Ausgabe 
9.12.1911
 
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Samstag den 9. Dezember

M

Die weiße Frau.

Noman von W. Collins.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er trug seine sechzig Jahre, als ob' es keine vierzig gewesen wären. Er schlenderte ba^ht, den Hut ein wenig auf der einen Seite tragend, mit einem leichten, munteren Schritte, indem er seinen großen Stock schwang, vor sich hinsummte und von Zeit zu Zeri mit süperber Herablassung an den Häusern und Gärten zu beiden Seiten hinauf und hinab blickte. Hätte man einem Fremden gesagt, es ge­höre diesem Manne die ganze Nachbarschaft, so würde dies beit Fremden nicht im geringsten überrascht haben. Er sah sich nicht ein einziges Mal um; er nahm anscheinend keine Notiz von mir, noch von sonst jemandem, der an ihm an seiner Seite der Straße vorbeiging ausgenommen hin und wieder, wenn er mit einer Art" leichter, vät rlich r guter Laune die Kindermädchen und Kinder aulächelte, die rhm begegneten. Auf diese Weise führte er mich immer weiter, bis wir zu der besseren Klasse von Kaufläden zwi­schen dem New-Road und der Oxford-Straße kamen. Der Graf unterbrach seinen Weg nunmehr und trat in einen kleinen Optikerladen, der eine Anzeige im Fenster hakle, daß drinnen Ausbesserungen auf das sorgfältigste ausge­führt würden. Er kam wieder heraus und hatte etn Opern­glas in der Hand; dann ging er ein paar Schritte weiter und stand wiederum still, um einen vor einem Notenladen stehenden Opernzettel zu lesen. Er tat dies aufmerksam, überlegte einen Augenblick und rief dann ein leeres Ka­briolet an, das vorbeifuhr.Zum Kartenverkauf-der Oper", sagte er zu dem Kutscher unb fuhr davon.

Ich ging hinüber und sah meinerseits bett Opernzettel an. Die angekündigte Oper warLucrezia Borgia" und die Vorstellung sollte an demselben Wende stattfinden. Jetzt wußte ich genug. Ich wandte mich an einen der De­korationsmaler des Heaters, mit dem ich in früheren Zeiten bekannt gewesen, um für mich, und einen Freund Billetts fürs Parterre zu erhalten. Es war wenigstens eine Aus­sicht vorhanden, daß der Graf mir und meinem Gefährten leicht unter den Zuschauern sichtbar sein würde, und in diesem Falle hatte ich ein Mittel, noch an diesem Abende zu erfahren, ob Pesca seinen Landsmann kenne oder nicht.

Das Ergebnis dieses Besuches in der Oper ist rasch erzählt.

Pesca kannte den Grafen nicht, aber Fosco erschrak beim Anblick Pescas bis ins Innerste und verlies Hals über Kopf die Vorstellung.

Nicht vergessen darf ich, daß ein junger Herr mit einer Narbe aus der linken Wange, offenbar ein Ausländer, diese Vorgänge mit auffallendem Interesse verfolgt hatte. Mr war das aufgefallen, und ich machte Pesca ebenfalls'

darauf aufmerksam. Der kleine Professor schenkte indes dem Umstand keine Bedeutung.

Nun aber mußte ich von Pesca Aufklärung haben. Wir fuhren sofort in seine Wohnung. Dort verriet er mir auf mein Drängen, daß er einer geheimen politischen Ge­sellschaft angehöre. Jedes Mitglied habe auf dem Arm eine kleine Tätowierung. Die Mitglieder unter sich kannten sich nicht, nur dem Präsidenten und seinem Sekretär waren alle Mitglieder bekannt. Auf Verrat stand der Tod. Der Exekutor werde vom Präsidenten oder seinem Sekretär er­nannt, beide haben geschworen, jeden Verräter, der ihnen bekannt werde, zu richten.

Pesca war in jungen Jahren in die Verbindung ge­raten,, konnte sich aber nun nicht mehr zurückziehen. Da ihm ein Mord, auch ein politischer, in innerster Seele ver­haßt war, flehte er mich an, ihm keine Mitteilung über diesen Mann zu. machen, der ihm im übrigen nicht be­kannt war, damit er von jeder Verantwortung frei bleibe. Ich willfahrte seiner Bitte und stürmte nun" nach Hause. Für mich stand felsenfest, daß Fosco ein Verräter an dieser Verbindung war und den Sekretär Pesca seinerseits wohl erkannt hatte. Nur so ließ sich sein tödliches Entsetzen bei Pescas Anblick deuten.

Es war leicht zu verstehen, warum dieses Erkennen nicht ein gegenseitiges gewesen. Ein Mann vom Charakter des Grafen würde nie die fürchterlichen Folgen, Spion zu werden, riskieren, ohne für seine persönliche Sicherheit ebensowohl zu sorgen, wie für feine goldene Belohnung. Das rasierte Gesicht, welches ich. Pesca in der Oper zeigte, mochte früher mit einem großen Barte bedeckt gewesen sein; sein dunkelbraunes Haar war vielleicht eine Perücke; sein Name war offenbar ein falscher. Der Zufall der Zeit mochte ihm auch geholfen haben seine ungeheure« Korpulenz war vielleicht erst in späteren Jahren gekom­men. Es war jeder Grund vorhanden, daß Pesca ihn nicht wieder erkannte und ebenfalls jeder Grund, daß er Pesca erkannte, dessen eigentümliche kleine Persönlich­keit ihn, wohin er auch gehen mochte, zu einer auffallen­den Erscheinung machte.

Die Chancen gegen mich waren leicht aufgezählt: sie liefen alle in einer einzigen zusammen. Sobald der Graf durch tttcttt eigenes Bekennen erfuhr, daß dec gerade Weg zu feiner Sicherheit über mich als Leiche ging, so war er wahrscheinlich der letzte Mann von der Welt, der zaudern würde, diesen Weg einzuschlagen, wenn er mich allein in seiner Gewalt hatte. Die einzigen Verteidigungsmittel gegen ihn, von denen ich hoffen durfte, daß sie die Ge­fahr verringern würden, stellten sich nach etwas sorg­fältiger Ueberlegung deutlich genug heraus. Bevor ich mein persönliches Bekenntnis der Entdeckung in seiner Ge­genwart machte, mußte ich die Entdeckung selbst so plazieren, daß sie zu dem augenblicklichen Gebrauche gegen ihn be­reit und gegen jeden Versuch von seiner Seite, dieselbÄ unwirksam zu machen^ gesichert war.