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Das Wehr polterte imb rauschte lauter und nnheim- likcher wie sonst; der Wind ächzte und stöhnte und sing sich in Ecken und Winkeln, um mit lauten! Heulen wieder, daraus hervorzubrechen, und ein schwerer, wuchtiger Regen prasselte nieder. Das arme Gärtchen am Saaleuser sah dunkel und trostlos aus mit seinen kahlen Latterilauben Und den hohen Bäumen, die wie Gespenster in die Luft ragten. All das war vor wenig Wochen noch grün und !roh und schön gewesen und lag nun da, als sei es ge- > korben, und wie Frau von Hilbach in all den Tumult >a draußen sah, da wurde ihr plötzlich leichter.
Ein paar dunkle Wintermonate währte diese Trostlosigkeit, dann kam neues Leben in die Welt, dann lachte die Sonne und alles; was jetzt grau und farblos und schwer war, wurde leicht und bunt und sreudig.
„Sehen Sie, nun lachen Sie!" sagte die Pastorin, die KU Ähr getreten Ivar. „Das wäre auch noch schöner, wenn Sie mit sünfundzwanzig Jahren den Mut verlieren wollten!"
,/Wenn man nur nicht immer so viel unerfüllbare Wünsche, in sich trüge, Frau Pastor! Wenn man nicht immer so ein Gesühl hätte, als könnte man etwas Großes Und hätte nur nicht den Mut dazu! Ich kann das nicht so sagen, aber ich möchte fort von hier, weit fort, und alles vergessen, was hinter mir liegt. Sehen Sie, Frau Pastor, Has sind ja gar nicht die äußeren Erlebnisse, die mich unglücklich machen; nicht einmal die Armut, über die unsere Kosh so viel jammert, bedrückt nrich. Es ist etwas ganz anderes, aber ich weiß nicht, was es ist!"
„Ach Gott, ach Gott," sagte die Pastorin, „als ob ich das nicht alles verstände! Nein, nein, das Aeußere allein macht's nicht, und die Gräber da draußen aus dem Gottesacker, die wir mit Kränzen und Blumen schmücken können, das sind nicht die schlimmsten. Aber die Gräber in uns, all die gestorbenen Gedanken und Wünsche! — Ach Gott, Sie hätten hören sollen, wie mein seliger Mann über so was predigen konntej"
Nuu wischte sich* die Pastorin die Tränen aus den Augen.
„Wie er mir fehlt, Fran von Hilbach — ich kann xs keinem Menschen sagen; so viel Trost ging von dein Iguten Mann aus, so viel Stärke, und nun —--"
„Ja, es ist schwer, so allein zu sein!" sagte Frau von Hilbach, und ihr soeben neuerivachter Mut wollte durch den Schmerz der Pastorin wieder klein werden. Sie sprachen Uoch eine Weile von ihren dahingeschiedenen Männern, von ihren: vergangenen Glück und von der trüben Zukunft, die vor ihnen lag.
„Ja, ja, und dabei sollten wir doch nur um uns sehen!" »schließlich die Pastorin, denn sie, als die so bedeu- Aeltere fand plötzlich, daß sie das Herz der jung vcr- tvitweten Frau uicht zu sehr beschweren dürfte.
„Denken Sie doch nur an alle hier im Haus, liebe Frau von Hilbach, an die arme Natusius, die Specht — die Hänslein, und dann vor allem an die arme, alte Frau Lengerich. Die müssen alle ohne Mann auskominen. Gibt Ihnen das keinen Trost, daß so viele nm sie herum dasselbe leiden?"
„Nein," sagte Frau von Hilbach, „nein, Frau Pastor, Trost kann mir das nicht geben!"
„Nicht — Kindchen??"
„Wenn ich so denke," fuhr Frau von Hilbach fort, ,,wie alle diese Frauen einein gegenüberstehen, dann mochte ich weinen. Gestern hat sich die Hänslein über die arme Frau Lengerich beschwert, weil sie nachts in ihrem Zimmer auf Und ab liefe und mit sich selbst spräche; da iväre etwas nicht |n Ordnung, sagte sie. Leute, die so ihre Verhältnisse geheim hielten, hätten immer kein gutes Gewissen, und wie sie das sagte, da wußte ich plötzlich, daß sie mich damit meinte."
„Ja, ja, das mögen sie hier am Ort nicht haben, Wenn man etwas verheimlicht!" erklärte die Pastorin.
„Ja, aber ich verheimliche doch nichts, Frau Pastor. Mu jeder im Ort weiß, daß ich seit zivei Jahren Witwe hin, und auch daß ich arm bin; aber das genügt ihnen wicht: sie wollen noch etwas Besonderes."
, das möchten Sie!" sagte die Pastorin. „Können Sie sich das nicht erklären? Sie sind noch jung und ein- am und ziehen sich zurück. Nun haben all diese Frauen jier doch so schrecklich viel Zeit, um über andere nachzu- denken, und dann fagt esiie der anderen, was sie denkt.
und die erzählt's weiter, und schließlich sagt eine nicht mehr dazu, daß die andere das nur denkt, und dadurch wird's zur Tatsache, die dann auch von jeder noch ein bißchen! ausgeschmückt wird. Nun, ich kann nur eins sagen: Neber so was muß man erhaben sein; das sind keine Sorgen, Wenn die Gesundheit sehlt, oder wenn das Geld fehlt, das sind wirkliche Sorgen!"
Frau von Hilbach sah ins Weite. Das, was die Pastorin rhr da sagte, predigte ja auch die Kosh Tag für Tag und Verstandes nicht, daß einer sich um eingebildete Dinge Schmerzen machen konnte, wenn wirkliche Sorgen da waren. Aber k>iese wirkliche Sorgen kümmerten die junge Frack von Hilbach am wenigsten.
Wenn sie zusainmengekauert, müd und verhärmt in ihrem kleinen Wvhnzimmerchen saß, dann schweiften ihre Gedanken weit, weit von der grauen Wirklichkeit fort; sie flogen zurück in die ferne, glückliche Vergangenheit oder in eine eben so ferne glückliche Zukunft, und ihr einziger Schinerz war der, daß sie hier mit ihrem Kinde in einem) großen, grauen Hause gefangen war, in einem Hause, das sie fortwährend ängstigte und schreckte, dessen Wände und Decken sie zu erdrücken drohten, und in dessen Räumen sie eine Fremde war und bleiben wollte.
Sie dachte an ein anderes altes Haus, an ein geräumiges, schönes Haus, in dem sie groß geworden war, und an die Menschen, die mit ihr darin gelebt und die nicht mehr waren. An ihren ernsten, ruhigen Vater dachte sie und an die kleine, zärtliche Mutter mit dem lieben Kindergesicht und an ihr gemeinsames Märcheneckchen im großen, dunklen Eßzimmer.
Tas lag alles so weit, toeit hinter ihr, und so viel anderes hatte sich in ihr Leben gedrängt — eine jjroße,; leidenschaftliche Liebe, die zerplatzt war wie eine Seifenblase. Diese ganze Ehe, die vor zwei Jahren den Abschluß durch den Tod ihres lustigen Mannes erfahren hatte, lag wie etwas Geträumtes, Halbvergessenes hinter ihr. Wäre das Kind nicht da, so würde bald nichts mehr davon in! ihrer Erinnerung haften; aber das, was so ganz, ganz weit zurücklag, die Märchenzeiten aus dem Schloß ihrer Mutter, das staud noch greifbar dicht vor ihr.
An dunkle Winterabende am großen Kamin dachte sie ost, so oft, und wie sie den Kopf an der Mutter Schulter gelehnt hatte, während sie erzählte. Sie sah ihr Gesicht, aus dem der Schein des Holzfeuers einen wunderlichen Tanz ausführte; jede Bewegung in diesem lieben Gesicht sah sie wieder und trank ihr die Worte vom Mnnde. Von all den bunten, goldenen und traurigen Märchen träumte sie. Und dann dachte sie oft erstaunt, was für eine merkwürdig schüchterne, weltfremde Frau ihre Mutter doch zeitlebens gewesen war; die hatte auch nicht in der Gegenwart gelebt, war nicht gelehrt und geistreich gewesen und doch so ganz, ganz anders als all die Frauen, die sie jetzt um sich sah.
Alles, ivas sie erlebt und erlitten hatte, war ihr unter der Hand zum Märchen geworden. Glück und Freude, Schmerz, Ungemach und Krankheit hatte sie gleich einer Bürde getragen, die nicht wirklich, nicht in Wahrheit vorhanden war.
Ihr war das Leben tote ein Buch gewesen, das sie mit Eifer und Leidenschaft und unendlicher Teilnahme gelesen hatte. Die Schicksale der Heldin des Buches hatten; sie gefreut und geschmerzt; sie hatte mit ihr gelacht und geweint, gejauchzt und gelitten, aber doch nur, wie man eben mit einem andern Wesen fühlen und denken kann. Sie hatte kein wirkliches Leben geführt, und darum vielleicht, gerade darum, weil sie so gewesen, so traumverloren töricht, so kindisch zuversichtlich, so ängstlich besorgt, jedermann etwas Liebes und Gutes anzutun, darum war sie wohl von vielen geliebt, aber von eben so vielen mißverstanden worden.
(Fortsetzung folgt.)
Zu wohltätigem Zweck.
Humoreske von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Stanislaw Kamarinski machte ein Gesicht, wie wenn er totof deuten wollte, daß er ihm doch kein Sterbenswörtchen glauben würde. Hans Volckmar aber kümmerte sich nicht darum, sondern erzählte ihm der Wahrheit gemäß alles von dem Augenblickan^ da Herr v. Sternberg ihm im Kursaale Fräulein Mary BurneS vorgestellt hatte, bis zu seinem leichtfertigen Berspre.ch<U in drs


