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XIX.
Dieser Gedanke kam mir, als ich dicht vor unserer Wohnung angclangt war, die wir nach meiner Hochzeit gemietet hatten. Ich ließ mich, ohne jemanden zu stören, mit Hilfe meines eigenen Schlüssels eilt. Es stand ein Licht im Flur, und ich schlich leise mit demselben auf mein Arbeitszimmer, um meine Vorbereitungen zu treffen und mich absolut zu einer Unterredung mit dem Grafen zu verpflichten, ehe sowohl Marianne als Laura nur die leiseste Ahnung von dem haben konnten, was ich zu tun beabsichtigte.
Ein Vries an Pesca schien mir die sicherste Vorsichtsmaßregel, die ich jetzt treffen konnte. Ich schrieb ihm folgendes:
„Der Mann, den ich Dir in der Oper bezeichnete, ist ein Mitglied der „V erbin d u n g" und zugleich ein Verräter an ihr. Ueberzeuge Dich sofort von der Wahrheit dieser beiden Behauptungen. Du kennst den Namen, unter welchem er in England lebt. Seine Adresse ist Numero 5, Forest Road, St. Johns Wood. Bei der Liebe, die Du für mich hegst, beschwöre ich Dich, die Macht, die Dir verliehen, ohne Erbarmen und ohne Verzug in Anwendung zu bringen. Ich habe alles gewagt und alles verloren und mit meinem Leben für mein Mißlingen bezahlt."
Ich unterzeichnete und datierte diese Zeilen, tat sie in einen Umschlag und versiegelte ihn. Oben darauf schrieb ich folgendes: „Lasse das Kuvert bis morgen früh um neuen Uhr ungeöffnet. Wenn du vor dieser Zeit nichts von mir hörst oder siehst, so brich das Siegel mit hem Glockenschlage und lies den Inhalt." Ich schrieb meine Anfangsbuchstaben darunter und tat das Ganze in ein zweites versiegeltes Kuvert, welches ich an Pesca adressierte.
Daß es in Pes ms Macht lag, des Grafen Entweichen zu verhindern, bezeiselte ich keinen Augenblick. Ter außerordentliche Eifer, mit dem er seinen Wunsch ausgesprochen, über des Grafen Identität unaufgeklärt zu bleiben, verriet deutlich, daß er Mittel zur Hand hatte, um die fürchterliche Gerechtigkeit der „Verbindung" walten zu lassen, obgleich es ihm, als einem von Natur humanen Manne, wider- strebte, dies in meiner Gegenwart zu sagen.
Nun hieß es noch den Brief an seinen Bestimmungsort schaffen. Ich beauftragte damit den Sohn des Hauswirts. Er sollte einen Fiaker nehmen, um den Brief hinzubriugen — ihn in Pesens eigne Hände geben und mir von ihm eine Zeile zurückbringen, die mich überzeugte, daß er mein Schreiben richtig erhalten; dann sollte er in dem Fiaker zurück- kommen und ihn ftir meinen Gebrauch warten lassen. Es war jetzt beinah halb elf Uhr. Ich berechnete, daß der junge Mann in zwanzig Minuten zurück wäre und ich dann in weiteren zwanzig Minuten in St. Johns Wood angelangt fein könnte!
Als der Bursche fort war, kehrte ich in mein Arbeitszimmer zurück, um gewisse Papiere zu ordnen, so daß man sie leicht finden möchte, im Falle sich das Schlimmste ereignete. Den Schlüssel des altmodischen Schreib isches, in welchem ich die Papiere aufbewahrte, versiegelte ich, schrieb Mariannens Namen auf das kleine Paket und legte es auf meinen Arbeitstisch. Darauf ging ich ins gemeinschaftliche Wohnzimmer hinab, wo ich Laura und Marianne, meiner Heimkehr von der Oper harrend, zu finden erwartete. Ich fühlte meine Hand zum erstenmal erzittern, als ich sie aus die Türklinke legte.
Marianne war allein im Zimmer. Sie las und blickte erstaunt auf ihre Uhr, als ich eintrat.
Wie früh du wieder da bist! sagte sie, du mußt fortgegangen, fein, ehe die Oper aus war.
Ja, sagte ich; weder Pesca noch ich blieben bis zu Ende. Wo ist Laura?
Sie hatte eine ihrer bösen Migränen heute abend, und ich riet ihr, sich lieber gleich nach dem Tee zu Bette M legen. —
Ich verlieh das Zimmer wieder unter dem Vorwande, nachzusehen, ob Laura schliefe. Mariannens scharfe Augen begannen sich prüfend auf mein Gesicht zu heften. Ihr scharfer Instinkt fing an wahrzunehmeu, daß etwas auf meinem Gemüt lastete.
Als ich ins -Schlafzimmer trat und mich leise im matten Schimmer der Nachtlampe dem Bette näherte, sah ich, daß meine Frau schlief. Ich berührte zum Abschiede bloß ihre Hand und ihre Stirn mit meinen Lippen. Sie bewegte
sich im Schlafe und murmelte meinen Namen, doch ohne zu erwachen.
Marianne stand an der Treppe und wartete auf mich. Sie hielt einen zusammengelegten Papierstreifen in der Hand.
Des Hauswirts Sohn hat dies für dich gebracht, sagte sie. Ein Fiaker ist vor der Tür; er sagt, du hast ihm befohlen, auf dich zu warten.
Ganz recht, Marianne. Ich brauche den Fiaker. Ich muß noch einmal fort. —
Ich ging die Treppe hinab und trat in die Wohnstube, um den Streifen Papier zu lesen. Er enthielt folgendes in Pescas Handschrift:
„Ich habe Deinen Brief erhalten. Wenn ich Dich vor der genannten Zeit nicht sehe, werde ich mit dem Glockenschlage das Siegel brechen."
Ich legte das Papier in mein Taschenbuch und wandte mich zur Tür. Marianne trat mir an der Schwelle entgegen und schob mich ins Zimmer zurück, so daß das Licht der Lampe voll auf mein Gesicht fiel. Sie hielt meine beiden Hände fest und heftete ihre Augen prüfend auf die meinigen.
Ich sehe es! sagte sie mit leisem, schnellem Flüstern, du willst heute abend die letzte Chance versuchen.
Ja, die letzte und die beste, gab ich flüsternd zurück.
Geh nicht allein! O, Walter, um Gottes Hüten nicht allein! Laß mich mit dir gehen. Verweigere es mir nicht, weil ich bloß ein Weib bin. Ich muß mitgehen! Ich will mitgehen! Ich will draußen im Fiaker warten! —
Jetzt mußte ich sie halten. Sie versuchte sich von mir loszumachen und zuerst hinunterzneilen.
Falls du mir helfen willst, sagte, ich, so bleibe hier und schlafe heute abend im Zimmer meiner Fran. Laß mich nur mit über Laura beruhigtem Gemüte gehen, und ich stehe für alles Uebrige ein. Komm, Marianne, zeig« mir, daß du Mut hast zu warten, bis ich wiederkonnne!
Ich wagte nicht, ihr Zeit zu lassen, noch ein Wort weiter zu sagen. Sie versuchte nochmals, mich zu halten. Ich machte mich frei und hatte das Zimmer in einer Minute verlassen. Ich sprang in den Fiaker, ehe noch der Kutscher vom Bocke steigen konnte. Forest Road, St. Johns Wood, rief ich ihm durch das vordere Fenster zu. Ich zahle doppelt, falls wir in einer Viertelstunde dort sind.
Ich will's machen, Sir. —
Ich sah auf meine Uhr. Elf Uhr — es war keine Minute mehr zu verlieren.
Die schnelle Bewegung des Fiakers, das Bewußtsein, daß jede Sekunde mich dem Grafen näher brachte, die Ueber- zeugung, daß ich mich endlich auf das gewagte Unternehmen eingelassen, versetzten mich dermalen in Aasr aung, daß ich dem Kutscher wiederholt zurief, schneller zu fahren. Gerade als eine Kirchenuhr in der Ferne das Viertel nach Elf schlug, bogen wir in Forest Road ein. Ich ließ den Kutscher in einiger Entfernung von des Grafen Hause halten — bezahlte und entließ ihn — und ging daun zu Fuße an die Tür.
Als ich mich dem Gartenpförtchen näherte, sah ich jemanden von der entgegengesetzten Seite her ebenfalls zu ihm herankommen. Wir trafen unter der Gaslampe der Straße zusammen und sahen einander an. Ich erkannte augenblicklich den blonden Ausländer mit der Narbe im Gesichte; und es schien mir, er erkannte mich. Er sagte nichts; und anstatt ins Haus zu gehen, setzte er seinen Weg fort. War er durch Zufall in Forest Road? Oder war er dem Grafen von der Oper her gefolgt?
Nachdem ich ein paar Sekunden gewartet, bis der Fremde außer Gesichtsweite war, zog ich die Glocke am' Psörtchen. Es war jetzt zwanzig Minuten nach elf Uhr.
Während ich wartete, nahm ich eine Karte heraus und schrieb unter meinen Namen „in wichtigen Geschäften". Die Hansmagd öffnete die Tür, während ich noch das letzte Wort schrieb und frag mich argwöhnisch, was ich wünsche.
Seien Sie so gut, dies an Ihren Herrn, abzugeben/ entgegnete ich, ihr die Karte gebend.
Die Zuversicht, mit der ich ihr meine Karle gab, machte sie unschlüssig. Nachdem sie mich mit erstaunter Verwirrung an gestiert, ging sie mit meiner Karte ins Haus zurück, indem sie die Tür schloß und mich imi Garten stehen ließ.
In ein paar Minuten kam sie wieder heraus. Eine


