Ausgabe 
9.10.1911
 
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den allerersten Watz füllt, und die morgen hierher zürück- kehren soll?

Sie ist den ganzen Winter über mit ihrem Manne in Italien und darauf in Tirol gewesen. Sie kommen in Begleitung von Graf Fosco und seiner Frau zurück, die sich in der Umgegend von London niederzulassen beabsichtigen Und versprochen haben, die Sommermonate in Blackwater Park zuzubringen, bis sie eine passende Wohnung gefunden haben. >

Ich verließ Limmeridge gestern morgen.

Vorige Nacht schlief ich in London und wurde dort heute so lange durch allerlei Besuche und Geschäfte abge­halten, daß ich erst nach dem Dunkelwerden in Blackwater anlangte.

Nach meinen bis jetzt empfangenen unbestimmten Ein­drücken zu jurteilen, ist es ganz das Gegenteil von Lim­meridge. Das Haus steht in einer ganz flachen Ebene und ist rings von Bäumen eingeschlossen oder vielmehr erstickt, wie ich mit meinen nordländischen Begriffen es fast nennen möchte. Ich habe noch niemanden gesehen, als den Diener, der mir öffnete, und die Haushälterin, eine sehr auf­merksame, höfliche Frau, die mich auf mein Zimmer führte und mir meinen Tee brachte. Ich habe ein hübsches kleines Wohnzimmer mit Schlafgemach am Ende eines laugen Korri­dors in der ersten Etage. Die Zimmer der Dienerschaft und noch einige Fremdenzimmer sind in der zweiten Etage und alle Wohnzimmer im Erdgeschosse. Ich habe noch keins von ihnen gesehen und weiß noch nichts von dem Hause, ausgenommen, daß der eine Flügel fünfhundert Jahre alt sein soll, daß es einst von einem Wallgraben umzogen war und daß es seinen Namen Blackwater von einem kleinen See im Parke erhalten hat.

Laura benachrichtigte mich in ihren Briefen immer nur davon, daß sie gesund ist- daß das Reisen ihr wohl bekommt, daß sie zum ersten Male in ihrem Leben den Winter ohne Erkältung überstanden, aber nirgends finde ich ein Wort, das mir sagte, sie sei mit ihrer Heirat aus­gesöhnt und könne jetzt ohne alle Bitterkeit und Reue auf den dreiundzwanzigsten Dezember zurückblicken. Der Name ihres Mannes erscheint in ihren Briefen nur wie der eines ,Freundes, der sie aus der Reise begleitet.

(Fortsetzung folgt?

Die Alchimie der Gegenwart.

Ioh. S ch ü r m a n n, Betriebsinspektor.

Hätte jemand vor 10 Jahren behauptet, daß sich in vielleicht nicht nllzuierner Znkun't die Träume der Alchimisten, ein Element in ein anderes überzusühren, vor allem unedlere Stoffe in edlere zu verwandeln, verwirklichen würden, der wäre mindestens aus- gelacht morden. So sehr hatte sich in den orthodoxen Streifen der Chemiker der Gedanke von der Unteilbarkeit der damals etwa 70 bekannten Elemente eim,enistet, trotzdem die Aussteller dieses Be­griffes von vornherein immer betont hatten, dast ihm nur eine re- Intive Bedeutung zukomme. Als Elemente seien diese Stoffe vor­läufig nur deshalb anzclsehen, iveil inan sie mit den damaligeii Methode» nicht iveiter zerlege» konnte. So lange eine Zerlegung nicht möglich ist, müffeii sie praktisch als solche gelten, aber nur praktisch. Theoretisch ist damit nichts erwiesen.

Heilte sind die Ansichteii über die elementare Natur der Atonie chon längst ivankend geivorde». Ist es doch bereits gelungen, ben Nachweis zu führen, daß bei gewissen Prozesse» Stoffe, denen alle Eigeiischaslen von Elementeii zukoniinen, sich in Stoffe von eben- salls elementarer Natur zerspalten. Das typische Beispiel ist die Bildung von Heliuiii aus Radium. Tas Helium ist aber nicht das einzige Zerfallsprodukt des Radiums. Von dem Atomgewicht des Radiums 226 spalten sich nämlich in verschiedenen Stadien 4 Ge­wichtsteile als Helium ab, rind es entsteheii so der Reihe nach die gnssönnige Emanation (Atomgewicht 222), Radium A (218), Ra­dium C (214) und Polonium (210). Auch das Polonium spaltet nochmals eilt Heliumatom ab und es bleibt deshalb ein Stoff mit dem Atomgewicht 206 zurück. Dieses Endprodukt ist nicht radio­aktiv und ist vermutlich Blei, das gerade das Atomgewicht 206 be­sitzt. Daß man die Amvefeaheit des Bleies nicht direkt seststellen kann, beruht darauf, daß die zur Bersügung stehenden Zerfalls­produkte io winzige Mengen ausmachen,' daß sie weder sichtbar noch, sonst nachweisbar sind. Wenn man die Zwischenprodukte identifizieren kann, so beruht das darauf, daß sie radioaktiv sind, an welcher Eigenschaft man selbst winzige Mengen solchen Stoffes nachweisen und bestimmen kann. Für die Identität des End­produktes mit Blei spricht neben dem Atomgewicht auch der Um­stand, daß man in asten Endsormationen die radioaktiven Stoffe mit Blei vergesellschaftet findet und zwar genau in dem Verhält­nis, wie es sich aus den Zerfallszeiten rechnungsmäßig ermitteln läßt. Das Radium ist nicht das einzige Element, dessen Zersalls-

sährgkett seststeht. Man unterscheidet jetzt mehrere radioaktive Fa­milien, die dadurch gekennzeichnet sind, daß von einer Mutter­substanz mehrere Sprößlinge hintereinander abspalten. Tie drei wichtigsten Familien sind, die Uranfamilie, der auch das Radium angehört, die Thoriumfamilie und die Aktiniumiantilie. Zti diesen Familien gehören etwa 30 Elemente. Da außerdem noch 70 Ele­mente bekannt sind, so ist also für fast */3 aller heute sestgestellten Elemente die Zerkastskähigkeit nachgewiefen. Allerdings kommen diese radioaktiven Stoffe nur in relativ winzigen Mengen vor, ihre große Zahl legt aber den Gedanken nahe, daß auch die anderen Eleniente nicht aus unteilbaren Atomen bestehen. In der Tat hat man neuerdings auch für aste anderen Elemente eine gewisse Zer­trümmerung des Atoms festgestellt. Man hat nämlich mit Hilfe elektrischer Erscheinungen aus asten Elementen Partikelchen aus- scheiden können, die nur 1l)800 Teil der Masse eines Wasserstoff­atoms ausmachen. Diese Partikelchen nennt man Elektronen. Wahrscheinlich ist jedes Atom ein kleines Weltsystem von vielen umeinander kreisenden Elektronen; die Elektronen wären gleich­sam die Uratome. Nun hat man wohl aus asten Elementen Elektronen abspalten können, aber noch nie größere Bruchstücke. Diese spalten sich nur bei den radioaktiven Stoffen als Helium und bergt ab, aber hier erfolgt der Zerfast völlig spontan ohne äußere Einwirkung und ist es uns bisher auf keine Weise gelungen, durch äußere Kräfte, wie Truck, Temperatur oder Elektrizität den Zer­fall zu beeinflussen oder zu beschleunigen. Sollte es uns einmal möglich sein, die Elektronen nach unserer Willkür zu Atomen zu­sammenzusetzen und andererseits die Atome zu zerspalten, so dürfte eine Veredelung wegen der gewaltigen hierzu aufzuwendenden Energie von keiner wirtschaftlichen Bedeutung sein. Denn die Energie, nicht die Materie, nach deren Wert wir heute alle anderen Werte bemessen, ist hier das wertvollere. Weit einschneidender wäre es, wenn wir durch den willkürlich berbeizuführenden Atom- zersall große Energiemengen frei machen könnten.

seltsame Testamente.

Vor kurzem ist in London ein reicher Herr gestorben, der sich vor seinem Tode bei der Abfassung seines Testamentes das besondere Vergnügen machte, seinen Erben und den 'Erbschafts­behörden eine harte Nuß zu knacken zu geben. Mr. Mugeen starb als vielfacher Millionär und vermachte sein Vermögen seinen nahen Verwandten und einigen seiner besten Freunde. Als der letzte Wille des Verstorbenen verlesen wurde, waren die Testa­mentsvollstrecker nicht, wenig verblüfft: Mr. Mugeen setzte für einen seiner Freunde 50 000 Pfund, also mehr als eine Million Mark, ans. Dabei aber legte er den übrigen Erben die Ver­pflichtung auf, diesen Freund ausfindig zu machen, und beschränkte sich hierbei auf die lakonische Angabe: Man wird ihn in einer der größeren Bars von Paris finden." Wer ist dieser Freund? Wo ist die Bar? Dem Testamentsvollstrecker wird nichts anderes übrig bleiben, als eine Zeitlang nächtlicherweile regelmäßig eine Rundreise durch die Bars von Paris zu unternehmen, und da ihre Zahl recht stattlich ist, kann er dabei, ehe er es sich versieht/ zum Alkoholiker werden.

Die Fälle, da Sterbliche noch im Angesicht des Todes den Humor behalten und eine kleine Bosheit nicht verschmähen, sind keineswegs selten, ja oft müssen bizarre letzte Willensbestimmungen dazu dienen, um dem Verstorbenen eine Popularität zu verleihen, die im Leben zu erringen ihm versagt war. In den meisten derartigen Fällen sind Freuden oder Enttäuschungen der Ehe der Ausgangspunkt ungewöhnlicher Bestimmungen. In London, so weiß der Gaulois zu erzählen, starb vor einigen Jahren ein sehr reicher Junggeselle, dem es mehrfach mißglückt war, in den Hafen der Ehe einzulaufen. Durch sein Testament setzte er zu seinen Erben ein: die acht Damen, die ihm nacheinander einen Korb gegeben und seine Heiratsanträge abgewiesen hatten. Und er gab auch eine lakonische Begründung dieser ungewöhnlichen Verfligung, indem er in seinem letzten Willen ausführte:Indem sie meine Anträge ablehnten, ermöglichten diese Damen es mir, ein friedliches Dasein zu führen, nirgends von häuslichen Zwistig­keiten bedroht. Dafür bin ich ihnen Dank schuldig, und er soll ihnen werden." ,, ,

Anders dachte Fräulein Hetty Bloomer, die 1897 tn der englischen Stadt Dutney starb. Sie verfügte über ein Vermögen von rund 800 000 Mark und gab ihm durch ihr Testament folgende Bestimmung:Trotz meines gegenteiligen Wunsches bin ich unverheiratet geblieben; ich war dreimal verlobt, um dreimal von wortbrüchigen Männern verlassen zu werden. Daher be­stimme ich, daß die Zinsen meines Vermögens fortan rährltch am Jahrestage meines Todes zwischen fünf unverheirateten Frauen verteilt werden, die das 40. Jahr überschritten haben und den Beweis erbringen können, daß ihre Verlobungen durch dte Schuld des Bräutigams zurückgegangen sind." Eine besondere Klausel verfügte noch fürsorglich:Falls sich inau- didatiunen nicht melden, was mich bet der Schlechtigkeit der Männer sehr verwundern^de, werden dte Zinsen zum Kapital geschlagen." Aber das Testament des Fräulein Bloomer schweigt sich über einen sehr wesentlichen Punkt aus, nämlich darüber, ob die mehr als 40jährigen Jungfrauen, die einmal die aus­gesetzte Prämie erhalten haben, das Recht zu nner spateren Heirat besitzen. In der Tat kam es bald zu entern Prozesse;