Ausgabe 
10.5.1911
 
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t>ie Beefs und Dankees und Madames, aber Leute, die nicht Übersättigt waren und von der Kultur verdorben, sondern die Äugen offen hatten für all die Schönheit rundum. Sie öugeit Lodenrock und derbe Stiefel und machten ihren Damen keinen Wind vor, aber sie waren mit eigener Kraft durch die Natur gegangen und ihre Lebensgefährtinneu mit ihnen wie ein treues, deutsches Weib.

Deutsch klang's von allen Seiten. Das Breite des Mecklenburgers, das Weiche des Thüringers, hart aus dem Munde des Ostpreußen, anheimelnd vom Bayern, vom Wiener. Deutsch, Deutsch überall. Und deutscher Sang tönte uns entgegen. Auf einer Bretterbühne saßen Mädchen und Burschen in Kärntnertracht. Koschatlieder klangen. Eine große Blonde, Blauäugige saug mit tiefer Altstimme:Bcr- lassen, verlassen, verlassen bin i!"

Maria und ich aber drückten uns unter dem Tisch stumm die Hand.

Dann schwieg die Musik. Es war Nacht geworden. Lampen und Lichter brannten, aber kein Tisch wurde leer. Der Tiroler, lveiß oder rot, spiegelte in den Gläsern. Süße, gewaltige Trauben aus den Lauben des Etschlandes prangten auf den Tellern, und der Geheimrat, der von alleni Bescheid wußte, schaute zuin weißen Standbilde dessen Von der Vogelweide auf und erzählte miS von ferner Minne- fängerzeit. Er sprach von den Zweifeln, ob jener Walter wirklich dort oben auf dem Vogelweidhofe geboren worden fei. Aber er schloß:

Und wäre er auch ans einem anderen deutschen Gau er ist doch der erste jener Säuger, in dem neben der .Liebe das .Vaterlandsgefühl, die Klage über das deutsche Elend, aber auch der Jubel über die deutsche Herrlichkeit erwacht ist. Und darum gehört er uns allen!

Wir hoben die Gläser gegen den steinernen Sänger über uns, der bewegungslos, weiß, marmorglitzernd dort oben stand, und der Geheimrat sprach halblaut jene wunder- baren Verse .Walters:

Unter der Linden

Auf der Heide,

Wo ich mit meinem Trauten saß,.

Da mögt ihr finden, Wie wir beide

Blumen brachen und das Gras.

Vor dem Wald mit süßem Schall, Tändaradei!

, Sang im Tal die Nachtigall!"

Dann, nachdem wir getrunken, standen wir auf und gingen auf den Platz hinaus. Au dem milden Abend schritten gleich uns die Fremden auf und nieder: Dazwischen einheimische Paare: dunkle Mädchen mit schwarzem Haar, junge Burschen, die brennend rote Nelke hinter dem Ohr. Sie lehnten im Schatten der Türen und Tore. Sie standen dicht au der Kirche mit ihrem mnsterfarbig gedeckten Dach. Sie saßen auf den Stufen am Walterdenkmal. Alle Mädchen barhaupt, alle Burschen ohne Rock.

Ich ging, hinter den Eltern drein, stumm, Arm in Arm nut Maria. Ich kam mir nicht anders vor ivie einer der jungen Verliebten rund um uns, denn die Meine war schwarz, die Meine war jung, die Meine liebte mich und ich sie.

Der Mond, der bisher hinter einer Wolke gestanden, trat mit einem Mal hervor, und wir erblickten drüben das Wahrzeichen des Bozener Talkessels, den Rosengarten. Ein langer Rücken, eine Riesenmaner*links, von den über- kühnen, nudelgleichen Türmen von Vajvlett flankiert, erhob sich das gewaltige Dolomitriff vor unseren erstaunten Blicken. Wir blieben stehen, das Wunderschnuspiel zu be­trachten. An den Graten und in den Einschnitten und Rinnen, unten auf dem Geröll, leuchtete es phantastisch weiß ivie Neuschnee oder nur vom Mondenschein. Und über uns wölbte sich der dunkle Himmel, an dem in nnaus-, gesetzt wechselndem Licht zitternd, flimmernd, die Sterne funkelten.

Da preßte ich Marias Arm und deutete zum schimmern­den Rosengarten. Wir sahen lange hin. Auch die Eltern blieben stehen und staunten hinüber. Ich flüsterte der Geliebten meiner Seele ins Ohr:

Maria, sind wir nicht zwei glückliche Menschen?

eie nickte nur, legte leise den Kopf an meine Schulter "iw. ~ uu erhalten von Walters marmornem Bildnis erblickte es kein fremdes Auge - ich fügte meine Lippen aus die ihren, Und lvir ivaveit dankbar dem, dessen unbeweg­

liche Gestalt Schutz 'gab Unserem Kusse, dem, der da et uff in fernen, fast verschollenen Rittertagen jene Verse gesungen,- die in unseren Herzen zitterten, die in der Menschenbrust Widerhall finden werden, so lange diese unsere Erde stiehl so laiige zlvei aneinanderhängend ihr Schicksal zusammen- tun, als wäre es nur eines:Minne ist zweier Herzen Wonne!".

*

Alles ebbt, wie es geflutet, alles, was sich gebildet, vergeht ivieder. Nur mit unserer Liebe war es nicht so. Sie veränderte sich, ivie nichts in der Welt stehen bleibst, aber sie ward nicht geringer. Sie wuchs mit jedem' Tage, nur legte sie allmählich das Gewand ab', das sie zuerst ge­tragen: Stürmischkeit und Taumel. Es wurde Besseres,- Tieferes daraus, ein ganz Sichineinanderversenken, ein völliges Aufgehen eines in dem andern. Ruhiger wurden lvir beide, doch immer lieber hatten wir uns gewonnen.

Es muß wohl mit aller Liebe so sein, daß sie entweder matter wird und matter, flügelmüde sich niederläßt aus den Höhen, oder daß sie enger, bedeutsamer, tiefer wird von Tag zu Tag. Wir können nicht immer im Rausch des Ge­fühles überhöht, unwirklich leben, sondern wir müssen ein­mal zur Erde zurück. Dann erst hat die Liebe ihre Probe zu bestehen.

Wir kehrten ganz zur Erde zurück, aber es tat uns' nichts. Aus keinem Traum wurden wir gerissen. Wir litten nicht unter der Ernüchterung. Gemeinsam fügten lvir uns in die Kleinlichkeiten und Peinlichkeiten des,Lebens. Ja, sie machten uns Spaß. Wir litten nicht unter dem, lvas uns an die Schwerfälligkeit der Erde gemahnte. Die Widrig­keiten des Daseins wurden lachend entgegengenommen und überwunden. Sie stellten sich uns entgegen, sobald ich wieder in den Dienst zurückkehren mußte: man setzte mich nicht in mein altes Regiment, sondern ich bekam eine Schwadron in -einem winzigen Ort, der den Ruf genoß, langweilig öde, Verkehrs- und nachbarschaftsl'os zu sein.

Mein erster Gedanke war Abschied nehmen. Ich konnte die Schwadron höchstens zwei Jahre behalten, dann lvurde ich Major und damit höchstwahrscheinlich abermals versetzt, oder ich lvurde gar nicht Major. Das sagte ich Maria. Aber sie meinte, wenn sie mich abhalfterten, so schadete das nichts. Sie würde nicht traurig darüber sein, sich auch nicht schämen. Sie redete mir zu, ich müsse eine Beschäftigung haben, kurz, ganz den Einsamkeitsgedanken der ersten Zeit, -entgegengesetzt, war nun sie es, die für mich das Leben unter Menschen wollte.

Ich weiß ivohl, warum sie es tat nicht für sich, denn sie hatte ihre Meinung nicht geändert. Es lvar nur Besorg­nis und Liebe zu mir. Die zeigte sie, als wir wirklich in dem kleinen Orte saßen vom Morgen bis zum Llbeud.

(Fortsetzung folgt.)

Blutrache und Banditentum.

Eindrücke aus Sardinien.

Von Leopold v. S ch l ö z c r.

Aus einem hübschen Buche,Unter sardinischen Hirten", das im Verlag von Georg Stilke in Berlin erschienen ist, teilen wir unseren Lesern folgende Probe mit:

Im Jahre 1793 suchten sich die Franzosen Sardiniens zu' bemächtigen und bombardierten die Hauptstadt Cagliari. Da eilte das tapfere Gebirgsvolk von seinen Bergen herunt-r um die Insel zu verteidigen. Die Vendetta ruhte, mau schloß für die Zeit des Krieges eine Art Gottcsfrieden. Als auf dem Sammelplatz der Truppen in Cagliari trotzdem ein Mann von seinen Gegnern gestellt wurde, zeichuete er ein Kreuz vor sich in den Saud, und sagte:

Um der Sache willen, der lvir dienen, verzeih ich dir für1 vtzt. Wenn das Vaterland vom Feinde befreit ist, lverdc ich dir Antwort geben!"

Kann mau hier kurzweg von Barbarentum eines unzivilisierten Landes reden? Oder gar von moralischer Verworfenheit? Ist denn die Blutrache 'nicht eher einAusdruck tieferer Gesittung"? Spricht nicht ans ihr , verletzte Rechtsgefühl? Im starren Gegeipatz zur verachteteii Zivilisation schreitet es über alles Ir­dische, über Gnt und Leben rücksichtslos hinweg.

, Ost ist Eifersucht die Veranlassung. Das Blut schwillt und kocht in den Adern dieses Bergvolkes. In urwüchsiger Barbarei folgt mail jedem Impuls. Ohne lleberlegniig. Zäh int Haß wie m der Liebe. Hart und grausam. Manchmal sängt's mit einem geringen -streit an. Mit einem Zank auf wilder Hutnnch Mit einem Soldo. Der Täter findet am Morgen seine Kühe mit durchschnittenen .irniekehlen das sogenannteSgarcttamento"

eiM Kugel liegt auf der Schwelle des HapscA. Nun ist dex