Ausgabe 
10.6.1911
 
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Roman von Georg Freiherrn von OmP tedck..

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Was war es! herrlich über die Maßen! Immer weiter, je höher wir stiegen, dehnte sich der Blick, immer fernere Gebirgszüge tauchten auf, immer mehr Täter öffneten sich. Jetzt ging es nicht mehr aufrecht, man mußte die Felsen wieder anpacken unb sich feschalten auf der schmalen Schneide.

Aber da winkte auch schon der Gipfel, hoch reckte er sich hinan, in einem letzten Aufschwünge noch. Der war bald überwunden und ebenso der kurze Grat. Gewaltig« Blöcke lagen dort geschichtet, ein breiter Steinmann türmte sich auf. Ich stand daneben, während der Führer mir langsam den Knoten des Seiles löste. Run fiel es ge­ringelt gleich einer Schlange Zu Boden, und ich war auf schmalem Felsengrat frei und allein.

Allein, wie ich durchs Leben schreiten sollte, allem und doch nicht mehr so allein wie in den ersten Tagen, den ersten Wochen, wie in dieser letzten furchtbaren Zeit. Und doch nicht allein, sondern mit der Erinnerung an Maria, Mit denl Gedanken, daß sie allen Leidens, aller Erden­qual entrückt auf mich niederschaute.

Mir war es, als sollte ich die Arme ausstrecken, als Müßte eilte Hand aus den Wolken reichen und sie fassen. Als würde ich den Hauch ihres Mundes spüren und ihren Atem an meinem Ohr, der mir leise einen Gruß zu- slüsterte. e .

Ich ließ den Führer den Rucksack auspacken und ging ein Stück abseits hinaus auf den Grat; dort setzte ich mich hin in der Sonne, die, höher gestiegen, wohlig mir den Rücken wärmte. Alle Herrlichkeit der Erde lag zu meinen Füßen. Das Land Tirol ringsum, die Schweiz in der Weite, dort unten eine Ahnung von Italien, dort, wo Pernese lag mit unserer Bank am Meer.

Und ich dachte wieder an all das Glück, das mir mein Weib geschenkt hatte. Dachte zurück an den Dag, da ich sie zum ersten Male gesehen, an die Stunden, die wir verplaudert und Uns in den Armen gelegen. Zurück an unser Heim, an unser Haus und unsere Liebe. Ich dachte zurück an alles, was doch unrettbar verloren hinter mir lag, zurück an jene trauertiefe Zeit in Meran, gn Marias tapferes, ruhiges Sterben.

Ihre Gestalt stand mir wieder vor Augen, nicht ganz wie bisher, ein wenig schien sie mir verändert, wie in Dunst, in Rebeh verklärt, weich. Richt scharf. Richt in Einzelheiten. Richt, daß ihre Haut weiß und der Duft süß, der ihr entströmte. Richt, wie sie gesprochen, ihve Stimme leise zu mir geklungen. Es schien mir alles körper­lich ferner und entrückter, weggelöscht.

War das die Zeit? Verblaßte die Erinnerung? Rein, o nein. Sie blieb mein Weib. Doch ich wußte, daß sie nicht mehr bei mir war, nicht mehr bei mir sein konnte. Ich begann mir zu sagen: Es ist ein Glück für sie ge­wesen. Was hätte sie gelitten! Es ist besser so. Sie ift frei, entrückt. Sie wird auf mich warten dort oben.

Ich sah nicht mehr ihre Gestalt. Ich hörte nicht mehr ihre Stimme. Es umschwebte mich ihr Segen. Der Segen eines reinen, deutschen Weibes. Eines Weibes, das den Mann liebt, das bereit ist, alles für ihn zu tun. Der Segen der Liebe, der Ehe. Ein Segen, nie wieder auszu­löschen aus meinem Dasein. Dieses Gefühl: sie um­schwebt mich, sie ist bei mir, das gab mir Ruhe und Sicherheit, das Bewußtsein: sie ist glücklich, wie em Mensch auf dieser Erde es nicht sein kann.

Ich dachte an sie, still, fast heiter. Ein liebes Bild ohne Leiden, nicht wie es am Ende gewesen. Sie stand vor mir wie in ihrer gesunden Zeit, in jenen Tagen, als sie den Brief schrieb, den ich in ihrer Stube fand. Das entsetzlicheUnd", das mich gequält wie ein banges Rätsel, begann sich in meiner Seele langsam zu lösen. Jenes Und" war keine Frage, nicht ein Wort der Liebe, das ich nicht zu entwirren wußte. War nicht die Qual: wie geht es weiter? JenesUnd" war:Ich und du," der Binde­strich zwischen uns. Das Gemeinsame, das nie schwin­den konnte, das die Jahre nicht löschten. Es war die

Liebe.

Ich fühlte mich beruhigt bei dieser Losung. Ich begriff nicht, wie ich anders hatte denken können. Ich sah zum blauen Fivmamente auf und wußte: Dort oben ijt sie in Aetherhöhen irgendwo, mir nah, mir fern, ganz gleich mein unverlorenes Eigentum.

Ich wußte: sie schaut herab auf mich, noch auf diesem Erdenball Umhergetriebenen. Sie folgt mir mit et nein weichen stillen Lächeln. Sie wird, wenn die Stirne sich mir runzelt, denken, er wird wieder heiter werden, sie wird dort oben wissen, daß das Leid doch immer wieder der Freude weicht. Sie wird mir, wenn ich zum festen Boden dieser Welt zurückkehre, nicht zürnen, nicht glauben, ich sei abtrünnig. Sie wird es selbst so wollen. Sie würde, ginge sie noch hier unten, mir sagen: sei stark, so. wie ich, mein Lieb, tapfer gestorben bin!

Es war mir, als wollte sie mich zurückweisen zu dieser Erde Als spräche sie: Du kannst dein Leben nicht ver­bringen in Trauer und Grübeln. Der Mensch Yt nicht dazu da, um nichts zu tun. Arbeit wird dir he.fen. Steige nieder von den Höhen, aus den zeigen. Rieder in» Dal wieder zu den Menschen, zu dem Beruf, dem du gehörtest. Arbeite, nütze die Zeit, leiste etwas. Da wird mein segen mit dir gehen, da werde ich freundlich niederblicken auf dich und warten, bis du zu mir kommst.

Da erhob ich mich und reckte die Arme ime segnend über das Land, über die Erde, aus der ich noch stand, die ich