Ausgabe 
9.11.1911
 
Einzelbild herunterladen

703

Ein Besuch Ludwig Grimms bei Goethe.

Aus dem jedem Deutschen teure» Kreise der Brüder Grimm, deren Wiedererweckung des nationalen Bolkstums in Sprache und Sille ein unverlierbares Gut unserer Kultur geworden ist, wird uns jetzt ein neues ivertvolles Dokument dargedracht. Es sino die Erinnerungen des jüngeren Bruders von Jakob und Wilhelm, des bekannten Malers und Radierers Ludwig Emil G r i m m, die Adoli Stoll im Verlag von Hesse & Becker veröffentlicht. Der schlichte, tiefsinnige Sinn für alles Rechte und Große, daneben auch jene den älteren Brüdern zugesprocheneAndacht zum Unbedeuten­den", ivallen und weben in dieser Schilderung eines Künstler­lebens, das mit einer warmherzigen Beschreibung aller Wunder der Kinderzeit anhebt, die Wirren der Lehrjahre vorüberziehen läßt, Ivnnnende Bilder aus dein Feldzug nach Frankreich in den Be- ireiungskrieqen entwirit, aussührlich bei der Jtalienreise verweilt und nach manch sarbenprächtiqen Gemälden, wie vom Düreriest in Nürnberg und anmutigen Idyllen in Anstellung und Heirat ausllingt. . . .

Wie in last jedem Knnstlerleben jener großen Zeit, da der Weimarer Olympier als der anerkannte Herrscher im Reich dev Kunst ivaltele, bildet auch in dieser Lausbahn ein Besuch bei Goethe einen ivichligelt imd bedeutungsvolle» Höbevunkt. Dlirch feine Brüder imb durch deren Freunde, die Brentanos und Savignijs, war Ludwig schon früh in die Sphären Goelheschen Geistes hinein- gezogen worben; persönlich trat er beui gronen 2)!ann zum ersten Mal gegenüber, als er im September 1815 mit Wilhelm im Brentanoschen Haus in der Sandgasse zu Frankiurt weilte.

Der Dichter hielt sich damals aus seil,er zweiten Rheinreise in seiner Vaterstadt aui und verkehrte viel bei Franz Brentano, dem Stieibrnder von Betline und Clemens, der damals das Haupt der Faiuilie war. Eines Morgens sagte Wilhelm zu Ludwig:Heute mittag ko,innen Goethe und Savigny zu Tisch, da sichst du sie.' Ich war sehr begierig aus Goethe, bei, ich noch nie gesehen hatte. Bei Tisch hatte er den obersten Platz zwischen zwei Damen.

in den Busch, wo man ihnen in der Nähe des Torfes eine halb- kreisförmige Hütte mit einem Zaun und getrennten Wohnräumew erbaut hat. Hier vollendet sich die Erziehung durch die Unter­weisung angesehener Männer in Tanz, Kriegskunst und dergleichen, wobei es sehr strenge zugeht. Nach einer gewissen Zeit ist auch dieser Erziehungsabschnitt beendet, die jungen Leute suchen ihr Dorf auf und gelten nun als richtige Männer. Sie heiraten auch gleich, denn sie finden dank ihrer körperlichen Vorzüge sehr bald ein Weib. 'Ter Vater, dessen Sohn die Labierziehung durchmachen soll, pflanzt vor seiner Hütte einen schnell wachsenden Baum von bestimmter Höhe ein und sagt zu dem Knaben:Wenn dieser Baum so dick ist, wie dein Arm, daun wirst du kein Labi mehr sein/ sondern ein Mann, aus den lvir uns alle verlassen können." Die Baja scheinen aber die von den Labis erwarteten Vorteile selten zu haben, denn sie stehen trotz ihrer Prüfungen körperlich und geistig wenig über dem Durchschnitt der anderen.

Der Gebietszuwachs an der Südgrenze von Kamerun umfaßt eine Anzahl von Stämmen der Paugwe oder Fang, wie sie auch im bisherigen Süden der Kolonie anzutreffen waren. (Hier gehört zu ihnen der stets unbotmäßige, schlver zu behandelnde Stamm der Jaunde.) Einen politischen Zusammenhang haben die Fang nicht: die politische Einheit ist das Dorf, des Dorf­häuptlings Macht reicht selten darüber hinaus. Auch für die Fang ist aus eine Einwanderung aus dem fernen Osten zu schließen. Bemerkenswert ist, daß es unter ihnen keinen Adel, keine Standes- unterschiede und keine Sklaven gibt Verhältnisse, die in Afrika sehr selten sind. Tie verläßlichsten Nachrichten über die Fang verdanken wir dem deutschen Forscher Teßmaun, der sich wiederholt lange unter ihnen aufgehalten hat. Noch auf ziemlich hoher Stufe steht die Eisentechnik, wovon die zahlreichen Schmiede­vorrichtungen in den Versammlungshäusern, die Schwerter, Messer, Halsringe usw. Zeugnis ablegen. Das Schmelzverfahren ist eine feierliche religiöse Handlung, sie steht im Zeichen des Feuerkults. Ta aber allerhand Verbote und Aberglauben das Gedeihen dieses Gewerbes hindern, so verfällt es, und die R aseneis en st eiu-Gr ubert wachsen zu.

Interessant sind die religiösen Anschauungen. Die Fang glauben alle an einen Schöpfer, Nsambe .zu dem die Seelen der Verstorbenen nach einem Zwischenaufenthalt in der Unterwelt! zurückkehren, aber nicht zu einem ewigen, sondern nur zu einem zweiten zeitlichen, wenn auch schöneren und längeren Leben. Außer­dem finden sich bei den Fang in großem Maße Naturkulte, durch die sie vor allem Sonne und Mond, aber auch Tiere feiern.

Tie Fang sind sehr raffinierte Giftmischer. Will man jemand vergiften, so tut man ihm nicht ein einfaches Pflanzengift ins Essen, sondern holt sich ein besonderes Gift vom Zauberer. Dieser stellt es aus den sonderbarsten Bestandteilen her. 'Dazu! hat er sich einen ganzen Anzug mit Äermeln aus Rrndenzeug, einen LaboratoriumsNtte!", zusammengenäht, und die freien Stellen an Gesicht und Händen mit einem Pflanzensast eingerieben, damit ihm die umherspritzenden Giftteilchen nicht schaden. Das Gift wird daun von Hunden probiert, in Hörnchen getan und für schweres Geld an die Kunden verkauft. Anscheinend verstehen es diese Zaitberer auch, die dort weit verbreitete Lepra in ihren Anfangsstadien zu heilen.

Million Seel en noch dher hoch als zu niedrig eingeschätzt sein. Tie meisten Stämme huldigen der Menschenfresserei, die ja im äquatorialen Afrika viel weiter verbreitet ist, als man früher angenommen hat.

Nicht kannibalisch scheint nur die Bewohnerschaft des äußersten Nordens zu sein. Hier, in dem uns abgetretenen Winkel östlich von Garua, im Tal des Mac-Kebbi und der Tuburi- feen, sitzt allein eine dicht zu nennende Bevölkerung: die Mundang, ein kräftiger und räuberischer Stamm, aus dem aber bei zweckmäßiger Behandlung wohl etwas Gutes zu machen wäre. Um die durch Mauern und Türme befestigten Stabte dehnen sich Vororte aus, so daß Siedelungen von 10 000 Menschen und mehr entstanden sind. Die einzelnen Gehöfte sind so gebaut, daß sie nachhaltig verteidigt werden können. Hauptsitz der Mun- dang ist Ser e. Sie treiben eine umfangreiche Vieh- und Pferde­zucht und bauen Mais und Reis in Mengen an. Die Religion der Mundang scheint ein Mondkultus zu sein. Bei jedem Erscheinen des nächtlichen Gestirns schlachtet man im Dorfe ein Rind, um sich den Mond günstig zu stimmen. Bei Mondfinster­nissen herrscht der auch von anderwärts bekannte Glaube, ein wildes Tier wolle die Göttin fressen, und um es zu verscheuchen, schlagen die Ortszauberer die Trommeln und wirft sich das Volk schreiend nieder. Natürlich Hilst das stets. Es äußert sich hier indessen schon der Einfluß des Js.anis der benachbarleu Fu besusta- nate Borna und Adamaua; die Mundangfürsten wollen hinter ihren zivilisierteren Fulbekollegen nicht zurückgehen, umgeben sich mit einem ähnlichen Hofstaat und werden selber Mohammedaner.

Ein interessanter Stamm, der weiter südlich außerhalb der alten Kamerungrenze in vielen Unterabteilungen eine weile Ver­breitung hat, sind die Baja, die nach neueren Beobachtungen gleichen Ursprungs sein wollen, wie die bekannten Niam-Niam des oberen Nilgebiets. Wie diese, so huldigen auch sie der Menschen­fresserei. lieber die eigentliche Ursache dieser Sille bei den Baja und ihren Nachbarn ist der französische Reisende Lenfant zu einem neuen Ergebnis gekommen. Die Schwarzen sagten ihm dort, sie töteten Menschen, um sich denschlechten Geschmack" aus dem Munde zu vertreiben, d. h. um gesalzene Nahrung zu gewinnen. Das Bedürfnis nach Fleischnahrung in einem Ge­biet, wo die Tsetsefliege die Viehzucht unmöglich mache und wo das Salz durch Pflanzenasche nur einen rnange.haf.en Ersatz finde, müsse Menschenfresserei zur notwendigen Folge haben. Das Fleisch des Europäers werde dem Fleisch der Schwarzen vorgezogen, denn ersteres sei salziger, schmecke also besser. Die deutsche Verwaltung wird nun also wohl den Versuch machen, durch Heranschaffen von Schlachtvieh aus den vorhin erwähnten nördlicheren Gegenden die südlichen Stämme von ihren kanni- balischen Neigungen zu befreien. Lenfant hatte das auch schon seinen Landsleuten empfohlen.

Die Baja verbindet mit einer Anzahl anderer Stämme eine Art von Esperanto, die Labisprache, die überall, wenn auch nicht von sämtlichen Eingeborenen, so doch von einem ge­wissen Teil unter ihnen verstanden wird. Mit dieser Sprache hängen die Knaben- und Jünglingsweihen zusammen, die unter diesen Stämmen üblich sind. Wir haben darüber einige Beob­achtungen von dem schon genannten Kommandanten Lenfant. Die Labisprache ist die Umgangssprache der Knaben, die ihre geistige und körperliche Ausbildung und Abhärtung durch be­stimmte Lehrer erhalten; von diesen werden sie mit jener Ge­heimsprache bekannt gemacht und angewiesen, sich während ihrer Borbereitungszeit niemals ihrer Muttersprackje zu bedienen.

Die Labierziehung wird nur solchen Knaben zuteil, die schon zu einem gewissen Maß von Hojfnung berechtigen. Denn der Zweck ist, Männer heranzubiiden, die spä.er durch ihre körperliche SW, Tapferkeit, Gewandth it und Klugheit der Gesamth.it nützen sollen. Die dazu ausgewählten Knaben vereinigen sich zu Gruppen, die von den Lehrern geführt werden; sie leben im Busch und müssen sich znm größten Teil auch selbst ernähren. Der junge Labi- zögling lernt jagen, fischen, die Tiere des Waldes überlisten, trotzt der Gefahr und soll dadurch mutig und gewandt werden. Gleichzeitig stählt er Körper und Geist durch Nachtwachen und Anstrengungen, vornehmlich in langen nächtlichen Tänzen. (?) Tagsüber übt er sich im Bogenschießen und Speerwerfen, jagt, fischt, stellt Fallen und verschafft sich seine sonstige Nahrung. Außerdem unterziehen sich die Knaben mühsamen Arbeiten, Ivie dem Abhauen von Brennholz, das sie an den Kreuzwegen für die Frauen ihres Dorsis aufhäufen. Um sich den Micken seiner Stammesangehörigen, nam<nt ich auch denen der Weiber, entziehen zu können, hat der Labizvgling einen langen, seitlich einwärts gekrümmten Schild ans Flechtwerk. Die nächtlichen Tänze haben ihre bestimmte Mdentung und sind Pantomimen, die die Kraft, die Anmut und Geschicklichkeit darstellen sollen; die Tanzfiguren stehen in enger Beziehung zueinander.

Tie erste Erziehungsperiode währt etwa zwei Jahre, Und während dieser Zeit sind die schwächlichen, ungeschickten oder sonst unbrauchbaren Knaben ausgeschieden. Tann beginnt die zweite Periode, die zwei bis drei Jahre andauert und dieselben Hebungen, doch in noch vollkommenerer Art, mit sich bringt. Sie schließt mit einer Probe der Unerschrockenheit der Jünglinge. Darauf folgt ein großes Fest, .bei dem die älteren Labis Tänze aufführen. Wie Novizen aber wandern, von ihren Schildern gedeckt, wieder