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Der Marinevertrag.
Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle.
(Schluß.)
Mitten in der Schüssel lag eine Rolle von blaugrauem Papier. Phelps griff danach, verschlang sie mit den Augen, drückte sie an sein Herz, tanzte damit im Zimmer herum und jubelte laut vor Entzücken. Dann sank er in den Lehnstuhl zurück und war so erschöpft und matt vor Gemütsbewegung, daß wir ihm ein paar Löffel Branntwein einflößen mußten^ damit er nur nicht in Ohnmacht fiele.
„Nur ruhig, ruhig," sagte Holmes, ihm auf die Schulter klopfend. „Es war recht schlecht von mir, Sie so damit zu überraschen. Wer Watson wird Ihnen sagen, daß ich nie widerstehen kann, wenn es sich um eine dramatische Wirkung handelt."
Phelps ergriff seine Hand, die er gerührt an die Lippen führte. „Gottes Segen über Sie," rief er, „Sie haben meine Ehre gerettet."
„Meine eigene Ehre stand ja auch auf dem Spiel," erwiderte Holmes; „mir ist ein Mißerfolg gerade so empfindlich, wie Ihnen eine Pslichtversäumnis."
Phelps barg das kostbare Schriftstück in seiner inneren Rocktasche.
„Ich finde es grausam. Sie noch länger beim Frühstück zu stören," sagte er, „und doch vergehe ich fast vor Ungeduld zu erfahren, wo das Papier war und wie Sie es entdeckt haben."
Mein Freund goß rasch eine Tasse Kaffee hinunter und machte sich über die Eier und den Schinken her. Dann stand er auf, zündete seine Pfeife an und nahm im Lehnstuhl Platz.
„Ich will euch sagen, was ich zuerst tat und wie alles nachher ausgefallen ist," begann er. „Nachdem euer Zug fort war, machte ich einen wunderhübschen Spaziergang in der reizenden Umgegend, bis zu dem Dörfchen Ripley, wo ich im Wirtshaus Tee trank und mir in weiser Vorsicht
nur äuf der Bühne. Also, Mausekatze, komm' her und nimm noch einen Extrakuß von mir. Und dann denke an Sonderkroog und an den Vergißmeinnichtbach in der Schlucht und sage mir: war er es, aus den du gewartet hast?"
„Soll ich noch ein Geheimnis daraus machen?"
„Es ist nicht nötig. Es freut mich auch, daß du Meinen Rat befolgt und ihn festgehalten hast."
„Das hätte ich schon früher tun können," entgegnete Traute lächelnd ; „aber vielleicht wär ich zu dumM dazu —"
„Oder zu klug. Dabei braucht nicht einmal Ueber- legung mitgesprochen zu haben, sondern nur der Instinkt des Weibes. Eine energische Abwehr zur rechten Zeit ist immer das beste Präludium für das Gesetz der Eroberung."
„Du lieber Gott, Tini, ich habe an keine kühle Berechnung gedacht! Auch nicht an Eroberung — nicht einmal instinktiv. Ich habe Paul liebgewonnen, als —"
Ein huschendes Rot trat in ihre Wangen. „Aber du verlangst ja keine Bekenntnisse von mir," schloß sie; „ich würde sie auch gar nicht geben."
„Recht so. Du gabst sie mir schon. Du hast, taxiere ich, Paulchen lieb gewonnen, als er einnral unverschämt wurde. Auf so etwas fallen wir gewöhnlich herein. Nur ist dein flaumweißes Seelchen seiner geartet als unsere robustere Jnnenkonstitution. Alles schrie in dir. Aber was da schrie, war doch nur die sogenannte gute Erziehung, also die bewußte Ueberlegung, und ihr kam ein dunkler Antrieb zu Hilfe, den du selber erst merktest, als das Herz zu rumoren begann. Das war der weibliche Instinkt, Kleine, war das Unterbewußtsein, das dich schließlich zum Siege geführt hat. Na — jedenfalls hast du ihn, also sei froh. Und mich wirst du nebenbei auch noch los."
„Dich, Tini? Was heißt das?"
Die Sandratt lächelte. „Ich halte es für zweckmäßiger/ den Schauplatz meiner Taten einmal zu verlassen. Engagementsanerbietungen sind mir von allen Seiten zugegangen; vorläufig lasse ich meine Agenten zappeln. Vorläufig will ich auf ein paar Monate nach Paris. Und weißt du, mit wem?"
„Ich ahne nicht."
„Mit Jonathan W."
(Fortsetzung folgt.)
„Meine süße Traute," sagte er, „nun darf ich küssen! Damals auf der Heide, da stahl ich mir die Küsse — und ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, der Diebstahl hätte mir den Genuß geschmälert. Aber die Strafe kam nach — und sie war hart. Mußtest du denn so grausam sein?"
„Wenn ich es war, wär ich es auch gegen mich. Ach, Paul, ich habe so viel gelitten! Ich strafte mich selbst, weil ich nicht an deine Ehrlichkeit glaubte. Ich wollte dich nicht lieben, und wüßte doch/ daß ich nach dir vor Sehnsucht verging. Ich habe dir noch so viel zu beichten, aber —"
„Aber es eilt nicht," fiel er lachend ein. „Er ja, deine Beichte hör ich schon gern — nur wollen wir sie uns ein- terlen, damit sie für das Leben reicht."
„Das würde zu viel sein. Oder du mußt mir dazwischen dein Herz ausschütten."
„Damit habe ich schon begonnen. Für alles weitere kann ich mich kurz fassen: es war ein Dasein, reich an Dummheiten, aber von einer feinen Klugheit gekrönt."
„Und diese Klugheit war?"
Er neigte sich zu ihr und flüsterte ihr iü das Ohr: >,Eine unbewußte — — mein freches Gebären auf der
Sie wollte rasch und abwehrend antworten, aber feine Lippen verschlossen ihr den Mund.
*
Drei Tage später waren die Anzeigen, die Traute Köhlers Verlobung mit Herrn Paul L. Everstedt verkündeten, in den Händen aller Verwandten und Freunde beider Häuser. Nun war es Sitte in der Stadt, daß die persönlichen Gratulationen bei einem großen Rout erledigt zu werden pflegten, den der Brautvater oder die Familie des Bräutigams gab. In diesem Falle hatte der alte Everstedt um die Ehre gebeten, sein Heim für die Gratulationscour zur Verfügung stellen zu dürfen, um, Herr Franz A. Köhler hatte dankend akzeptiert: sein Haus wäre auch zu klein gewesen für die Fülle der Beglückwünschenden; denn es konnte jeglicher kommen, der eine Anzeige erhalten hatte.
Am Tage dieses Routs besuchte Tini Sandratt zuw ersten und letzten Male ihre Freundin Traute. Es war Frau Auguste durchaus nicht recht, und sie empfing Frän- lein Sandratt dann auch mit äußerster Kühle; da sie sich aber sagte, daß dieser Verkehv nun wohl auch aufhören würde, so ließ sie die junge Dame trotzdem bereitwillig zu ihrer Tochter.
Die steife Würde der Frau Auguste schien Tini übrigens B gleichgültig zu sein. Sie behielt ihre strahlende Lie- würdigkeit bei, dankte außerordentlrch freundlich, daß Frau Köhler sogar noch die Güte hatte, sie bis auf den Hinteren Korridor zu begleiten, und verabschiedete sich hier mit einem scharmanten Knix. Auguste blieb einen Augenblick wartend auf dem Korridor stehen, und als sie im Zimmer Trautes den freudigen Aufschrei ihrer Tochter hörte, machte sie ein mißbilligendes Gesicht und wuchtete hieraus in die Küche, um mit der Emma einen wohltuenden Streit zu beginnen.
Inzwischen küßten sich die Freundinnen, und dann mußte Tini ihr Jäckchen ausziehen und Platz nehmen. Es ging gerade: zwei Stühle waren im Zimmer.
„Was hast du für ein niedliches Jüngsernstübchen," sagte sie und schaute sich neugierig um, „— das ist angenehmeres Gegenüber, als ich es besitze! M-ein Visavis ist nämlich ein alter Major — ich sehe ihn aber nur, wenn er sich rasiert, und dabei schneidet er immer ein schauderhaftes Gesicht und gebärdet sich wie ein Mimiker, der sich im Anfang seiner Studien besindet."
Traute lachte und nickte den Blumenmädchen drüben gu. „Sie haben mir gestern auf ihre Weise gratuliert — Tini, das hättest du sehen müssen! Es war gar zu nett. Sie spielten eine ganze Szene am Feigster, und dann haben sie beim Photographen ein Bild Pauls aufgetrieben, das haben sie rahmen lassen und mit frischen Rosen garniert und mir herübergeschickt. Mer was führt dich zu mir? Etwas Besonderes?"
„Natürlich etwas Besonderes. Sonst hätte ich es gar Nicht gewagt, meinen leichtsinnigen Fuß über eure ehrbare Bürgerschwelle zu setzen. Zunächst nämlich der Wunsch, dir auch meinen Glückwunsch zu bringen — zum Rout bei Eberstedts möchte ich aus bestimmten Gründen nicht kommen. Es würde Aufsehen erregen, und das liebe ich


