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stens äußerlicher Fassung entgegennahw. Das einzige Anzeichen von dem Kampfe, den es sie kosten muß, in einer so schweren Zeit wenigstens, den Schein der Fassung zu bewahren, entdeckte ich in ihrem plötzlichen Widerwillen, allein gelassen zu werden. Anstatt sich wie sonst in ihr Zimmer zurückzuziehen, scheint sie nur mit Zagen hineinzugehen. Als ich heute nach dem Gabelfrühstück hinauf ging, zrm mich zu einem Spaziergänge zu rüsten, erbot sie sich, mich zu begleiten. Und vor Tische wieder öffnete sie oie Tür, die unsere Zimmer trennt, damit wir plaudern könnten, wahrend wir Toilette machten.
Laß mich fortwährend etwas tun, sagte sie, laß mich immer in Gesellschaft sein. Laß mir f'eirte Gelegenheit zum Denken, das ist alles, warum ich dich bitte, Marianne — laß mir keine Gelegenheit zum Denken.
Diese traurige Veränderung in ihr machte sie nur um so anziehender für Sir Percival. Er deutet sie, wie ich sehen kann, zu seinem Vorteile aus. Es liegt eine fieberhafte Röte auf ihren Wangen, ein fieberhafter Glanz in ihren Augen, die er als eine Rückkehr ihrer Schönheit und ihres Frohsinns willkommen heißt. Sie sprach heute bei Tische mit einer so falschen, so unpassenden Lustigkeit und Sorglosigkeit, daß ich mich heimlich sehnte, sie zum Schweigen zu bewegen oder fortzuführen. Sir Percival schien unbeschreiblich erfreut und überrascht darüber. Die Sorge, die ich bei seiner Ankunft auf seinem Gesichte bemerkt, verschwand gänzlich, und er erschien selbst meinen Augen um wenigstens zehn Jahre jünger, als er wirklich ist.
Es ist kein Zweifel — obgleich ein sonderbarer Eigensinn mich verhindert, es zu sehen — es ist kein Zweifel, daß Lauras künftiger Gemahl ein sehr schöner Mann ist. Erstens liegt ein großer Vorteil in regelmäßigen Zügen — und er hat sie. Glänzende braune Augen sind bei Männern sowohl, wie bei Frauen sehr anziehend, und auch die hat er. Selbst Kahlheit, wenn sie von der Stirn ausgeht (wie es bei ihm der Fall) ist bei einem Manne eher kleidsam, als nicht, denn sie erhöht die Stirn und den Ausdruck der Intelligenz im Gesichte. Anmutige, unbefangene Bewe- gungen, feines Wesen, fließende Konversation — alles unstreitig Vorzüge, und er besitzt sie alle. Wenn man mich in diesem Augenblicke früge, ivelche Fehler ich an Sir Percival entdeckt habe, so könnte ich nur zwei andeutcn. Der eine: seine fortwährende Unruhe und Erregbarkeit, welche ganz begreiflicherweise aus seinem ungewöhnlich energischen Charakter entspringen mag. Der andere: seine kurze, scharfe, verächtliche Manier, wenn er mit Dienstboten spricht, was wahrscheinlich eine bloße Angewohnheit ist.
Den 18. Dezember. — Da ich mich heute morgen traurig und niedergeschlagen fühlte, ließ ich Laura bei Mrs. Besey, um einen meiner schnellen Mittagsspaziergänge zu machen, die ich seit einiger Zeit zu oft ausgesetzt hatte. Ich schlug den trocknen, offenen Weg über die §eibe, der nach Todds Ecke führt, ein. Nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde gegangen, war ich unaussprechlich erstaunt, Sir Percival mir aus der Richtung des Gehöftes entgcgen- kommen zu sehen. Er ging sehr schnell und schwang seinen Stock, den Kopf hoch erhoben wie gewöhnlich, und mit offenem Jagdrocke, der im Winde flatterte. Als wir zusammenkamen, wartete er nicht ab, daß ich ihn befragte, sondern teilte mir sogleich mit, daß er auf dem Gehöfte gewesen, um sich zu erkundigen, ob Mr. und Mrs. Todd seit seinem letzten Besuche in Limmeridge nichts von Anna Catherick gehört hätten.
Sie fanden natürlich, daß sie nichts weiter von ihr wußten? sagte ich.
Nicht das geringste, entgegnete er. Ich fange an, ernstlich zu befürchten, daß wir sie verloren haben. Wissen Sie vielleicht, fuhr er fort, indem er mir sehr aufmerksani ins Gesicht sah, ob der Maler — Mr. Hartright imstande ist, uns weitere Auskünft zu geben?
Er hat weder von ihr gehört noch sie gesehen, seit er Cumberland verlassen hat, sagte ich.
Sehr traurig, sagte Sir Percival, indem er sprach wie ein Mann, der sich unangenehm getäuscht sieht, und dabei aussäh wie ein Mann, der sich erleichtert fühlt.
Den 19. Dezember. — Ich spielte heute auf den in Vorschlag gebrachten Plan meines Aufenthaltes bei seiner Frau an, nachdem er sie nach England zurückgcbracht habe. Ich hätte kaum den ersten Wink in dieser Richtung fallen lassen, als er mit Wärme meine Hand ergriff und sagte,
ich hübe gerade das ausgesprochen, was er von Herzest mir vorzuschlagen gewünscht habe.
Als ich ihtn in ihrem und meinem Namen für seine wirklich rücksichtsvolle Güte gegen uns beide gedankt hatte^ gingen wir zunächst auf den Gegenstand seiner Hochzeitsreise über und sprachen von der englischen Gesellschaft in Rom, in die Laura eingeführt werden sollte. Er erwähnte mehrerer Namen von Bekannten, die er diesen Winter oort zu treffen erwartete. Sie waren, so viel ich mich entsinnen kann, alle englisch, mit einer Ausnahme. Diese eins Ausnahme war Graf Fosco.
Die Erwähnung Graf Foscos und die Entdeckung, daß er und seine Frau wahrscheinlich mit den Neuvermählteu auf dem Festlande zusammentreffen werden, stellt Lauras Heirat zum ersten Male in ein entschieden günstiges Licht. Es mag dies vielleicht eine Familienfehde enden. Bisher hat es der Gräfin Fosco beliebt, ihre Verpflichtungen als Lauras Tante aus bloßem Grolle gegen den verstorbenen Mr. Fairlie wegen seines Verfahrens in Bezug auf das Legat zu vergessen. Jetzt aber rann sie nicht länger bei diesem Betragen bleiben. Sir Percival und der Graf sind alte und vertraute Freunde, und ihre Frauen haben keine andere Wahl, als sich auf höflichem Fuße zu begegnen. Die Gräfin Fosco war zu ihrer Mädchenzeit eines der impertinentesten Frauenzimmer, die mir vorgekommen sind, launisch, anmaßend und eitel bis zur Albernheit. Falls es ihren: Gemahle gelungen, sie zu Verstände zu bringen, verdient er die Dankbarkeit jedes Mitgliedes der Familie.
Ich werde neugierig, den Grafen kennen zu lernen. Er ist der vertrauteste Freund von Lauras künftigem Gemahle und erregt als solcher mein lebhaftes Interesse. Alles, was ich von ihm weiß, ist, daß vor vielen Jahren seine zufällige Gegenwart auf den Stufen der Trinita del Monte zu Rom Sir Percival hals, einem Raub- und Mordanfalle zu entgehen, gerade in dem kritischen Moments, wo er an der Hand verwundet worden und im nächsten im Herzen hätte getroffen sein können. Dies ist alles, was ich von Sir Percivals Freunde weiß. Ob er wohl je nach England kommen wird? Ob ich ihn wohl werde leiden können?
Den 23. Dezember. 1— E l f Uh r. Es ist alles vorüber. Sie sind verheiratet.
Drei Uhr. Sie sind fort! Ich bin blind vom Weinen — ich kann nicht schreibeir. —
Miß Halcombes Aussage.
2. Teil.
Blackwater Park in Hampshire.
Den 27. Juni. — Sechs Monate, die vergangen sind, sechs lange, einsame Monate, seit Laura und ich uns zuletzt gesehen! —
Von Walter Hartright erhielt ich ein paar Zeilen, die er gleich nach seiner Landung in Honduras und etwas heiterer und hoffnungsvoller geschrieben hatte. Etwa einen Monat oder sechs Wochen später sah ich einen Auszug aus einer amerikanischen Zeitung, welcher den Abmarsch der Abenteurer landeinwärts beschrieb. Seitdem hat man alle Spur von ihnen verloren. —
Ueber dem Geschick von Anna Catherick und ihrer Ge- fährtin Mrs. Clements schwebt noch immer dasselbe undurchdringliche Dunkel. Man hat von keiner von beiden je wieder etwas gehört. Sogar Sir Percivals Advokat hat alle Hoffnung und zugleich alle ferneren Nachforschungen! aufgegeben. —
Unserm guten alten Freund, Mr. Gilmore, ist ein trauriges Hindernis in seinem Berufsleben entgegenge- treten. Zu Anfang des Frühlings erlitt er einen Schlaganfall. Auf ärztliche Anordnung ist er nun zu Verwandten nach Deutschland gereist. Das Geschäft führt sein Kompagnon. —
Was Mr. Fairlie betrifft, so glaube ich mich keiner Ungerechtigkeit schuldig zu machen, wenn ich sage, daß es ihm eine außerordentliche Erleichterung war, sein Haus von allen ^Frauenzimmern befreit zu sehen. —
Soviel über die Personen und Ereignisse, die den vordersten Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Was aber jetzt über die eine Person, die in meinem Herzen


