Sonnerstag den 9. November
I
M
Die weiße Frau.
Roman von SB. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mylady werden mir verzeihen, daß ich mir die Freiheit, nehme, bemerkte ich zum Schlüsse, aber es steht geschrieben: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Des Grafen unausgesetzte Güte und Aufmerksamkeit gleich vom 'Anfänge von Miß'Halcombes Krankheit an verdienen wirklich unser ganzes Zutrauen und die größte Achtung Selbst Sr. Gnaden ernstliche Entzweiung mit Mr. Dawson war ganz und gar seiner Sorge um Miß Halcombe zuzuschreiben.
Welche Entzweiung? frug Mylady mit einem plötzlichen Ausdrucke des Interesses.
Ich teilte ihr die unglücklichen Umstände mit, unter welchen Mr. Dawson sich zurückgezogen hatte.
Mylady stand heftig und allem Anscheine nach durch das, was ich ihr erzählt, doppelt aufgeregt und beunruhigt auf.
Dies ist schlimut! schlimmer noch, als ich gedacht hatte! sagte sie in höchster Bestürzung. Der Graf Wußte, daß Mr. Dawson nimmermehr in Mariannes Reise willigen würde, und beleidigte ihn absichtlich, um ihn aus dem Hause zu schaffen.
O Mylady! Mylady! sagte ich in vorstellendem Tone.
Kein Wort mehr, entgegnete Mylady mit Nachdruck. Ich bin entschlossen, morgen nacht nicht unter,Graf Foscos Dache zu schlafen. Die liebste Freundin, die ich, nächst Weiner Schwester, in der W-elt besitze, wohnt nahe bei London. Sie haben mich und Miß Halcombe doch von Mrs. Vesey sprechen hören? Ich werde an sie schreiben und ihr sagen, daß ich die Nacht in ihrem Hause zubringen will. Alles, worum ich Sie bitte, ist, daß Sie Sorge tragen, daß wein Bries an Mrs. Vesey ebenso sicher heute abend nach London abgeht, wie Sir Percivals -Brief an Graf Fosco. Ich habe Grund, mich nicht auf die Posttasche zu verlassen. Wolken Sie mein Geheimnis bewahren und mir hierin helfen? Es wird vielleicht die letzte Gefälligkeit sein, um die ich Sie je ersuchen werde. —
Sie schrieb den Brief und übergab ihn mir. Abends trug ich ihre selbst ins Dorf und tat ihn in den Brief- kasten.
Wir hatten während- des ganzen übrigen Tages Sir Percival nicht wieder zu Gesicht bekommen.
'Am folgenden Tage kam er nach dem Frühstück zu uns herauf und benachrichtigte uns, daß der Wagen nun ein Viertel vor zwölf Uhr vor der Türe sein werde i— der Zug, mit dem nur nach London gehen wollten, hielt zwanzig Minuten nach zwölf bei unserer Station an. Gr
sagte, er sei genötigt, auszugehen, fügte aber hinzu, daß er vor ihrer Abreise zurückzusein hoffe.
Sie sprach erst, als er geendet, und hielt ihn, dann zurück, als er aus der Tür gehen wollte, indem sie ihm die Hand hinreichte.
Ich werde dich nicht mehr sehen, sagte sie sehr deutlich; hier scheiden wir — vielleicht auf immer. Willst du versuchen, mir zu vergeben, Percival, so von Herzen, wie ich dir vergebe?
Es zog sich eine furchtbare Blässe über sein Gesicht, und große Schweißperlen standen ihm auf der kahlen Stirn. Ich werde zurückkommen, sagte er und eilte nach der Tür, als ob die Worte seiner Frau ihn hinausgejagt hätten.
Zur bestiinmten Zeit fuhr der Wagen vor. Mylady hatte recht: Sir Percival kam nicht zurück. Wir warteten bis zum letzten Augenblicke auf ihn — aber vergebens.
Wir kamen kaum zwei Minuten Vor Mgang des Zuges auf der Station an. Der Gärtner, welcher uns gefahren hatte, sah nach dem Gepäcke, während ich Myladys Fahrkarte besorgte. Es wurde bereits zur Abfahrt gepfiffen, als ich zu Mylady auf den Bahnsteig zurückkehrte. Sie sah sehr seltsam aus und preßte plötzlich die Hand aufs Herz, wie wenn sie ein heftiger Schmerz oder Schreck durchfahren hätte.
O, kämen Sie doch mit mir! sagte sie, als ich ihr die Fahrkarte überbrachte.
So gestaltete sich der Abschied sehr traurig. —
Nachmittags gegen fünf Uhr — Sir Percival war noch nicht zurückgekehrt — ging ich noch ganz erschüttert in die Parkanlagen hinaus spazieren.
Als ich um die Ecke des Hauses bog und den Garten sehen konnte, war ich überrascht, eine fremde Person dort lustwandeln zu sehen. Es war eine Frau, die langsam, den Rücken mir zugewendet, dem Pfade entlang ging und Blumen pflückte.
Als ich näher herankam, hörte sie mich und wandte sich um.
Mein Blut erstarrte mir in meinen Adern. Die fremde Person im Garten war Mrs. Rubelle.
Ich konnte mich weder rühren noch sprechen. Sie trat so gelassen, wie immer, mit den Blumen in der Hand zu mir heran.
Was gibt es, Madame? frug sie ganz ruhig.
Sie hier? sagte ich mühsam. Nicht in London? Nicht in -Cumberland? —
Mrs. Rubelle atmete mit einem Lächeln maliziösen Mitleids den Duft ihrer Blumen ein.
Gewiß nicht, sagte sie. Ich habe Blackwater Park keinen Augenblick verlassen. —
Ich sammelte Mut und Atem zu einer zweiten Frage.
Wo ist Miß Halcombe? —
Mrs. Rubelle lachte mir diesmal gerade ins Gesicht und antwortete:


