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Die alte Z e u g h a u skaserne nüifete züm Teil geräumt! Werden, ititt zur Aufnahme gefangener Franzosen bereit zu fern. Das daselbst untergebracht« Ersatzbataillon des II. Regiments Itmt z-um Teil in die Stadt in Quartier. Da die Bürgerschaft die Verpflegung der Soldaten kostenlos übernehmen mußte, wurde sie neben den Opfern, die die freiwillige Liebestätigkeit an sie stellte, noch schwer belastet — betrugen doch die Verpfleguugs- rosten der einquartierten Soldaten inonatlich 10000 fl. —, eine besondere Kriegsbesteuerung für Gießen, über die in den Kammer- Verhandlungen un November mit Recht geklagt wurde.
Dem. Erlasse des Königl. Preußischen Kriegsministeriums vom 10. September -entsprechend, wurden außer Darmstadt als Aufenthaltsorte für kriegsgefangene Offiziere bestimmt: die Garnisonstädte Gießen, Friedberg, Offenbach, Babenhausen, Worms. Kriegsgefangene Unteroffiziere und Soldaten sollten außerdem noch uutergebracht werden in beit Garnisonen G ießen und Offenb ach. Am 15. September kamen 17 französische kriegsgefangene Offiziere in Gießen an und bezogen Quartiere in der Stadt. Es war den. -kriegsgefangenen Offizieren und Beamten im Ofsiziersrange das Mieten und Beziehen von Privatquartieren auf eigene Kosten gestattet worden, wenn sie schriftlich ihr Ehrenwort gaben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Ain 20. September trafen wieder sechs französische Offiziere von Koblenz- ein, die sich gleichfalls, in -der Stadt einquartiertcn. Ende- September kamen. 25 französische Offiziere mit 11 Burschen au, die in der Zeughanskaserne kaserniert wurden. Gefangene Unteroffiziere und Mannschaften wurden -hauptsächlich anfangs November, nach der Kapitulation von Metz-, nach hier verbracht. v
Im ganzen wurden bis zum Fricdensschluß im Mai 1871 in Gießen 104 französische Offiziere interniert. Unter ihnen befanden' sich ein General, vier Obersten, ein Oberstleutnant, acht Majore, 23 Hauptleute, 43 Leutnants, 24 Unterleutnants, ein Veteriuär- przt. Sie gehörten verschiedenen Waffengattungen an, Hauptsächlich den. Linicnregimentern; aber -auch ehemalige Garde-Kürassiere, Chasseurs d'Afrique, Jäger zn Fuß, Artilleristen, Mariiwsoldaten befanden sich unter ihnen. 30 Leutnants wurden kaserniert; die übrigen Offiziere mieteten sich selbst ein. Es wohnten im -Zinserschen (heutigen Steinfchens Garten sechs, im. Einhorn fünf, im Eafö Kuhlmann drei, im Löwen und Rappen je zwei, andere -abwechselnd in der Krone in der Neustadt und in Königs (jetzt Denningh-ofssche) Brauerei. Die übrigen, mieteten sich bei Bürgeri« ein und zwar vier bei Alexander Mayer .in der Schul straße, vier bei Witwe Plank in der Neustadt, -drei bei M-. Fürst, bei Elias Weyer, ein Chef de. bataillou Jules Mach bei. seinen« Schwiegervater, dem Provinzialrabbiner Dr. Levi, einer bei Lehrer Fel sing, Neuen Bäuc. Andere wohnten am Seltcrsweg, Walltor und Lindenplatz. Ilie übrigen verteilten sich auf heute nicht mehr begehrenswerte istadwiertel, auf Flügelsgasse, Hundsgasse, Mühlgasse, Sch-l-oßgasse, Weidgasse.
Die kriegsgefangenen Offiziere erhielten die Erlaubnis, sich von der Reveille bis abends 9 Uhr ungehindert innerhalb der Grenzen ihres Aufenthaltsorts zu bewegen, sowie Zivilkleider anzulegcu, dies jedoch nur in deut Falle, daß sie schriftlich ihr Ehrenwort gaben, mit dieser Vergünstigung leinen Mißbrauch zu treiben. Dies «rschlverte allerdings die Kontrolle; jedoch wird von Descrkationen der Offiziere nichts berichtet. Sie durften Korrespondenzen weder selbst, noch durch andere zur Post geben, sondern sie hatten dieselben stets dem; Kommandanten zur Durchsicht vvrzulegen. , ,
-Kriegsgefangene' Ilute'rossiziere und Mannschaften befanden- sich in einer Stärke von etwa- 1200 Mann hier. Sie wurden Hl der alten Zeughanskaserne und in Baracken, die im Kaserncn- hofe!imd auf dem „Brand" errichtet waren, untergebracht. Kriegsgefangene Unteroffiziere und Mannschaften durften die Kaserne ohne militärische. Bewachung nicht verlassen. Arbeitswillige sonnten Beschäftigung finden. Die Krcisämter und Gemeinden waren 'angewiesen, ihnen Arbeit zu übertragen. Sie wurden hier hanpt- iächlich beim Wegebau, beschäftigt und arbeiteten an den neuen Echießständen hinter dem Schütz-euhaus. Einzelne standen der hiesigen Handwerksineisieru in Arbeit, so unter anderen Bet Schneidermeister Loth und Drechslermeister Heusler. Die in der Stadt allein Beschäftigten französischen Gefangenen machten ost «Versuche zu desertieren, was ihnen -auch, meist gelang. Dev Arbeitgeber hatte beim gefangenen französischen Arbeiter außer der Verpflegung täglich 40 Pfennig zu zahlen, die zum- Teil für Instandhaltung der Kleider und Wäsche, verwendet wurden.
Mehrmals wurde die hiesige Polizeiverwaltung aufmerksam gemacht, daß französisch« Emissäre unter den verschiedensten Vorwänden d-ie. deutschen Städte-, in denen sich Gefaugenen-Depots befanden, bereisten. Mm unter den Gefangenen Uufw.-icgelilN.gcyj m verursachen. So wurde vor einem französischen Missionar- -Dufor gewarnt, der sich einige Tage- im- Rappen aufhielt. Ferner wurde die Polizei ausmerHaur gemacht, daß- Versuche gemacht worden seien, aus dem- Ausland Waffen nach Deutschlaub ein- zusch-atuggelu, um sie bei etwaigen Aufst-andsversnchen der Kriegsgefangenen bereit zu haben. Das Bahnpersonal wurde angewiesen, beipt Güterverldhr ans Waffeutransporte zu achten.
Die sranzösischcn Offiziere verkehrten hauptsächlich Beim Wirt Mvsler, dem Pächter des „Eafö Ebel", beim Wirt Leib im „Rappen" sind i'iit „GesellskhastsPerein". In diese»» Lokalen lag auch die
von be.it französischen Offizieren gern gelesene Zeituüg: Jn- döpcndanc e-B el g e auf. Abonnent dieser Zeitung war -außerdem der bei Ausbruch des Krieges aus Paris ausgewiesene Gießener Sattler Walz, bei dem die französischen Offiziere viel verkehrten, da er ihnen oft als Dolmetscher dienen mußte.
Im- „Gießener Anzeiger" vom 16. November 1870 wird gerügt, daß viele Einwohner es vergäßen, den Franzosen gegenüber die nötige Würde zu wahren. Viele seien glücklich, „ihre paar französischen. Brocken an den Mann zu Bringen" und ließen sich dadurch zur devotesten Unterwürfigkeit verleiten. Man solle den Franzosen gegenüber ein höfliches würdevolles Benehmen zeigen, „aber sie nicht hätscheln und tätscheln und ihnen den Zutritt in die Familien gestatten". Wieviel gefangene französische Ver- wimdete in beit hiesigen Lazaretten verpflegt wurden, konnte nicht festgestellt werden; cs läßt sich aber auuehmen, daß etwa 50 verwundete Franzosen hier Ausnahme gesunden haben. 15 erlagen ihren Verwundungen und sind -auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Sie deckt die deutsche Erde in friedlicher ^Bereinigung Mit ihren deutschen Kameraden. Ihnen wurde von ihren Landsleuten -ein einfaches Denkmal errichtet, ein eisernes Kreuz auf einem! Sandsockel mit der Aufschrift: „A la memoire des soldats fra'n^ais deced6s ä Giessen en 1870/7 1 Krise par leurs compatriots.“ An der Seite des Sockels steht mit Beziehung -auf Hebräer 11, Vers 16: „Nunc appetunt meliorum patriam". (Nun aber begehren sie eines.besseren Vaterlandes, nämlich, des himmlischen.) Dem ersten hiev mit 13, August verstorbenen gefangenen Franzosen, einem Zuaven- kapitän, wurde von den hier internierten französischen Offizieren ein größeres Denkmal, eine Sandsleinsäule, errichtet, die die Änischrift tragt: „A Brugueroles, Claude, capitaine an III. regiment de Zouaves, Chevalier de la legion dlionnenr, döeLdö de blessures ä Giessen 13, VIII. 1870, ses camarades les offieiers frantjais prisonniers de guerre ä Giessen.“ (Teilt Klemdius Brn- guerolles, Hauptmann int 3. Zuavenregiment, Ritter der Ehrenlegion, der am 13. August 1870 in Gießen seinen Wunden erlegen ist, seine Kameraden, die französischen kriegsgefangene.nl Offiziere in Gießen.) ' - e—
Auf zum Westerwald!
In geographischer Beziehung umfaßt der Westerwalds den Teil des rheinischen Schiefergebirges, der zwischen Rhein, Sieg, Dill und Lahn gelegen ist. Von Norden her wenig geschützt^ bietet er den Balten Winden leicht Eingang und ist dadurch ist llimatifcher Hinsicht etwas in Verruf gekommen. Die Redensart r Im Westerwald, 8 Monate Winter und 4 Monate- kalt! schreckt heute noch manchen Touristen ab, seinen Waudcrstab nach diesem Gebirge zu tragen. Wer aber einmal hier gewesen ist, die frische, staubfreie Luft geatmet, die wechselden Bilder der Landschaft be- wundert und die gastfreien Westerwälder Leute kennen gelernt! hat, der bekommt doch eine -andere Meinung vom Westerwald-.
Diese Gegend muß mau natürlich int Sommer besuchen; tut Winter bietet sie jedoch für Schneeschuhläufer und Rodler die ausgiebigsten Fahrstrecken, wie ja auch die Gegend- um Marienberg int Winter immer mehr von Freunden des WintcrsporteA stark besucht wird. Aber auch im Sommer ist Marienberg ein vielbesuchter Kurort, der sich trotz seiner Höhenlage (500 Meter) durch vorgelagerte Bergrücken int Norden, Osten und Nordostcil in geschützter Lage.befindet. Tie umgebenden Buchen-und Taunen- Wälder, zwischen denen sich wieder saftige Wiesen und weit ausgedehnte Viehweiden ausbrciten, die wohlgepflegten Waldwege mit den zahlreichen Ruhebänken geben dem Städtchen den ausgesprochenen Charakter einer Sommerfrische, wie sie anderswo nicht besser gefunden werden kann.
Von hier aus lassen sich mit der Bahn und- zu Fuß Ausflügcl in die nächste und- weitere Umgebung ausführen. ..Da das vor- herrsch-ende Gestein des ganzen Gebirges Basalt ist, so sind die gut befestigten Landstraßen stets staub-, und schmntzfrei. Durch die immer bewegte kräftige Gebirgsluft wird auch die heißeste Sommertemperntur nicht lästig empfunden, und von der in anderen Gegenden bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Schnakenpl-age, hier im Westerwald keine Spur.
Wegen der zahlreichen -atmosphärischen Niederschlage und der Eigenschaft des Basaltbodens, die Feuchtigkeit festzuhalten, tst, der Westerwald außerordentlich wasserreich; aber meist nur Meute Bäche und Flüßchen sind es, die sich in den teils flachen, teils tief ein geschnittenen Tälchen zwischen hohen Buchen- und Tannenwaldungen hinschlängeln und der Sieg, der Dill, .der Lahn und dem Rhein zufließen. . - r .
Im sogenannten Hohen Westerwald, beim isalzbuiger ü op-s und den Fuchsläuten, verschwinden immer mehr die geschlosseu-en Waldungen, aber die kleinen Banmgruppeu und die den Fluren entlang ziehenden, vor Sturm und Schnee schützenden sogenannten Schutzgehege, geben her ganzen Landschaft das Aussehen eines wilden Naturparkes. . ....
In reicher Abwechselung, teils ut den Talsenkungen, teils auf luftiger Höhe tauchen die kleinen Dörfchen mit ihren in der Sonne lieblich, blinkenden Schieferdächern auf und bieten in ihrer altfrünlischen Bauart mit dem nach der Wetterseite aitgcschlosseneni „Niederlas;" einen dein Ange wohltneuden Anblick. ^en^Westcr- wäldcrn muß lobend niterl'annt werden, daß sie für die. Instand-


