Donnerstag den (0. August
M
Das nette Mädel.
Roman von Fedor von Zobeltitz«
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Roeßlers Mick schweifte noch einmal zu dem Bilde Ijinüber und kehrte dann zu Trante zurück. Er war unruhig in seinem Empfinden.
„Traute," sagte er zögernd, „du wirst mir verzeihen. Wie Situation war versängtich — und ich stand unter ihrem Eindruck. Aber wenn du mir dein Wort gibst —"
Doch sie ließ ihn nicht aus reden. Run blitzten ihre Nugen ihn an.
„Mein Wort?? .Also genügt dir meine ErKärung noch nicht?"
„Sei mir nicht böse. Ich —" er zuckte mit den Schultern — „ich komme über das peinliche Gefühl nicht heraus, daß du unrecht getan Hast. Ich will dir ja glauben, daß — daß . . . aber trotzdem: ein anständiges Mädchen läßt sich nicht so malen — so . . . Auch nicht den Kopf. Rein t— entschieden nicht. Ein anständiges Mädchen geht überhaupt nicht allein zu einem Maler. Die Künstler haben allesamt, allesamt nicht das Feinempfinden, das uns gewissermaßen angeboren ist. Ihnen fehlt auch die Festigkeit des Charakters — und vor allem die Gabe der Form, wie der grobe Esel erst vorhin wieder bewiesen hat. Ich habe auch deinen Eltern nicht vorenthalten, wie ich darüber denke, daß sie dich zu ihm gelassen haben."
„Du warst bei meinen Eltern?" — Traute schaute erstaunt auf.
„Ja natürlich. Ich suchte dich -ja. Ich habe heute früh deinen Brief erhalten, und da ich zufällig dienstfrei war, habe ich mich sofort auf die Bahn gefetzt und will abends wieder zurück- Mich drängte es, die Sache in Ordnung zn bringen. Das sind ja Kindereien, Traute. Wir werden uns schon verständigen. Zuvörderst hör mich einmal an. Ich stehe nun vor der Entscheidung; es hat sich schneller gemacht, als ich ahnen konnte. Andeutungen gab ich dir schon. Mir ist eine Stellung als Oberinspektor eines Eisenbergwerks in Djediwolo im "Gouvernement Tula angebotcn worden. Ein -Onkel von mir, ein Deutschrusse, der in Tula selbst lebt, hat die Sache vermittelt. .Ich muß mich für sechs Jahre binden, bekomme aber gleich'ein ganz stattliches Anfangsgehalt: sechstausend Rubel. Auch sonst liegen die Verhältnisse so, daß ich annehmcn möchte . . ."
Er schwieg und sah sie fragend an. Traute hatte den Kopf gesenkt. In der Spanne eines Augenblicks zog ein ganzes Zukunftsbild an ihr vorüber: ein Leben in der Fremde, an der Seite eines rechtlichen und strengen Mannes, der zum Maß aller Dinge seine eigene Ansicht machte, dessen harte Ehrlichkeit sie in Schrecken versetzte, dessen pedantisches Wesen keine llngebundenhcit froher
Lebensäußerung aufkommen ließ. Hatte sie ihn wirklich einmal geliebt?
„Rein!" rief sie sich zu und erschauerte. Und dann faßte sie Mut und sagte:
„Ich würde an deiner Stelle zweifellos auueymen, Max.
Rur mich laß hier." . „
Der Blick Roeßlers bekam etwas Flackerndes. Es glitt unruhig über sein Gesicht. .
„Traute, soll ich das so verstehen, daß dem Brief — ernsthaft zu nehmen ist. Mcht als Stimmungsausfluß — Gott weiß, aus welcher Erregung des Moments heraus?"
Sie holte stark Atem und antwortete:
„Er ist nicht in Erregung geschrieben, sondern nach reiflicher Ueberlegung."
Nun ging ein Mißlicher Schein über seine sonnen- braunen Züge.
„Aber toie ist das möglich. Traute?" rief er. „Es ist doch nichts vorgefallen zwischen damals und heute, das ... Ich sage dir aufrichtig, ich glaubte an eine Kinderei — ich dachte, du haltest es mir vielleicht übel genommen, daß ich nicht doch noch an dich geschrieben habe . . ich war eigentlich gar nicht in Unruhe und hoffte, alles -—: alles würde sich ohne große Schwierigkeiten beilegen lassen, zumal ich dir jetzt auch noch eine Zukunft zn bieten imstande bin, die . . /'
Wieder schaute er in ihr Gesicht und sah feine Hoffnungslosigkeit. Sie klang wie ein leises Weh durch seine harte Stimme. ,
„Ich habe deinen Eltern nichts von deinem Briefe gesagt," fuhr er fort. „Ich merkte ja auch, daß sie nichts davon wußten — und habe im Gegenteil" ... Er brach nochmals ab und fragte in weichem Tone:
„Liebe Traute, soll deine Absage bleiben — auch jetzt noch, wo ich vor dir stehe und auf deine Entscheidung warte?"
Sie legte die Hände auf ihr Herz und druckte sie gegen das stürmende und neigte den Kopf und sagte:
„Ja, Max. Auch jetzt noch. Ich kann nicht anders."
Er schritt auf und ab. Sechs Schritt vorwärts und sechs Schritt zurück. Es sah ihm keiner an, wie es in ihm brauste: wie das Gefühl in mächtigen Wogen durch seine Seele stürmte. Er schritt auf und ab, int Marschtempo; rückte an seiner Weste; rückte an seinem Rock; fuhr mit den Fingern in seinen Kragen und betastete, feine Krawatte, llnb endlich blieb er wieder vor Traute stehen.
„Ich kann dir keinen Vorwurf machen," tagte er. „Wer einen Vorschlag. Ein Mädchenherz ist ein eigen Ding. Es spinnt sich leicht einmal in romantische Phantasien ein. Namentlich du — du wirst mir das nicht übel nehmen r-i du hast immer gewisse unreale Neigungen gehabt; auch einen Mangel an Klarheit. Ja — ich kann mich nicht anders ausdrücken. Wenn du heute nicht mehr so denkst


