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Das nette Mädel.
[Roman von Fedo r von ZobeltiK, (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Er machte eine hastige Bewegung. Es sah aus, als wollte er vor ihr niederstürzen. Wer er hielt an sich. Er straffte sich.
„Traute," sagte er in weich bittendem Tone, „vergelten Sie meine Wahrhaftigkeit mit gleichem. Sind Sie mit Fred Dewa verlobt? Ja oder nein?"
Die Tränen rieselten über ihre Wangen.
„Nein," stieß sie hervor, „ich bin es nicht. Er wollte mich haben. . . das wollten viele... es hat mancher um wich angehalten . . . Aber —" sie schüttelte heftig den Kopf und zog ihr Taschentuch hervor. Nun kam ein wildes Schluchzen.
Er sank vor ihr in die Kniee und umfaßte sie.
„Sind wir nicht Kinder, Traute?" sagte er, und die tiefe Empfindung, die ihn beherrschte, beseelte auch seine Sprache und gab ihr klingendes Leben; „wir stoßen uns gegenseitig ab und wissen doch, daß wir uns lieben. Wir verwunden uns immer wieder und sehnen uns nach unfern Küssen. Sind wir nicht Toren?" ... Er nahm ihr Die Hände vom Gesicht und hielt sie fest . . . „Nicht weinen, Traute. Das ist eine Stunde des Verstehens — und des Glücks. Gehe zu meinem Vater und frage ihn aus; mit dem habe ich erst kürzlich gesprochen. Er wird die Auskunft geben über mich. Er wird dir sagen, daß ich wie alle Everstedts bin: erst Taugenichts, dann ein ganz brauchbarer Mensch und zuletzt ein Ehemann, vor dem alle Himmlischen Respekt haben müssen. Er wird dir auch sagen, daß dich ein frohes Willkommen erwartet, denn dieser alte Mann, der einen Teil seines Lebens in ähnlichen Galoppsprüngen durchmessen hat wie ich, steht auf dem schätzenswerten, wenn auch nicht ganz modernen Standpunkte: daß man erst heiraten solle, wenn man die Rechte gefunden hat."
„Und die Rechte soll i ch sein?" fragte Traute, während ihr die salzigen Tränen über die Lippen rannen, und nicht die Komteß?"
„Ach, die Komteß!" rief Everstedt lachend. „Die Stadt muß doch ihren Klatsch haben! Es geht mir wie dir, Traute: haben möchte ich manche — aber. . . Es ist auch dein Aber, und das führt uns beide zusammen. . . Nun paß auf: lege einmal deine Arme um meinen Hals — und dann schau mir in die Augen — und dann sage mir: „Ich habe dich lieb" — und dann küsse mich."
Da neigte sie sich über ihn. Sie umschlang ihn: ihre heiße Wange schmeichelte sich an die seine, und sie flüsterte ihm zu: „Seit wann liebe ich drch? Weißt du, seit wann?"
„Ich weiß es: seit dem Sturm auf der Heide."
Nun küßte sie ihn. Das wär in einem Hause des Elends und bei einer entsetzlichen Frau. Aber das Haus wurde zum Tempel, und alle Niedrigkeit flüchtete, und durch das kleine Zimmer mit den Birkenmöbeln ging ein Ewigkeitshauch. —
Traute fühlte sich entrückt allem Zeitlichen. Das Glück war so groß, daß sie die Stunde vergaß und die Umgebung. Sie sprachen auch nicht: Keiner von ihnen. Sie hielten sich fest umschlungen und küßten sich.
Doch nun kam ein Ungefähr, das sie wieder zum Gegenwärtigen führte. Von dem Mannequin in der Ecke rutschte die holländische Haube herab und fiel zur Erde. Ein Streifen und Rauschen wurde hörbar und erschreckte Traute. Everstedt ließ sie los.
„Es spukt," sagte er lächelnd und strich ihr Haar zurück.
„Eine Mahnung, Paul. Wir wollen fort."
Sie stand auf, und ihr Blick schweifte verängstigt umher.
Er begriff und nickte. „Du hast recht. Keine Entweihung. Gedulde dich eine'Minute. Ich habe der Ma- zanka noch ein Schlußwort zu sagen. Dann soll ihr Name zwischen uns nicht mehr genannt werden."
Traute blieb nicht lange allein. Wer es deuchte ihr schier unendlich. Nerven und Fibern drängten zur Flucht von hier. Ms Everstedt zurückkehrte, sah er, daß sie wachs- blaß war.
„Was ist dir?" fragte er und nahm ihre Hände.
„Ich will fort."
„Komm! Wir fahren zu deinen Eltern."
Er zog sie mit sich. Unter dem Torbogen atmete sie auf. Auch ein Schauer kam: wie ein Abschüttelrt alles dessen, was so häßlich in der Vergangenheit gewesen war.
Nun nahm er ihren Arm unter den seinen. Sie hing sich an ihn und sah nicht mehr zurück. Sie sah vor sich in das Freie, wo über dem blauen Wasser des Hafens sich der Himmel gelichtet hatte, während über dem Dunkel des verrufenen Quartiers noch immer das Wetter braute.
Hinter dem Droschkenstandplatz hielt das Automobil Everstedts. Paul rief dem Chauffeur die Adresse Köhlers zu; dann stiegen die beiden ein.
Traute dachte an ihre erste Fahrt in diesem Wagen!. Damals hatte sie sich scheu in eine Ecke gedrückt, um nicht gesehen zu werden; denn der Wagen war offen gewesen. Heute war des drohenden Regens halber die Karosserie geschlossen: doch es war nicht nötig: sie fühlte keine Scheu mehr — sie war ja die Braut des Mannes, der neben ihr saß.
Aber schnell verwandelte sich der Gedanke. Everstedt hatte sie von neuem umfaßt und geküßt. Und ha lachte es in ihr: wie gut, daß ein Wetter drohte!


