfte begnügen, obwohl es eigentlich ganz und gar gegen meine Grundsätze ist."
„Sie sind ein edler Menschenfreund, Herr Kamarinski!" tagte Volckmar nicht ohne Ironie. „Für fünfhundert Mark also würden Sie heute abend spielen?"
„Es ist ein großes Opfer — das sehen Sie Hoffentlich ein., Aber mein Gemüt ist stärker als meine Grundsätze."
„Ich verstehe, ich verstehe! Und das Honorar ist natürlich auf der Stelle zahlbar — nicht wahr?"
„Mein Impresario entrichtet es immer im voraus, das ist stnit einmal mein — —"
„Ihr Grundsatz, selbstverständlich, sch habe es gar nicht anders erwartet. Wir wären also einig. Hier, mein teuerster Meister, sind Ihre fünfhundert Mark, Der Himmel segne sie Ihnen!"
Er hatte von den sechs blauen Kassenscheinen, die dazu bestimmt gewesen waren, ihm ein paar fröhliche Ferienwvchen zu verschaffen, fünf abgezählt und sie vor Stanislaw Kamarinski auf den Tisch gelegt. Der Virtuose überzeugte sich sorgsam von der Richtigkeit des Betrages und steckte die Banknoten dann nachlässig wie wertlose Papierschnitzel in die Tasche.
„Ich werde also darauf verzichten. Sie wegen des Mißbrauches, Sen Sie mit meinem Namen getrieben, zur Rechenschaft zu ziehen," sagte er voll Herablassung, indem er sich zum Gehen wandte. >,Äber ich setze natürlich voraus, daß Sie Ihren weiteren Aufenthalt in Liebenthal möglichst abkürzen."
„Seien Sie unbesorgt, edler Maestro, ich reise noch heute."
Stanislaw Kamarinski antwortete nur .durch eine Gebärde voll erhabener Größe und zog nach einem leichten Neigen beej Kunkellockigen Hauptes die Tür hinter sich zu.
Hans Volckmar aber murmelte etwas hinter ihm drein, das keineswegs wie ein Ausdruck ehrerbietiger Bewunderung klang. Dann «setzte er sich an den Schreibtisch und teilte Fräulein Burnes lotter der Adresse ihres Vaters mit, daß der heute zufällig in Liebenthal cingetrof feite wirkliche Stanislaw Kamarinski sich bereit erklärt habe, die ohne fein Zutun erfolgte Ankündigung zur Wahrheit zu machen Und in dem Wohltätigkeitskonzert zu spielen. Er fügte kein Wort zu seiner Rechtfertigung ober Entschuldigung ihinzn, denn nach der BeHaiidlung, die Fräulein Burnes ihm
hatte angedeihen lassen, Erkannte er, daß seine schimmernden Luftschlösser doch keine Aussicht auf Verwirklichung hatten. Dio kleine Episode, die fortan in feiner Erinnerung den Namen Mary Burnes tragen würde, lag ein- für allemal abgetan und beendet! hinter ihm. Die Wunde aber, die sie in seinem Herzen zurück- gelassen, würde — das fühlte er mit schmerzlicher Gewißheit —• einer langen Zeit zu ihrer Heilung bedürfen. Noch viel trübseliger und trostloser als die grauen Regentage da draußen war die Stimmung, in der er sich, nachdem er das Briefchen abgesondt anschickte, seinen Kvffer für die^Heimreise zu packen.
Der nächste Zug, den Volckmar benutzen konnte, passiertck Liebenthal erst kurz vor Mitternacht. Anfänglich zwar war en entschlossen gewesen, die Straßen dieses unglückseligen Ortes von seinem Aufbruch zum Bahnhof nicht mehr zu betreten, aber nachdem er die freiwillige Gefangenschaft ein Paar Stunden lang ertragen, duldete es ihn doch nicht mehr in der Enge des ungastlichen! Hotelzimmers und in der unerfreulichen Gesellschaft seiner üblen Gedanken. Das Wetter hatte sich am Nachmittag aufgehetlt, und dem regnerischen Tage folgte ein wunderschöner Abend, «er feinem ziellosen Umherschlendern gelangte der Rechtsanwalt auch in die Nähe des Kurhauses, und überall, wohin er blickte, leuchteten ihm hier die großen roten Plakate mit der Ankündigung! des Wo'hltätigkeitstonzertes entgegen. Da regte es sich trotzig in feinem Herzen, und er sagte sich, daß eigentlich niemand em besseres Recht darauf habe, diesem Konzert beizuwohnen als er, der diesen Anspruch so teuer erkauft hatte, und er ging schnurstracks an die Kasse, um eine Eintrittskarte zu fordern. Aber es war alles, bis auf das letzte Winkelchen besetzt, und er jMtfl sich mit einem Stehplatz im tiefsten Hintergründe des L-aaleZ begnügen. Er war es zufrieden, denn es kam ihm ja durchaus nicht daraus an, bemerkt zu werden, und er zog sich sogar noch weiter, als es unbedingt notwendig gewesen wäre, in den bergenden Schutz eines dicken Pfeilers zurück. ,
Die ersten, von allerlei mehr oder weniger begabten Dilettanten ausgeführten Nummern des Programms interessierten ihn sehr wenig. Er war weder musikverständig genug, noch in den rechten Stimmung, sie nach Verdienst zu würdigen. Desto aufmerksamer aber ließ er feine Augen im Saale nmheiwandern, beim wenn er sichs selbst auch nicht eingeftonbeit hätte, die Hoffnung, Mary weuigsteiis aus der Ferne noch einmal zu seheik, hatte an seinem plötzlichen Entschluß einen viel größeren Anteil gehabt als der Wunsch, Stanislaw Kamarinski zu hören. Und nach einigem Suchen entdeckte er sie wirklich. Sie faß neben ihrem Vater in der allerersten Reihe, und wenn sie ihm auch den Rücken zukehrte, so daß er nur hier und da bei einer zufälligen Wendung ihres Köpfchens ein wenig von dem lieben Gesicht erspähen konnte, so meinte er doch wahrzunehmen, daß sie viel bleicher war als sonst.
Nun, nach einer ungebührlich langen Pause, während deren erwartungsvolles Geflüster den Saal durchschwirrt hatte, war endlich der große Augenblick gekommen, da Stanislaw Kamariiiski ans der Bühne erschien. Von stürmischem Beifall begrüßt, neigte er in gnädiger Herablassung ein wenig den Kopf, um dann mit einer unnachahmlichen genialen Bewegung die lange Mähne znrück- zuwerfen und vor dem Flügel Platz zu nehmen. Hans Volckmar, der allerdings ein nicht ganz unparteiischer Beurteiler war, farch, daß der berühmte Virtuose ganz unausstehlich läppische und affektierte Manieren hatte. Aber als Kamarinski nun zu spielen! begann, vergaß der Rechtsanwalt gleich dem übrigen Publikum, alle diese Lächerlichkeiten über dem großen und erlesenen Genuß, den seine Kunst bereitete. Der Pianist verdiente in der Tat den großen Ruf, dessen sein Name sich -erfreute, und er verdiente wohl auch die Verehrung, die Fräulein Mary ihm achtzehn Monat« lang hindurch so treu und beharrlich bewahrt hatte.
Als der letzte Ton verklungen war, befand sich« auch Hans! Volckmar unter den Applaudierenden. Er hatte für den Moment all seinen Groll gegen den Mann mit den praktischen Grundsätzen vergessen und fühlte sich aus seiner Kunstbegeisterung erst wieder in die nüchterne Wirklichkeit hiimbgestürzt, als er wahruahm, wie eine Dame aus dem Publikum auf den Virtuosen zutrat, um ihm einen großen Lorbeerkranz mit mächtigen blaßroteu Schleifen zn überreichen. Gewiß würde er Stanislaw Kamarinski auch diese Huldigung neidlos gegönnt haben, wenn nur die junge Dame nicht gerade Fräulein Mary Burnes gewesen wäre, und wenn nicht feine scharfen Augen auf den Bändern des Kranzes trotz bet beträchtlichen Entfernung deutlich die in großen Goldbuchstaben aufgedruckte Inschrift „Dem edlen Menschenfreunde" gelesen hätten. Das war zu viel selbst für fein geduldiges Gemüt. Er lachte so kant und höhnisch! auf, daß sich ein wahres Kreuzfeuer zornigen Blicke über ihn ergoß, und bahnte sich: rücksichtslos einen Weg zur Ausgangstür. Die Flammen der Eifersucht loderten so wild in seiner Brust, daß er fühlte, er müsse sie auf irgend eine Weis« ersticken, wenn sie ihn nicht verzehren sollten. Er trat also in den nebenan Gelegenen Restaurationssaal ein und bestellte, nachdem! er sich ein Tischchen in der verstecktesten. Nisck)e ausgesucht, außer einem bescheidenen Imbiß eine Flasche Moselwein. Nachdem e« seine Hotelrechmmg beglichen, war seine Barschaft bis auf einen! winzigen Rest zufammengefchmolzen; mochte denn auch dieser noch braufgeben. Wenn er morgen wieder in feinem bescheidenen Arbeitszimmer am Schreibtische faß, würde er sich einzureden suchen, daß die sechshundert Mark nur ein schöner Traum gewesen!


