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Miß Halcombe, Madame, hat Blackwater Park ebenfalls nicht verlassen.
Welches Entsetzen mich da durchzuckte!
In diesen! Augenblicke kam Sir Percival des Wegs geritten. Voller Hohn ließ er mich durchs Mrs. Rubelle zu dem unbewohnten Zentrum des Hauses führen, wo Miß Halcombe wirklich untergebracht worden war.
Als ich ins Zimmer trat, fand ich, daß Miß Halconibe schlief. Ich betrachtete sie mit Besorgnis, während sie tn dem finstern, hohen, altmodischen Wette dalag. Jedenfalls hatte sich ihr Zustand, dem Aussehen nach zn urteilen, nicht verschlimmert, seit ich sie zuletzt gesehen, und ich muß zugeben, daß, soviel ich sehen konnte, man sie nrcht vernachlässigt hatte. Das Zimmer war traurig, staub-.g und finster; aber das Fenster (welches auf den einsamen Hof an der Hinterseite des Hauses hinausging) war geöffnet, um die frische Luft einzulassen, und alles, was geschehen konnte, um die Stube wohnlich zu machen, war getan worden. Die ganze Grausamkeit des tiört Sir Percival ausgeübten Betruges war auf die arme Lady Gliche gefallen. Das einzige, worin er oder Mrs. Rubelle Miß Halcombe schlecht behandelt, war, soviel ich bemerken konnte, der Umstand, daß sie sie versteckt hatten.
Mrs. Rubelle reiste eine halbe Stunde später ab.
Sir Percival hörte ich in der Nacht draußen toben. Da ich mich bemühte, den Skandal vor der Rekonvaleszentin zu verbergen, erfuhr ich erst am nächsten Morgen den wahren Hergang und die Ursache des Lärmes. Er hätte anspannen lassen, sei dann auf den Wagen gesprungen und, indem er das Pferd zum Galopp gepeitscht, sei cm Mondenlichte mit kreideweißem Gesichte davongefahren. Der Gärtner hatte dann gehört, wie er dem Parttorhüter zugeschrien und auf ihn geflucht hatte, weil er nicht schnell genug herausgekommen, um das Tor zu öffnen, und dann, wie die Räder im rasenden Laufe wieder weiter gerollt — worauf alles still geworden — und weiter wußte er nichts.
Am folgenden Tage, oder vielleicht ein paar Tage päter sich weiß es nicht mehr genau), hatte der Stall- necht aus dem alten Wirtshause zu Knowlesbury — un- erer nächsten Stadt — den Wagen wieder zurückgebracht. Sir Percival hatte dort angehalten und war später mit dem Bahnzuge Wetter gereist — wohin, konnte der Mann uns nicht sagen. Ich erhielt nie weder durch ihn selbst, noch sonst irgend jemanden fernere Nachrichten über Sir Percival Glhde, und ich weiß nicht, ob er in diesem Augenblicke in England ist oder nicht. Er und ich sind einander nicht mehr begegnet seit jener Nacht, wo er wie ein ans- brecheuder Uebeltäter ans seinem eigenen Hause entfloh, und es ilt mein inbrünstiges Gebet und meine ernstliche Hoffnung,' daß wir einander auch nie wieder begegnen mögen.
Miß Halcombe erholte sich nur sehr langsam von der unbegreiflichen Kunde der weiteren Vorgänge, die der wieder herbeigerufene Doktor Dawson und ich in der Folge ihr so schonend als möglich beibrachten. Ich verließ sie erst, als sie völlig wiederhergestellt war. Mit anderen Worten: der Zug, mit dem ich jenes unglückselige Hans verließ, war derselbe, der auch sie fortführte. Wir trennten uns mit sehr traurigen Gefühlen in London. Ich ging zu einer Verwandten in Islington, und Miß Halcombe reiste nach Cumberland zu Mr. Fairlie.
Ich habe nur noch wenige Zeilen hinzuzufügen, ehe ich diese schmerzliche Aussage beende. Ich werde zu denselben durch ein Gefühl der Pslicht bestimmt.
Ich wünsche hiermit meine eigene feste Uebcrzeugung auszusprechen, daß in den soeben von mrr mitgeteilten Ereignissen durchaus keiu Tadel irgend einer Art auf den Grafen Fosco fällt. Man sagt mir, daß ein furchtbarer Verdacht gehegt und über Sr. Gnaden Betragen sehr ernste Betrachtungen angestellt werden. Doch bleibt mein Glaube an des Grafen Unschuld völlig unerschüttert. Falls er sich mit Sir Percival vereinigte, um mich nach Torquay zu schicken, so tat er dies in einem Jrrtume, für den er als Ausländer und Fremder nicht getadelt werden kann. Falls er dazu beitrug, daß Mrs. Rubelle nach Blackwater Park kam, so war es sein Unglück und nicht seine Schuld, wenn diese Ausländerin schlecht genug war, sich an einem Betrüge zu beteiligen, den .der Herr des Hauses erdachte und ausführie. Ich protestiere im Interesse der Moralität
dagegen, daß leichtseriigerweise und unverdientermaßen das Verhalten des Grafen Fosco in Frage gezogen werde.
Zweitens wünsche ich, mein aufrichtiges Bedauern darüber auszusprechen, daß ich nicht imstande bin, mich genau das Datums zu erinnern, an welchem Lady Glyde Blackwater Park verließ, um nach London zu reisen. Ich höre, daß die genaue Angabe des Tages, an welchem diese beklagenswerte Reise unternommen wurde, von der größten Wichtigkeit ist, und habe mein Gedächtnis deshalb auf das gewissenhafteste angestrengt; aber leider war meine Bemühung eine vergebliche. Ich kann mich nur noch entsinnen, daß es gegen Ende Juli war.
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Andere Aussagen.
I. Aussage der Hefter Pinhorn, Köchin im1 Dienste des Grafen Fosco.
Während dieses letzten Sommers war ich zufälligere weise (und ganz ohne meine Schuld) einige Zeit ohne Stelle; dann hörte ich, daß man in Nurnrnero 5, Forest Road, St. Johns Wood, eine Köchin suche. Ich nahm die Stelle auf den Versuch an. Der Name meines Herrn war Fosco. Meine gnädige Frau war eine Engländerin. Er war ein Graf und sie eine Gräfin. Als ich hinkam, hatten sie ein Mädchen, das die Stubenarbeit tat. Sie war nicht besonders reinlich oder ordentlich, aber sonst war weiter nichts Böses an ihr. Ich und sie waren die einzige Dienerschaft im Hause.
Ich war noch nicht lange in meiner neuen Stelle gewesen, als das Stubenmädchen zu mir in die Küche kam und mir sagte, es werde Besuch vom Lande erwartet. Dies war die Nichte meiner gnädigen Frau, und es wurde das Schlafzimmer iu der ersten Etage für sie heracrichtet. Meine gnädige Frau sagte mir, daß Lady Glyde (so hieß ihre Nichte) eine schwache Gesundheit habe, und daß ich mich im Kochen darnach einrichten möge. Sie sollte am folgenden Tage eintreffen oder vielleicht den Tag darauf oder auch noch später. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß es unnütz ist, mich nach einem Datum oder dergleichen zu fragen. Alles, was ich weiß, ist, daß es allerdings nicht lauge währte, bis Lady Glyde ankam; und ztoar verursachte sie uns gleich bei ihrer Ankunft einen schönen Schrecken! Ich weiß nicht, auf welche Art der Herr sie ins Haus brachte, da ich gerade beschäftigt war. Aber mich dünkt, es war nachmittags, daß sie ankamen, und das Stubenmädchen öffnete, ihnen die Haustür und führte sie in die Wohnstube. Ehe sie noch lange wieder unten bei mir in der Küche gewesen, hörten wir oben einen Spektakel und ein Wesen und ein tolles Mügeln und die Stimme meiner gnädigen Frau, die um
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Wir rannten beide hinauf, und da sahen wir die Dame auf dem Sofa liegen, mit totbleichem Gesichte und geballten Händen und den Kopf auf eine Seite herunter hängende Sie hatte einen plötzlichen Schrecken gehabt, sagte meine gnädige Frau, und der Herr sagte, es seien Zufälle uni» Konfusionen. Ich lief hinaus, da uh die Nachbarschaft etwas besser kannte, als die anderen, um den nächsten Doktor zu Hilfe zu rufen. Der nächste Doktor war Goodricke und Garth, die zusammen praktizierten, und, wie ich gehört habe, im ganzen St. Johns Wood einen guten Rus und eine gute Kundschaft haben.
Mr. Goodricke war zu Hause und kam gleich mit mir.
Es währte eine Weile, bis er sich ihr nützlich machen konnte. Die arme, unglückliche Dame fiel immer aus einer Ohnmacht in die andere, daß sie ganz erschöpft und so machtlos war, wie ein neugeborenes Mud. Dann legten wir sie ins Bett. Mr. Goodricke sagte nach der Untersuchung: Dies ist ein sehr schlimmer Fall, sagte er, ich empfehle Ihnen, sogleich an Lady Glydes Angehörige zu schreiben. Da sagt meine gnädige Frau zn ihm: Ist es ein Herzleiden? und er antwortete: Ja, und von der gefährlichsten Art. Er fürchte, weder er noch sonst ein Doktor werde imstande sein, ihr zu helfen.
Fortsetzung folgt.)
Unsere neuen Landsleute.
Völkerskizzen aus den neuen deutschen Kolonialgebieten.
Von H. Singer.
Der Zuivächs an Menschen, den die Kolonie Kamerun durch die französischen Gebietsabtretungen erhält, ist im Vergleich zum räumlichen Umfang dieser Abtretungen auch für airi- kanische Verhältnisse nicht gerade groß; er mag mit einer


