das werden Sie bald wissen, Frau Oberlehrer V
„Aber liebe Frau von Kosczyskowsky, ich begreife Nicht. Ich bezahle doch pünktlich; ich halte doch Flur und Treppe rein, verursache kein Geräusch; ich bin doch wirtlich eine Mieterin, wie Sie so leicht keine wieder finden — ich---“ ,,
„Hm," machte die Kosh und wandte sich an Die SßttfSfictu.
„Einen Kontrakt müßten wir natürlich auch machen. Frau von Hilbach vermietet von jetzt ab nur not., auf ein volles Jahr; bisher war alles tritt vierteljährlicher Kündigung; da konnte einer im Juli kündigen, und wenn er nach einem^fetten .Sonnner die Taschen voll Geld hatte, zog er im Oktober ab. Jetzt wird's nur noch so getnacht, Laß von April zu April vermietet wird. Das kann uns Niemand Übelnehmen I"
„Nein, da haben Sie vollkoinmen recht!" sagte die Frau.
Die Specht hielt sich mit beiden Händen am Treppengeländer fest. Bor ihren Augen begannen rote Pünktchen zu tanzen; sie war eiltet: Schwindel nahe.
„Frau von Kosczyskowsky, kann ich vielleicht Frau von Hilbach sprechen?" fragte sie ganz schüchtern, fast bittend und sah mit einem bangen Blick auf das dicke Weib.
,Fftau von Hilbach? Tat ich nicht an Ihrer Stelle. Was können Sie mit Frau von Hilbach zu sprechen haben, «einer Frau, über die Sie vor einer halben Stunde so schön Verhandelt haben? Ne — das machte der Frau von Hilbach- sicher keine Freude, wenn Sie sie besuchten!"
„Aber ich bitte, Frau von Kosczyskowsky — in einer geschäftlichen Angelegenheit muß ich mit ihr reden; man kann mich doch nicht so einfach hinanswerfen!"
„Hinausw-erfen? Davon ist keine Rede. So einer Handlung wäre meine Frau gar nicht fähig; die wirft keinen heraus. Sie können rn aller Gemütsruhe ausziehen, ganz nach Belieben; drei Tage haben Sie Zeit vom ersten bis zum dritten April."
Run traten der Specht die Tränen in die Augen.,
„Ich hab es nicht schlimm gemeint!" jammerte sie. /.Was die Frau Apotheker ist, die hat eine böse Zunge und die will allerlei wissen aus der Vergangenheit von Frau von Hilbach. Ich hab sie aber in Schutz genommen — aus mein Ehreulvort — ich hab gesagt, daß ich ihr nichts Schlechtes zutraue!"
„So? — Ja, wie ist's denn liebe Frau? Künnen Sie sich entschließen?" Sie ivandte sich wieder der Wirts- srau zu.
„Qd) müßte natürlich erst mit meinem Mann überlegen. Aber morgen bis zwölf Uhr haben Sie Bescheid. Kann ick vielleicht noch die Zimmer sehen?"
„Mm!" schrie die Specht wild und rannte aus die Tür tzu. Ihre Augen flammten. „Ehe mir nicht ordnungsmäßig gekündigt ist, lasse ich von niemand die Räume besichtigen."
„Ja, das Recht hat sie!" sagte die Kosh, und die Wirts- srau ging fort und versprach ihr Wiederkommen für den Nächsten Tag.
Wie zwei zum Sprung bereite Tiere standen sich die Specht und die Kosh einen Augenblick gegenüber.
„Ja, das ist nu mal so in der Welt!" sagte die Kosh plötzlich lustig, ging zum Korridorsenster und schloß es.
Der Specht war eine Helle, schöne Welt soeben in Trümmer zerfallen. Ihre Badegäste, ihre lieben, schönen Berliner Badegäste, um die sie das ganze Haus beneidet hatte, waren dahin. Mit ganzer Pension hatten sie bei ihr gewohnt, sechs Mann hoch. Nie hatten sie gemäkelt, nie waren sie knickerig gewesen. Jede Woche war sie ein oder zweimal mitgenommen worden zum Abendkonzert in Len Mutigen Ritter — und nun? Alles, alles siel zusammen.
Im Juli hatte sie kündigen wollen, genau wie die Kosh es eben der Fremden klar gemacht hatte und im Oktober wäre sie gezogen — ja, im Oktober, wenn ihre Badegäste abgereist waren, wenn sie genau wußte, daß die Wohnung nun ein halbes Jahr leer stehen müßte. —
„Ja, ja — meine Gnädige wird lachen!" sagte die Kosh noch schadenfroh und schickte sich zum Gehen an.
„Frau von Kosczyskowsky, liebe Frau von Kosczyskowsky," jammerte die Specht; „wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten? Es ist wegen der .Ente und den
Kartoffeln; auch Aepfel wollte ich von Ihnen kaufen; ich bitte Sie, machen Sie nur Ihren Preis!"
,iBon!" sagte die Kosy und trat ein. Sie zog eins kleine Tasel aus ihrer Rocktasche und begann zu notieren,
„Also eine feine Ente zum Sonntag — drei Mark, einen Zentner Kartoffeln, fünfundzwanzig Pfund Aepfel! Noch etwas?"
Die Specht zitterte immer noch.
„Ja, was haben Sie denn sonst noch KN verkaufens liebe Frau von Kosczyskowsky?"
■ „Eingelegte Käse, alle Sorten Gemüse, marinierte! Heringe, Soleier, Preißelbeeren, selbst eingekocht. Fein, sag ich Ihnen!"
„Ja, dann will ich von allein was nehmen!" sagte sie ohne Ueberlegung. „Schreiben Sie nur aus und nennen Sie mir den Preis!"
Die Kosy lachte und schrieb. „Sechzehn Mark fünf- und siebzig Pfennig fürs erste, Frau Oberlehrer. Da haben Sie aber eine ganze Hucke voll — lauter gute Ware!"
„O gewiß, davon bin ich überzeugt!"
Sie holte ein Zwanzig-Markstück. „Bitte, bittet
Die Kosy gab zurück und stand auf.
„Ach, bleiben Sie einen Augenblick. Sie müssen doch von meinem guten Napfkuchen probieren und hier, ein paar Pralines und etwas Vanilleschokolade — noch von meinem Geburtstag her." Das sagte die Specht alles mit hellen Tränen in'den Augen; ihre Hände flogen, und plötzlich sank sie auf einen Stuhl und weinte laut und jammerte: „Meine Berliner — o, meine Berliner Badegäste .!"-
(Fortsetzung folgt.)
Zu wohltätigem Zweck.
Humoreske von Reinhold Ocimann,: (Fortsetzung.)
III.
Ob der Rauenthaler im „Weißen Rosse" zu Schwarzhof vielleicht doch nicht ganz unverfälscht gewesen tvar, oder ob Hans! Volckmar besser getan hätte, der BersuäMNg der vierten Flalchy mannhaft zu widerstehen — genug, als er um die zehnte Morgenstunde aus schwerem, unruhigem Säflummer emporfuhr, hatte er nur noch eine sehr unbestümnte Vorstellung von der Art, Ivie ev nach Liebeuthal zurückgekommen war, und er würde den fibdcrt Abend mit all den zahlreichen, insgeheim stets aus Fräulein Marys Wohl geleerten Gläsern vielleicht für einen Traum gehalten haben, wenn nicht ein dumpfer Druck in den Schläfen und ein abscheuliches Schädelweh nur zu beredt für die Wirklichkeit des Erlebten gezeugt hätten. Draußen plätscherte der Regen eintönig gegen die Fenster, die bewaldeten Berg kuppen waren im Nebev verschwunden, und die ganze Welt schien in ein trübseliges, graues Bußgewand eingehültt.
Erst als zum zweitenmal an die Tür seines Zimmers gckloW wurde, entschloß sich Hans Volckmar, „Herein!" zu rufen.
Der Kellner steckt« den Kopf durch die Spalte und sagte:! „Der Herr Kapellmeister kommt nun schon zum drittenmal. Ev bittet dringend, wenigstens auf einige Minuten empfangen zK iüCVb'CTl 1
Hans Volckmar setzte sich im Bette auf Und starrte den JünglinA verständnislos an. . .
„Der Kapellmeister? Was stir ein Kapellmeister? Und was! kann der Mann von mir wollen?"
„Es ist Herr Steingräber, der Dirigent der Badekapellch und ich glaube, er kommt in derselben Angelegenheit, in der vorhin! schon der Herr Bürgermeister und der Kurdirektor hier waren/ Die Herren bedauerten sehr, daß Sie noch nicht zu sprechen seien, und haben mick) beauftragt, mit ihren schönsten Empfehlungen dies«! Karten zu übergeben." L ,
Der Rechtsanwalt griff sich an die schmerzende Stirn. „Der! Bürgermeister? Der Kurdirektor? Ja, soviel ich weiß, habe ich doch gar nicht das Vergnügen, diese hochgestellten Persönlichkeiten! zu kennen. Wahrscheinlich befinden Sie sich in einem Irrtum, lieber Freund, und der Besuch war irgend einem anderen Hotelgäste! zngedacht.^, nicht, die Herren fragten ausdrücklich nach
Herrn Volckniar aus M., und sie hinterließen, daß sie sich erlaubet würden, nm zwölf Uhr wiederzukommen."
„Na, meinetwegen, also. Dann werde ich ja erfahren, was sie von mir wünschen," seufzte der Rechtsanlvalt, indem er ratend machte, sein gepeinigtes Haupt wieder m die Kissen zu vergraben., Der Quälgeist an der Tür aber ließ es lischt zu, tnbem er zst wissen begehrte, mit welcher Begründung, er den Kapellmeister/ der nun schon zum drittenmal da sei, fortschicken solle.
„Potzwetter, so lassen Sie ihn hereinkommen, wenn es de ml schon ganz unmöglich ist, einem harmlosen Vergnügungsreisen den seine Ruhe zu gönnen," rief Hans Vplckmar tvWmd, UM siche«


