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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Viel, viel Elend gibt's auf der Welt!" seufzte die blasse Wtrtsfrau und hielt die Hand auf ihre kranke Brust. „Kein Geld haben, ist ja hart — besonders für eine, die's nicht gewohnt ist, aber krank sein, das ist noch vrel schlimmer!"
Die Kosh schenkte ihr noch eine Tasse heißen Kaffee ein.
„Ich könnt ja mal sehen, ob ich nicht doch was für sie tun kayn!" fuhr sie fort und rührte ihren Zucker um. „Der Lasker aus Mehrendorf hinter Großheringen sucht eine Frau, und was Feines wär ihm auch schon recht, aber ob er's ganz ohne Geld tut, das weiß ich nicht. Wie sieht sie denn eigentlich aus?"
„Das ist schwer zu beschreiben," meinte die Kosy. „Js man ein bißchen schmal geworden und immer traurig; aber wenn sie gut gefüttert würde, dann änderte sich das vielleicht. Was aber den Jungen anbetrifjt, das ist ein strammer Bengel; wenn er den als Zugabe kriegte, dann könnte er sich nur freuen. Bon wegen der Frau, wenn er sich dafür interessieren sollte, da machte er besser mal selbst heraus. Er hat ja eine feine Kutsche!"
„Pst!" machte sie plötzlich, „hören Sie mal!"
Sie legte die Hand ans Ohr und lauschte am Fenster. Nn der Hintertür, dem Pförtchen, tuschelten zwei miteinander. Das war die Specht mit der Apothekerin.
So recht geheimnisvoll und zischelnd verhandelten sie, und dazwischen lachten sie auf, und die Kosy hörte die Worte: „Frau von Hilbach" und „das Gemüseweib"!
Sie räusperte sich ein paarmal laut, band dann ihr Kopftuch zurecht, naym einen Korb in die Hand und machte sich im Hausflur, wo sie Körbe mit Aepfeln und Kartoffeln stehen hatte, zu schaffen.
Die Specht und die Apothekerin stoben erschrocken auseinander, verabschiedeten sich eiligst, und die Specht ging nach einer kurzen Bemerkung übers Wettex, die sie an die Kosy richtete, kleinlaut ins Haus, denn das Gemüseweib hatte sie nur hochmütig angesehen und kein Wort erwidert.
„Das ist ein Zustand!" sagte sie zu ihrem Besuch, als sie wieder in ihr Stübchen trat. „Wo nur und nur Weibsleute in einem Hause wohnen, da ist der Teufel los. Aber warte — dich werde ich lehren!"
In ihrem Kops war ein Racheplan entstanden, den sie schnell, ganz schnell in der nächsten Viertelstunde ausführen mußte, und dazu war ihr die Frau aus Lahrenfeld gerade recht gekommen. Sie redete eifrig auf sie ein, ließ einen schüchternen Einwand nicht aufkommen und stand ein paar Minuten später mit der schmalen, gutgekleideten Wirtsfrau
im Flur der ersten Etage, gerade vor der Specht Wohnzimmertür.
Geräuschvoll öffnete sie das Korridorfenster, nötigt« die Frau, einen Blick da heraus zu tun und begann mit lauter Stimme die Annehmlichkeit der Wohnung zu rechter Hand zu preisen.
Rechts und links, an den braunen Türen, die zürn Korridor führten, begann sich etwas zu regen.
Die Kosy gab der Wirtsfrau einen leisen Stoß in die Seite.
„Jetzt sind sie am Schlüsselloch!" sagte sie triumphierend, d^nn fuhr sie fort:
„L"e Zimmer kann ich jetzt leider nicht zeigen, aber wenn Sie entschlossen sind, dann kommen Sie wieder!"
Die Tür zur linken Hand ging auf. Mit einem verbindlichen Lächeln um den Mund, aber totenbleich stand die Specht auf der Schwelle. Sie tat, als sei sie zufällig im Begriff gewesen, ihre Wohnung zu verlassen, tat auch erstaunt, als sie die Kosy sah, musterte die Fremde uno sagte schmeichelnd:
„O, es ist mir sehr angenehm, liebe Frau von Kos- czyskowsky, daß ich Sie treffe. Die Ente von neulich war so vorzüglich, daß ich gleich eine neue Bestellung machen wollte; ja — und wenn Sie die Besorgung von meinem Wintervorrat für Kartoffeln übernehmen wollen!--"
Die Stimme brach ihr ab; sie mußte sich am Treppengeländer festhalten.
Durch ihren Kopf flogen blitzschnell tausend Gedanken. Sie sollte hier heraus, inan wollte ihr kündigen — für Ostern kündigen — und sie hatte doch das feste Versprechen von ihren Badegästen vom Sommer, daß sie die beiden Vorderzimmer zu einem hohen Preis vom Juli ab für acht Wochen wieder übernehmen wollten. Nein — das durste nicht sein — um keinen Preis.
Die Kosy sah herablassend auf die ganz gebeugte Specht; sie antwortete gar nL,t.
Die Wirtsfrau fragte jetzt nach dem Preis der Wohnung.
„Vierhundert Mark, Frau Belzig —" antwortete die Kosy. „Drunter kann meine gnädige Frau sie nicht mehr abgeben. Jetzt werden ja nur dreihundertfünfzig bezahlt, aber die fünfzig Mark mehr bringt die Badevermietung gut wieder ein, da können Sie sich drauf verlassen. Nicht wahr, Frau Oberlehrer, das müssen Sie zugeben, gut vermieten lassen sich diese Zimmer! Da laufen sich die Berliner die Beine ngch ab."
Die echt wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Ihr würgte etwas in der Kehle.
„Vierhundert Mark ist nicht zu viel für die Wohnung!" * sagte jetzt die Wirtsfrau und warf einen Blick in die ofsenstehende Zimmertür.
„Frau von Kosczyskowsky," begann jetzt die Specht mit heiserer Stimme, „man hat mir nicht gekündigt; iÄ weiß von nichts!"


