Ausgabe 
10.6.1911
 
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Haltung ihrer Häuser sehr bedacht sind. Int Frühiahr wird das Fachwerk aufgefrischt, Fenster und Türen werden neu.gestrichen, eine Arbeit, die der Bauer meist selber vvrnimmt. Das Fachmcrk wird mit Kalk weiß gestrichen, während das.Gebälk tn dunklen Farbentönen, meist schwarz, gehalten ist. Wenn auch M Innern der Häuser die Wvhnräume niedrig und eng sind, so herrscht doch allenthalben Ordnung und Peinlichkeit.

Der Westerwälder Bauer, eine lange, grobknochige Gestalt, treibt neben Ackerbau vor allen-,' große Viehzucht. DaS rotbraune, mit weißen Stirnflecken gezeichnete Vieh, unter deni Namen Wester- wölder Rasse bekannt, ist von zierlicher Gestalt, läßt aber in seinen gewandten Bewegungen und Hellen Augen mehr auf em Tier der Wildnis, als auf ein Haustier schließen. Aus diesem Grunde sind auch die Ballern so schwer zu bewegen, das lästige Doppelroch beim Zugvieh abzuschaffen. Sie! behaupten, ihre Vieh- rasse sei durch den Weidegang und die langdauernde Stallhaltnng im Winter störrig geworden und lasse sich nur schiller tut Einzel­joch fahren.

In manchen Gegenden, tob sich Eisen--mud Bvaunkohlengruben finden, sieht mait auf den Felder» meist Frauen, tvährend die Männer ht den Berg- mtb Hüttenwerken beschäftigt sind.

Für den Touristen bietet der Westerwald recht lohnende Aus­flüge, so namentlich von Hachenburg oder Marienberg aus über die Abtei Marienstatt durch die Kroppacher Schweiz nach Wissen an der KölnMindner Bahnstrecke.

Unter Kroppacher Schweiz versteht miau den romäntischsten Teil des Nistertales. Es ist so benannt nach bent Dorfe Kroppach in der Nähe der Eiseitbahltstation Ingelbach. Zwischen hohen, felsige» Bergrücken, die sich manchmal in steilen Whängen bis zinn Flusse herandrängen und dann tvieder zu breiteren Talbildungen zurück­weichen, windet sich die Nister, oft scheinbar wieder zitrückfließend, ifn nmmtigfachen Krümmungen hindurch, dem Wanderer intmer tzteue, reizend« laudschaftlichc Bilder bietend. Man schreitet an saftigen Wiesen vorbei zwischen bewaldeten Höhen; man besteigt die Jteiten Höhen (FelsenstLbcheu bei Marieitstatt), um freien Ausblick über das ganze Tal und die Abtei ztt gettießeit: auf csiterliegenden Baumstämmen und schwankenden Stegen überschH'itet man den schäumeird über Felsblöcre und Geröll hinfließendcn Bach, durchwandert schmucke Dörfchen, die tvie Felsennester an die Berge jangetlebt erscheitten, oder ganz versteckt in engen Seitentälcheit liegen, an zerstreut liegeitden Einzelhöfen vorbei, um auf hohen Felseupfadeit immer wieder neue Aussichtspunkte zu fiirden, die die kleine Anstrengung reichlich lohnen.ler.

Vermieter.

* Rosenfeste in Deutschland. In einigen Orten Deutschlands iverden zur Zeit der Rosenblüte im Juni Rosenfeste gefeiert. Zu solchem Zweck hinterließ im Jahre 1835 eine verwit­wete Freifrau von Eberstein der Stadt Mainz ein Kapital von 12000 Gulden, dessen Zinsen einer tugendhaften Jungfratt zugute kommen sollen. Bei einer derartigeit Festlichkeit, bei der der Bürgermeister präsidiert, erhält die neben ihm sitzende Jungfrau, die mit Roten geschmückt ist tmb daherRosenbraut" genannt wird, aus beit Zinsen der Stiftung 500 Gulden. Um diesen Preis dürfeit K brave, ttnbescholtene Mädchen jeden Standes bewerben, die den chweis führen können, daß sie ihren Eltern viele Jahre hindurch treue Pflege angedeihen ließen. Auch in den Dörfern Kirchrode und Misburg in Hannover ivird ein ähnliches Fest gefeiert, desseit Begründer der 1823 zu Misburg verstorbene Hauptmann Johann Georg Cropp gewesen ist, der die Stiftung am 28. Mai 1817 errichtete. Er bestimmte, daß am 1. Sonntag nach dem 18. Junials am Tage der Feier des großen und glorreichen Sieges von Waterloo" dasjenige 'Mädchen,das die Hausväter in demjenigen Dorfe, welches die Reihe trifft, für das gegen seine Eltern und Brotherr­schaft gehorsamste, treueste, bescheidenste, sittsamste tmb überall tugendhafteste" erklären, eine Prämie von 25 Reichstalern und einen Kranz vonRosen geflochten aus ben Händen des Herrn Pastors vor dem Altar erhaltest solle." Wählbar sind fänttliche junge Mädchen im Alter von 16 bis 28 Jahren,sowohl die Tochter des reichen Mannes, als die des Hirten und Tagelöhners." Die zweinächstbesten" Mädchen erhalten atts den Händen des Pastors ein Rosenbouquet und eilten halben Lonisdor. Diese Sitte der Tugendpreise stammt aus Frankreich. Der hannoversche Stifter hat die Sitte vielleicht auf seinen Kriegszügen in Frankreich kennen gelernt. Dort wurden sie bereits im 5. Jahrhundert durch ben heiligen Medardas eingeführt. Besonders berühmt ist das Fest der Rosenkönigin stets de la rosiere), das am 8. Juni, am Tage des genannten Heiligen, zu Salenct) bei Noyon gefeiert wird und das man aus eine Stiftung des Heiligen zurücksührt. Auch dort wird das sittsamste Mädchen des Bezirks mit Rosen bekränzt und erhält eine Spende.

* Berserkerwut. Aus der Internationalen Hpgiene°Aus° stellung in Dresden finden wir eine Gruppe Genußmtttel, die in der Ethnologischen Abteilung Ausstellung fand. Wir sehen, tvie ungemein ntannigfaltig dieses Gebiet ist und wie sehr bei fast allem die künstliche Betäubung eine große Rolle spielt. Zumeist ist es der Alkohol, der diese Wirkung schaffen muß und die Mehrzahl aller Völker der Erde glaubt in diesem Zustand mit dem Jenseits

in Verbindung zu treten, ein wichtiger Grund, bet gar oft auch die allerunhygienischsten Mittel int Gebrauche hält. Zweifelsohne gehört dazu bas Kauen von Fliegenpilzen, wie es noch heute tut nördlichen Asien bei Ostjakun, Jakutun, Jukayiren Tschukt- schen und besonders bei den Korjaken geübt wird. Der Fliegenpilz ist bekanntlich sehr giftig, denn er enthält eine Reihe Alkaloide, so das Mustärin und das Amanitatoxin, die krampserregend ivirken und unter rauschartigen Ohnmächten zu Delirien, Raserei und ähnlichem führen. Gar ost tritt nach acht bis zehn Stundeit der Tob eilt. Man glaubt, daß durchschnittlich vier Fliegenpilze im­stande sind, den Alenschen zu töten und es ist daher besonders interessant, daß die sibirischen Völker gerade vier Schwämme in getrocknetem Znstand verzehren. Sie haben sich zweiselsohne an die Wirkungen dieses Giftes gewöhnt. Eine Reihe näherer Angaben wird man auf der Ausstellung finden; hier sei nur einiges allgemeiit Interessante berichtet. Das Statten der getrockneten Pilze ivird zumeist durch eine alte Fran besorgt, die aus der gekauten Masse eine kleine Wurst formt, die bann die Männer verschlucken. Nach dem vierten Pilzwürstchen beginnen die Augen glänzend zu werden, ein uttheimliches Feuer geht von ihnen aus, das in ein geradezu blendendes Leuchten übergeht. Die Hände zittern und unter Singen von Liedern beginnt sich eine tiefe Betäubung aus die Genießenden herabzuienken. Sie erwachen tvieder und em Tobsuchtsansall löst ben Zustand der Erschlaffung ab. Wie Rasende greifen sie zu Trommeln, rennen in den Jurten umher, führen sonderbare Tänze auf, tim wieder in Betäubung zu versinken, in der die eigenartigsten Träume sie uingaukeln. So löst ein Anfall die Betäubung ab und neue Betäubung die Anfälle von Raserei; sie werden jedoch immer schwächer und schwächer, wenn nicht wieder frischer Fliegenjchtvamn» zttgeführt wird, was zumeist durch Trinken des Harns eines der anderen Betäubten geschieht. Tie Korjaken erblicken darin ihre höchste tmb schönste Unterhaltung tmb warten mit Schmerzen, daß ihnen Fliegenschwämme verkauft werden, für die sie ungeheure Suinmen geben. Wir dürfen uns daher fragen, ob nicht jener eigenartige Zustand, ben wir von den Nordgermanen als Berserker kennen, auf gleichem Wege herbeigesührt mürbe, beim es besteht kein Zweifel, baß bie Verbreitung dieses Geitnßmittels ehedent viel größer war. v. R.

'Tierischer Schmuck. Es Hai jemand Anstoß daran genommen tmb vielleicht mancher andere mit ihm, daß tu einet Zeitschrift ein eherner Stier alstierischer Schmuck" eines Platzes bezeichnet wirb, da man untertierischem Schmuck" nur ben' Schmuck eines Tieres, etwa bas Geweih des Hirsches ver­stehen könne, nicht aber bett Schmuck durch ein Tier. Die Zeit­schrift deS Allgemeinen Deutschen Sprachvereins gibt dem Be­schwerdeführer darauf folgende Auskunft:Tierisch" ist nicht bloß das, tvas bent Tiere eigen ist, fouderit auch das, was sich auf Tiere bezieht, was von ihnen hergenominen ist. So spricht Schiller einmal von denProzessen der tierischen Chemie", und Wieland vontierischer Kost und Kleidung", wobei, wie schon der Zusatz Kleidung" lehrt, nicht an die Kost der Tiere zu denken ist, sondern an Kost, die in Tieren oder Teilen von Tieren besteht (gegenüber derPflanzenkost"). Damit kann also auch der Ausdrucktierischer Schmuck" gerechtfertigt werden; falsch ist er nicht. Und doch haftet ihm für den, der richtig empfindet, etwas tingewöhnliches an. Wie man dem ebenfalls richtigenpflanzlichen Schmncke"ben Pflauzen­schmuck" vorziehen würde, so ist es auch hier bent heute herrschen­den Sprachgebrauche genehmer, vonTierschinuck" zu reden, wie ähnlich vonTiergestalt, Tierbild, Tierstück" u. a.

* Raffiniert.Eine Mark hat dir die alte Schachtel geschenkt? Die muß ja gut gelaunt gewesen sein!"Natürlich; sie hatte gerade mit der Post einen anonymen Liebesbrief ge­kriegt!"Woher weißt du das?"Ich habe ihn ja selbst geschrieben!"

Tauschrätsel.

Die Anfangsbuchstabeit nachstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß man ebensoviete neue Wörter erhält, bereit Anfangsbuchstaben den Namen eines Erfinders ergeben.

Magd Esche Sichel Bier Regen Leber Ost Keller Zopf.

Auslösung in nächster Nummer»

Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz.

1. Df 8 c 5 T d 1 c 1, b 1 ob. al

2. T d 4 c 4, b 4 ob. a 4 beliebig.

3. D c 5 g 1 f u. matt,

A.

1. T d 1 d 2;

2. Td4-d2: Lei -f 1

2. DeSgl f u.matt.

B.

1. Kelflob. 12

2. Td4f4f beliebig.

3. Dc5glfu.matt.

Redaktion : I. B.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Briihl'schen Universitäts-Buch, tmb Steindruckerei, R. Lange, Gießern