Ausgabe 
10.4.1911
 
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Ach, sie mochte Vicht Senken, und ihr kleiner Junge fror, wenn er so lange da oben spielen muhte. Sie lief Mit ihm durchs raschelnde Laub bergab, kam atemlos und heiß unten au und ging dann plötzlich so entsetzlich mud und schwer über die große Promenade, denn es war chr so unerträglich, da unten zu sitzen und zu lauschen.

Sie strich auch noch die Tage auf ihrem Zettel aus; in einer Woche war Weihnachten die Kosh hatte schon den Christbaumschmuck vom vorigen Jahr vom Boden ge­holt und erinnerte ihre Frau daran, daß sie bald nach Naumburg müsse, um fürs Jungchen etwas einzukaufen, denn wenn für uns in diesem Jahr Weihnachten auch kein rechtes Fest wird, so ein Kind darf nicht drunter leiden!" sagte sie. Manchmal am Abend, wenn sie wie früher mit Frau von Hilbach im Wohnzimmercheu bei der Lampe saß, fing sie an vom Doktor zu reden.Wenn ich er" wär, ich käm als Weihnachtsüberraschung zurück, denn wenn er Silvester was ist, dann ist er's auch Weihnachten schon und malen Sie sich das mal aus, wenn er plötzlich unter dem Weihnachtsbaum ständ! Ich möchte nur Er­wins Augen sehen, wenn er ihn sähe!"

Frau von Hilbach- antwortete nichts darauf; ihr armes Herz zuckte zusammen, wenn die Kosy von ihm sprach ; es war ihr dann, als risse sie eine schmerzende, blutende Wunde immer wieder von neuem auf. Sie wollte doch vergessen; sie las doch, las ganze Bände alter Bücher; sie lachte und spielte mit ihrem Kind, um zu vergessen und lauschte doch immer, den ganzen Tag, mitten im Spielen oder Lesen oder Lachen lcmfchte sie und in der Nacht hatte sie entsetzliche Träume.

So träumte sie einmal, ihr Doktor läge unter der Erde, und die Kosy wand Kränze für ihn, wie sie es getan, als die Lengerichs gestorben war; ber, Bauunternehmer und sie bedeckten beide sein Grab mit ihren Wachsrosen, mit gelben, weißen, rosa Wachsrofen, bis man kein Stück­chen Erde mehr sah, und sie mußten immer neue Rosen formen, damit der Hügel über "einem Grab höher und höher wurde.

Oder sie träumte, der Doktor fei plötzliche das ge­worden, was die Leutevernünftig" nannten, habe unter­wegs auf seiner Glücksfuche eine gefunden, die nicht so arm, nicht so einsam und traurig war wie dasWeibel­chen" im Witwenhaus. Dieser Gedanke, daß er einer andern das gab, wonach ihre Sehnsucht schrie, war ihr furchtbarer, unerträglicher, als alles andere.

Wenn sie sich das ausdachte, bann verlor sie die Herr­schaft über sich, dann wurden ihre stillen Tränen zum leidenschaftlichen Schluchzen, dann biß sie sich aus die Lippen, daß das Blut heraussprang.

Wenn er nicht kam und wenn sie hörte, daß er eine andere nahm, weil sie Geld hatte und lustig war, dann wollte sie nein, dann konnte sie nicht mehr leben, bann wollte sie werben wie die drei aus dem zweiten Stock, sterben oder trinken oder

Die Kosy schlief noch immer im Alkoven und wenn sie hörte, wie ihre arme Frau weinte und oft mit sich- selbst sprach, bann erfaßte sie eine große Angst und Un­ruhe. In diesem Haus mußte man ja auf alles vorbe­reitet sein, hier wurde das Unmögliche möglich und wenn nun die junge Frau den Verstand verlor?

Gott, ach Gott! Sie konnte ja auch nichts weiter tun, als zum Mmächtigen beten, daß er des Doktors Schritte ins Witwenhaus zurücklenkte. Aber wenn Gott es in seiner Allbarmherzigkeit und weisen Vorsehung nun doch anders beschlossen hatte, was bann?

Daß aber auch die junge Frau so unvernünftig war! Sie, die Kosy, hatte doch wahrhaftig auch ein Herz unb verstand es, daß man einem Mann aufrichtig zugetan sein kann; jeden von ihren drei Männern hatte sie ehrlich- lieb gehabt, aber toettn es einmal nicht gegangen wäre, dann würde sie sich- doch nicht so gegrämt haben. Sie wußte doch auch, wie eine unglückliche Liebe tut, aber auch das überwindet sich, da muß die Zeit helfen und Arbeit.

Einstweilen wußte man ja noch nicht, wo dran man war; aber kam der erste Januar und der Doktor war nicht zurückgekehrt, dann sollte die junge Frau gar nicht zur Besinnung kommen, so wollte die Kosy sie an- spannen.

Am Tag vor Weihnachten entschloß sich Frau von Hilbach endlich, nach Naumburg zu gehen und für Erwin Einkäufe zu machen.

«Sie ging den langen Weg hinwärts zu Fuß, einmal weil ihr die Bewegung gut tat, nach der Kosy Ansicht, und dann auch-, weil bie Alte fand, daß es Verschwendung sei, beide Wege zu fahren.

Sie ging wie eine Schlafwandelnde, wurde nicht kalk und nicht müde und merkte nicht, daß der Schnee ihr wie scharfe, kleine Nadelstiche ins Gesicht schlug. Erst als sie in dem überwärmen Spielbazar stand und sich Pferde, Wagen und allerlei Spielzeug vorlegen ließ, fühlte sie, daß sie am Unifinten war. Sie kaufte rasch- und unüberlegt und schleppte sich mühsam bis zur Konditorei Furcht am Markt; da saß sie wieder in tiefen Träumen, bis der Schlag einer Kirchenuhr sie aufschreckte.

Die Kosy holte sie am Bahnhof ab und trug ihr die Pakete, aber sie merkte gleich, daß bei ihrer Frau nicht alles stimmte. Sie half ihr beim Ausziehen, packte sie warm in ihre Decken ein, brachte ihr Tee und goß heim­lich ein paar Baldriantropfen hinein; aber am nächsten Morgen lag Frau von Hilbach im Fieber. Als der Weih­nachtsbaum brannte, konnte sie nur vom Nebenzimmer aus Hinsehen, und bie Kosy weinte, denn so traurig hatte sie sich das Fest nicht vorgestellt.

Das arme Kind konnte auch zu keinem rechten Jubel kommen; so weh es ber guten Kosy tat, ihre Frau allein zu lassen, sie hielt es doch für ihre Pflicht, am ersten Weihnachtsfeiertag beit armen Jungen anzuziehen und mit ihm in die schöne Schueelandschaft herauszugehen. Als sie einmal draußen war, lief sie weiter, kam zu Bclzigs und ließ sich bis spät am Abend halten.

Frau von Hilbach lag im Dunkeln, sie wunderte sich nicht, daß die Alte nicht zurückkam, sie vermißte auch ihr Kind nicht; sie sah starr vor sich hin und lauschte. * .

Draußen lag der Schnee wie ein weicher Teppich, man hörte keinen Schritt, und wenn Frau von Hilbach den Kopf wandte, sah sie, daß bie ganze Luft erfüllt war von ben leise uiebersinkenben Schneeflocken.

Gerade wie im vorigen Jahr V' sagte sie leise und weinte dabei.

Gegen neun Uhr kam die Kosy mit Erwin zurück; sie sah aus wie ein Schneemann und brachte einen Hauch von Kälte und frischer Winterlust ins Zimmer.

Ne, Frau von Hilbach," rief sie,morgen müssen Sie auch mal heraus. So 'was von Schnee haben Sie noch nicht gesehen; am Gradierwerk liegt er schon anderthalb Fuß hoch, wenn das so weitergeht, kommt man bald nicht mehr durch."

Sie zog das Juugchen aus und gab ihm warme Milch. ,

Morgen stehn Sie mal auf und gehen in den Gottes­dienst, das tut Ihnen wohl. Neber unsere Kanzel haben sie jetzt den schönen Spruch gemalt:Kommet her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid!" Wenn Sie ben so eilt butzendmal gelesen haben, bann kriegen Sie auch einmal wieder Gottvertraueu. Die Frau Belzig meint auch, das viele Liegen sei nur schädlich; die kennt das aus Er­fahrung. Jetzt legt sie sich nur noch hin, wenn's gar nicht mehr anders geht."

(Schlich folgt.)

Die kranke Esche.

Von Emmy von Egiby.

Hier sollte sie sich erholen! Unter diesem blaffen Himmel, ber Wie ein dünnes Dach Bon Festkattun dort oben flach, aber stramm ausgespamit war! Welche lächerliche Eiitbildung ihrer Verwandten War das doch im Süden war der Himmel blau gewefen, Bon' tiefer, golden blauer Farbe, und so hoch er sich wölbte, unergründ!- lich hoch, hoch MM Ausschweben. und Dreiuversinken, sandte er doch beständig feine blauen Fluten herab, die Lust bebte und zitierte! von dieser blaustießenden, süßen Gnade, dort tonnte man atmen,- aber hier!

Müde, mißmutig und leer irrte Adelines Blick über den Park« Neben ihr ging ihre Cousine Adele. Wie ihre Namen Bon gleichem Ursprung und verschiedenem Klang, so nuch ihre Gesichter ähnlich und verschieden, es war das Familieugesicht ber Kaltenberg, bei der jüngeren. Adele, frisch fest und blühend, hei Adeline durchs- sichtig, fein, Bon kranker Schönheit.

Adele streifte die bewunderte .Cousine Bon Zeit zu Zeit mit besorgtem Blick.

Tut es dir nicht gut, das viele frische Grün hier zu schätz das soll doch in Italien ganz fehlen?" sagte sie endlich zaghaft, Grün hier? das ist kein Grün, das ist braun, stumpf, dich