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eine Dame, die die Zinsen erhalten hatte, heiratete bald darauf, Und der Testamentsvollstrecker strengte einen Prozeß auf Rückerstattung des empfangenen Betrages an. Die,Sache beschäftigte damals die Londoner Gerichte, endete aber mit dem Siege der nun glücklich verheirateten Jungfer. Mit der Welt nach seinem Tode muß sich auch sehr viel ein in Paris sehr bekannter Arzt beschäftigt haben, der vor einigen Jahren verschied, wobei sich herausstellte, daß er schon 20 Jahre vor seinem Ableben sorgfältig seine eigene Todesanzeige verfaßt hatte. Die Anzeige war bereits vervielfältigt und lag zum Versand bereit, nur das Datum des Todestages war noch einzusetzen. Der merkwürdige Brief hatte folgenden Wortlaut: „Ich habe.die Ehre, Ihnen mit» zuteilen, daß ich heute, am ... . gestorben bin. Erweisen Sie mir die Liebenswürdigkeit, meiner Beerdigung fernzubleibeu, denn der Tod ist noch trauriger als das Leben, und es ist höchst überflüssig, die Lebenden zu belästigen." Im Gegensatz zu diesem Sonderling findet man sehr oft in den Testamenten die Be- ftimmung, durch die für alle Teilnehmer an der Beerdigung eine bestimmte Summe ausgesetzt wird, die unter dem Trauergefolge verteilt werden soll. In solchen Fällen fehlt es natürlich sticht an Leidtragenden, und wenn der Tote wieder auferstehen könnte, würde er sich einer sehr stattlichen Schar völlig Unbekannter, aber doppelt trauervoller Freunde gegenüber sehen.
Ein wegen seiner Naivität und kindlichen Güte rührendes Vermächtnis hinterließ unlängst eine fromme Burgunderin, die in ihrem Testament folgendermaßen verftigte: „Ich schenke den Nonnen von Saint Jean-de-Losne (Cöie d'Or) lOoOO Mark, damit sie sich von den Zinsen den Kaffee kaufen können, den ich ihnen seit langen Jahren geliefert habe; sie sollen ihn nach meinem Tode nicht entbehren." Diesem Testament an Menschen- Seundlichkeit gleich kommt folgende Bestimmung eines deutschen rztes, des Dr. Mayer, der 1899 in Mainz starb; er hatte mehrere philosophische Werke, darunter eins über das „Dogma der Erkenntnis" verfaßt. In seinem Testament hieß es, man möge nach seinem Tode seinen Klienten nicht die noch unbezahlten laufenden Rechnungen zusenden. Wohl aber möge man in der Verbreitesten Zeitung der Stadt.ein Inserat veröffentlichen, durch das die reichen Klienten des verstorbenen Arztes aufgefordert würden, die nach ihrer Meinung ihm geschuldete Summe den Armen zu geben. „Was meine minderbegüterten Klienten angeht, so falten sie ihrer Schulden ledig sein und können sich meinetwegen als Arme ansehen. Alle meine Geschäftsbücher und Papiere, die sich hierauf beziehen, sollen dem Ferner zu vollständiger Vernichtung übergeben werden."
Vermischtes.
* Lfa n a ns Braut. Marie Behrends, die Frankfurter Bürgermeisterstochter, erblickte vor einem Jahrhundert das Licht der Welt; sie sollte als Lenaus Braut wenige Wochen des Glückes, einem der bedeutendsten Dichter der Zeit angehören zu können, mit vielen Jahren der Trauer um den Wahnsinnigen und den Toten bezahlen. Am 4. Oktober 1911 war sie in der Mainstadt geboren; sie mar also über die Blüte der Jugend hinaus, als Lenau sie am 14, Juli 1»44 in Baden-Baden, wo sich die Vaterlose an der Seite ihrer Tante, der Bankiersgattin Jäger, aufhielt, im „Englischen Hoi" an der Table d’höte kennen lernte und einen so tiefen Eindruck von ihr erhielt, daß er dem Mädchen, das am selben Tage noch abreisen mußte, seine Gedichte mit der Widmung sandte:
„Mich ließ die Gunst des Augenblickes, Ein flüchtig Lächeln des Geschickes, Wie bis in? Herz du schön, erkennen; Leb wohl! ich mutz mich von dir trennen! Doch milderts mir dein frühes Scheiden, Wenn ich vom Glück, das mir entschwunden, So schnell wie du — die heitern Stunden, Und wenn ich darf den Rui der Leiden, Die singend mir das Herz zerrissen, In deinen lieben Händen wissen."
Diese Gabe Lenaus bestimmte sreiltch die Danten, den Aufenthalt in Baden-Baden noch um einige Tage zu verlängern. Gleichwohl kam es zu keiner Aussprache; erst die Abreise der Damen ließ in Lenau die Erkenntnis ouftommen, daß er das Mädchen liebe, und den Entschluß reiten, Marie Behrends einen Antrag zu machen. Schnell reiste er nach; in Rippoldsau holte er sich das entscheidende Jawort und in Frankfurt fand die Verlobung statt. Aber der allzu raschen Entschließung folgte die Enttäuschung nur zu bald. Lenau, der sicherlich nicht als Mitgistjäger anzusehen ist, hatte doch aber Marie Behrends für reich gehalten, und wenn für lhn wohl das auch nicht bestimmend gewesen war, so hätte er, der auf den Ertrag seiner dichterischen Arbeit allein für den Lebensunterhalt Angewiesene, sich doch ohne jene bestimmte Voraussetzung gefragt, ob er sich überhaupt tn seinen Verhältnissen verloben dürfe. Nun, erst nach der Verlobung, vernahm er, daß das Mädchen eine zwar reichliche, aber unter den obwaltenden Verhältnissen ketnes- wegs auskömmliche Mitgift erhalte. Zwar wußte er nun Cotta zu einem Vertrage zu drängen, der seine Existenz einigermaßen sicher stellte, ihm aber andererseits das fatale Gefühl auferlegte, zu Arbeiten verpflichtet und gedrängt zu sein. Dazu kam die Qual
der Dovpelliebe. Als er von Frankfurt nach Wien reifte, war dort die nie schluntmernde Liebe zu Sofie von Loewenthal, der Gattin seines Jugendfreundes, von neuem zu starker Leidenschaft erwacht, und mit der Liebe iür beide int Herzen war er nach Stuttgart zu seinen Freunden Reinbeck zurückgekehrt, wo er am 13. Oktober vom Wahnsinn befallen wurde. Au! die Kunde seiner Erkrankung war Marie Behrends sofort mit ihrer Mutter nach Stuttgart geeilt. In Heidelberg mußte ihr Wagen aus die von Karlsruhe kommende Post warten. Im Gasthof nahm Marie eine Zeitung zur Hand und ihr erster Blick siel au! die Nachricht aus Stuttgart: „Der Dichter Lenau ist wahnsinnig geworden und liegt in der Zwangsjacke." Sie hat mit ihrem Verlobten nicht mehr sprechen dürfen; sie sah nur noch von einem Fenster aus, wie er vom Hosrat Zeller mit Hilfe zweier Wärter in die Irrenanstalt übergeführt wurde. Sie blieb unvermählt. In Frankfurt a. M. ist sie am 6. September 1889 gestorben.
* Die Verbreitung des Islams. Nach ungefährer Berechnung kann man die Zahl aller in der Welt lebenden Mohammedaner auf 250 Millionen festsetzen. Davon entfallen allein 24 Millionen aus Französisch-Afrika, 65 Millionen aus Englisch und 30 Millionen an! Niederländisch-Jndien. Die Türkei und Aegypten besitzen zusaniine>r 34 Millionen Gläubige, Persien dagegen nur 9 Millionen, während in China 30 Millionen Mohammedaner leben. Tie Moslemin Zentralasiens (Turkestan, Bochara und Afghanistan nsw.), faiuie diejenigen Marokkos und des Sudans lassen sich au! etwa 55 Millionen schätzen. Es ist aber anziinehine», daß die Millionenziffer 250 noch zu niedrig gegriffen ist, zumal der Islam in allen Nachbarländerii noch immer fast bedrohliche Fortschritte macht. In Japan, auch in unseren deutschen afrikanischen Kolonien, ja selbst in England zieht Mohammeds Lehre täglich neue Jünger in ihren Bannkreis; neulich trafen die ersten englischen Mekkapilger in der „heiligen etnbt" ein. Auch eine Menge Deutsche sind schon zunr Islam übergetreten. Ueberall zeigt sich seine iverbende Kraft; seine Einfachheit und phantastische Plastik wirkt auf die int Heidentum ^versunkenen Völker, ebenso fiuie aus die grübelnden Gemüter unserer religionsarmen Zeit. Man muß es bei dem allen als ein Glück betrachten, daß die islsimitifchens Völker von keiner Einheit des ^Handelns beseelt sind und — zunächst wenigstens — Politik von Religion iernhalten.
kf. Ein Paar Schuhe für 10 000 Mark. Dieses Mal sind es nicht die Amerikaner, die diesen unsinnigen Höchstpreis aufgestellt haben, sondern die Engländer. In London soll ein Schuhmacher ein Paar Schuhe ausgestellt haben, für die er nicht weniger als 10 000 Mark verlangt. Ter hohe Preis erklärt sich aber nicht etwa aus Juwelen oder anderen kostbaren Stoffen, die man fair Schuhe verwenden kann, sondern ans» der Mettge der Arbeit, die in den Schuhen steckt. Sie sind nämlich über und über mit buntschillernden Kolibribrüsten benäht,. und der Pariser Schuhmachermeister hat ein halbes Jahr auf sein Kunstwerk verwenden müssen. Tie einzelnen, winzigen Kolibribrüst« mußten mit den feinsten Stichen aneinandergenäht werden, um ein gleichmäßiges Federfleid herzustellen. Tie Schuhe müssen wirklich prachtvoll aussehen, jedoch die Vogelfreunde werden — und mit Recht — über sie nicht begeistert sein. Der gleiche Schuhmachermeister stellt übrigens ans Marabufedern Schuhe her, die auch recht reizvoll aussehen sollen — und dabei „nur" 120 bis 150 Mark das Paar kosten.
* Verschnappt. Hausherr (zur Köchin): „Minna, ich hoffe, daß Sie Ihrem Schatz keine Zigarren von mir geben!" —> Köchin: „Wo denken Sie hin, Herr Schulze, . . dem sein Herb hat viel bessere Zigarren!" , '
* Zurechtweisung. Herr: „Sie sind ja ganz rüstig/ arbeiten Sie doch!" — Handwerksbnrsche: „Ich habe Sie doch nicht um einen Rat gebeten, sondern um einen Zehrpfennig!"
* Zu spät. „Mein Herr, hier wird doch ein junges Mädchen von angenehmem Aenßeren gesucht?" — „Ja, mein Fräulein, tut mir leid, da kommen Sie — um zwanzig Jahves zu spät!"
* Schlagfertig. „Anna, ich kann mich nicht satt sehen an dir!" — „Ja, dann laß doch etwas zu essen kommen, ich habe auch Hunger!"
* U n a n g e n e h m. Freund (zum anderen, an dessen Polterabend): „Bei mir kamen die Polterabende erst nach der Hochzeit!"
Magisches Sahlenquadrat.
In die Felder nebenstehenden Quadrats sollen die Ziffern
15 134 245 338
viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechtem wagerechten und Diagonalreihen stets 782 beträgt.
Auflösung in nächster- Nummer i
Auflösung deS Versteckrätsels in voriger Nummer r Arbeitsamkeit ist die beste Lotterie.
Nedakkion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang», Gießen. ,


