423 —
Meme erste Luftreise.
Am Verlansstage Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin hatte der Hessische Verein für Lnftsckjiffahrt, Ortsgruppe Gießen, beschlossen, 2 Ballons aufsteigen zu lassen, da neben beut', beim] Verein gehörigen Ballon „Marburg" noch ein Berliner Ballon gewönnen worden mar, der zufällig nur im Anfangsbuchstaben voir nnscrnt Ballon avwich und den Namen „Harburg" führte.
lebt scher Seite Beachtung gefunden hat. Es siel mir deshalb Ntcht ein, cs so kurzer Hand einfach dran, zu geben."
„Ich bedaure, aber das geht schlechterdings nicht," crivibcrtd W Er hatte seine Keilten Augen voll gespannter Erwartung aus mich geheftet, und ich sah, wie bei meiner Antwort ein Schatten über seine Züge flog.
„Leider ist dieser Punkt ganz wesentlich," sagte er. „Es W das eine kleine tLrillc von meiner Fran, und auf weibliche! Grellen muß man Rücksicht nehmen, wissen Sie, Franleim "Wü ®te wollen vvljK Haar wirklich nicht abschneiden?"
„'Nem, dazu konnte ich mich in der Tat unmöglich entschließen," antwortete ich fest,
„So dann must ich leider verzichten. Es ist schade, denn Etc wurden sonst wirklich sehr hübsch gepaßt haben. Unter diesen Umstanden, Fraulein «toper, möchte ich gerne noch ein paar von Mten jungen Damen sehen."
m . Gcnmmte hatte sich die ganze Zeit über mit ihren,' Papieren zu schaffen gemacht, ohne ait eines von uns beiden ^ort zn richten, allein nun, warf sic mir einen so unfreund- fstst'E'n Blick zu, dap ich nicht anders annehmen konnte, als tch habe sie durch meine, abschlägige Antwort um eine recht ansehnliche Vermittlungsgebühr gebracht.
„Wünschen Sie noch langer vorgemerkt zu bleiben?" fragte fte mich. 1 J
„Sitte, ja, Fräulein Stoper."
„Nnii, das wird wohl keinen großen Wert haben, da Sie dte Vortrefflichsten Anerbtetnngcit in dieser Weise ausschlagen. M doch tonnt von uns erwarten, daß wir uns noch
viele Muhe geben werden, Ihnen abermals eine solche Gclcgcn- Ijett *n verschaffen. Guten Tag, Fräulein Hunter." Damit I gab ste dem Türsteher das Zeichen, mich hina'uszugeleiten.
"Als ich nun wieder zu Hause war, Herr Holmes, und dort ntichls vorfand als eine ziemlich leere Speisekammer und auf dem .Tisihe zwei oder drei Rechnungen, da begann ich mir doch dte Frage vorzulegen, ob ich nicht einen törichten Streich gemacht habe. Denn schließlich, wenn diese Leute absonderliche Launen hatten und höchst merkwürdige Dinge von einem verlangten, so rahlten ]ie auch gehörig dafür. Hundert Pfund im Jahre vcr- dteneu nur sehr wenige Gouvernanten in England, llnd dann was uuhtcn mir meine Haare? Es gibt viele, denen sie kurz, geichn'tteil besser stehen; vielleicht gehöre ich auch zu dieser Zahl. Am nächsten Tage neigte ich bereits sehr der Auffassung zu, vast ist) einen gehler begangen hätte, und am dritten war ich test davon überzeugt. Ich wollte meinen Stolz schon beiuäha ivwei. überwinden, tun nochmals auf dem Bureau nachzufragen, ob dte Stelle noch offen sei, als ich von dem Herrn selbst diesest Brief hier erhielt. Ich! will Ihnen denselben vorlesen:
The Coppcr Beechjcs bei Winchester.,
. „Wertes Fräulein!
Fraulent Stoper war so freundlich, mir Ihre Adresse zu I geben; ich schreibe xihnen deshalb von hier aus, um bei Ihnen anzu,ragen, ob Sie sich Ihren Entschluß ,wch einmal überlegt haben. ..steine Frau wünscht sehr, daß Sic bei uns cintretcn; jte i)t ganz entzückt von der Schilderung, die ich ihr von Hstnen gemacht habe. Wir sind bereit, 30 Pfund das Bicrtcl- tahr, also lährltch 120 Pfund zu geben, um Sic für alle lliiannchmlichkcitcn, dte Ihnen etwa ans unseren Grillen erwachsen konnten, schadlos zu halten. Im Grunde wollen diese letzteren übrigens gar nicht soviel bedeuten. Meine Fran hat etnc Vorliebe für eine ganz bestimmte Schattierung von bleu clectrignc und wünscht deshalb, daß Sic morgens int Hause ent Kletb von dieser Farbe tragen. Sic brauchen sich jedoch ein solches nicht anzuschaffen, da wir selbst, eines besitzen, das Meiner zurzeit in Philadelphia befindlichen Tochter gehörig niib das Jhiicn vermutlich vollkommen passen wird, llnfere besonderen Wunsche wegen des jeweiligen Sitzplatzes und des Zettvcrireibs, den Sie wählen sollen, werden Ihnen keinerlei .Unantiehntltchkett verursachen. Was Ihr Haar betrifft, so ist cs freilich schade darnm; mir selbst ist während unseres kurzen Zusammenseins dessen Schönheit ausgefallen, allein leider muß tch am diesem Punkte unwiderruflich beharren und will mir honen, daß Sic tu der Erhöhung Ihres Gehalts einen Ersatz mr den Verlust finden. Ihre Obliegenheiten bei dem Kinde Wb nicht schwer. Also marbeit Sie den Versuch; ich werde wie von Winchester in meinem Wagen abholen.' Lassen Sie tmch wissen, mit welchem Zuge Sie eintreffen.
Ihr ergebener
Jephro Rucastle." roh16 - JW' ich bin entschlossen, die Stelle
Ehe ich jedoch den entscheidenden Schritt tue, wollte brcittt?" b’C 9rtH3C Angelegenheit noch Ihrer Erwägung unter» s„ ’W bereits entschlossen haben, Fräulein Hunter,
: ° G.age M schon etttWtben," meinte Holmes lächelnd.
der Ansicht, ich sollte lieber abschreiben.?( rn ‘ .'e Schwester von mir Aussicht auf diese Stelle,
' Wie sn t'^, Ä ,^^0- erwünscht, das muß ich gestehen." M bas alles erklären, Herr Holmes?" fr w'Stf 3+''r‘möchte ich teilte Vermutung EldÄ" ^Eevht haben Sie sich selbst eine Ansicht darüber
"'m* iann mir nur eine einzige Erklärung dafür denkeM Herr Rucastle machte einen sehr freundlichen, gutmütigen Eindruck. Ware es nicht möglich, daß seine Fran verrückt ist, und daß er dies geheim zu halten sucht, damit sie nicht etwa in eine! Anstalt verbracht wird, und daß er ihren tollen Lannen in jeder Werse entgegenkommt, um einem Ausbruch vorzubeugen?"
„Diese Erklärung hat, wie die Sache liegt, in der Tat am meisten für sich. Soviel ist jedenfalls sicher, daß eine solche! 'ZWsKMeft nichts Anziehendes für eine junge Dame hat."
„Aber Herr Holmes, der Gehalt!"
„Nun ja, freilich, ünt - zu gut; das ist
es gerade, was mir nicht behagen'wilt^-GW'"-bezahlt man i 120 Pfiiiid im Jahr, während unter gewoWlsrKA I intr-'rrCU ™ dsuno vollauf genügen? Dahinter muß ein ganz gewrckstiger Grund stecken."
dachte, es wäre gut, Sic in die Verhältnisse ciuzuweiheu. damrt Eie wißen, um was cs sich handelt, falls ich später einmal
HAfe bedürfen sollte. Tas Bewußtsein, daß Sie hinter! Mir stehen, wurde mir viel mehr Mut verleihen."
. dieses Bewußtsein dürfen Sic getrost mitnchmcn. Ich
versichere Sie, daß ^hr kleines Problem das interessanteste zu werdcil verspricht, das mir seit mehreren Monaten vorgekommenj bietet etiugc Züge ganz besonderer, überraschender Art.
Sollten Tic sich je einmal in Zweifel oder in Gefahr befindeni—" „Gefahr? — Was für eine Gefahr beulen Sic sich als möglich?"
Holmes schüttelte ernst den Kopf. „Könnten wir uns darüber I bestimmt aussprechen, so wäre es ja keine Gefahr mehr. Doch c» bedarf nur eines Telegramms, und ich werde zu jeder Tagesober Nachtstunde zu Ihrem Beistände bereit fein."
. , „-tas genügt." Damit erhob sic sich frisch und munter', und rhrc Zuge zeigten keine Spur von Aeugstlichkcit mehr. „Nun gehe ich ganz guten Mutes meiner neuen Bestimmung entgegen..
werde Herrn Rucastle unverzüglich schreiben, mein teures Hüar heute abend opfern und morgen nach Winchester fahren." , „Eie junge rainc scheint mir Manns genug zn sein, sich selbst zu beschützen," bcmerf'tc ich, als wir ihren raschen, festen Schritt auf der Treppe hörten.
„Sie wird cs wohl auch tun müssen," erwiderte Holm cs ernst; „wenn ich mich nicht sehr täusche, werden wir schon in wenigen Tagen Nachricht von ihr erhalten."
bauerte auch gar nicht lange, so ging seine Vorhersagnng m Erfüllung. Während der nächsten vierzehn Tage ertappte ich meme Gebauten häiifig auf ber Wanderung zu dem alleinstehcnden Mädchen, das vom Schicksal ans einen so rätselvollen Irrweg verschlagen worden war. Der ungewöhnlich hohe Gehalt, die sonderbaren Bedingungen, die leichten Obliegenheiten — dies alles war ganz gegen die Regel, und doch konnte ich schlechterdings nicht! mit mir darüber ins reine, kommen, ob cs sich dabei nur um eins verrückte Laune oder um einen verbrecherischen Zweck handelte, und ob der Mann ent philmitropischer Schwärmer ober ein Schurke lunr. Was Holmes betrifft, so sah ich ihn oft eine volle halbe Stunde lang mit gerunzelten Brauen in tiefes Nachdenken versunken dasitzen; fing ich jedoch von der Sache an, so winkte er immer ab-, „Tatsachen, Tatsachen!" tief er ungeduldig aus. „Ich muß doch vor allem festen Grund unter den Füßen haben." Wenn er sich aber dann erhob, machte er jedesmal die Bemerkung, feiner eigenen Schwester würde er niemals gestattet haben, eine derartige Stelle anzunehmcn. Das erwartete Telegramm traf eines Abends spät ein als ich eben im Begriffe war, mich zuriickzuzieheu und Dolmcs sich zn seinen beliebten chemischen Untersuchungen anschickte, die ihn die ganze Nacht festhielten: hatte ich ihn doch schon oft abends über seine Gesäße und Gläser gebeugt verlassen! und ihn am nächsten Morgen zur Frühstücksstunde noch in derselben Stellung getroffen. Er riß den gelben Umschlag auf, überflog ceit vNihalt der Depesche, unb dann reichte er sie mir.
., „Sieh gleich die Züge im Kursbuch nach," sagte er dabei, indem er sich wieder seiner Beschäftigung.zuwandte. Es war eine kurze, dringende Aufforderung. Sie lautete:
„Kommen Sie, bitte, morgen juittag in den „schwärzest Schwan" in Winchester. Kommen Sie ganz bestimmt, sch weiß Nicht mehr ans noch ein. Hunter."
„Willst du mich begleiten?" fragte Holmes auf schauend.
„Ja, gerne."
„Dann sieh nur gleich nach."
„Ein Zug um halb zehn Uhr," sagte ich, in mein Kursbuch blickend, „trifft in Winchester um halb zwölf Uhr ein."
„Das paßt ja ganz gut. Dann will ich meine Untersuchung hier lieber auf sich beruhen lassen. Denn mir müssen morgen früh frisch und munter fein."
(Fortsetzung folgt.)


