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■Sie gestern, kannst du schon morgen b'ctite Ansicht von neuem geändert haben. Ich will dir Zeit lassen. Ehe ich alles Nötige in Ordnung gebracht habe, vergehen sicher noch sechs bis acht Wochen. Ich will tut Juli noch einmal bei dtr anfragen. Bist du damit einverstanden?"
„Nein, Max. Ich kann es nicht feilt. Ich würde dir tut Juli ebenso antworten müssen wie jetzt. Du nennst mich zwar unklar: aber darüber Lin ich mir vollkommen klar, daß wir beide nicht zusammengehören. Ich weiß, wie viel Güte und Treue ich mit dir aufgebe, auch eine gesicherte Zukunft, und vielleicht noch mehr. Und doch bitte ich dich: laß mich frei."
Er knöpfte seinen Rock zu. Er dachte wohl, er trüge Uniform; oder es geschah mechanisch. Dann kreisten wieder zwei Finger um einen Kragen.
„Du warst immer frei," antwortete er. „Ich habe dich ja auch beim Abschiede nicht gebunden. Ich sah eigentlich alles kommen. Kann mir auch denken, was inzwischen - . . nun ja, es wird cm anderer da sein. Vielleicht ist es der Maler---ich frage gar nicht danach... Es ist
also aus zwischen uns. Sei's drum. Biei deinen Eltern hielt ich schon um dich an — und habe ihre Einwilligung. .Erkläre ihnen alles. Und nun leb wohl."
Er zupfte wieder an seinen Rock, warf den Kopf zurück und ging.
„Max," rief sie mit erstickender Stimme, „soll s o das Ende sein?! Lieber Gott, ich will dir ja nicht Wehtun! Mb mir zum letzten Male deine Hand!"
Er wandte sich um. Sie sah in ein hartes und entschlossenes Gesicht.
„Verzeihe, Traute — aber das kann ich nicht. Ich fühle ntich frei von Dünkel. Immerhin: ich habe Selbstachtung. Ich kann dir nicht noch dafür danken, daß du eines ehrlichen Mannes ehrliche Werbung abweisest, weil" <. . Er schluckte; die Worte mochten ihm schwer werden .... „Ich habe auch keine Anlage zur Sentimentalität. Wer ich wünsche dir viel Glück."
Sie hörte die Tür fallen.
Sie sah sich um. Die Umgebung mutete sie fremd an. An dem Reflektor, der den Mond ersetzen sollte, mußte irgend etwas in Unordnung sein. Das Licht war trübe geworden. In allen Winkeln lagen schwarze Schatten. Und . sie dürstete plötzlich nach der Sonne. Sie sprang au das Fenster und riß hastig den Vorhang zurück, und dann zog« )ie die schwere Jalousie auf, wobei der Riemen tief in das Fleisch ihrer Hand schnitt.
Jetzt war die Sonne da, und draußen prangte der Frühling. Sie blieb am Fenster stehen und sah Roeßler durch den Garten schreiten. Dabei dachte sie gar nichts; ihr Hirn war wie ausgelöscht. Sie sah ihm mit stumpfem Blicke nach: wie er ordnungsgemäß die Gartentür schloß, ohne nach dem Hause zurückzuschauen, und dann weiter ging; erst links ab, hierauf die Dorfstraße hinan. Hinter . den Akazien vor der Billa Eggers verlor sie ihn aus den Augen.
Nun wandte sie sich um und' sah ihr Abbild in hem großen Spiegel gegenüber: ein blasses Gesicht, darüber ein schief gesetzter Hut, unter dem wirres Haar hervorquoll. Sie nahm den Hut ab und ordnete ihr Haar vor dem Spiegel: flocht es sorgfältig und steckte es aus. Sie ver- vollstüttdigte ihre Toilette und zog auch ihr Jäckchen an, das noch hinter dem Wandschirm lag. Das alles tat sie, ohne an das Geschehene zuruckzndenkeu.
Aber jetzt kam die Erinnerung. Sie fand einen braunen Handschuh auf dem Teppich, den Roeßler vergessen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Dann setzte sie sich -und begann zu überlegen. Was war denn nun? Nichts als ; das Ende des Verlöbnisses mit Roeßler. Ein Zufall hatte dramatisch gefügt, was sie auf brieflichem Wege ohne Un- gestüin hatte erreichen wollen. Max tat ihr herzlich leid. Wer in dies Gefühl der Anteilnahme mischte sich doch auch etwas Wesenbewegenderes: die Freude über die Wen- . düng der Freiheit. Die Notwendigkeit, sich frei zu machen, war ihr erst am Sonntag während der Unterredung mit Moebius klar geworden. Nun war sie es.
Jetzt hieß es, noch hier Abschied zu nehmen — und dann dre Szene mit den Eltern zu überwinden. Sie stand aus und drückte dreimal auf den Klingelknopf neben der Tür.
Den schweren Schritt Kruses hörte sie schon im I
Nebenzimmer. Niels trat mit dampfender Stummelpfeife ein.
„Er ist fort," sagte sie.
„Ich weiß. Ich sah ihn gehen. Laufpaß — he?"
„Das klingt häßlich, .Professor. Seine Erregung- war verzeihlich."
„Nun urtds"
„Was und?"
„Jetzt gehen auch Sie *?
„Ja, ich will."
„For ever?"
„Ja, für immer."
„Und gehen zu ihm?"
„Nein!" rief sie heftig. „Ich weiß, ioer 6er Ungenannte fein füll. Weshalb kränken Sie mich?"
„Weil ich Sie lieb habe, Kleine. Still, still — es kommt keine Erklärung mehr! Aber eine Geschichte zum Abschied. Bleiben Sie noch fünf Minuten — sie dauert nicht lange. Sie ist auch brutal — und dennoch sollen Sie sie hören." . . . Er paffte drei Züge ttnd fuhr fort: „Sie kennen mein Rotkäppchenbild — das mit dem Sottnettuntergang int! Walde? Das Modell ztt dem Rotkäppchen war eilt niedliches Mädchen, Tochter eines Handwerkers aus der Ostrauer Vorstadt, die ich einmal — ich weiß nicht mehr wo aufgegabelt hatte. Sechszehnjährig, ein liebes Kind, ein Tautropfen. Ich hatte damals einen Freund, der mich häufig besuchte, und der vergaffte sich in die Kleine — Drude hieß sie, ganz ähnlich wie Sie. Ich warnte ihn und drohte mit dein Bruch unserer Freundschaft, wenn er sich an dem Mädelchen vergreifen sollte. Aber er hörte nicht — und Trude starb. Sie starb int Wochenbett."
Traute starrte den Sprechenden wie geistesabwesend! an. Ihre Lippen vibrierten nervös. Sie wollte ihm einen Schimpf in das Gesicht schleudern. Aber es kam kein Laut aus ihrem Munde.
(Fortsetzung folgt.).
Die Mundermixiur.
Skizze von L. Ewal d.
-„Aller Mond," sagt Herta Losheimer, am Fenster ihres! Jnngfernstübchens stehend. „Dein Licht brachte mir oft Ermutigung ! Die hatte ich armes Waisenkind auch ost nötig! Tann halt du später meinem zuerst still verschwiegenen Brant- glück geleuchtet, wenn ich mit meinem Fritz, drüben, in seines Vaters Gärtnerei, ein Plauderstündchen hielt. Morgen kannst du mich da wieder einmal grüßen! — Dann heiße ich aber nicht! mehr: Losheimer, dann nennt'man mich: Herta Redder! — O, ich bin so glücklich, alter Mond, — und doch bewegen mich he- nnrnhigende Gedanken! — Trüben in der stattlichen Billa hat bet den toten Eltern meines Fritz nie wahres Behageir geherrscht. Ich bin ohne ein Heim ausgewachsen — und möchte doch recht viel Sonnenschein ihm ins Haus tragen. Ja, schon nur, schau! Wenn du zu mir reden könntest, würdest du mir auch raten können, du, der du die Welt und die Menschen kennst. — Muß man nur mit Ernst an zu erfüllende Pflichten ferner denken'? Oder ist, ein immerdar froher Blick besser? Soll man besonders ans Erhaltung der Schönheit Gewicht legen? — Das frage ich mich — und weiß keine recht« Antwort!"
Sie steht und sinnt —• dann legt sie sich nieder.
Ter alte Mond lächelt breit, behaglich. Er weiß Rat. Ed hält den leichtbeschwingten Traumgott an und sagt: „Sprich du für mich!" Der ist auch sofort bereit und meint neckisch: „Willst der Vorstellung beiwohnen? In vier Bildern mache ich's ihr klar!" '
„Wär' mir schon recht," antwortete der. „Doch dn weißt, ich bin der Trabant der Erde — und die ist von einer unheim-- lichen Pünktlichkeit! ^Langen Aufenthalt darf ich mir nicht leisten!"
„Da sei ohne Sorge! Ich habe auch immer Eile!" Traumbild I.
In feiner Studierstube sitzt der Herr Pastor. Gr steht int Mittag seines Levens. Er hat fein gutes Auskommen, ein Musterweib, nach dem Urteil seiner Gemeinde, zwei Heranwachsende,- wohlgeraiene Kinder. Trotzdem ist fein Haar bereits an den Schläfen ergraut. Die Kummerfatte nm den Mund tritt scharf Hervor. Man steht es ihm an, er hat seelisch gelitten! —i Es klopft! Fran Pastor ist es. Eine hohe, starkknochige Gestatt, Ate schaut aus ihren ernsten Augen — zielbewusst in die Wett, . »ET rst gnt, daß du kommst," sagt er, „ich möchte etwas Mtt dir bereden,"
„Ich kam mit -einer Frage," entgegnet sie ablenken,d. „Ist der Kranken dre Unterstützung gewahrt worden?"
„Davon, bitte, nachher."
„Ja, «aber ich wollte —"
„Noch zu ihr — dann muß ich zu Lina nach der MW sehen, muß noch eilten notwendigeit Gang machen,"


